{"id":7865,"date":"2024-09-06T12:58:53","date_gmt":"2024-09-06T10:58:53","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=7865"},"modified":"2024-09-06T12:58:53","modified_gmt":"2024-09-06T10:58:53","slug":"die-aegyptische-revolution-und-die-aegyptische-linke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2024\/09\/06\/die-aegyptische-revolution-und-die-aegyptische-linke\/","title":{"rendered":"Die \u00e4gyptische Revolution und die \u00e4gyptische Linke"},"content":{"rendered":"<h4>Vor dreizehn Jahren gab die \u00e4gyptische Revolution Millionen von Menschen weltweit die Hoffnung, dass eine andere Welt m\u00f6glich ist. Was mit dem Sturz der 30 Jahre andauernden Diktatur Hosni Mubaraks begann, endete 2013 mit einer Konterrevolution. Wir sprachen mit <strong>Ahmed<\/strong>, einem Mitglied der Revolution\u00e4ren Sozialistischen Bewegung \u00c4gyptens, \u00fcber die Rolle der revolution\u00e4ren Linken vor, w\u00e4hrend und nach der Revolution von 2011.<\/h4>\n<p><em>Die <\/em><strong><a href=\"https:\/\/global.revsoc.me\/\"><em>Revolution\u00e4ren Sozialisten<\/em><\/a><\/strong><em> sind eine \u00e4gyptische Organisation, die Anfang der 1990er Jahre in Kairo gegr\u00fcndet wurde, in den 2000er Jahren an Streiks und Protesten beteiligt war, w\u00e4hrend der \u00e4gyptischen Revolution von 2011 schnell wuchs und seit dem Milit\u00e4rputsch von 2013 schwer von staatlichen Repressionen betroffen ist, aber trotz dessen weiterhin politisch aktiv ist.<\/em><\/p>\n<p><strong>RevoLinks: Du bist Mitglied bei der Organisation der <\/strong>\u00bb<strong>Revolution\u00e4ren Sozialisten\u00ab. W\u00e4hrend der <\/strong><strong>Revolution von 2011<\/strong><strong> traten Tausende bei euch ein. Warum konnten die Revolution\u00e4ren Sozialisten (RS) in dieser Zeit so viele Menschen aus einer j\u00fcngeren Generation anziehen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ahmed:<\/strong> Das sind die Auswirkungen der Revolution. Revolutionen tun das. Lenin sagte, dass in revolution\u00e4ren Zeiten Ver\u00e4nderungen in Tagen geschehen, die in normalen Zeiten Jahre dauern: \u00bbEs gibt Jahrzehnte, in denen nichts geschieht, und es gibt Wochen, in denen Jahrzehnte geschehen.\u00ab Das Bewusstsein der Menschen \u00e4ndert sich w\u00e4hrend einer revolution\u00e4ren Periode dramatisch. Die Menschen beginnen nach Wegen zu suchen, wie sie radikale Ver\u00e4nderungen verwirklichen k\u00f6nnen. So schlossen sich Tausende den RS an.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns war das nat\u00fcrlich fantastisch, aber es stellte uns vor zwei Probleme. Erstens wurde unsere F\u00e4higkeit, neue Mitglieder in diesem Umfang aufzunehmen, auf eine harte Probe gestellt. Zweitens waren viele der neuen Mitglieder jung und politisch unerfahren und neigten dazu, idealistische und ultralinke Positionen zu vertreten. Dies brachte die RS in ein Dilemma.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nntest Du ein Beispiel daf\u00fcr nennen, in welche Dilemmata ultralinke Positionen die Revolution\u00e4ren Sozialisten konkret brachten?