{"id":7789,"date":"2024-08-16T16:07:41","date_gmt":"2024-08-16T14:07:41","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=7789"},"modified":"2024-08-22T20:08:50","modified_gmt":"2024-08-22T18:08:50","slug":"libanon-israels-kriegsdrohungen-gegen-die-hisbollah","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2024\/08\/16\/libanon-israels-kriegsdrohungen-gegen-die-hisbollah\/","title":{"rendered":"Libanon: Israels Kriegsdrohungen gegen die Hisbollah"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Der V\u00f6lkermord an der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung in Gaza dauert seit fast einem Jahr an. Nun droht nach der Ermordung des pal\u00e4stinensischen Verhandlungsf\u00fchrers Haniyeh durch Israel auf iranischen Boden ein regionaler Fl\u00e4chenbrand. Insbesondere die Grenzgefechte im S\u00fcdlibanon drohen sich zu einem umfassenden Krieg zwischen Israel und der Hisbollah auszuweiten. Dies wirft die Frage nach dem historischen Hintergrund und den Charakter der Hisbollah auf.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Wir ver\u00f6ffentlichen dazu einen Auszug der Analyse des libanesischen Sozialisten Simon Assaf, die im April 2024 im \u201aInternational Socialism Journal\u201c erschien. Den vollst\u00e4ndigen Artikel kannst Du am Textende als PDF herunterladen.<\/em><\/strong><\/p>\n<h4><strong>Von Simon Assaf<\/strong><\/h4>\n<p>Der Libanon steht im Fadenkreuz des Imperialismus. Zusammen mit dem Jemen ist er eines der beiden L\u00e4nder, die derzeit milit\u00e4rische Aktionen zur Unterst\u00fctzung der Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinenser durchf\u00fchren. Die besorgniserregende Aussicht, dass der Krieg im Gazastreifen auch auf die Nordgrenze Israels \u00fcbergreifen k\u00f6nnte, beunruhigt jedoch die f\u00fchrenden Politiker im Westen.<\/p>\n<p>Israel ist im Laufe seiner Geschichte dreimal in den Libanon einmarschiert: 1978, 1982 und 2006. Bei der letzten Konfrontation f\u00fcgte die Hisbollah (die &#8222;Partei Gottes&#8220;) Israel in einem 33-t\u00e4gigen Krieg eine dem\u00fctigende Niederlage zu. Trotz der Grausamkeit der Kriege und der unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hohen Zahl von Opfern unter der Zivilbev\u00f6lkerung konnte Israel sein Hauptziel, die Zerschlagung des Widerstands, nicht erreichen.<\/p>\n<p>Allerdings hat sich seit 2006 einiges ver\u00e4ndert. Die Hisbollah ist inzwischen f\u00fcr das Funktionieren des libanesischen Staates unverzichtbar geworden und hat beschlossen, neoliberalen Reformen Vorrang vor den Bed\u00fcrfnissen der einfachen Menschen einzur\u00e4umen. Zudem hat sie das Regime von Bashar al-Assad bei der Niederschlagung der syrischen Revolution unterst\u00fctzt und dazu beigetragen, das schwankende politische System des Libanon inmitten der sogenannten Oktoberrevolution 2019 wieder zu stabilisieren. Auch hat sich der Klassencharakter der Partei grundlegend ver\u00e4ndert. Sie hat sich von ihrer traditionellen Basis unter den verarmten schiitischen Muslimen entfernt und wird nun weitgehend von einer neuen Mittelschicht dominiert.<\/p>\n<p>Die Vereinigten Staaten und Frankreich sowie pro-westliche arabische Regime haben die Zerst\u00f6rung der Hisbollah zu einer strategischen Priorit\u00e4t gemacht. Der Imperialismus sieht in einem starken libanesischen Staat ein Gegengewicht zu dieser Partei. Doch die libanesischen Sicherheitskr\u00e4fte sind der St\u00e4rke der Hisbollah nicht gewachsen, und es bestehen Zweifel am Zusammenhalt der Armee, vor allem wenn sie den Befehl erhalten sollte, schiitisch dominierte Gebiete anzugreifen. F\u00fcr die westlichen M\u00e4chte steht viel auf dem Spiel, doch die Kriegsdynamik hat ihre eigene Logik, angetrieben von einer israelischen Regierung, die zunehmend bereit ist, alles zu riskieren, um sowohl die pal\u00e4stinensische als auch die libanesische Frage auf einen Schlag zu regeln.