{"id":7498,"date":"2024-05-15T21:33:16","date_gmt":"2024-05-15T19:33:16","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=7498"},"modified":"2024-05-18T21:48:14","modified_gmt":"2024-05-18T19:48:14","slug":"76-jahre-nakba-wie-der-staat-israel-entstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2024\/05\/15\/76-jahre-nakba-wie-der-staat-israel-entstand\/","title":{"rendered":"76 Jahre Nakba &#8211; Wie der Staat Israel entstand"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><strong>Heute wird in aller Welt der \u203aNakba\u2039 gedacht. Nakba ist arabisch und hei\u00dft auf Deutsch \u203aKatastrophe\u2039. So bezeichnet die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung die Erfahrung der massenhaften Vertreibung aus ihrer Heimat im Zusammenhang mit der Staatsgr\u00fcndung Israels im Jahr 1948. Reuven Neumann beschreibt f\u00fcr RevoLinks die Ereignisse, die dem sogenannten Nahostkonflikt bis heute zugrunde liegen.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-7501 aligncenter\" src=\"https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/2024-05-15-Nakba-1024x892.jpg\" alt=\"\" width=\"615\" height=\"536\" srcset=\"https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/2024-05-15-Nakba-1024x892.jpg 1024w, https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/2024-05-15-Nakba-300x261.jpg 300w, https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/2024-05-15-Nakba-768x669.jpg 768w, https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/2024-05-15-Nakba.jpg 1519w\" sizes=\"auto, (max-width: 615px) 100vw, 615px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit Oktober 2023 attackiert die israelische Armee den Gazastreifen mit Panzern und Luftbombardements. Sie hat dabei nicht nur Zehntausende Menschen ermordet, sondern auch die Ortschaften in dem dichtbesiedelten Gebiet weitgehend zerst\u00f6rt, so dass sie praktisch unbewohnbar sind.<\/p>\n<p>Das weckt in der pal\u00e4stinensischen Zivilbev\u00f6lkerung schmerzhafte Erinnerungen an die Nakba. Denn es droht die weitere massenhafte Vertreibung aus den verbliebenen Teilen Pal\u00e4stinas \u2013 wie bereits mit der Staatsgr\u00fcndung Israels. Damals flohen mehr als 800.000 Menschen vor den zionistischen Milizen, aus der sp\u00e4ter die israelische Armee hervorgegangen ist.<\/p>\n<p><strong>Ideologische Wurzeln der israelischen Staatsgr\u00fcndung<\/strong><\/p>\n<p>Israels Staatsideologie ist der Zionismus. Dabei handelt es sich um eine Str\u00f6mung, die am Ende des 19. Jahrhunderts unter Teilen der j\u00fcdischen Mittelschichten in Europa entstand. Es war eine Reaktion auf den sich damals rasant ausbreitenden Antisemitismus, also den Rassismus gegen Juden.<\/p>\n<p>Die Zionisten gingen davon aus, Juden w\u00fcrden selbst immer wieder Hass gegen sich erzeugen und ein friedliches Zusammenleben in den europ\u00e4ischen Nationalstaaten sei daher nicht dauerhaft m\u00f6glich. Einzig ein eigener, separater j\u00fcdischer Staat k\u00f6nne eine L\u00f6sung bringen.<\/p>\n<p>Der Zionismus bildete damals in der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung eine kleine nationalistische und politisch rechtsstehende Minderheit. Die Masse der politisch bewussten J\u00fcdinnen und Juden organisierte sich in sozialdemokratischen Parteien, die damals noch revolution\u00e4re Programme verfolgten. Viele dieser links orientierten Juden wurden sp\u00e4ter prominent, wie Rosa Luxemburg, Leo Trotzki oder Leon Blum.