{"id":8150,"date":"2025-01-22T17:05:14","date_gmt":"2025-01-22T16:05:14","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=8150"},"modified":"2025-01-23T17:19:07","modified_gmt":"2025-01-23T16:19:07","slug":"der-deutsche-kapitalismus-in-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2025\/01\/22\/der-deutsche-kapitalismus-in-der-krise\/","title":{"rendered":"Der deutsche Kapitalismus in der Krise"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Die Marktwirtschaft spielt verr\u00fcckt: Massiver Stellenabbau trotz \u201eFachkr\u00e4ftemangel\u201c<\/strong><\/h3>\n<p><strong><em>Diese Woche treffen sich die Herrschenden der Welt in Davos zum \u201eWeltwirtschaftsforum\u201c. Mit dabei: 60 Staats- und Regierungschefs, sowie 1.600 \u201eWirtschaftsvertreter\u201c. Darunter auch die Chefs deutscher Konzerne. Sie wollen den Eindruck vermitteln: Wir haben das System im Griff. Tats\u00e4chlich rutscht die Wirtschaft immer tiefer in die Stagnationskrise.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Von Karl Naujoks<\/strong><\/p>\n<p>Nun ist es amtlich: Die deutsche Wirtschaft ist nun das zweite Jahr in Folge leicht geschrumpft. 2023 ging das Bruttoinlandsprodukt um 0,3 % zur\u00fcck. 2024 betrug der Wert -0,2 %. Folge: das erste Mal seit Jahren ist Arbeitslosigkeit wieder ein Thema.<\/p>\n<p><strong>Seit dem vergangenen Herbst vergeht kaum eine Woche ohne Schockmeldung \u00fcber drohende Entlassungen oder Werkschlie\u00dfungen in der Gro\u00dfindustrie.<\/strong><\/p>\n<p>Vor allem der Konflikt bei VW stand im letzten Jahresviertel 2024 im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit. Im September hatte das Management vage gedroht, drei Werke zu schlie\u00dfen. Vor Weihnachten kam es nach Warnstreiks und z\u00e4hen Verhandlungen mit der IG Metall zu einem Deal. Ergebnis: In den kommenden sechs Jahren sollen 35.000 Stellen abgebaut werden. Das ist nahezu ein Drittel der Belegschaft in Deutschland.<\/p>\n<p><strong>Krise in der Automobilbranche<\/strong><\/p>\n<p>VW ist kein Einzelfall. Aus der gesamten Automobilbranche kommen \u00e4hnliche Meldungen. Autozulieferer <em>Schaeffler<\/em> will insgesamt 4700 Stellen streichen, <em>Continental<\/em> \u00fcber 7000. Bei <em>Bosch<\/em> sollen 5550 Stellen wegfallen. Der Getriebehersteller ZF baut 14.000 von 54.000 Stellen in Deutschland ab. Auch <em>Ford<\/em> k\u00fcndigt den Wegfall von 2900 Stellen an, vor allem in K\u00f6ln.<\/p>\n<p>Die Auswirkungen auf den deutschen Kapitalismus sind enorm. 2019 waren \u00fcber 950.000 Menschen in der gesamten Branche besch\u00e4ftigt. Das Forschungsinstitut <em>Prognos<\/em> errechnete im Auftrag des Verbands der Automobilindustrie, dass diese Zahl bis 2035 auf etwa 770.000 Personen zur\u00fcckgehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Doch auch andere Branchen sind betroffen. So das Bahnunternehmen <em>DB Cargo<\/em> oder der Chemieriese BASF. Der Stahlkonzern <em>ThyssenKrupp<\/em> will in den kommenden sechs Jahren von 27.000 Stellen 11.000 in Deutschland streichen und den Standort Kreuztal schlie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>\u201eDe-Industrialisierung\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Der Stellenabbau in der Industrie hat zu den erwartbaren Panikmeldungen und Schuldzuweisungen gef\u00fchrt. Tenor: Zu viel B\u00fcrokratie, zu teure Energie und zu harte Konkurrenz aus China machen den Standort Deutschland kaputt. Am 16. Dezember, dem Tag des Misstrauensvotums gegen die Ampel, brachte Kommentator Thomas Berbner in den ARD-<em>Tagesthemen<\/em> die Wut der wirtschaftsliberalen Meinungsmacher auf den Punkt. Er warf Wirtschaftsminister Robert Habeck vor, \u201eKlimaschutz mit der Abrissbirne\u201c betrieben zu haben. Die Regierung habe eine \u201ePolitik der Deindustrialisierung\u201c betrieben.