{"id":8050,"date":"2024-12-02T22:26:57","date_gmt":"2024-12-02T21:26:57","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=8050"},"modified":"2024-12-04T13:28:09","modified_gmt":"2024-12-04T12:28:09","slug":"imperialistische-rivalen-umzingeln-syrien-der-buergerkrieg-ist-zurueck-in-allepo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2024\/12\/02\/imperialistische-rivalen-umzingeln-syrien-der-buergerkrieg-ist-zurueck-in-allepo\/","title":{"rendered":"Imperialistische Rivalen umzingeln Syrien \u2013 der B\u00fcrgerkrieg ist zur\u00fcck in Allepo"},"content":{"rendered":"<h4>Das syrische Regime Baschar al-Assads steht vor der gr\u00f6\u00dften Herausforderung in zehn Jahren, seit der B\u00fcrgerkrieg letzte Woche neu entbrannt ist. Streitkr\u00e4fte unter F\u00fchrung der von der T\u00fcrkei unterst\u00fctzten bewaffneten islamistischen Gruppe Haiat Tahrir al-Scham (HTS) starteten eine Milit\u00e4roffensive im Norden des Landes.<\/h4>\n<h4>Hier ver\u00f6ffentlichen wir ein Interview von Arthur Townend mit dem syrischen Sozialisten Ghayath Naisse. Es erschien in der britischen Wochenzeitung <em>Socialist Worker<\/em>.<\/h4>\n<p>Die HTS entstand 2017 aus dem Zusammenschluss mehrerer Gruppen. Ihr Anf\u00fchrer Abu Mohammed al-Dscholani hatte sich 2016 von Al-Kaida losgesagt. Letzte Woche \u00fcbernahm die Gruppe die Kontrolle \u00fcber Syriens zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt Aleppo und ihre bewaffneten Kr\u00e4fte dringen nun weiter ins Land vor. Assad ist entschlossen, die Kontrolle zur\u00fcckzuerlangen und wird dabei von Russland und dem Iran unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Der syrische Sozialist Ghayath Naisse unterstreicht gegen\u00fcber <em>Socialist Worker<\/em>, es sei wichtig, drei Dinge zu verstehen, um die j\u00fcngsten Ereignisse entschl\u00fcsseln zu k\u00f6nnen. Erstens die syrische Revolution von 2011 (siehe unten). Zweitens Assads brutalen B\u00fcrgerkrieg, um sie niederzuschlagen. Und drittens die imperialistischen Kriege und Rivalit\u00e4ten, die die Region zerrei\u00dfen.<\/p>\n<p>\u00bbNach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober letzten Jahres forderte das t\u00fcrkische Regime eine Normalisierung der Beziehungen mit dem syrischen Regime\u00ab, so Naisse. \u00bbDieser Prozess verlief langsam und Syrien weigerte sich, ihn voranzutreiben, weil die T\u00fcrkei ihre bewaffnete Pr\u00e4senz auf syrischem Territorium offenlie\u00df. Das syrische Regime wollte nicht verhandeln, weil es die eigene Kontrolle \u00fcber alle Gebiete Syriens anstrebt.\u00ab<\/p>\n<p>Der t\u00fcrkische Staat, so Naisse, pocht auf seine Pr\u00e4senz in Syrien, unter anderem um seinen wirtschaftlichen und politischen Einfluss auszuweiten. Sein Hauptziel in Syrien sei jedoch die Niederschlagung des Kampfes f\u00fcr einen kurdischen Nationalstaat. Der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Recep Erdo\u011fan f\u00fchrt einen brutalen und repressiven Krieg gegen die Kurden, die im Nordosten Syriens und in Teilen der T\u00fcrkei pr\u00e4sent sind. Diese als Rojava bekannte Enklave grenzt an die T\u00fcrkei und wird dort von kurdischen Gruppen unterst\u00fctzt. Letzten Sonntag begann die HTS mit Angriffen auf die kurdische Bev\u00f6lkerung n\u00f6rdlich von Aleppo.