<\/p>\n<p>Theodor Herzl war Ende des 19. Jahrhundert der bekannteste Theoretiker des Zionismus. Als Journalist beobachtete er die Hetzkampagne gegen Dreyfus, einen j\u00fcdischen franz\u00f6sischen Offizier, der beschuldigt worden ist, ein deutscher Spion zu sein. Herzl schrieb dazu im Juni 1895:<br \/>\n\u00bb<em>In Paris gelang ich [\u2026] zu einer freieren Einstellung zum Antisemitismus; ich begann, ihn historisch zu verstehen und ihm zu verzeihen. Vor allem erkannte ich, wie sinn- und nutzlos der Versuch ist, den Antisemitismus zu \u203abek\u00e4mpfen<\/em>\u2039.\u00ab<\/p>\n<p>Er entwickelte daraufhin die Vorstellung, Auswanderung sei die L\u00f6sung. \u00bbEin Land ohne Volk f\u00fcr eine Volk ohne Land\u00ab war die Losung des Zionismus, die Juden zur \u203aR\u00fcckkehr\u2039 nach Pal\u00e4stina motivieren sollte.<\/p>\n<p>Doch Pal\u00e4stina, damals ein Teil des Osmanischen Reichs, war keineswegs \u00f6de und menschenleer. Damals lebten dort bereits \u00fcber 300.000 meist arabische Einwohner. Ein Fakt, den die zionistische Bewegung schlichtweg ignorierte. Ganz im Sinne des europ\u00e4ischen Kolonialismus schrieb Herzl 1896 in seiner programmatischen Schrift <em>Der Judenstaat<\/em> \u00fcber die Ansiedlung in Pal\u00e4stina:<br \/>\n\u00bb<em>F\u00fcr Europa w\u00fcrden wir dort ein St\u00fcck des Grenzwalls gegen Asien bilden, wir w\u00fcrden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen<\/em>.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Imperialismus<\/strong><\/p>\n<p>Das Ende des Ersten Weltkriegs und die Niederlage des Osmanischen Reichs verbesserten die Bedingungen f\u00fcr eine zunehmende j\u00fcdische Besiedlung in Pal\u00e4stina deutlich. Im sogenannten Sykes-Picot-Abkommen einigten sich Gro\u00dfbritannien und Frankreich 1916 auf die Aufteilung der arabischen Gebiete im Nahen Osten. Pal\u00e4stina fiel unter die Kontrolle des britischen Imperialismus.<\/p>\n<p>Bereits vor dem Ende des Krieges garantierte der britische Au\u00dfenminister Arthur James Balfour 1917 in einer Erkl\u00e4rung die Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Bildung eines j\u00fcdischen Staates in Pal\u00e4stina. Fr\u00fchzeitig zeigte sich so die unmittelbare Verbindung zwischen den imperialistischen Gro\u00dfmachtinteressen des britischen Kapitalismus im Nahen Osten mit dem zionistischen Siedlungsvorhaben.<\/p>\n<p>Britische Besatzungstruppen trainierten und r\u00fcsteten j\u00fcdische Milizen wie die Haganah aus. Die unterst\u00fctzten sp\u00e4ter, quasi als Gegenleistung, die britische Besatzungsmacht bei der Niederschlagung des arabischen Aufstands im Jahr 1936.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich schaffte es die zionistische \u203aJewish Agency\u2039, die Einwanderung im Verlauf der 1920er Jahre zu forcieren und die Basis f\u00fcr rein j\u00fcdische Wirtschaftskreisl\u00e4ufe, aus denen die arabische Bev\u00f6lkerung ausgeschlossen wurde, durch gezielten Landkauf zu erreichen. Unter der Devise \u203aErobere das Land\u2039 bauten die Zionisten so vorstaatliche, rein j\u00fcdische Parallelstrukturen auf. In j\u00fcdischen Betrieben arbeiteten nur Juden, die wiederum von einer rein j\u00fcdischen Gewerkschaft vertreten wurden.