<\/p>\n<p><strong>Kapitallogik<\/strong><\/p>\n<p>Solche Schreckensszenarien von der De-Industrialisierung Deutschlands sind Ausdruck einer tiefsitzenden Angst, die die Mittelschichten in jeder Krise erfasst. Sie haben dar\u00fcber hinaus eine Funktion. Sie sollen die Bereitschaft in der Arbeiterklasse erh\u00f6hen, Verzicht zu \u00fcben.<\/p>\n<p><strong>So fordert der Vorstandsvorsitzende der <em>Deutschen Bank<\/em>, Christian Sewing: \u201eWir werden in einer alternden Gesellschaft auch mehr und l\u00e4nger arbeiten m\u00fcssen.\u201c <\/strong><\/p>\n<p>Die FDP beklagte ganz in diesem Sinn in ihrem \u201eWirtschaftswende\u201c-Papier, dass zum Ampel-Aus f\u00fchrte: In Deutschland sei die Zahl \u201ean effektiven Arbeitsstunden je Besch\u00e4ftigtem und Jahr zu niedrig\u201c.<\/p>\n<p><strong>Der Widersinn tritt offen zutage: Trotz drohender Massenarbeitslosigkeit sollen die weiter in Besch\u00e4ftigung stehenden Lohnabh\u00e4ngigen nach den Vorstellungen der Vertreter des Kapitals <em>mehr<\/em> arbeiten. Und nat\u00fcrlich f\u00fcr <em>weniger<\/em> Gehalt. Die Kapitalisten instrumentalisieren die Krise ihres Systems, um uns daf\u00fcr bezahlen zu lassen.<\/strong><\/p>\n<p>Verr\u00fcckt: ein \u201eFachkr\u00e4ftemangel\u201c, das hei\u00dft ganz generell ein Mangel an Arbeitskr\u00e4ften, herrscht parallel tats\u00e4chlich fort. Er betrifft allerdings entweder Bereiche mit niedrigen Geh\u00e4ltern und schlechten Arbeitsbedingungen; oder jene, die von staatlichen Zuwendungen abh\u00e4ngig sind. Das hei\u00dft: Krankenh\u00e4user, Pflegeheime, Schulen, Kitas, Logistikunternehmen und andere unternehmensnahe Dienstleister.<\/p>\n<p>Der massive Besch\u00e4ftigungsabbau in der Industrie und die fortbestehende, chronische \u00dcberarbeitung einer viel zu geringen Zahl an Angestellten in Dienstleistungen und Sozialbereich sind in Wirklichkeit nur zwei Seiten derselben kapitalistischen Medaille. In beiden F\u00e4llen geht es darum, die Lohnabh\u00e4ngigen so viel als m\u00f6glich auszupressen, damit das deutsche Kapital einen gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Teil vom gesamtwirtschaftlichen Reichtum aneignen kann.<\/p>\n<p><strong>Industrieller Zyklus<\/strong><\/p>\n<p>Ist die Krise real? Ja. Das zeigt die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts. Im Jahresdurchschnitt betrug es 2021 noch +3,7%. In den letzten beiden Jahren lag es jeweils bei -0,3 % und -0,2 %. Das hei\u00dft: die Wirtschaft schrumpft seit zwei Jahren.