{"id":8297,"date":"2025-03-30T16:58:45","date_gmt":"2025-03-30T14:58:45","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=8297"},"modified":"2025-03-30T16:58:45","modified_gmt":"2025-03-30T14:58:45","slug":"der-kampf-fuer-den-wiederaufbau-der-syrischen-linken-im-schatten-des-buergerkriegs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2025\/03\/30\/der-kampf-fuer-den-wiederaufbau-der-syrischen-linken-im-schatten-des-buergerkriegs\/","title":{"rendered":"Der Kampf f\u00fcr den Wiederaufbau der syrischen Linken im Schatten des B\u00fcrgerkriegs"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Syrische Sozialisten sprachen mit Anne Alexander \u00fcber die Aussichten f\u00fcr den Widerstand der Arbeiterklasse und den Aufbau einer neuen Linken inmitten zunehmender konfessioneller Spannungen \u2013 und nach langen Jahren der Diktatur und des B\u00fcrgerkriegs.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Drei Monate nach dem Sturz des Diktators Baschar al-Assad steht Syrien am Rande eines erneuten aufflammenden B\u00fcrgerkriegs entlang konfessioneller Linien.\u00a0In der vergangenen Woche kam es zu einer t\u00f6dlichen Spirale bewaffneter Zusammenst\u00f6\u00dfe von Gruppen, die mit dem alten Regime in Verbindung stehen, und den Sicherheitskr\u00e4ften des neuen Regimes. Das neue Regime der bewaffneten islamistischen Gruppe Hai\u02beat Tahrir asch-Scham (Komitee zur Befreiung Syriens \u2013 HTS), die Assad im Dezember gest\u00fcrzt hat, entfesselte eine Welle konfessionell motivierter Morde in der nordwestlichen K\u00fcstenregion. Ihr Ziel war die religi\u00f6se Minderheit der Alawiten, aus der auch die Familie Assad stammt.<\/p>\n<p>\u00bbDie T\u00e4ter durchsuchten H\u00e4user und fragten die Bewohner, ob sie Alawiten oder Sunniten seien, bevor sie sie dementsprechend t\u00f6teten oder verschonten\u00ab, hei\u00dft es in Untersuchungen der Vereinten Nationen.\u00a0Diese Massaker folgten auf Angriffe auf Krankenh\u00e4user in Latakia, Tartus und Baniyas durch bewaffnete M\u00e4nner, die Berichten zufolge mit den Sicherheitskr\u00e4ften des Assad-Regimes in Verbindung stehen.<\/p>\n<p>Zum Verst\u00e4ndnis der heutigen Ereignisse ist die Geschichte der Revolution und Konterrevolution in Syrien ma\u00dfgebend. Die F\u00fchrer des neuen Regimes, darunter Ahmad al-Schar\u2019a, versprachen eine Untersuchung der Morde. Doch viele der in der HTS organisierten bewaffneten Gruppen betrachten die konfessionelle Hetze als eine wichtige Rekrutierungsstrategie. Sie entspricht der Taktik, die das Assad-Regime vor 14 Jahren verfolgte. Assad hat seit dem Jahr 2000 \u00fcber Syrien geherrscht, nachdem er die Macht von seinem Vater \u00fcbernommen hatte.<\/p>\n<p>Doch im M\u00e4rz und April 2011 erhoben sich Zehntausende Syrer, um sich von dieser Diktatur zu befreien. Assad reagierte, indem er einen konfessionellen B\u00fcrgerkrieg entfesselte, der die Einheit des Widerstands untergraben und die Volksrevolution in Blut ertr\u00e4nken sollte. Es folgte \u00fcber ein Jahrzehnt Krieg, in dem imperialistische M\u00e4chte und bewaffnete Gruppen das Land auseinandergerissen haben.<\/p>\n<p>Doch inmitten der Gr\u00e4uel gibt es Hoffnung nach dem Sturz Assads. In Damaskus und Suwayda kam es zu Demonstrationen gegen die konfessionelle Gewalt. Und es regte sich bereits Widerstand gegen die neue Regierung, die neoliberale Reformen wie Privatisierungen und Massenentlassungen vollstreckt. Einen alternativen Weg nach vorn weisen Arbeiterinnen, Arbeiter und Arme, die sich \u00fcber konfessionelle Grenzen hinweg gegen die Spitzenpolitiker organisieren.