<\/p>\n<p>Trotz aller kolonialen Anstrengungen der \u203aJewish Agency\u2039 blieb Pal\u00e4stina jedoch ein zutiefst arabisches Land. In all den Jahren war es lediglich gelungen, 5,6% des Landes k\u00e4uflich zu erwerben. Gegen Ende der britischen Mandatszeit in den 40er Jahren war nur ein Drittel der Gesamtbev\u00f6lkerung im pal\u00e4stinensischen Mandatsgebiet j\u00fcdisch.<\/p>\n<p>Aus der Tatsache, dass m\u00f6glichst der ganze Bereich des britischen Mandatsgebiets Pal\u00e4stina als Territorium f\u00fcr einen j\u00fcdischen Staat vorgesehen war, machten die Zionisten jedoch keinen Hehl. David Ben-Gurion, sp\u00e4ter der erste Premierminister des Staates Israel, \u00e4u\u00dferte sich im Mai 1942 bei einer Konferenz in den USA deutlich:<br \/>\n<em>\u00bbDeshalb haben wir in unsere Forderung nicht von einem j\u00fcdischen Staat in Pal\u00e4stina gesprochen, sondern von Pal\u00e4stina als einen j\u00fcdischen Staat.\u00ab<\/em><\/p>\n<p>Es ging darum, sich in Pal\u00e4stina so viel Land wie m\u00f6glich anzueignen, notfalls auch mit Gewalt, ungeachtet der dort ans\u00e4ssigen pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung. Gehe es nicht anders, habe diese eben zu verschwinden.<\/p>\n<p><strong>Vom Teilungsplan zum Vertreibungsplan<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg war Gro\u00dfbritannien geschw\u00e4cht und Pal\u00e4stina hatte an strategischer Bedeutung eingeb\u00fc\u00dft. Die britische Regierung gab ihr Mandat \u00fcber Pal\u00e4stina auf und \u00fcberwies die Frage an die neu gegr\u00fcndeten Vereinten Nationen (UNO). Im November 1947 beschloss die Vollversammlung der UNO einen Teilungsplan, nach dem auf 56% des Territoriums von Pal\u00e4stina ein j\u00fcdischer Staat entstehen solle. F\u00fcr die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung blieben lediglich 44% \u00fcbrig, obgleich sie bei weitem die Mehrheit darstellte. \u00dcberdies lebten auf dem f\u00fcr Juden vorgesehenen Gebiet 438.000 Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinenser.<\/p>\n<p>Die zionistische F\u00fchrung strebte aber einen m\u00f6glichst gro\u00dfen eigenen Staat an, der \u00fcber ein m\u00f6glichst einheitlich besiedeltes Territorium verf\u00fcgen sollte. Ergebnis war der sogenannte \u203aPlan D\u2039. Dabei handelte es sich um eine Art Master-Plan f\u00fcr die gro\u00dffl\u00e4chige Vertreibung der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Pal\u00e4stinensische Siedlungen und Ortschaften \u2013 vor allem diejenigen, die sich in der N\u00e4he zu j\u00fcdischen Siedlungen befanden und schwer zu kontrollieren waren \u2013 sollten gezielt zerst\u00f6rt werden. Laut einer Anweisung im Plan D sollten arabische D\u00f6rfer umstellt, durchsucht sowie jeglicher Widerstand gebrochen werden. Am Ende stand die Vertreibung der dortigen Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p><strong>Terrormethoden<\/strong><\/p>\n<p>Dazu wurde das Land in verschiedene Zonen aufgeteilt. Die Kommandeure der dort operierenden zionistischen Milizen erhielten Listen \u00fcber die vorhandenen arabischen Siedlungen. Vors\u00e4tzlicher Terror war die Methode, um eine Fluchtbewegung auszul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Das bekannteste Beispiel ist das Dorf Deir Yassin in der N\u00e4he von Jerusalem, das im April 1948 von zionistischen Irgun-Einheiten angegriffen wurde. Im Verlauf der Attacke wurden weit \u00fcber hundert Zivilisten brutal ermordet.