<\/p>\n<p>Dies liegt nicht an der Klimapolitik. Ganz im Gegenteil beschweren sich Unternehmen wie <em>Ford<\/em> und andere, die viele Milliarden in die Elektromobilit\u00e4t investiert haben, dass die Bundesregierung die notwendige Transformation nicht entschieden genug vorangetrieben h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Auch belasten die Energiepreise definitiv die Konkurrenzf\u00e4higkeit mancher Branchen, erh\u00f6hen aber die Profite bei Monopolisten wie RWE enorm. Hohe Energiepreise allein k\u00f6nnen die Krise nicht erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>Abw\u00e4rtsspirale<\/strong><\/p>\n<p>Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass nicht eine einzelne Regierung oder die H\u00f6he der L\u00f6hne Schuld an der Rezession sind. Wirtschaftskrisen treten vielmehr in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden auf, seit der industrielle Kapitalismus vor rund 200 Jahren entstanden ist.<\/p>\n<p><strong>Er durchlebt dabei sogenannte \u00dcberproduktionskrisen. Die Lohnabh\u00e4ngigen schuften immer mehr, die Profite sprudeln, bis irgendwann die Nachfrage stockt.<\/strong><\/p>\n<p>Dies ist in der Automobilbranche derzeit weltweit zu beobachten. \u201eUns fehlen Kunden f\u00fcr 500.000 Fahrzeuge\u201c, erkl\u00e4rte Dirk Gro\u00dfe-Loheide, Beschaffungsvorstand der Kernmarke VW im November.<\/p>\n<div id=\"attachment_8154\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8154\" class=\"size-medium wp-image-8154\" src=\"https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/25_01_22-Unverkaeufliche-Neuwagen-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/25_01_22-Unverkaeufliche-Neuwagen-300x169.jpg 300w, https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/25_01_22-Unverkaeufliche-Neuwagen.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-8154\" class=\"wp-caption-text\"><span style=\"color: #003366;\"><em>Der Kapitalismus erstickt an seinem Reichtum: Immer mehr Autos lassen sich nicht verkaufen<\/em><\/span><\/p><\/div>\n<p><strong>Das Grundproblem: Nicht nur VW, sondern alle Autounternehmen leiden unter einem schrumpfenden Markt. In Europa werden heute im Vergleich zum Jahr 2020 rund zwei Millionen Fahrzeuge weniger verkauft. Das wird sich auf absehbare Zeit auch nicht \u00e4ndern. <\/strong><\/p>\n<p>Sollte es dem VW-Konzern gelingen, durch Lohnverzicht bei den eigenen Besch\u00e4ftigten und Intensivierung der Arbeit Kostenvorteile gegen\u00fcber den Konkurrenten zu erreichen, dann verlagert sich die Krise lediglich auf andere Unternehmen \u2013 die ihrerseits die jeweils eigenen Besch\u00e4ftigten zu dr\u00fccken versuchen. Wenn sich die Gewerkschaften auf dieses Spiel einlassen, f\u00fchrt dies unweigerlich zu einer Abw\u00e4rtsspirale bei L\u00f6hnen und Arbeitsbedingungen.<\/p>\n<p><strong>Profitgier<\/strong><\/p>\n<p>Die Antwort auf diese demoralisierende Kapitallogik ist einfach, wenn wir das Problem vom Gesamtsystem aus betrachten. Das Geld ist da. Seit dem Jahr 2000 ist das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland um 28 % gestiegen \u2013 inflationsbereinigt. Es ist die Arbeiterklasse, die diesen Reichtum erwirtschaftet hat. Ihre Zahl ist enorm gewachsen. Im Jahr 2004 gab es in Deutschland 39,4 Millionen Erwerbst\u00e4tige, 2024 waren es schon 46,1 Millionen \u2013 ein Plus von 17 Prozent in zwanzig Jahren.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Der deutsche Kapitalismus ist so reich wie nie zuvor in der Geschichte. So wie die gesamte Weltwirtschaft. Doch nun, da das Globalsystem an seinem Reichtum erstickt, die Waren nicht mehr absetzen kann wie zuvor, sind den Unternehmen die Gewinnmargen nicht hoch genug. Die Arbeiter sollen zahlen, um die Kassen f\u00fcr internationale \u00dcbernahmen anderer Firmen zu f\u00fcllen \u2013 oder die Dividenden der Aktion\u00e4re hochzuhalten.