<\/p>\n<h6><strong>Aufbau einer neuen Linken<\/strong><\/h6>\n<p>Radikale Aktivisten versuchen, breitere B\u00fcndnisse zu schmieden. Sie arbeiten mit Kr\u00e4ften der Linken sowie mit Menschenrechts-, Frauen- und Jugendorganisationen zusammen. Die Str\u00f6mung der Revolution\u00e4ren Linken (RLC), andere linke Parteien und die Vereinigung der Opfer von Verschleppung unterzeichneten im Januar eine Erkl\u00e4rung. Unter der Parole \u203aNein zu Gewalt, Sektierertum und ausl\u00e4ndischen Interventionen\u2039 riefen sie in dieser Erkl\u00e4rung zur Einheit auf.<\/p>\n<p>Das B\u00fcndnis warnt vor Versuchen, die Unterdr\u00fcckung religi\u00f6ser Gruppen und pers\u00f6nliche Abrechnungen unter dem Deckmantel der \u203aEntfernung von Elementen des alten Regimes\u2039 zu vertuschen. Es betont die entscheidende Rolle, die unabh\u00e4ngige politische Parteien, Gewerkschaften und zivilgesellschaftliche Organisationen in den Auseinandersetzungen \u00fcber die Zukunft Syriens spielen.<\/p>\n<p>Syrien drohen viele Gefahren, nicht zuletzt die weiterer ausl\u00e4ndischer Milit\u00e4rinterventionen von allen Seiten \u2013 unter anderem von t\u00fcrkischen Truppen im Norden Syriens und den gro\u00dfen US-St\u00fctzpunkten im Nordosten.<\/p>\n<h6><strong>\u00bbDie pal\u00e4stinensische Sache ist ein Thema von internationaler Bedeutung, aber sie betrifft insbesondere die arabische Nation und Syrien\u00ab<\/strong><\/h6>\n<p>Auch Israel hat seine milit\u00e4rische Kontrolle bis in den S\u00fcden Syriens ausgeweitet, was eine neue Welle des Widerstands und der Solidarit\u00e4tsproteste mit dem syrischen und dem pal\u00e4stinensischen Volk unter israelischer Besatzung ausgel\u00f6st hat.<\/p>\n<p>Adil, ein syrischer sozialistischer Aktivist in der RLC meint:\u00a0\u00bbDie pal\u00e4stinensische Sache ist ein Thema von internationaler Bedeutung, aber sie betrifft insbesondere die arabische Nation und Syrien. Der imperialistische Feind Israel ist ein lebendes Beispiel f\u00fcr das Versagen des tyrannischen kapitalistischen Systems. Angesichts der zahlreichen Verst\u00f6\u00dfe Israels in der Vergangenheit ist es unwahrscheinlich, dass seine Anspr\u00fcche durch seine Verbrechen an den Pal\u00e4stinenserinnen und Pal\u00e4stinensern befriedigt werden. Das wird jetzt durch den Vormarsch der israelischen Armee auf syrisches Gebiet und die Errichtung von Milit\u00e4rst\u00fctzpunkten dort deutlich. Die pal\u00e4stinensische Sache muss f\u00fcr alle in Syrien im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, da Israel eine Bedrohung f\u00fcr die gesamte arabische Welt und eine Verletzung der Rechte unserer pal\u00e4stinensischen Geschwister darstellt.\u00ab<\/p>\n<p>RLC-Aktivisten organisieren sich, um im Rahmen der breiteren Wiederbelebung demokratischer und linker Bewegungen in Syrien eine gr\u00f6\u00dfere und besser verwurzelte revolution\u00e4re sozialistische Organisation aufzubauen.\u00a0Die RLC ist eine sozialistische Partei, die sich w\u00e4hrend Assads Herrschaft im syrischen Untergrund und im Exil organisiert hat. Eine der Herausforderungen, vor denen sozialistische Aktivisten stehen, ist das Vakuum, das durch die Unterdr\u00fcckung jeglicher unabh\u00e4ngiger politischer Aktivit\u00e4t durch das alte Regime entstanden ist. In den kommenden Monaten und Jahren ist es entscheidend, die kleinen Kr\u00e4fte der Linken zu vereinen und f\u00fcr Forderungen zu k\u00e4mpfen, die den einfachen Menschen wichtig sind.