<\/p>\n<p><strong>Eine Milit\u00e4rmacht<\/strong><\/p>\n<p>Die derzeitige milit\u00e4rische St\u00e4rke der Hisbollah wird unterschiedlich eingesch\u00e4tzt. Wenn man ihre Verb\u00fcndeten mit einbezieht, kann sie Zehntausende von gut ausgebildeten und motivierten K\u00e4mpfern einsetzen. Au\u00dferdem verf\u00fcgt sie \u00fcber ein Arsenal von mehr als 100.000 Raketen, darunter Lenkwaffen, die wichtige strategische Ziele tief im israelischen Hoheitsgebiet erreichen k\u00f6nnen, wie z.B. petrochemische Anlagen. Zu ihrem Waffenarsenal geh\u00f6ren auch Anti-Schiffs-Raketen mit einer Reichweite von 200 Meilen und moderne Panzerabwehrwaffen. Die Gruppe soll Flugabwehrsysteme erworben haben, die die israelische Luft\u00fcberlegenheit \u00fcber dem S\u00fcdlibanon bedrohen. Diese Kampff\u00e4higkeit ist in einem tiefen und ausgedehnten Netz unterirdischer Sch\u00e4chte und Bunker verwurzelt, welches die Israelis als &#8222;Land der Tunnel&#8220; bezeichnen.<sup>1<\/sup><\/p>\n<p>Die anhaltenden Scharm\u00fctzel niedriger Intensit\u00e4t haben Israel verunsichert. Durch die Ermordung von Hamas- und Hisbollah-Kommandeuren und den Einsatz von Phosphorgranaten in der Wildnis, auf Bauernh\u00f6fen, in Obstplantagen und Olivenhainen hat Israel bereits \u00fcber 100.000 Libanesinnen und Libanesen vertrieben. Als Vergeltung hat die Hisbollah Raketen auf Milit\u00e4rbasen und Grenzanlagen abgefeuert, was zur Vertreibung von etwa 80.000 Israelis aus ihren H\u00e4usern f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Itamar Ben-Gvir, Israels Minister f\u00fcr nationale Sicherheit und ein f\u00fchrender Vertreter des ultrarechten Fl\u00fcgels des Landes, m\u00f6chte, dass Netanjahus Kriegskabinett die Einsatzregeln neu fasst. Er behauptet, dass \u201ees an der Zeit ist, die derzeitige Annahme im Norden mit dem Libanon aufzugeben\u201c, und bezieht sich dabei auf informelle Vereinbarungen, die bisher das Ausma\u00df milit\u00e4rischer Aktionen entlang der Grenze begrenzt haben.<sup>2<\/sup> Die Logik des Krieges k\u00f6nnte seinen Wunsch erf\u00fcllen. Die j\u00fcngsten Ereignisse deuten auf eine Ausweitung der Feindseligkeiten \u00fcber die vereinbarten geografischen Grenzen von 20 Kilometern beiderseits der Grenze hinaus hin. Auf jeden israelischen Angriff antwortet die Hisbollah mit der Drohung der Eskalation. Das Gespenst eines ausgewachsenen Krieges geht um, zumal die USA deutlich gemacht haben, dass eine m\u00f6gliche Waffenruhe im Gazastreifen nicht auf den Libanon ausgedehnt w\u00fcrde.<sup>3<\/sup> Dennoch ist ein Sieg Israels auf diesen Schlachtfeldern alles andere als sicher.<sup>4<\/sup><\/p>\n<p>Der wachsende Druck innerhalb des Netanjahu-Kabinetts f\u00fcr eine Milit\u00e4roffensive verdeckt die Tatsache, dass eine Strategie wie in Gaza, die Menschen mit Bombardements zu \u00fcberziehen, im Libanon nicht durchf\u00fchrbar ist. Anders als im Gazastreifen gibt es keine physischen Barrieren, in denen die Menschen eingesperrt sind. Auch gibt es kein willf\u00e4hriges, vom Westen unterst\u00fctztes Regime, das eine Belagerung durchsetzen k\u00f6nnte. Stattdessen m\u00fcsste Israel eine Massenvernichtung im ganzen Land entfesseln, auch in Gebieten au\u00dferhalb der traditionellen Hisbollah-Hochburgen in S\u00fcdbeirut, im Bekaa-Tal und im S\u00fcdlibanon. Dies w\u00fcrde die Anwendung von Israels sogenannter Dahieh-Doktrin bedeuten, d.h. den kalkulierten Einsatz von unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfiger und massiver Gewalt gegen Zivilisten, um seine Kriegsziele zu erreichen.