<\/p>\n<p><strong>Beispiel <em>Mercedes-Benz<\/em>: Das Management will Tausende Stellen streichen und bis 2027 f\u00fcnf Milliarden Euro an j\u00e4hrlichen Kosten einsparen, darunter Personalkosten von 1,5 Milliarden. <\/strong><\/p>\n<p>Dabei ist das Unternehmen keineswegs in den roten Zahlen. Im dritten Quartal 2024 machte <em>Mercedes-Benz<\/em> immer noch einen Nettogewinn von 1,7 Milliarden Euro. Der Knackpunkt: die Marge ist dem Management nicht hoch genug. Sie betrug im dritten Quartal des Vorjahres noch 3,1 Milliarden Euro. Die Umsatzrendite in der dominanten Pkw-Sparte ging von 12,4 auf 4,7 Prozent zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Mit anderen Worten: Die Kapitalisten bekommen den Hals nicht voll<\/strong>. Wenn der Mercedes-Vorstandsvorsitzende Ola K\u00e4llenius im kommenden Februar die Jahresergebnisse f\u00fcr das Gesch\u00e4ftsjahr 2024 vorstellt, erwarten die Anteileigner eine Antwort darauf, wie das Unternehmen auch k\u00fcnftig weiter hohe Aussch\u00fcttungen an der B\u00f6rse garantieren will.<\/p>\n<p>Man muss sich klarmachen, dass innerhalb des Vorstandes st\u00e4ndig ein Machtkampf um die Top-Positionen stattfindet. K\u00e4llenius ist dabei, das F\u00fchrungsgremium umzubauen und zum Beispiel das China-Ressort und den Vertrieb mit seinen Vertrauten zu besetzen, die seine Unternehmensstrategie st\u00fctzen. Diese Nachwuchsmanager m\u00fcssen sich nun beweisen, und das geht nur \u00fcber \u2026 Gewinnmaximierungen.<\/p>\n<p><strong>Neue Kultur des Klassenkampfs<\/strong><\/p>\n<p>Folge: der Ton wird rauer. Der Betriebsrat bei <em>Bosch<\/em> beklagte im Zusammenhang mit den neuesten Abbaupl\u00e4nen einen \u201eKulturbruch\u201c beim Management. Das <em>Handelsblatt<\/em> titelte: \u201eDie netten Jahre in der F\u00fchrung sind vorbei\u201c.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Gefahr w\u00e4re es, wenn die Gewerkschaften auf diesen Kulturwechsel reagieren, in dem man den alten Zeiten nachtrauert und an die \u201eVernunft\u201c des Managements appelliert. Aus Sicht der Unternehmensf\u00fchrungen ist ein ver\u00e4ndertes Verhalten lediglich die folgerichtige Reaktion auf die wachsenden Schwierigkeiten, mehr Profite als die konkurrierenden Unternehmen zu erwirtschaften.<\/p>\n<p><strong>Hinter dem vermeintlichen Kulturbruch steht das Aufeinanderprallen von Klasseninteressen.<\/strong> Sie werden niemals freiwillig etwas von ihren Profiten oder Managergeh\u00e4ltern geben, um f\u00fcr das Allgemeinwohl irgendeinen Standort zu retten. Die einzige Sprache, die die neuen, robusten Manager verstehen ist: Klassenkampf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Marktwirtschaft spielt verr\u00fcckt: Massiver Stellenabbau trotz \u201eFachkr\u00e4ftemangel\u201c Diese Woche treffen sich die Herrschenden der Welt in Davos zum \u201eWeltwirtschaftsforum\u201c. Mit dabei: 60 Staats- und Regierungschefs, sowie 1.600 \u201eWirtschaftsvertreter\u201c. Darunter auch die Chefs deutscher Konzerne. Sie wollen den Eindruck vermitteln: Wir haben das System im Griff. Tats\u00e4chlich rutscht die Wirtschaft immer tiefer in die Stagnationskrise. 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