<\/strong><\/p>\n<p>Eine ultralinke Position, der wir in unseren eigenen Reihen, vor allem von jungen Mitgliedern, entgegenwirken mussten, war zum Beispiel der Aufruf, jede Art von Wahlen zu boykottieren und nur Stra\u00dfenpolitik (Demonstrationen und Besetzungen usw.) als wirklich revolution\u00e4r anzusehen. Das war Ausdruck der revolution\u00e4ren Energie und des Idealismus der Jugend, aber es war politisch sch\u00e4dlich. In \u00c4gypten gab es nach 2011 die ersten freien Parlamentswahlen, gefolgt von den ersten freien und fairen Pr\u00e4sidentschaftswahlen im Jahr 2012.<\/p>\n<p>Millionen von Menschen gingen zur Wahl, zum ersten Mal mit dem Gef\u00fchl, dass ihre Stimme etwas bedeutet. Die Schlangen vor den Wahllokalen waren riesig. Gew\u00f6hnliche arme Menschen standen zehn bis zw\u00f6lf Stunden lang in der Schlange. Dies wurde von der Jugend der Revolution als eine Art Verrat an der Revolution angesehen. Sie sagten: \u00bbDiese Leute sollten auf der Stra\u00dfe sein und nicht in der Schlange stehen, um zu w\u00e4hlen\u00ab \u2013 eine typische ultralinke Position und eine elit\u00e4re Position, weil sie das Bewusstsein der Menschen nicht sieht.<\/p>\n<p>Die revolution\u00e4r-sozialistische Position hingegen ist, dass man die Menschen dort abholen muss, wo ihr Bewusstsein ist. Die Menschen m\u00fcssen durch den Versuch, w\u00e4hlen zu gehen, lernen, dass dies nicht zu einer wirklichen Ver\u00e4nderung f\u00fchren wird. Aber die Tatsache, dass sie w\u00e4hlen gehen, ist an sich schon ein positiver Faktor und man sollte sie dabei begleiten, wenn ihr politisches Bewusstsein w\u00e4chst. Die gro\u00dfe Mehrheit der Menschen, die 2011 und 2012 zur Wahl gingen, hatte zuvor noch nie gew\u00e4hlt. Sie h\u00e4tten nie gedacht, dass ihre Stimme etwas bewirken k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die meisten Leute, die sich w\u00e4hrend der Revolution den RS anschlossen, waren daf\u00fcr, die ganze Zeit auf der Stra\u00dfe zu bleiben und sich nicht an irgendwelchen Wahlen zu beteiligen und sie hielten unsere Positionen zu Wahlen f\u00fcr \u00bbrechts\u00ab oder \u00bbkonservativ\u00ab und f\u00fcr Zugest\u00e4ndnisse an den Staat.<\/p>\n<p><strong>Gibt es M\u00f6glichkeiten, eine solche chaotische Situation, die sich f\u00fcr sozialistische Organisationen w\u00e4hrend einer Revolution ergibt, zu mildern?<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend einer Revolution bleibt keine Zeit f\u00fcr Bildung. Man hat jeden Tag Demonstrationen und Streiks. Es ist eine Revolution im Gange! \u00dcberall sind die Leute auf der Stra\u00dfe. Wann sollen sie da Zeit haben, Lenin zu lesen? Die Ausbildung der Kader muss vor allem in der nicht-revolution\u00e4ren Zeit, also vor der Revolution, stattfinden.<\/p>\n<p>Wenn man \u00fcber Revolutionen in der Geschichte liest, gibt es immer dieses Problem mit der Ultralinken. Es gibt junge Leute, die Feuer und Flamme sind, weil Millionen von Menschen auf der Stra\u00dfe sind und bereit sind, f\u00fcr die Revolution in diesem Moment zu sterben. Es bleibt nur wenig Zeit f\u00fcr Diskussionen und Debatten. Sie werden auf der Stra\u00dfe erzogen, sie werden durch die Ereignisse erzogen. Das ist ein komplizierter Prozess. Das war ein ernstes Problem f\u00fcr uns in den Jahren 2011 und 2012, als wir versuchten, dem Ultralinksradikalismus zu widerstehen, ohne diese jungen Menschen zu verlieren.