<sup>5<\/sup><\/p>\n<p>Der Libanon ist ein Flickenteppich von Regionen, und Israel wird z\u00f6gern, einige davon in einen Krieg zu verwickeln. Ostbeirut und seine Umgebung sind \u00fcberwiegend christlich gepr\u00e4gt, w\u00e4hrend die Vororte Beiruts aus ethnisch vielf\u00e4ltigen Arbeitervierteln bestehen. Das historische Handelszentrum der Hauptstadt wird von saudischen Investitionen dominiert. Die Zukunftsbewegung von Saad Hariri, einer pro-westlichen Partei, die der Hisbollah feindlich gesinnt ist, hat in vielen sunnitisch-muslimischen Vierteln im Westen Beiruts die Oberhand.<sup>6<\/sup> Eine \u00e4hnliche demografische Mischung findet sich in den meisten gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus beherbergt der Libanon rund eine halbe Million Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinenser, die sich auf 12 Fl\u00fcchtlingslager verteilen \u2013 vor allem in den s\u00fcdlichen St\u00e4dten Saida und Tyrus, in den Beiruter Stadtteilen Sabra und Shatila sowie im Norden und im Bekaa-Tal.<sup>7<\/sup> Diese Lager stehen unter der Kontrolle verschiedener pal\u00e4stinensischer Gruppen, darunter die Hamas und die Fatah, aber auch linke Organisationen wie die Volksfront f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas und die Demokratische Front f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas.<sup>8<\/sup> Viele dieser Lager sind auf Dienstleistungen angewiesen, die vom Hilfswerk der Vereinten Nationen f\u00fcr Pal\u00e4stinafl\u00fcchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) finanziert werden, das nun von Haushaltsk\u00fcrzungen bedroht ist, was die allgemeine Wirtschaftskrise im Lande versch\u00e4rft.<sup>9<\/sup><\/p>\n<p>Angesichts der Schwierigkeiten, einen Krieg gegen den Libanon zu f\u00fchren, gibt es keine Garantie daf\u00fcr, dass eine weitere israelische Milit\u00e4rkampagne ihre Ziele erreichen k\u00f6nnte. Der Washington Post zufolge waren die USA entschlossen, Netanjahu zu z\u00fcgeln, da sie besorgt waren, was ein Krieg im Libanon m\u00f6glicherweise entfesseln k\u00f6nnte:<\/p>\n<p>\u201e<em>Biden telefonierte bis zu dreimal am Tag&#8230; und versuchte, Israel davon abzubringen, die Hisbollah anzugreifen &#8211; ein Schritt, der dazu gef\u00fchrt h\u00e4tte, dass &#8222;die H\u00f6lle losgebrochen&#8220; w\u00e4re&#8230; Die gro\u00dfe Angst der Israelis vor der Bedrohung beeinflusste Bidens Entscheidung, weniger als zwei Wochen nach dem Hamas-Angriff nach Tel Aviv zu fliegen, so ein hoher Beamter.<\/em>\u201c<sup>10<\/sup><\/p>\n<p>Die Gefahr einer Ausweitung des Krieges liegt in der schwindenden Macht der USA in der Region begr\u00fcndet, insbesondere nach dem Debakel im Irak.<sup>11<\/sup> Da regionale M\u00e4chte wie der Iran, die T\u00fcrkei und die K\u00f6nigreiche am Golf um die Vorherrschaft im Libanon wetteifern, ist Frankreich zunehmend besorgt, die Loyalit\u00e4t der christlichen Bev\u00f6lkerung des Landes zu verlieren, da die Aussicht auf einen eskalierenden Konflikt seinen bestehenden Einfluss zu untergraben droht. Die Warnung der Hisbollah, dass jeder israelische Angriff auf Beirut Raketenangriffe auf Tel Aviv ausl\u00f6sen w\u00fcrde, tr\u00e4gt nur dazu bei, die Spannungen weiter zu erh\u00f6hen.