{"id":7719,"date":"2024-07-27T13:36:02","date_gmt":"2024-07-27T11:36:02","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=7719"},"modified":"2024-08-26T10:09:42","modified_gmt":"2024-08-26T08:09:42","slug":"csd-2024-pride-begann-mit-einem-aufstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2024\/07\/27\/csd-2024-pride-begann-mit-einem-aufstand\/","title":{"rendered":"CSD 2024: Pride begann mit einem Aufstand"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Heute findet in Berlin der Christopher-Street-Day (CSD) statt. Auch in diesem Jahr werden mehrere hunderttausend Menschen aus aller Welt erwartet. In vielen anderen L\u00e4ndern l\u00e4uft dieselbe Demonstration unter dem Motto Pride \u2013 es geht um den Stolz auf die eigene sexuelle Identit\u00e4t. Dieser Stolz ist hart erk\u00e4mpft worden. Er begann vor 55 Jahren mit einem lokalen Aufstand in New York, erinnert Karl Naujoks.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Vor f\u00fcnfzig Jahren, in den fr\u00fchen Morgenstunden des 28. Juni 1969, st\u00fcrmte die Polizei das <em>Stonewall Inn<\/em> in New York. Dabei handelte es sich damals um einen bekannten Treff der homosexuellen Szene in der <em>Christopher Street<\/em>. Die darauffolgenden sechs N\u00e4chte waren N\u00e4chte voller Ausschreitungen. Sie markierten die Geburtsstunde einer militanten Bewegung f\u00fcr die Befreiung der Homosexuellen.<\/p>\n<p><strong>Gesch\u00e4fte unter dem Regenbogen<\/strong><\/p>\n<p>Das l\u00e4sst sich kaum erahnen, wenn wir die volksfestartigen Massenveranstaltungen in New York, London, Berlin oder vielen anderen deutschen St\u00e4dten heutzutage betrachten. Mittlerweile sind die Demonstrationen so gro\u00df geworden, dass der CSD f\u00fcr zahlreiche Unternehmen zu einem \u00e4u\u00dferst interessanten Werbetr\u00e4ger geworden ist.<\/p>\n<p>Ob <em>Amazon<\/em>, <em>Vattenfall<\/em> oder die <em>Deutsche Bahn<\/em>: Sie alle schm\u00fccken sich mit den Regenbogenfarben der Bewegung, um sich ein sympathisches Image als divers, weltoffen und tolerant zu geben. Umgekehrt gilt das Gleiche: Die Veranstalter der CSD-Demonstrationen in Deutschland werben offensiv um Sponsoren.<\/p>\n<p><strong>Kurzum: Der CSD steht heute nicht nur f\u00fcr Diversit\u00e4t und sexuelle Selbstbestimmung, sondern auch f\u00fcr Gesch\u00e4ft.<\/strong> Dies ist nicht nur meilenweit entfernt von den Wurzeln der Bewegung, wie sie 1969 entstand. Der Einfluss von Gesch\u00e4ftsinteressen auf den CSD h\u00f6hlt seinen Charakter als eines Festivals der Befreiung aus.<\/p>\n<p><strong>USA in den 60er Jahren<\/strong><\/p>\n<p>Die Aktivistin Sherry Wolf beschreibt die Lage, in der sich Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transpersonen (LGBT) 1969 in den USA befanden, und die Rolle von Szene-Lokalen:<\/p>\n<p>\u201eIn einer Gesellschaft, die von Hass, Angst und Ignoranz gegen\u00fcber Homosexualit\u00e4t gepr\u00e4gt war, gab es zumindest einen \u00f6ffentlichen Treffpunkt, an dem sich Schwule und Lesben in den meisten gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten aufhalten konnten &#8211; die Bars.<\/p>\n<p>Doch wie das gesamte \u00f6ffentliche Leben f\u00fcr LGBT-Personen waren auch die Bars ein Ort, an dem Polizei und Beh\u00f6rden ihre Opfer schikanieren und dem\u00fctigen konnten: Von der polizeilichen Verhaftung an \u00f6ffentlichen Cruising-Spots bis hin zu Razzien in Bars wegen vermeintlich &#8222;ordnungswidrigen&#8220; Verhaltens.<\/p>\n<p>Obwohl es keine expliziten Gesetze gegen die Bewirtung von Schwulen gab, weigerten sich viele Bars, dies zu tun. Dagegen gab es keine rechtliche Handhabe, da das K\u00fcssen oder Tanzen mit einer Person gleichen Geschlechts, ebenso wie das Cross-Dressing als Ordnungswidrigkeit angesehen wurden.