{"id":8109,"date":"2024-12-22T11:59:49","date_gmt":"2024-12-22T10:59:49","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=8109"},"modified":"2025-03-14T14:51:26","modified_gmt":"2025-03-14T13:51:26","slug":"hohe-kampfbereitschaft-lausiger-deal-lehren-aus-dem-kampf-bei-vw","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2024\/12\/22\/hohe-kampfbereitschaft-lausiger-deal-lehren-aus-dem-kampf-bei-vw\/","title":{"rendered":"Hohe Kampfbereitschaft, lausiger Deal: Lehren aus dem Kampf bei VW"},"content":{"rendered":"<h3><strong>VW-Arbeiter: \u00bbIhr wollt Krieg \u2013 wir sind bereit!\u00ab<\/strong><\/h3>\n<p><strong><em>Mit gro\u00dfen Worten bem\u00fchte sich die IG Metall, den Deal bei Volkswagen zu verkaufen, der am 20. Dezember geschlossen worden ist. Ein \u203aWeihnachtswunder\u2039 habe die Standorte des Konzerns gerettet. Tats\u00e4chlich haben die Besch\u00e4ftigten massive Lohneinbu\u00dfen hinnehmen m\u00fcssen. Und die Belegschaften werden um rund ein Drittel von 120 000 auf rund 85 000 geschrumpft. Wie konnte es soweit kommen?\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Von Karl Naujoks<\/strong><\/p>\n<p>An Kampfbereitschaft hat es den Kolleginnen und Kollegen bei VW nicht gefehlt. Im Gegenteil. Schlie\u00dflich hatte der Konzern noch im Vorjahr rund 23 Milliarden Euro Reingewinn eingefahren. Dennoch k\u00fcndigte das Management im September den Tarifvertrag zur Besch\u00e4ftigungssicherung, stellte vage die Schlie\u00dfung von drei Werken in Deutschland in den Raum und fabulierte von pauschalen Lohnk\u00fcrzungen von 10 Prozent.<\/p>\n<p>Die Wut \u00fcber diese Arroganz entlud sich in einer massiven Mobilisierung. Am ersten Werktag nach Ende der sogenannten Friedenspflicht traten 98 650 Mitarbeitende am 2. Dezember in den Warnstreik. Allein in Wolfsburg nahmen rund 47 000 Besch\u00e4ftigte an einem Demonstrationszug durch das Stammwerk teil. Bei einer Kundgebung vor dem Vorstandshochhaus skandierten sie in Sprechch\u00f6ren \u00bbStreikbereit! Bundesweit!\u00ab.<\/p>\n<p><strong>Hunderte von Arbeitern im Volkswagen-Werk in Hannover versammelten sich vor Tor 3, zeigten Plakate mit der Aufschrift \u203aIhr wollt Krieg, wir sind bereit!\u2039 und schwenkten die roten Fahnen der Gewerkschaft IG Metall.<\/strong><\/p>\n<p>IG Metall-Verhandlungsf\u00fchrer Thorsten Gr\u00f6ger nannte es den \u00bbwuchtigen Aufschlag zu einem Protestwinter\u00ab gegen die \u00bbAlbtraumpl\u00e4ne\u00ab des VW-Konzerns. Er k\u00fcndigte an: \u00bbWenn n\u00f6tig, wird das der h\u00e4rteste Tarifkampf, den Volkswagen je gesehen hat\u00ab.<\/p>\n<p><strong>Ausverkauf durch die IG Metall-F\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Leider blieb es bei Worten. Am 9. Dezember folgten erneut Arbeitsniederlegungen an neun Standorten \u2013 dieses Mal f\u00fcr je vier Stunden pro Schicht. Die Mobilisierung und die Stimmung waren weiter hoch.<\/p>\n<p><strong>Doch dann drehte die IG Metall-F\u00fchrung der Bewegung den Saft ab.<\/strong> W\u00e4hrend sie immer wieder betonte, zu einem Deal noch vor Weihnachten bereit zu sein, ging sie unter der Leitung von Gr\u00f6ger am 16. Dezember in einen Verhandlungsmarathon, ohne auch nur zu einer einzigen begleitenden Kampfaktion aufzurufen.<\/p>\n<p>Stattdessen lag ein Angebot auf dem Tisch, das Verhandlungsf\u00fchrer Gr\u00f6ger und Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo bereits Ende November proaktiv in den Raum gestellt hatten. Ihr sogenannter \u203aZukunftsplan\u2039 sah die Senkung der Personalkosten um 1,5 Milliarden Euro vor, unter anderem durch Verzicht auf Gehaltsteigerungen bis 2027.