<sup>12<\/sup><\/p>\n<p>\u2026<\/p>\n<p><strong>Der Juli-Krieg 2006<\/strong><\/p>\n<p>Im Juli 2006 setzte Israel seine Dahieh-Doktrin der Massenvernichtung ein. Doch obwohl es den Libanon 33 Tage lang unerbittlich bombardierte, konnte Israel seine Ziele erneut nicht erreichen. Der Juli-Krieg war ein Versuch, die Infrastruktur der Hisbollah im S\u00fcden des Landes zu zerst\u00f6ren, doch er wurde zu einer der bedeutendsten Niederlagen Israels seit seiner Gr\u00fcndung im Jahr 1948. Die Hisbollah \u00fcberlebte den israelischen Angriff nicht nur, sondern ging sogar mit gest\u00e4rktem politischen Einfluss aus ihm hervor. Die Niederlage bedeutete einen schweren strategischen und psychologischen Schlag f\u00fcr Israel und vereitelte die Ambitionen des US-Pr\u00e4sidenten George W. Bush und des britischen Premierministers Tony Blair, den iranischen Einfluss im Libanon zu neutralisieren und ihre ins Stocken geratene Besetzung des Irak zu stabilisieren.<\/p>\n<p>Israel bombardierte die Vororte von Beirut, St\u00e4dte und D\u00f6rfer im S\u00fcden, das Bekaa-Tal und wichtige Infrastrukturen im ganzen Land. Die israelische Offensive stachelte jedoch nicht den Widerstand gegen die Hisbollah an, sondern l\u00f6ste eine Solidarit\u00e4tsbewegung zur Unterst\u00fctzung des Widerstands aus. Die schiitischen Viertel leerten sich, und viele Bewohner fanden Zuflucht in christlichen Gebieten sowie jenseits der syrischen Grenze. Die Gr\u00fcndung von Samidoun, einer von einer kleinen Gruppe revolution\u00e4rer Sozialisten geleiteten Hilfsorganisation, festigte den R\u00fcckhalt der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr den Widerstand.<sup>17<\/sup> Chris Harman skizzierte das Ausma\u00df des israelischen R\u00fcckschlags im Jahr 2006:<\/p>\n<p>\u201e<em>Was als ein von langer Hand geplanter israelischer Angriff mit dem Ziel der Vernichtung der Hisbollah begann, endete mit einer Dem\u00fctigung Israels. Dieses Ergebnis war nicht nur ein Schock f\u00fcr das israelische Milit\u00e4r. Es war auch ein vernichtender Schlag f\u00fcr Bush und seinen Juniorpartner Blair bei ihrem Versuch, die globale Hegemonie der USA nach dem Debakel ihres Irak-Abenteuers zu retten. Die US-Regierung hat dem israelischen Milit\u00e4r zumindest eine Freigabe erteilt und war m\u00f6glicherweise an der Planung des Angriffs vom 12. Juli beteiligt &#8230; Das Ziel war einfach. Die Israelis sollten dem iranischen Einfluss im Libanon &#8211; und hoffentlich auch dem iranischen Einfluss auf die Schiiten im Irak &#8211; als Teil der Offensive gegen den Iran selbst einen vernichtenden Schlag versetzen &#8230; Was als gro\u00dfer milit\u00e4rischer und politischer Fortschritt f\u00fcr Israel und die USA gedacht war, verkehrte sich in sein Gegenteil.<\/em>\u201c<sup>18<\/sup><\/p>\n<p><strong>Widerstand und Kompromisse<\/strong><\/p>\n<p>Der Sieg der Hisbollah im Krieg 2006 zog die arabische Welt in ihren Bann und zeigte, dass kompromisslose Opposition gegen Israel nicht mehr unbedingt ein Rezept f\u00fcr eine Niederlage ist. Dennoch sollte die Partei diesen Sieg letztlich verspielen, indem sie in das sektiererische System des Libanon hineingezogen wurde und inmitten der arabischen Revolutionen von 2011 ihre Bedeutung verlor. Dieser Weg von einer popul\u00e4ren Widerstandsbewegung zu einer tragenden S\u00e4ule des Staates ist ein Weg, den nationale Befreiungsbewegungen h\u00e4ufig beschreiten.