<\/p>\n<h6>\u00bbUnsere Befreiung muss vollst\u00e4ndig sein \u2013 Befreiung von der ausl\u00e4ndischen Besatzung und Befreiung von Ungerechtigkeit, Unterdr\u00fcckung und Hunger in Syrien\u00ab<\/h6>\n<p>Adil betont: \u00bbDas Ziel der Linken muss es sein, in der Mehrheit der Provinzen eine Massenbasis unter der syrischen Bev\u00f6lkerung aufzubauen. Sie muss sich auf die lokalen Gemeinden konzentrieren, die normalerweise vergessen werden. Und sie muss linke Ideen verbreiten, die sich auf die aktuelle Situation beziehen. Wir m\u00fcssen daran arbeiten, m\u00f6glichst viele Mitglieder zu gewinnen und B\u00fcndnisse mit verschiedenen Parteien zu bilden, um die gemeinsamen Zielen der syrischen Linken zu verwirklichen.\u00ab<\/p>\n<p>Adil und seine Mitaktivisten Hala und Sami vom RLC sind sich einig, wie wichtig Einheit und Pr\u00e4senz auf der Stra\u00dfe sind. \u00bbZun\u00e4chst m\u00fcssen wir uns mit allen Bev\u00f6lkerungsgruppen in ganz Syrien auf der Stra\u00dfe organisieren und das Vakuum f\u00fcllen\u00ab, sagen sie. \u00bbWir m\u00fcssen das Bewusstsein sch\u00e4rfen und den \u00c4ngsten der Menschen entgegentreten. Wir m\u00fcssen ihnen solide und wirksame Methoden an die Hand geben, mit denen sie ihr Recht auf ein Leben in W\u00fcrde und Freiheit verteidigen k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n<p>Alle drei f\u00fcgen hinzu, dass der Widerstand gegen die israelische Besatzung ein integraler Bestandteil dieses Kampfes ist: \u00bbUnsere Befreiung muss vollst\u00e4ndig sein \u2013 Befreiung von der ausl\u00e4ndischen Besatzung und Befreiung von Ungerechtigkeit, Unterdr\u00fcckung und Hunger in Syrien\u00ab.<\/p>\n<p><strong>Arbeiterinnen und Arbeiter fordern ihre Rechte, w\u00e4hrend neue Politiker die Privatisierung vorantreiben <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>Samir und Hala, zwei Aktivisten der Revolution\u00e4ren Linken Str\u00f6mung, sprachen mit Anne Alexander und Khalid Sidahmed \u00fcber die Organisierung von Arbeitern<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Samir<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Die HTS-Regierung hat sich von Anfang an f\u00fcr eine freie Marktwirtschaft entschieden. Seit vier Monaten werden den Arbeitern keine Geh\u00e4lter mehr ausgezahlt. Zahlreiche Arbeiter wurden willk\u00fcrlich entlassen, ohne dass es Beweise daf\u00fcr gab, dass sie Anh\u00e4nger des Assad-Regimes waren. Daneben wird eine weitere Methode zur Reduzierung der Zahl der Besch\u00e4ftigten genutzt: Zwangsbeurlaubung.<\/p>\n<p>Die Preise sind im Vergleich zu fr\u00fcher deutlich gestiegen. Subventionen f\u00fcr Grundnahrungsmittel wie Brot und \u00d6l wurden gestrichen. Die betroffenen Teile der Arbeiterschaft demonstrierten zun\u00e4chst einzeln. Vor jeder Entscheidung \u00fcber die Streichung eines Arbeitsplatzes demonstrierten sie mit zehn oder zw\u00f6lf Arbeitern.<\/p>\n<p>Nachdem die Arbeiterinnen und Arbeiter erkannt hatten, dass diese Probleme weite Kreise der Bev\u00f6lkerung betrafen und die kleinen Demonstrationen wirkungslos waren, beschlossen sie, ihre Bem\u00fchungen in einer gemeinsamen Aktion \u00fcber alle Regionen und Branchen hinweg zu b\u00fcndeln. Die Demonstrationen fanden nun vor den Geb\u00e4uden des Allgemeinen Gewerkschaftsbundes in den einzelnen Regierungsbezirken statt.<\/p>\n<p>Am 15. Februar begann diese Partnerschaft zu greifen und wurde vor Ort umgesetzt. In mehreren Gebieten, darunter Damaskus, Aleppo, Latakia und Suweida, fanden Demonstrationen statt.