<\/p>\n<p><strong>Mafia und Polizei<\/strong><\/p>\n<p>So kam es, dass die Mafia viele der Lokale leitete, die Schwule, Lesben und Transgender in New York City bedienten. An der Kreuzung von <em>Christopher Street<\/em> und <em>Seventh Avenue South<\/em>, war das <em>Stonewall Inn<\/em> ein dunkles Lokal mit zwei Bars, einer Jukebox und einem zusammengew\u00fcrfelten Publikum aus Drag Queens, schwulen Jugendlichen, cruisenden M\u00e4nnern und ein paar Lesben.<\/p>\n<p>Schwarze, Latino- und wei\u00dfe LGBT-Personen mischten sich dort. Es war eines der wenigen Lokale in der Gegend, in dem man tanzen konnte. Wie bei den meisten Lokalen, die sich an Schwule richteten, bestach der Mafia-Besitzer Fat Tony die Polizei, um zu verhindern, dass es wegen Verst\u00f6\u00dfen gegen die gesetzlichen Vorschriften geschlossen wurde.\u201c<\/p>\n<p><strong>Globaler Linksruck<\/strong><\/p>\n<p>Razzien waren in Bars wie dem <em>Stonewall<\/em> an der Tagesordnung. Bis heute kursieren Ger\u00fcchte und Spekulationen \u00fcber die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Reaktion auf die Polizeirazzia in der Nacht des 28. Juni 1969. Die Polizei behauptete, dass schwule Aktienh\u00e4ndler aus der Wall-Street aus Angst vor einem Outing und dem damit verbunden Verlust des Arbeitsplatzes in Panik gerieten.<\/p>\n<p>Ein anderer Zusammenhang ist offensichtlich: Die Tumulte fanden im Kontext des Aufbegehrens von 1968 statt. Damals revoltierten Schwarze in den st\u00e4dtischen Ghettos gegen rassistische Unterdr\u00fcckung. Eine riesige Bewegung protestierte gegen den Krieg, den die US-Armee mit Napalm, Luftbombardements und zahllosen Massakern in Vietnam f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Es war eine Zeit des Aufbruchs, der keinen Bereich des gesellschaftlichen Lebens unber\u00fchrt lie\u00df. Der Stonewall-Aufstand war Teil eines verallgemeinerten Linksrucks \u2013 in den USA und weltweit.<\/p>\n<p><strong>Die Wut eskaliert<\/strong><\/p>\n<p>Sherry schildert die Ereignisse, die unmittelbar zu den Unruhen f\u00fchrten, so: \u201eUnter dem Vorwand, dass das <em>Stonewall Inn<\/em> keine Schanklizenz besa\u00df, wollte eine Handvoll Polizisten unter der Leitung von <em>Deputy Inspector<\/em> Seymour Pine die Bar in dieser Nacht schnell schlie\u00dfen und die G\u00e4ste festnehmen lassen. Aufgrund ihrer homophoben Vorurteile \u00fcber Schwule und Lesben meinten die Polizisten, dass Widerstand bestenfalls unwahrscheinlich, schlimmstenfalls irrelevant war.<\/p>\n<p>Als sie die M\u00e4nner und Frauen drinnen zwangen, sich in einer Reihe aufzustellen und ihre Ausweise vorzuzeigen, taten zun\u00e4chst alle, was ihnen gesagt wurde. Doch als drau\u00dfen immer mehr Menschen zusammenkamen und die Schikanen zunahmen, verwandelte sich die zun\u00e4chst fast heitere Stimmung in Wut.<\/p>\n<p>Drei der auff\u00e4lligsten Drag Queens wurden in vollem Outfit zusammen mit dem Barkeeper und dem T\u00fcrsteher unter Buhrufen in einen Polizeiwagen verladen. Die n\u00e4chste Person, die herauskam, war eine Lesbe. Sie wehrte sich, und die Stimmung kippte.<\/p>\n<p>Aus der Masse wurde geschrien: &#8218;Bullenschweine!&#8216; &#8218;Schwule Bullen!&#8216;, dann flogen erste M\u00fcnzen auf die Beamten.\u201c Auf eine weitere Verhaftung hin wurden Pflastersteine und Flaschen, sp\u00e4ter M\u00fclleimer und sogar eine herausgerissene Parkuhr geworfen.<\/p>\n<p>Nach dieser ersten Konfrontation, die f\u00fcnfundvierzig Minuten dauerte, trafen Einheiten der Aufstandsbek\u00e4mpfung ein. Es folgte ein stundenlanges Katz-und-Maus-Spiel. Insgesamt waren schlie\u00dflich rund zweitausend Personen beteiligt.