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den traditionellen politischen Parteien ist die Hisbollah nicht entstanden, um die konfessionellen Eliten des Libanon zu vertreten, sondern aus den am st\u00e4rksten benachteiligten Teilen der libanesischen Gesellschaft. Die schiitischen Muslime waren in einem System, das seine Wurzeln im Kolonialismus hat und die politische Macht nach religi\u00f6sen Gesichtspunkten verteilt, historisch unterrepr\u00e4sentiert. Schiitische Muslime, die ein Drittel der Bev\u00f6lkerung ausmachen, bekamen die Regierungsposten mit geringstem Einfluss. Diese systembedingte Marginalisierung bot in den Jahren vor dem B\u00fcrgerkrieg einen fruchtbaren Boden f\u00fcr linke und andere radikale Gruppen. In den 1980er Jahren hatte die Hisbollah die vielen in den schiitischen Gebieten vorherrschenden linken Parteien in den Schatten gestellt und gab trotz ihrer Verwurzelung im Islamismus den Bestrebungen nach wirtschaftlicher und sozialer Gleichheit eine Stimme. Ihr Anf\u00fchrer Hassan Nasrallah wurde in Bourg Hammoud geboren, einem verarmten Viertel in der N\u00e4he des Hafens von Beirut, das von armenischen \u00dcberlebenden des osmanischen V\u00f6lkermords gegr\u00fcndet wurde. Er wurde als talentierter Kommandant im Widerstand gegen die Besatzung bekannt.<\/p>\n<p>Die Hisbollah entwickelte sich zu mehr als nur einer milit\u00e4rischen Organisation und dehnte ihren Einfluss auf die Sozialhilfe aus, indem sie Kliniken, Krankenh\u00e4user, Schulen und kommunale Dienste einrichtete, die h\u00e4ufig den libanesischen Staat ersetzten. Durch den Betrieb eines voll ausgestatteten Fernsehsenders, al-Manar (Der Leuchtturm), und die Vertretung in Berufsverb\u00e4nden und Gewerkschaften festigte die Hisbollah ihren Einfluss in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft. Ihr Engagement f\u00fcr die Verteidigung des S\u00fcdens f\u00fchrte jedoch zu einem ihrer gr\u00f6\u00dften Widerspr\u00fcche.<\/p>\n<p>Nach dem Krieg von 2006 begr\u00fc\u00dfte die Partei das Diktat der sogenannten Pariser Abkommen, die internationale Mittel f\u00fcr den Wiederaufbau freisetzten, allerdings um den Preis der Umsetzung einer umfassenden neoliberalen Politik, die f\u00fcr die libanesische arbeitende Klasse verheerend war.<sup>19<\/sup> Um die Auswirkungen dieser Reformen abzumildern, hielt die Hisbollah ein System der sozialen Wohlfahrt aufrecht, das durch \u00dcberweisungen und Gelder aus dem Iran und Katar unterst\u00fctzt wurde. Dieser Geldzufluss f\u00f6rderte jedoch die B\u00fcrokratisierung der Partei und beg\u00fcnstigte das Entstehen einer neuen Klasse von Unternehmern, die in S\u00fcdbeirut mit Immobilien spekulieren. Infolgedessen richteten sich die sozialen Netze der Hisbollah zunehmend an eine aufstrebende Mittelschicht, und ihre Krankenh\u00e4user und Schulen geh\u00f6rten zu den teuersten des Landes. Zu Beginn der arabischen Revolutionen im Jahr 2011 \u00e4hnelte die Hisbollah zunehmend anderen politischen Parteien der Mittelschicht.<\/p>\n<p>Wie fr\u00fchere Widerstandsbewegungen ist die Hisbollah von externer Unterst\u00fctzung abh\u00e4ngig geworden, eine Dynamik, die ihre Autonomie gef\u00e4hrdet. Da die Organisation bei der Beschaffung von Waffen auf den Iran und Syrien angewiesen ist, geriet sie in Konflikt mit dem Geist der Revolutionswelle von 2011. Als Reaktion auf den Aufstand in Syrien nutzte Nasrallah den Status des Widerstands, um die Unterst\u00fctzung f\u00fcr das Assad-Regime zu st\u00e4rken. Er prangerte den syrischen Aufstand als \u201eausl\u00e4ndisches Komplott\u201c und die Revolution\u00e4re als \u201esalafistische Fanatiker\u201c an.