<\/p>\n<p>Naisse erl\u00e4utert, warum die HTS \u2013 und die T\u00fcrkei \u2013 jetzt eine so gro\u00dfe Chance sehen, dem Assad-Regime Paroli zu bieten: \u00bbDie HTS ist die bedeutendste bewaffnete islamistische Gruppe in Syrien und wird von der T\u00fcrkei unterst\u00fctzt\u00ab, sagt er. \u00bbSowohl die Hisbollah als auch der Iran unterst\u00fctzen das Assad-Regime \u2013 aber erstere k\u00e4mpft gegen den westlichen Imperialismus und Israel.\u00ab Da Assad, der Iran und die Hisbollah so eng miteinander verbunden sind, schw\u00e4cht ein Angriff auf einen von ihnen sie alle.<\/p>\n<p>\u00bbAuch Russland unterst\u00fctzt das Assad-Regime, doch der Krieg, den es in der Ukraine gegen den Westen f\u00fchrt, begrenzt seine Kapazit\u00e4ten f\u00fcr diese Unterst\u00fctzung.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDass wir uns in einer \u00dcbergangsphase zwischen zwei US-Regierungen befinden, ist ein weiterer Faktor \u2013 der t\u00fcrkische Staat wei\u00df, dass der designierte Pr\u00e4sident Donald Trump mit Erdogan lieb\u00e4ugelt. So gesehen ist jetzt ein guter Zeitpunkt f\u00fcr die T\u00fcrkei, Assad anzugreifen.\u00ab Doch diese Dynamik ist widerspr\u00fcchlich, denn die USA wollen nicht, dass es zu einem Chaos kommt, das auf den Sturz des Assad-Regimes hinausliefe.<\/p>\n<p>Naisse prognostiziert: \u00bbDie HTS k\u00f6nnte allenfalls ein sehr instabiles Regime errichten, daher werden die USA wahrscheinlich Assad unterst\u00fctzen, um ein gewisses Ma\u00df an Stabilit\u00e4t im Namen des Imperialismus zu wahren.\u00ab Er f\u00fcgt hinzu: \u00bbDas Hauptziel der Gruppe ist die Ausweitung ihrer territorialen Kontrolle.\u00ab<\/p>\n<p>Das dient Erdo\u011fans Interessen, weil es Assad zu Verhandlungen mit dem t\u00fcrkischen Regime dr\u00e4ngt. \u00bbEs k\u00f6nnte ein neues Abkommen zwischen der T\u00fcrkei, Russland und Assad geben, das unweigerlich dazu f\u00fchren w\u00fcrde, dass Erdo\u011fan in Syrien an Einfluss gewinnt\u00ab, sagt er. \u00bbWenn die HTS ihren Angriff ausweitet, wird Russland eingreifen, um ihn einzud\u00e4mmen und dann mit der T\u00fcrkei \u00fcber eine neue Vereinbarung verhandeln.\u00ab Russland reagierte zun\u00e4chst zur\u00fcckhaltend auf die erste Offensive der HTS in der vergangenen Woche, hat nun aber Luftangriffe auf Aleppo gestartet.<\/p>\n<p>\u00bbDer Gewinner dieses Ereignisses ist die T\u00fcrkei\u00ab, sagt Naisse. \u00bbDas liegt vor allem daran, dass Syriens internationale Unterst\u00fctzer in anderen Regionen gebunden sind. Erdogan hat den richtigen strategischen Moment f\u00fcr sein Eingreifen in die Zukunft Syriens gefunden. Und so auch den richtigen Moment zur St\u00e4rkung seiner Kapazit\u00e4ten, die Kurden zu unterdr\u00fccken.\u00ab<\/p>\n<p>Laut Naisse fordert die HTS das Assad-Regime zwar heraus, agiert aber im Grunde im Interesse des t\u00fcrkischen Staates. \u00bbZwischen 2014 und 2024 protestierten Syrer gegen die HTS\u00ab, erkl\u00e4rt er. \u00bbDie islamistische Gruppe ist gegen B\u00fcrgerrechte und Meinungsfreiheit, sie unterdr\u00fcckt Frauen und ist sozial konservativ. Wie viele religi\u00f6s inspirierte Gruppen steckt sie voller Widerspr\u00fcche.\u00ab<\/p>\n<p>Inmitten eines Schmelztiegels imperialistischer Rivalen, die um Syrien k\u00e4mpfen, betont Naisse: \u00bbHier gibt es nichts, was im Interesse der Bev\u00f6lkerung ist. Es gibt nur Blutvergie\u00dfen. Wir sind gegen diesen Krieg \u2013 wir fordern den Abzug aller Truppen aus unserem Land und die Gew\u00e4hrung des Rechts auf Selbstbestimmung f\u00fcr das syrische Volk.