<\/p>\n<p><strong>Sieg \u00fcber die Polizei<\/strong><\/p>\n<p>Das f\u00fchlte sich wie ein seltener Sieg \u00fcber die Polizei an. Die Tatsache, dass es \u201eSchwuchteln\u201c, \u201eTransen\u201c, \u201eLesben\u201c und Stra\u00dfenkinder waren, die der Polizei einen entscheidenden Schlag versetzten, entging niemandem.<\/p>\n<p>Die Nachricht von der Rebellion in der Nacht verbreitete sich rasend schnell. Am n\u00e4chsten Abend kamen organisierte Linke und weitere Schwule, Lesben, Transvestiten und Transgender auf die Stra\u00dfe, um zu sehen, was passieren w\u00fcrde \u2013 und um einen Blick auf die Tr\u00fcmmer der vorangegangenen Nacht zu werfen. Viele nutzten die Gelegenheit zur Rache an der Polizei, die sie alle jahrelang straflos gedem\u00fctigt und geschlagen hatte.\u201c<\/p>\n<p>Die Polizisten, w\u00fctend dar\u00fcber, dass sie von einem Haufen \u201eSchwuler\u201c gedem\u00fctigt worden sind, versuchten die <em>Christopher Street<\/em> zu kontrollieren \u2013 vergeblich. Der stellvertretende Inspektor Pine, der im Zweiten Weltkrieg gek\u00e4mpft hatte und in der Ardennenoffensive verwundet worden war, sagte \u00fcber die erste Nacht der Ausschreitungen: \u201eIch hatte noch nie so viel Angst wie in dieser Nacht.\u201c<\/p>\n<p><strong>Die <em>Gay Liberation Front<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Stonewall-Unruhen waren wichtig, weil sie den Ansto\u00df zu einer organisierten Bewegung gegen die sexuelle Unterdr\u00fcckung von Schwulen und Lesben gaben. Aus einem Ad-hoc-Komitee f\u00fcr einen Marsch zum Gedenken an die Unruhen entwickelte sich die <em>Gay Liberation Front<\/em> (GLF). Der Name lehnte sich bewusst an die s\u00fcdvietnamesische <em>Nationale Befreiungsfront<\/em> an, die damals gegen die US-Armee k\u00e4mpfte.<\/p>\n<p>Die GLF war von Beginn zwischen jenen gespalten, die die sexuelle Befreiung als einen Akt der identit\u00e4ren Selbstbestimmung verstanden. Und jenen, die einen gr\u00f6\u00dferen Bogen hin zu anderen Unterdr\u00fcckten in der Gesellschaft schlagen wollten. Ihr gr\u00f6\u00dftes Verdienst war es, in dem Prozess immer weitere Teile der Gesellschaft zu mobilisieren. Diese Mobilisierungen gaben den Impuls f\u00fcr den j\u00e4hrlichen Gedenkmarsch CSD, der in Berlin in diesem Jahr zum 46sten Mal durchgef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p><strong>Erfolg der Bewegung<\/strong><\/p>\n<p>Wenn in Berlin, so wie in unz\u00e4hligen in anderen St\u00e4dten weltweit in diesem Jahr Millionen zusammenkommen, dann hat das meist Volksfestcharakter. <strong>Diese Tatsache ist Ausdruck des Erfolges der Bewegung, die weit \u00fcber die LGBT-Szene hinaus ausstrahlt.<\/strong><\/p>\n<p>Zugleich ist es wichtig daran zu erinnern, dass der CSD aus einem Geist des Widerstandes und der Massenmilitanz geboren wurde. Denn rechte politische Kr\u00e4fte wie die AfD erstarken und machen mit Transfeindlichkeit und Homophobie Stimmung. Sie wollen uns damit gegeneinander aufhetzen und spalten.<\/p>\n<p>Deshalb muss der CSD ein Fest des Widerstandes bleiben. Sexuelle Befreiung und Transrechte sind im Kapitalismus niemals garantiert, sondern m\u00fcssen immer neu erk\u00e4mpft werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute findet in Berlin der Christopher-Street-Day (CSD) statt. Auch in diesem Jahr werden mehrere hunderttausend Menschen aus aller Welt erwartet. In vielen anderen L\u00e4ndern l\u00e4uft dieselbe Demonstration unter dem Motto Pride \u2013 es geht um den Stolz auf die eigene sexuelle Identit\u00e4t. Dieser Stolz ist hart erk\u00e4mpft worden. 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