<sup>20<\/sup> Indem sie Tausende ihrer K\u00e4mpfer zur Unterst\u00fctzung des syrischen Staates einsetzte, entfremdete sich die Hisbollah von der breiten Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung, die sie 2006 genossen hatte. Als Organisation, die in die kapitalistischen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse eingebettet und von ihnen abh\u00e4ngig ist, milderte die Hisbollah zudem ihre sozialen und wirtschaftlichen Forderungen.<\/p>\n<p>Bassem Chit, ein libanesischer Marxist, schrieb:<\/p>\n<p>\u201e<em>Hassan Nasrallahs ber\u00fchmter Satz &#8211; &#8222;wir werden uns nicht hinter einem Laib Brot verstecken&#8220; &#8211; und die Unterst\u00fctzung der Hisbollah f\u00fcr die Privatisierung, ihre Ablehnung der Forderungen des gewerkschaftlichen Koordinierungsausschusses und die Vereinbarung, die sie mit der [sektiererischen schiitischen] Amal-Bewegung und der [prowestlichen] Freien Patriotischen Bewegung getroffen hat, um die Arbeiter der staatlichen Elektrizit\u00e4tsgesellschaft daran zu hindern, ihre Forderungen durchzusetzen, sind ein Beweis f\u00fcr den b\u00fcrgerlichen Charakter der Hisbollah &#8230; Die Hisbollah ist eindeutig in eine Phase des b\u00fcrokratisch-b\u00fcrgerlichen Wachstums eingetreten, insbesondere seit dem israelischen Krieg gegen den Libanon im Juli 2006. Dies zeigt sich in der Art und Weise, wie ihre Kader und Mitglieder den Reichtum und die Privilegien zur Schau stellen, die sie genie\u00dfen, wie etwa soziale, wirtschaftliche, bildungsbezogene und gesundheitliche Dienstleistungen. Dies f\u00fchrt nat\u00fcrlich zu einer Spaltung zwischen dieser arrivierten B\u00fcrokratie und der breiten Masse, auf die sich die Hisbollah st\u00fctzt, um ihre politische Legitimit\u00e4t bei Wahlen und Volksversammlungen zu behaupten. Dies zeigt sich mitunter in den latenten Beschwerden einfacher Hisbollah-Anh\u00e4nger, die ihren Unmut \u00fcber die Zurschaustellung von Reichtum und den schikan\u00f6sen Einfluss zum Ausdruck bringen, den Mitglieder dieser b\u00fcrokratischen Clique h\u00e4ufig auf andere Menschen in den Vierteln aus\u00fcben, in denen sie t\u00e4tig sind.<\/em>\u201c<sup>21<\/sup><\/p>\n<p>Die Eingliederung der Hisbollah in den Staat bot ihr w\u00e4hrend des Krieges 2006 einen gewissen Schutz, doch ihre eigentliche Macht beruht auf ihrer sozialen Basis und ihrer breiten Unterst\u00fctzung in der Bev\u00f6lkerung, unabh\u00e4ngig von der Religionszugeh\u00f6rigkeit. Durch den Beitritt zur Regierung und politische Zugest\u00e4ndnisse wurde die F\u00e4higkeit der Hisbollah, soziale und wirtschaftliche Fragen anzugehen, eingeschr\u00e4nkt, was ihr Potenzial schm\u00e4lerte, eine Stimme der Armen zu werden und konfessionelle Politiker herauszufordern.<\/p>\n<p>Der Druck, im Namen des &#8222;nationalen Interesses&#8220; Kompromisse mit dem Imperialismus einzugehen, wird am besten durch das Gasf\u00f6rderungsabkommen zwischen dem Libanon und Israel vom Oktober 2022 veranschaulicht, bei dem die Hisbollah eine aktive Rolle spielte. Im Rahmen des Abkommens erhielt Israel die Rechte zur Ausbeutung von etwa 1,75 Billionen Kubikfu\u00df Gas im Wert von 3 Milliarden Dollar, die sich unter 300 Quadratmeilen des Mittelmeers nahe der Seegrenze zwischen Israel und Libanon befinden. Im Gegenzug sicherte sich der Libanon \u00fcber franz\u00f6sische Vertragspartner den Zugang zu einem angrenzenden Gasfeld im Wert von 200 Millionen Dollar j\u00e4hrlich. Obwohl das Abkommen als Sieg f\u00fcr den Libanon angepriesen und durch die milit\u00e4rische St\u00e4rke der Hisbollah beg\u00fcnstigt wurde, sichert es Israel einen Anteil von 17 Prozent an allen k\u00fcnftigen Gewinnen aus dem libanesischen Gasfeld und die vollst\u00e4ndige Kontrolle \u00fcber das benachbarte Karish-Feld. W\u00e4hrend die Drohung der Hisbollah, Israels Gasanlagen und Versorgungsschiffe anzugreifen, den Ausschlag f\u00fcr die Verhandlungen gab \u2013 eine Aktion, die die M\u00f6glichkeiten des schlecht ausger\u00fcsteten libanesischen Milit\u00e4rs \u00fcberstieg \u2013, stellt das Abkommen mit Israel einen Pr\u00e4zedenzfall dar: eine effektive Anerkennung Israels, wenn auch durch diplomatische Man\u00f6ver verschleiert.