<\/p>\n<p><strong>Vorauseilende Zugest\u00e4ndnisse<\/strong><\/p>\n<p>Vom Standpunkt der Verhandlungsdramaturgie grenzte das im Grunde genommen an Selbstsabotage. Die IG Metall-F\u00fchrung reagierte mit vorauseilenden, einseitigen Zugest\u00e4ndnissen auf vage Drohungen, w\u00e4hrend sie wiederholt den unbedingten Willen zu einem raschen Abschluss vor Weihnachten artikulierte. Die Ank\u00fcndigung, irgendwann einmal den \u203aStreikhammer\u2039 herauszuholen, aber w\u00e4hrend der Verhandlungen die Produktion nicht zu unterbrechen, lie\u00df die IG Metall-F\u00fchrung als Zauderer erscheinen. Offenbar hatte sie Angst, dem \u203aeigenen\u2039 Unternehmen ernsthaften Schaden zuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>So wurde das VW-Management in eine bequeme Position versetzt und zur H\u00e4rte in den Verhandlungen ermutigt. Zumal die IG Metall-F\u00fchrung den absehbar schlechten Deal an die Belegschaften verkaufen muss \u2013 nicht als Zumutung des VW-Managements, sondern als einen \u203aErfolg\u2039 der Gewerkschaft.<\/p>\n<p><strong>Die erzielten Einschnitte waren dementsprechend historisch, urteilte die Unternehmerzeitung <em>Handelsblatt<\/em>. Unter anderem wurde vereinbart:<\/strong><\/p>\n<p>\u25a0 Abbau von 35 000 Stellen bis 2030. Die verbliebenen Besch\u00e4ftigten haben nicht mehr bekommen als eine Besch\u00e4ftigungszusicherung \u2013 bis 2030.<\/p>\n<p>\u25a0 Nullrunde bis 2027 beim Gehalt. Das einbehaltene Gehaltsplus von rund 2,5 Prozent im Jahr flie\u00dft in einen Fonds und nicht auf die Konten der Mitarbeiter.<\/p>\n<p>\u25a0 Die Produktion in Dresden wird eingestellt, das Werk Osnabr\u00fcck wird nach 2027 stillgelegt.<\/p>\n<p>\u25a0 Am Elektrostandort Zwickau wird eine Montagelinie geschlossen, auch in Wolfsburg werden zwei von vier Montagelinien geschlossen.<\/p>\n<p>\u25a0 Die Besch\u00e4ftigten verzichten 2026 und 2027 vollst\u00e4ndig auf ihre Bonus-Zahlungen im Mai, ab 2028 wird er nur reduziert ausgezahlt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Konzernchef Oliver Blume ist dieser Deal ein Durchbruch und Vorbild im Umgang mit den weltweit mehr als 100 VW-Werken. Durch die Einsparungen soll die VW-Kernmarke mittelfristig auf eine Umsatzrendite von +6,5 Prozent kommen, von aktuell +2,3 Prozent.<\/p>\n<p><strong>Gewerkschaftsb\u00fcrokratie zwischen den Klassen<\/strong><\/p>\n<p>Was lernen wir aus dem VW-Konflikt? Die Kampfbereitschaft war hoch. Wenn 100 000 Besch\u00e4ftigte in einen Vollstreik gegangen w\u00e4ren, h\u00e4tten sie den alten Vertrag zur Besch\u00e4ftigungssicherung retten k\u00f6nnen. Der Kampf h\u00e4tte Vorbildcharakter gehabt und das Gleichgewicht der Klassenkr\u00e4fte in ganz Deutschland zugunsten der Lohnabh\u00e4ngigen verschoben.<\/p>\n<p>Doch die Initiative blieb nahezu vollst\u00e4ndig bei einer kleinen Gruppe von hauptamtlichen Funktion\u00e4ren. Diese Gewerkschaftsb\u00fcrokratie kann sehr gut mit den Einschnitten leben, solange die Standorte im Gro\u00dfen und Ganzen bestehen bleiben. Ihre eigene soziale Funktion h\u00e4ngt davon ab, dass sie der Unzufriedenheit der Belegschaft Ausdruck verleiht und sich zugleich als Verhandlungspartner f\u00fcr das Management unentbehrlich macht. Entfesselte Vollstreiks bedrohen diese Funktion als Mittler zwischen den Klassen. Daher ihr Zaudern und Z\u00f6gern, das in eine Niederlage f\u00fchrte.<\/p>\n<p><strong>Heft des Handelns<\/strong><\/p>\n<p>Es war die erste gro\u00dfe Protestbewegung bei VW seit Jahren. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass es der erfahrenen IG Metall-F\u00fchrung gelang, das Heft des Handels in der Hand zu behalten und jede ernsthafte Eskalation zu einem Vollstreik zu unterbinden. Doch der Konflikt deutet an, dass wir weitere gro\u00dfe K\u00e4mpfe zu erwarten haben, gerade in der Automobilbranche. Es kommt darauf an, dass sich die k\u00e4mpferischsten Gewerkschafter innerhalb der IG Metall vernetzen, um die Aktionsf\u00e4higkeit unabh\u00e4ngig vom Apparat zu st\u00e4rken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>VW-Arbeiter: \u00bbIhr wollt Krieg \u2013 wir sind bereit!\u00ab Mit gro\u00dfen Worten bem\u00fchte sich die IG Metall, den Deal bei Volkswagen zu verkaufen, der am 20. Dezember geschlossen worden ist. Ein \u203aWeihnachtswunder\u2039 habe die Standorte des Konzerns gerettet. Tats\u00e4chlich haben die Besch\u00e4ftigten massive Lohneinbu\u00dfen hinnehmen m\u00fcssen. 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