{"id":7749,"date":"2024-04-07T13:01:58","date_gmt":"2024-04-07T11:01:58","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=7749"},"modified":"2024-11-12T10:58:35","modified_gmt":"2024-11-12T09:58:35","slug":"sozialisten-und-nationale-befreiungsbewegungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2024\/04\/07\/sozialisten-und-nationale-befreiungsbewegungen\/","title":{"rendered":"Sozialisten und nationale Befreiungsbewegungen"},"content":{"rendered":"<p>Wie soll man mit Bewegungen umgehen, die f\u00fcr nationale Selbstbestimmung k\u00e4mpfen? Eine m\u00f6gliche Vorgehensweise w\u00e4re, sie als unn\u00f6tigen Schnickschnack abzutun, der den Lohnabh\u00e4ngigen in den unterdr\u00fcckten Nationen nur die Einsicht in die Notwendigkeit verstellt, \u00fcber kurz oder lang die eigene herrschende Klasse st\u00fcrzen zu m\u00fcssen. Eine andere M\u00f6glichkeit w\u00e4re, sie zu unterst\u00fctzen, weil sie den Imperialismus weltweit schw\u00e4chen.<\/p>\n<p>Das richtige Handeln liegt \u2013 wie so oft \u2013 zwischen diesen beiden Extrempositionen. Nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir den Imperialismus auf globaler Ebene schw\u00e4chen, denn er hetzt ganze V\u00f6lker gegeneinander auf, f\u00fchrt zu massenhafter Verelendung, Hungerkatastrophen und Kriegen. Aber genauso selbstverst\u00e4ndlich muss die Arbeiterklasse der unterdr\u00fcckten L\u00e4nder sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter dem Sturz der eigenen Herrschenden widmen, von denen sie ebenfalls ausgebeutet und unterdr\u00fcckt wird.<\/p>\n<p>Nationalstaaten funktionieren im Interesse der Kapitalisten \u2013 sie garantieren ihnen einen Binnenmarkt und einen schlagkr\u00e4ftigen Staatsapparat, der ihre Interessen nach innen mit Polizei und Justiz gegen die ausgebeuteten Lohnabh\u00e4ngigen und nach au\u00dfen diplomatisch wie milit\u00e4risch gegen rivalisierende Kapitalisten und andere Nationalstaaten durchsetzen kann.<\/p>\n<p>Trotzdem unterst\u00fctzten Marx und Engels die nationale Unabh\u00e4ngigkeit Polens von Russland und die Irlands von Gro\u00dfbritannien. Allerdings beurteilten sie nationale Befreiungsbewegungen nach ihrer Rolle im damaligen Weltgef\u00fcge \u2013 ob sie reaktion\u00e4re Reiche wie das zaristische Russland schw\u00e4ch- ten, ob ihr Kampf die Erringung demokratischer Rechte f\u00f6rderte und ob sie eine industrielle Entwicklung beg\u00fcnstigten, die allen Menschen die Befriedigung ihrer Bed\u00fcrfnisse erm\u00f6glichen konnte.<\/p>\n<p>Sozialistinnen und Sozialisten wollen eine international solidarische Gesellschaft aufbauen, aber sie treten f\u00fcr eine freiwillige Einheit ein und erzwingen sie nicht. Und freiwillige Einheit beinhaltet das Recht auf Losl\u00f6sung. Nationale Unterdr\u00fcckung schafft eine Spaltung zwischen der Arbeiterklasse der Unterdr\u00fcckernation und der Arbeiterklasse der unterdr\u00fcckten Nation. Diese Spaltung kann nur \u00fcberwunden werden, wenn die Arbeiterklasse der Unterdr\u00fcckernation f\u00fcr die Selbstbestimmung der unterdr\u00fcckten Nation k\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Gleichzeitig schn\u00fcrt die nationale Unterdr\u00fcckung ein ideologisches Band, das die herrschende Klasse und die Arbeiterklasse sowohl im Unterdr\u00fcckerland als auch im unterdr\u00fcckten Land miteinander verbindet. Aus diesen Fesseln l\u00e4sst sich nur entkommen, wenn sich die Arbeiterklasse gegen jede nationale Unterdr\u00fcckung wendet, insbesondere wenn sie von \u203aihrem\u2039 Staat ausge\u00fcbt wird. Der Widerstand gegen nationale Unterdr\u00fcckung ist daher ein wesentlicher Bestandteil allen echten Internationalismus.