<\/p>\n<p>Das ist sehr schwierig. Neue Mitglieder mit ultralinken Positionen w\u00e4ren zum Beispiel gegen jedes B\u00fcndnis, gegen jede Einheitsfront mit irgendeiner Kraft und sie werden sehr idealistisch und voller Hoffnung und so weiter und verzweifeln v\u00f6llig, wenn die Dinge nicht sofort funktionieren.<\/p>\n<p><strong>Was h\u00e4tte Euch neben der politischen Bildung noch geholfen, gegen die Ultralinken in den eigenen Reihen vorzugehen?<\/strong><\/p>\n<p>Wie ich schon sagte, wird die Attraktivit\u00e4t der Ultralinken in Zeiten der Revolution immer zunehmen. Wie gut man das auffangen kann, h\u00e4ngt davon ab, wie gro\u00df die eigene Organisation vor einer revolution\u00e4ren Situation ist. Wir waren zu klein. Unsere Zahlen waren in den Hunderten, als die Revolution begann. Pl\u00f6tzlich wollten 2011 tausende und tausende der Organisation beitreten. Deshalb ist es so wichtig, viele Kader zu haben, die politisch gebildet sind und zum Beispiel \u00fcber reformistische und revolution\u00e4re Positionen zu Wahlen Bescheid wissen und \u00fcber alle Arten von allt\u00e4glicher Arbeit, die man tun muss, um mit den Menschen in Kontakt zu treten.<\/p>\n<p><strong>Kommen wir zu den Hintergr\u00fcnden, die zur Revolution von 2011 gef\u00fchrt haben. Vor 24 Jahren, im September 2000, brach im besetzten Pal\u00e4stina die zweite Intifada aus. Welche Rolle hat die Zweite Intifada bei der Politisierung der \u00e4gyptischen Jugend gespielt?<\/strong><\/p>\n<p>Anfang der 2000er Jahre l\u00f6ste die zweite pal\u00e4stinensische Intifada eine gro\u00dfe Solidarit\u00e4tsbewegung in \u00c4gypten aus, die enorm war. Sogar Grundschulkinder gingen auf Demonstrationen f\u00fcr Pal\u00e4stina und die Menschen sammelten Spenden und Medikamente aus dem ganzen Land, um sie den Pal\u00e4stinenser:innnen zu schicken. Das war also eine Art politische \u00d6ffnung f\u00fcr alle. In Universit\u00e4ten, Schulen und auf den Stra\u00dfen gab es jeden Tag Demonstrationen.<\/p>\n<p>Nach einer langen Zeit der Ruhe kamen die Dinge also in Bewegung. Man begann, alle m\u00f6glichen Komitees zu gr\u00fcnden, eine Art Einheitsfrontkomitee f\u00fcr die pal\u00e4stinensische Frage. Das war die erste gro\u00dfe Ver\u00e4nderung, die stattfand. Wir waren in einer sehr guten Position, um das auszunutzen. Es gab auch die Antikriegsbewegung gegen die US-Invasion im Irak. Das f\u00fchrte auch zu mehreren sehr, sehr wichtigen Demonstrationen, einschlie\u00dflich einer gro\u00dfen Demonstration auf dem Tahrir-Platz, bei der gro\u00dfe Plakate von Mubarak verbrannt wurden. Das war ein gro\u00dfes Ereignis.<\/p>\n<p><strong>Was hat die politische Szene nach der zweiten Intifada gepr\u00e4gt?<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 2004 haben wir die Demokratiebewegung gestartet. Die Kampagne war eine Einheitsfront, an der Islamisten, Linke, Nationalisten und alle m\u00f6glichen Leute beteiligt waren. Wir, die Revolution\u00e4ren Sozialisten, waren von Anfang an mit dabei. Die erste Demonstration war im Dezember 2004. Wir waren bei dieser Demonstration dabei und haben unsere politischen Erkl\u00e4rungen verteilt und so weiter.<\/p>\n<p><strong>Gab es zu dieser Zeit bedeutende Arbeiter:innenbewegungen?