<\/p>\n<p>Unter dem alten Regime wurden alle Gewerkschaften vollst\u00e4ndig von der Regierung kontrolliert. Nach dem Sturz Assads erkannten die Arbeiter, dass sie sich wieder organisieren konnten, um gemeinsame Rechte einzufordern. Die Strukturen der alten Gewerkschaften bestehen weiterhin und sind aktiv bei der Organisation von Diskussionsveranstaltungen und Protesten. Viele der an den aktuellen Demonstrationen teilnehmenden Arbeiterinnen und Arbeiter sind Gewerkschaftsmitglieder.<\/p>\n<p>Doch die Gewerkschaftsf\u00fchrungen reagieren nicht, weil die neue Regierung die Funktion\u00e4re des alten Regimes einfach durch ihre eigenen Gefolgsleute ersetzt hat. Vor dem Sturz Assads w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs gab es zwar einige Diskussionen innerhalb der Gewerkschaften, doch wurden sie nie zu Protesten. Die Proteste beschr\u00e4nkten sich gr\u00f6\u00dftenteils auf die von der Opposition kontrollierten Gebiete, wie etwa die Umgebung von Aleppo und sp\u00e4ter Suweida. In diesen Gebieten spielten die Gewerkschaften bei den Protesten eine koordinierende Rolle.<\/p>\n<p>Wir konnten eine Beteiligung von Berufsverb\u00e4nden aus Suweida, der Anwaltskammer aus Gebieten unter Kontrolle der vormaligen Opposition, der Lehrergewerkschaft und der Gewerkschaft der M\u00fcllarbeiter verzeichnen.<\/p>\n<p>Diese Gewerkschaften hatten einige Erfahrung mit der Organisation von Protesten und Streiks f\u00fcr h\u00f6here L\u00f6hne, bessere Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten und andere dringende Arbeitsfragen. In den l\u00e4nger vom alten Regime kontrollierten Gebieten fehlte ein solcher Aktivismus jedoch v\u00f6llig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hala<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin der Meinung, dass die Gewerkschaften heute alle Fragen ansprechen sollten, die die Arbeitnehmer betreffen. Sie sollten nicht nur ihre Lebensbedingungen aufgreifen, sondern auch soziale Fragen.<\/p>\n<p>Wir als Arbeiterinnen und Arbeiter sollten die Gewerkschaften als Instrument nutzen, um f\u00fcr alle Anliegen zu k\u00e4mpfen. Insbesondere w\u00e4hrend der Kriegsjahre waren syrische Frauen \u00fcberall pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>Bei den Arbeiterdemonstrationen am 15. Februar waren ebenfalls viele Frauen vertreten, sogar in der unabh\u00e4ngigen Gewerkschaft, in der wir jetzt aktiv sind.<\/p>\n<p>Es gibt junge Aktivistinnen. Ich kann nicht sagen, dass jemand Erfahrung mit Gewerkschaftsarbeit in Syrien hat, weil wirkliche Gewerkschaftsarbeit unter Assad nie in Angriff genommen worden ist.<\/p>\n<p>Aber immerhin gibt es jetzt den Wunsch und die Motivation, und viele Frauen nehmen \u00fcberall teil. Das ist ehrlich gesagt ermutigend.<\/p>\n<p>Vielleicht liegt es am Krieg und daran, dass Frauen \u00fcberall gearbeitet haben, dass sich unsere Rolle vor Ort praktisch nicht von denen der M\u00e4nner unterscheidet.<\/p>\n<p>Zu wissen, dass wir nicht allein sind, ist entscheidend. Die Beh\u00f6rden nutzen die vom Regime geschaffenen Abgrenzungslinien aus und versuchen, die Arbeiterklasse entlang konfessioneller und ethnischer Grenzen zu spalten. Die Solidarit\u00e4t von Genossinnen und Genossen au\u00dferhalb Syriens verleiht uns Legitimit\u00e4t und ein Gef\u00fchl der Einheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Syrische Sozialisten sprachen mit Anne Alexander \u00fcber die Aussichten f\u00fcr den Widerstand der Arbeiterklasse und den Aufbau einer neuen Linken inmitten zunehmender konfessioneller Spannungen \u2013 und nach langen Jahren der Diktatur und des B\u00fcrgerkriegs. 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