<\/p>\n<p>Mit dem Aufstieg des Imperialismus wurde diese Frage zum zentralen Thema der sozialistischen Taktik. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte eine Handvoll fortgeschrittener kapitalistischer L\u00e4nder den gr\u00f6\u00dften Teil Afrikas, Asiens und Lateinamerikas zu ihren Kolonien oder Halbkolonien gemacht. Zu dieser Zeit unterst\u00fctzte ein Gro\u00dfteil der europ\u00e4ischen sozialistischen Bewegung diese Entwicklung entweder offen oder nahm sie bestenfalls passiv hin. Es war Lenin, der erkannte, dass der Imperialismus unweigerlich zu nationalen Befreiungsk\u00e4mpfen f\u00fchren w\u00fcrde, und der argumentierte, dass die Arbeiterklasse der fortgeschrittenen L\u00e4nder ein B\u00fcndnis mit den nationalen Befreiungsbewegungen gegen die imperialistischen herrschenden Klassen eingehen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Heute hat sich das Wesen des Imperialismus etwas ver\u00e4ndert, und in den meisten F\u00e4llen wurde den Kolonien die formale Unabh\u00e4ngigkeit gew\u00e4hrt, w\u00e4hrend der Druck des Weltmarktes daf\u00fcr sorgt, dass ihre wirtschaftliche Ausbeutung fortbesteht. Die nationalen Befreiungsk\u00e4mpfe geh\u00f6ren jedoch keineswegs der Vergangenheit an. In Nordirland und Kurdistan, in S\u00fcdamerika und Pal\u00e4stina geht der Kampf gegen die nationale Unterdr\u00fcckung weiter, unabh\u00e4ngig davon, ob diese Unterdr\u00fcckung durch die Vereinigten Staaten, Gro\u00dfbritannien, China oder Israel ausge\u00fcbt wird. In all diesen F\u00e4llen unterst\u00fctzen Marxisten die Freiheitsk\u00e4mpfer ohne Vorbehalte.<\/p>\n<p>Aber auch wenn wir keine Bedingungen f\u00fcr unsere Solidarit\u00e4t stellen, ist sie nicht unkritisch. Auch bedeutet die Unterst\u00fctzung nationaler Befreiungsbewegungen nicht, dass man ihre Bedeutung \u00fcbersch\u00e4tzt. Die Erlangung der nationalen Unabh\u00e4ngigkeit ist eigentlich eine b\u00fcrgerlich-demokratische und keine sozialistische Aufgabe, und eine nationale Befreiung kann auch nicht zur sozialistischen Revolution werden, wenn sie nicht von der Arbeiterklasse angef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Das ist besonders wichtig, weil es seit 1945 eine Reihe von nationalen Befreiungsk\u00e4mpfen gegeben hat, die von b\u00fcrgerlichen oder kleinb\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften angef\u00fchrt worden sind, die sich selbst als \u203akommunistisch\u2039 bezeichnet haben. China, Kuba, Vietnam, Angola, Mosambik, Simbabwe sind nur einige der wichtigsten Beispiele.<\/p>\n<p>In keinem dieser F\u00e4lle ist die Arbeiterklasse tats\u00e4chlich an die Macht gekommen, dennoch haben viele Linke versucht, diese antiimperialistischen Bewegungen an die Stelle des Kampfes der Arbeiterklasse sowohl in den fortgeschrittenen L\u00e4ndern als auch in der Dritten Welt selbst zu setzen. Ihre Haltung hat wiederholt zu Entt\u00e4uschungen gef\u00fchrt, da keine dieser Regime die Hoffnungen erf\u00fcllt hat, die in sie gesetzt worden sind.