<\/strong><\/p>\n<p>2006 begannen in Mahalla gro\u00dfe Streiks, die sich \u00fcber das ganze Land ausbreiteten und die gr\u00f6\u00dfte Streikwelle zu dem Zeitpunkt der \u00e4gyptischen Geschichte ausl\u00f6sten, viel gr\u00f6\u00dfer sogar als die Streikwellen in den 1940er und 1970er Jahren. Es war eine besondere Art von Streikwelle, denn viele Bereiche, die vorher nicht gestreikt h\u00e4tten, traten in den Streik: Lehrkr\u00e4fte, \u00c4rzte, Pflegekr\u00e4fte, Bankangestellte, alle Arten von Menschen begannen zu streiken und setzten sich f\u00fcr unabh\u00e4ngige Gewerkschaften ein. Diese Ereignisse bildeten den Hintergrund f\u00fcr die Revolution von 2011.<\/p>\n<p>2011 ist nicht einfach aufgetaucht, es gab einen Prozess der Politisierung der Bewegungen, der Zusammenarbeit verschiedener Tendenzen, an dem unsere Organisation der RS stark beteiligt war. Nat\u00fcrlich waren wir eine kleine Organisation, aber man kannte uns. Die streikenden Arbeiter:innen wussten von uns. Der Staat wusste \u00fcber uns Bescheid. Wir waren Teil der Szene, was f\u00fcr die Linken lange Zeit nicht der Fall war.<\/p>\n<p>Wir haben die Linke in gewisser Weise wieder auf die politische Landkarte gesetzt.<\/p>\n<p><strong>Wie waren die Revolution\u00e4ren Sozialisten an der Revolution 2011 beteiligt?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr den 25. Januar 2011 waren Demonstrationen geplant. Nach dem Beginn der tunesischen Revolution war die Atmosph\u00e4re extrem angespannt. Wir rechneten nicht mit einer Revolution, als wir uns den Demonstrationen am 25. in Kairo anschlossen. Am 28. Januar gab es im ganzen Land Demonstrationen, bei denen einige unserer f\u00fchrenden Mitglieder eine f\u00fchrende Rolle spielten. Wir begannen, Erkl\u00e4rungen abzugeben. Jeden Tag.<\/p>\n<p>Wir ver\u00f6ffentlichten jeden Tag eine Erkl\u00e4rung zu den Entwicklungen, zu den Forderungen und zum weiteren Vorgehen. Wir waren von Anfang an gegen die Armee. Wir hatten ihr gegen\u00fcber keine Illusionen. Als der Diktator Hosni Mubarak am 11. Februar 2011 nach 30 Jahren an der Macht abtrat, gaben wir eine Erkl\u00e4rung ab, in der wir darauf hinwiesen, dass es noch nicht vorbei ist und wir der Armeef\u00fchrung nicht vertrauen sollten. Aber offensichtlich war dies eine kleine Minderheitenmeinung.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielten die Streiks w\u00e4hrend der Revolution?<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten Tagen der Besetzung des Tahrir-Platzes gab es eine massive neue Streikwelle. Alle fingen an zu streiken: Bankangestellte, Eisenbahner, Busfahrer, Lehrkr\u00e4fte, Reinigungskr\u00e4fte, die die Stra\u00dfen kehren, Mitarbeiter:innen der M\u00fcllabfuhr. Es war eine Streikwelle, die noch gr\u00f6\u00dfer war als die Streikwelle von 2006\/2007.<\/p>\n<p>Die Idee, dass ein Streik etwas ist, das man nutzen sollte, um zu bekommen, was man will, wurde verallgemeinert. Nach dem 11. Februar wollten alle politischen Kr\u00e4fte au\u00dfer uns, den RS und vielleicht ein paar anderen Gruppen, ein Ende der Streiks. Sie begannen zu sagen, dass \u00c4gypten wieder arbeiten muss, dass wir so nicht weitermachen k\u00f6nnen, dass die Menschen wieder zur Arbeit gehen m\u00fcssen und dass die politische \u00dcbergangszeit nach dem Sturz Mubaraks respektiert werden sollte. Das staatliche Narrativ, das von den Muslimbr\u00fcdern unterst\u00fctzt wurde, war, dass die streikenden Arbeiter:innen egoistisch seien und der Revolution schaden w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle hat die Muslimbruderschaft gespielt?