<\/p>\n<p>Fahim Zaydan, ein damals 12-j\u00e4hriger Junge, berichtet:<br \/>\n<em>\u00bbSie holten uns nacheinander heraus. Sie erschossen einen alten Mann und als eine seiner T\u00f6chter weinte, erschossen sie auch sie. Dann riefen sie meinen Bruder Muhammad und erschossen ihn vor unseren Augen. Und als sich meine Mutter weinend \u00fcber ihn beugte und dabei meine kleine Schwester Hudra trug, die sie immer noch stillte, erschossen sie auch sie<\/em>.<em>\u00ab<\/em><\/p>\n<p>Es folgte am 22. Mai 1948 das Massaker in Tantura, einem Dorf an der Mittelmeerk\u00fcste in der N\u00e4he von Haifa, bei dem 90 Menschen ermordet wurden. Statt wie \u00fcblich von drei Seiten anzugreifen, um die Bev\u00f6lkerung zur Flucht zu dr\u00e4ngen, wurde das ganze Dorf eingeschlossen. Und das wiederholte sich einige Monate sp\u00e4ter auch in Dawaymeh bei Hebron, in dem einige hundert Menschen ermordet wurden.<\/p>\n<p>Diese Strategie zielte darauf ab, Angst und Schrecken zu verbreiten, damit die \u00fcberlebende pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung in Panik aus ihrer Heimat flieht \u2013 und so die zionistische Kontrolle \u00fcber das gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Territorium durchzusetzen.<\/p>\n<p>So umfasste der Staat Israel bei seiner Gr\u00fcndung schlie\u00dflich 80% des historischen Pal\u00e4stinas, weit mehr als im UN-Teilungsplan vorgesehen. Bilanz: \u00dcber 800.000 Pal\u00e4stinenser haben durch Krieg und Vertreibung ihre Heimat verloren, 531 D\u00f6rfer wurden zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong>Ethnische S\u00e4uberung<\/strong><\/p>\n<p>Die Vertreibung der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung war von Beginn an in der zionistischen Ideologie angelegt. Zu Recht spricht daher der israelische Historiker Ilan Papp\u00e9 von einer ethnischen S\u00e4uberung.<\/p>\n<p>Der Staat Israel entstand auf den Tr\u00fcmmern einer seit Jahrhunderten bestehenden pal\u00e4stinensischen Gesellschaft. Und diese Geschichte scheint kein Ende zu nehmen, denn noch immer breiten sich die israelischen Siedlungen aus und nehmen den Pal\u00e4stinensern weiter ihr Land.<\/p>\n<p>Allein im Westjordanland, der sogenannten Westbank, die Israel erst in Folge des Krieges von 1967 eroberte, leben heute bereits 600.000 j\u00fcdische Siedlerinnen und Siedler in zahllosen Siedlungen. Dort regiert heute nicht die Hamas. Und doch haben im Schatten des aktuellen Gaza-Krieges radikale, rassistische Siedlermilizen und die israelische Armee weitere pal\u00e4stinensische Siedlungen in der Westbank ethnisch ges\u00e4ubert und mehrere hundert Menschen ermordet, ohne dass in Deutschland davon gro\u00df Notiz genommen worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Das verdeutlich, dass der aktuelle Krieg im Gazastreifen nicht als ein isolierter Konflikt zwischen Hamas und israelischer Armee zu verstehen ist. Vielmehr ist er die Fortsetzung der jahrzehntelangen Vertreibungspolitik und damit auch eine logische Konsequenz der zionistischen Ideologie. Das Ziel bleibt letztlich ein israelischer Staat auf dem Gebiet des historischen Pal\u00e4stina, in dem die Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinenser \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 nur als eine an den Rand gedr\u00e4ngte Minderheit leben d\u00fcrfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Heute wird in aller Welt der \u203aNakba\u2039 gedacht. 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