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Wie Assad einen Religionskrieg nutzte, um eine Revolution niederzuschlagen<\/strong><\/p>\n<p>Die syrische Revolution war Teil der Aufst\u00e4nde des Arabischen Fr\u00fchlings im Jahr 2011. Ihr Ziel war der Sturz Bashar al-Assads, eines Diktators, der das Land seit dem Tod seines Vaters Hafez im Jahr 2000 regiert. Die Wut \u00fcber jahrelange Armut und Diktatur m\u00fcndete in Massenprotesten, und im M\u00e4rz 2011 k\u00e4mpften gewaltige Kr\u00e4fte gegen die staatliche Repression. Arbeiter und Arme spielten in diesen K\u00e4mpfen die zentrale Rolle.<\/p>\n<p>Als Reaktion darauf begann Assad einen brutalen, konfessionellen B\u00fcrgerkrieg, um die Revolution in Blut zu ertr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Einfache Menschen, von denen viele noch nie in ihrem Leben eine Waffe abgefeuert hatten, schlossen sich neu gegr\u00fcndeten Milizen an, um gegen das Regime zu k\u00e4mpfen. Die Milizen selbst wurden oft von Soldaten gebildet, die desertiert waren und sich weigerten, dem Befehl Assads nachzukommen, auf die Bev\u00f6lkerung zu schie\u00dfen. In einem Koordinationsversuch gr\u00fcndeten die Milizen gemeinsam die Freie Syrische Armee. Doch der Widerstand blieb zersplittert und ohne zentrales Kommando. Ab 2014 erhielt Assad milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung aus dem Iran und Russland.<\/p>\n<p>Der russische Pr\u00e4sident Wladimir Putin startete Luftangriffe gegen die Revolution, um das Regime an der Macht zu halten. Der Iran nutzte zudem seinen Einfluss, um die libanesische Widerstandsorganisation Hisbollah zur Unterst\u00fctzung Assads zu bewegen. Imperialistische M\u00e4chte nahmen das als Vorwand, um in Syrien \u203aeinzugreifen\u2039. Die Vereinigten Staaten drohten, Assads Regime zu bombardieren und unterst\u00fctzten dann die kurdischen Kr\u00e4fte im Norden, die ebenfalls gegen ihn k\u00e4mpften. Doch nachdem die T\u00fcrkei in Nordsyrien einmarschiert ist, lie\u00df der Westen die Kurden schnell im Stich,.<\/p>\n<p>Assad gelang es, die Revolution niederzuschlagen, doch der Preis daf\u00fcr war hoch. Syrien war gespaltener denn je, und sowohl regionale als auch imperialistische M\u00e4chte wetteiferten um die Kontrolle. Heute kontrolliert das Regime rund 65% Syriens und selbst das ist haupts\u00e4chlich der russischen Luftwaffe zu verdanken.<\/p>\n<p>Bewaffnete islamistische Gruppen wie die HTS erobern im Norden des Landes immer mehr Gebiete. Dort geraten sie in Konflikt mit kurdischen K\u00e4mpfern, die f\u00fcr einen unabh\u00e4ngigen Staat k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Seit der Revolution sei Assads Regime \u00bbmilit\u00e4risch schwach und auf die milit\u00e4rische wie wirtschaftliche Unterst\u00fctzung anderer Regionalm\u00e4chte angewiesen\u00ab, sagt Naisse. \u00bbDie Region ist ersch\u00f6pft. Es gibt weder Strom noch Wasser noch eine Gesundheitsversorgung \u2013 die Grundbed\u00fcrfnisse der Menschen werden nicht gedeckt. Und das bedeutet, dass die Menschen kaum Mittel zum \u00dcberleben haben, geschweige denn zum Widerstand.\u00ab Zur Wahrung seiner Macht verl\u00e4sst Assad sich auf genau diese Verarmung der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p><strong>Aus dem Englischen von Yahya Abu Nidal<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das syrische Regime Baschar al-Assads steht vor der gr\u00f6\u00dften Herausforderung in zehn Jahren, seit der B\u00fcrgerkrieg letzte Woche neu entbrannt ist. 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