<\/strong><\/p>\n<p>In der Zeit zwischen dem Sturz Mubaraks im Februar 2011 und der Wahl von Mohammad Morsi von der Muslimbruderschaft im Jahr 2012 gab es eine Art angespanntes B\u00fcndnis zwischen der Muslimbruderschaft und der Armee. Aber es war kein vollst\u00e4ndiges B\u00fcndnis, sie vertrauten einander nicht.<\/p>\n<p>Die Armee versprach den Muslimbr\u00fcdern, dass es freie und faire Wahlen geben w\u00fcrde, wenn die Bruderschaft eine Rolle dabei spielen w\u00fcrde, die Stra\u00dfen zu befrieden, die Menschen dazu zu bringen, nach Hause zur\u00fcckzukehren und den sozialen Frieden zu wahren. Die Milit\u00e4rf\u00fchrung fuhr fort, eine \u00dcbergangswahl vorzubereiten. Die Bruderschaft spielte bei der \u00bbBefriedung\u00ab der Stra\u00dfen die gr\u00f6\u00dfte Rolle, die sie spielen konnte.<\/p>\n<p><strong>Welche Position haben die Revolution\u00e4ren Sozialisten eingenommen, als Morsi von der Muslimbruderschaft 2012 gew\u00e4hlt wurde?<\/strong><\/p>\n<p>Als Mohammad Morsi Pr\u00e4sident wurde, waren wir in v\u00f6lliger Opposition zur Pr\u00e4sidentschaft der Muslimbruderschaft. Morsi war v\u00f6llig gel\u00e4hmt. Er begann, mit dem IWF (Internationaler W\u00e4hrungsfonds) zu verhandeln und Sparma\u00dfnahmen zu vereinbaren. Wir sprechen hier von einem Land, in dem Millionen von Menschen f\u00fcr bessere Lebensbedingungen und bessere L\u00f6hne streiken. Er ist in die entgegengesetzte Richtung gegangen und hat damit viel Wut auf sich gezogen. Gleichzeitig sabotierten nat\u00fcrlich die Armee und die Polizei seine Pr\u00e4sidentschaft.<\/p>\n<p>Es war nicht nur er, der gel\u00e4hmt war. Sie legten auch den Staatsapparat lahm. Vom ersten Tag an begann die Armee, das gesamte Projekt zu sabotieren und die wachsende Wut gegen die Herrschaft der Muslimbruderschaft zu nutzen. Dies war ein sehr kluger Plan, an dem Abdel Fattah el Sisi, Morsis Verteidigungsminister und Feldmarschall, vom ersten Tag an beteiligt war, bis er 2013, ein Jahr nach Beginn von Morsis Herrschaft, einen Staatsstreich gegen ihn durchf\u00fchrte.<\/p>\n<p><strong>Wie sah die politische Situation f\u00fcr die Revolution\u00e4ren Sozialisten aus?<\/strong><\/p>\n<p>Als das B\u00fcndnis zwischen den Muslimbr\u00fcdern und dem Milit\u00e4r zu zerbrechen begann, begann die Armee gegen die Muslimbr\u00fcder an der Macht zu arbeiten und es entstand ein neues B\u00fcndnis zwischen der Armee und der liberalen und reformorientierten linken Opposition. Das Narrativ war, dass die Herrschaft der Muslimbr\u00fcder bei weitem das schlimmstm\u00f6gliche Szenario ist und dass wir sie loswerden m\u00fcssen, selbst wenn dies ein B\u00fcndnis mit der Armee und den \u00dcberresten des alten Mubarak-Regimes bedeutet. Da wir sie nicht allein loswerden k\u00f6nnen und auch nicht durch Wahlen, da sie daf\u00fcr viel zu m\u00e4chtig sind, m\u00fcssen wir uns mit den Gener\u00e4len der Armee verb\u00fcnden, so das Narrativ. Wieder war Sisi die Hauptfigur bei der Schaffung dieser neuen Front.