<sup>22<\/sup><\/p>\n<p>Die ideologische Haltung der Hisbollah hat sich in einer Reihe von Fragen nach rechts verschoben, z. B. durch die Forderung nach der Ausweisung syrischer Fl\u00fcchtlinge \u2013 eine Position, die mit den Forderungen rechtsextremer christlicher Parteien \u00fcbereinstimmt.<sup>23<\/sup> Dar\u00fcber hinaus hat sich die Hisbollah in den Chor derjenigen eingereiht, die eine moralische Panik in Bezug auf die Sexualit\u00e4t sch\u00fcren, und sich den reaktion\u00e4rsten Teilen der libanesischen Gesellschaft in einer von Saudi-Arabien initiierten Kampagne angeschlossen.<sup>24<\/sup> Die Beteiligung der Hisbollah an den Kulturkriegen im Libanon ist Teil eines umfassenderen ideologischen Angriffs auf die Oktoberrevolution vom 17. Oktober, eine der gr\u00f6\u00dften Volksrevolutionen in der Geschichte des Libanon.<\/p>\n<p><strong>Die libanesische Oktoberrevolution<\/strong><\/p>\n<p>Als sich das leidgepr\u00fcfte libanesische Volk im Oktober 2019 zur Rebellion erhob, fand sich die Hisbollah auf der falschen Seite der Barrikaden wieder. Die Revolution vom 17. Oktober zeigte die Grenzen der Hisbollah und ihrer Strategie der Integration in das politische System des Libanon auf. Nasrallah bezeichnete den Sieg \u00fcber Israel im Jahr 2006 als einen &#8222;Sieg Gottes&#8220;, in Wahrheit wurde er durch die unglaubliche Solidarit\u00e4t der einfachen Menschen erreicht. W\u00e4hrend dieser Zeit erlebte die Hisbollah einen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Popularit\u00e4tsschub. Dieser Sieg markierte jedoch auch einen Wendepunkt. Als 2008 die wirtschaftliche Unzufriedenheit an die Oberfl\u00e4che kam, stellte Nasrallah das vermeintliche &#8222;nationale Interesse&#8220; \u00fcber das Wohl der Volksmassen. Wie bereits erw\u00e4hnt, setzte die Hisbollah w\u00e4hrend der arabischen Revolutionen Truppen ein, die zuvor zur Sicherung der S\u00fcdgrenze des Libanon eingesetzt worden waren, um die Revolution in Syrien zu unterdr\u00fccken. Damals hatte Nasrallah &#8222;ausl\u00e4ndische Verschw\u00f6rungen&#8220; heraufbeschworen; jetzt wiederholte er dasselbe Narrativ, um die Oktoberrevolution im Libanon zu diskreditieren.<\/p>\n<p>Trotz seiner Unzul\u00e4nglichkeiten stellte der Aufstand eine der gr\u00f6\u00dften Bewegungen in der Geschichte des Libanon dar\u2026<\/p>\n<p><strong><em>Du willst mehr wissen? Dann lade den gesamten Artikel kostenlos hier herunter: <a href=\"https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/24_04_08-Simon-Assaf-ueber-Libanon-und-Hisbollah.pdf\">24_04_08 Simon Assaf \u00fcber Libanon und Hisbollah<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der V\u00f6lkermord an der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung in Gaza dauert seit fast einem Jahr an. Nun droht nach der Ermordung des pal\u00e4stinensischen Verhandlungsf\u00fchrers Haniyeh durch Israel auf iranischen Boden ein regionaler Fl\u00e4chenbrand. Insbesondere die Grenzgefechte im S\u00fcdlibanon drohen sich zu einem umfassenden Krieg zwischen Israel und der Hisbollah auszuweiten. 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