<\/p>\n<p>Marxisten lehnen zwar alle Formen nationaler Unterdr\u00fcckung ab und unterst\u00fctzen den Kampf f\u00fcr nationale Befreiung, aber sie tun das als Internationalisten und nicht als Nationalisten. Wir verschmelzen nicht mit dem b\u00fcrgerlichen Nationalismus oder lassen unsere Kritik an seinen Beschr\u00e4nkungen fallen. Stattdessen bem\u00fchen wir uns, die Arbeiterklasse sowohl als F\u00fchrer der nationalen Revolution als auch als Teil der internationalen Revolution zu aktivieren \u2013 der einzigen Kraft, die wirklich eine Befreiung von Kapitalismus und Imperialismus bringen und die Menschheit vereinen kann.<\/p>\n<h3>Bedingungslose, aber kritische Unterst\u00fctzung<\/h3>\n<p>Welche Haltung sollten Marxisten zur Hamas einnehmen, der gr\u00f6\u00dften pal\u00e4stinensischen Widerstandsorganisation gegen den israelischen Apartheidsstaat? Die Antwort ist klar: Wir verteidigen das Recht der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung Widerstand zu leisten gegen das rassistische und kolonialistische israelische Regime. Wir verteidigen ihr Recht, zu den Waffen zu greifen, um sich gegen den Unterdr\u00fcckerstaat zu wehren und fordern die Freilassung der politischen Gefangenen aus israelischer Haft. Gleichzeitig kritisieren wir die politische Linie und Praxis der politischen Parteien wie der Hamas oder der Fatah. Die Orientierung dieser Parteien an ein klassen\u00fcbergreifendes B\u00fcndnis aller Pal\u00e4stinenser f\u00fchrt zur Hoffnung, die Herrschenden der umliegenden arabischen Staaten w\u00e4ren Verb\u00fcndete.\u00a0 \u00dcber diese Orientierung bindet sich der Widerstand an Kr\u00e4fte, f\u00fcr die verarmten Pal\u00e4stinenser bestenfalls Verhandlungsmasse auf der internationalen diplomatischen B\u00fchne sind.<\/p>\n<p>Viele Menschen scheinen zu denken, Kritik und Unterst\u00fctzung schl\u00f6ssen sich gegenseitig aus. Dem ist nicht so.\u00a0Im Klassenkampf gibt es keine Neutralit\u00e4t. Marxisten sind sowohl Teil der Arbeiterklasse als auch Teil der Unterdr\u00fcckten sowie Teil der Linken. Ihre Siege sind unsere Siege und ihre Niederlagen unsere Niederlagen, unabh\u00e4ngig davon, wer sie anf\u00fchrt oder welche Taktiken sie verfolgen.<\/p>\n<p>Die Haltung, nationale Befreiungsbewegungen kritiklos zu unterst\u00fctzen, ist ebenso falsch. Opferbereitschaft und Heldenmut geb\u00fchrt sicherlich Anerkennung, aber sie sind keine Gew\u00e4hr f\u00fcr eine erfolgversprechende Taktik oder eine politische Linie, die die Interessen der Arbeiterklasse verk\u00f6rpert. Die Irisch-Republikanische Armee (IRA) hat beherzt gek\u00e4mpft, aber ihre Strategie konnte die britischen Besatzer nicht besiegen. 1978 haben die iranischen Massen dem brutalen Unterdr\u00fcckungsapparat des Schah getrotzt, nur um 1979 die \u203aIslamische Republik\u2039, eine theokratische Diktatur, zu installieren. Wer die Kritik aufgibt, gibt die marxistischen \u00dcberzeugungen auf und damit auch die Verteidigung der Interessen der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Kombinieren Marxisten Unterst\u00fctzung und Kritik nicht miteinander, verurteilen sie sich selbst zu starrem Sektierertum oder stumpfem Opportunismus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie soll man mit Bewegungen umgehen, die f\u00fcr nationale Selbstbestimmung k\u00e4mpfen? Eine m\u00f6gliche Vorgehensweise w\u00e4re, sie als unn\u00f6tigen Schnickschnack abzutun, der den Lohnabh\u00e4ngigen in den unterdr\u00fcckten Nationen nur die Einsicht in die Notwendigkeit verstellt, \u00fcber kurz oder lang die eigene herrschende Klasse st\u00fcrzen zu m\u00fcssen. 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