<\/p>\n<p>Die Position der RS war, dass wir gegen die Muslimbruderschaft an der Macht waren. Aber wir waren auch gegen jede Allianz mit dem alten Regime oder der Armee. Das begann, uns zu isolieren. Diese Klarheit, von der ich spreche, ist eine nachtr\u00e4gliche Klarheit. Damals war es nicht so klar, es war sehr verwirrend und \u00e4nderte sich schnell.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nntest Du erkl\u00e4ren, inwiefern sich die Zeit der Herrschaft der Muslimbr\u00fcder von Juli 2012 bis Juli 2013 von der Zeit der Revolution unterscheidet?<\/strong><\/p>\n<p>In den Jahren 2011 und 2012 lief es rund um die Revolution sehr gut f\u00fcr uns. Unsere Organisation wuchs und wuchs und wuchs, und zwar \u00fcberall. Gruppen der RS entstanden an Orten, an denen wir zuvor keine Mitglieder hatten. Pl\u00f6tzlich gibt es zum Beispiel in Assuan eine Gruppe von 50 Leuten, die verk\u00fcnden, dass sie eine neue Sektion der RS sind.<\/p>\n<p>Das zeigt, wie sehr revolution\u00e4re sozialistische, marxistische Ideen in \u00c4gypten ein ernstzunehmendes Publikum haben k\u00f6nnen. Es gibt Perspektiven f\u00fcr die radikale Linke in L\u00e4ndern wie \u00c4gypten. Das Problem begann, als es diese Allianz aus Armee, Liberalen und Stalinisten gegen die Muslimbruderschaft gab. Wir als Revolution\u00e4re Sozialisten versuchten, mit einer unabh\u00e4ngigen Position durchzubrechen, was extrem schwierig zu bewerkstelligen war. Aber im Allgemeinen haben wir unsere Unabh\u00e4ngigkeit bewahrt. Wir haben uns nie der Allianz gegen die Muslimbruderschaft angeschlossen.<\/p>\n<p><strong>Als der Milit\u00e4rputsch am 3. Juli 2013 stattfand, wie haben die Revolution\u00e4ren Sozialisten darauf reagiert?<\/strong><\/p>\n<p>Wir waren eine der ersten Gruppen au\u00dferhalb der Islamisten, die den Putsch als solchen bezeichneten. Wir begannen unsere Arbeit gegen den milit\u00e4rischen Staatsstreich und die Konterrevolution in derselben Woche des Putsches. Wir haben so viel wie m\u00f6glich gegen alle Mobilisierungen gearbeitet, die die Armee zur Unterst\u00fctzung der Zerschlagung der Muslimbruderschaft ins Leben gerufen hat. Zu dieser Zeit erhielt der Milit\u00e4rputsch von Sisi internationale Unterst\u00fctzung von der Europ\u00e4ischen Union und den Vereinigten Staaten.<\/p>\n<p><strong>In welche Situation hat die Konterrevolution, die nun schon 11 Jahre andauert, die Revolution\u00e4ren Sozialisten gebracht?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>All dies schuf eine neue Krise f\u00fcr die Revolution\u00e4ren Sozialisten: Wie kann man unter solchen Bedingungen \u00fcberleben? Offensichtlich gab es viele Leute, die w\u00e4hrend der Revolution beigetreten waren und deren erste politische Aktivit\u00e4t darin bestand, an Demonstrationen mit Hunderttausenden von Menschen teilzunehmen. Man kann sich also vorstellen, wie frustriert und demoralisiert diese Menschen waren. Es wurde also sehr schwierig, die Mitgliederzahl aufrechtzuerhalten, damit wir weiterarbeiten konnten. Es gibt also zwei Elemente.<\/p>\n<p>Das eine war die Angst, denn es wurde extrem gef\u00e4hrlich, die politische Arbeit fortzusetzen. Das andere war die Demoralisierung. Wir mussten also gegen diese beiden Faktoren ank\u00e4mpfen, um unsere Existenz zu sichern. Viele Gruppen konnten ihre Existenz nicht aufrechterhalten.<\/p>\n<p>Mehrere unserer f\u00fchrenden Mitglieder wurden f\u00fcr sehr lange Zeit ins Gef\u00e4ngnis gesteckt. Die Opposition wurde vollst\u00e4ndig niedergeschlagen. Die Armee ging mit \u00fcberw\u00e4ltigender Gewalt vor. Die Arbeiter:innenbewegung wurde zerschlagen, die unabh\u00e4ngige Gewerkschaftsbewegung wurde zerschlagen. Wir haben keine unabh\u00e4ngigen Gewerkschaften mehr.<\/p>\n<p><strong>Glaubst Du, dass die Milit\u00e4rdiktatur von Sisi auf Dauer bestehen kann?<\/strong><\/p>\n<p>Die Milit\u00e4rdiktatur besteht seit 11 Jahren, es ist schwer zu sagen, dass sie nicht bestehen kann. Aber sie ist auf lange Sicht nicht aufrecht zu erhalten und sie f\u00e4ngt an, Risse zu bekommen. Wir glauben ernsthaft, dass sie zu br\u00f6ckeln beginnt und dass wir uns darauf vorbereiten m\u00fcssen, wenn sie tats\u00e4chlich br\u00f6ckelt. Die Wirtschaftskrise ist ernst. Die Projekte von Sisi sind monet\u00e4r gesehen extrem teuer, zum Beispiel der Bau unproduktiver neuer St\u00e4dte in der W\u00fcste. All diese Projekte bedeuten weniger Ausgaben f\u00fcr Krankenh\u00e4user oder f\u00fcr Bildung.<\/p>\n<p>Was wir tun m\u00fcssen, ist weiterhin zu \u00fcberleben und unser Bestes zu geben, um weiterzumachen. Wenn es zu einem Zusammenbruch kommt, m\u00fcssen wir uns darauf vorbereiten. Wir m\u00fcssen anfangen, unsere Taktiken und Strategien zu \u00e4ndern, um jede \u00d6ffnung zu nutzen, die sich ergeben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Wir glauben fest daran, dass es eine zweite \u00e4gyptische Revolution geben wird, aber wann und wie sie beginnen wird, ist v\u00f6llig unvorhersehbar. Wir m\u00fcssen uns immer \u00bbdie Aktualit\u00e4t der Revolution\u00ab vor Augen halten, egal wie schwierig die Dinge werden.<\/p>\n<p><strong>Vielen Dank f\u00fcr das Interview.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor dreizehn Jahren gab die \u00e4gyptische Revolution Millionen von Menschen weltweit die Hoffnung, dass eine andere Welt m\u00f6glich ist. Was mit dem Sturz der 30 Jahre andauernden Diktatur Hosni Mubaraks begann, endete 2013 mit einer Konterrevolution. Wir sprachen mit Ahmed, einem Mitglied der Revolution\u00e4ren Sozialistischen Bewegung \u00c4gyptens, \u00fcber die Rolle der revolution\u00e4ren Linken vor, w\u00e4hrend [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":7866,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[43,74],"tags":[],"class_list":["post-7865","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-politik","category-theorie-geschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7865","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7865"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7865\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7867,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7865\/revisions\/7867"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7866"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7865"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7865"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7865"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}