{"id":8422,"date":"2025-05-23T16:15:14","date_gmt":"2025-05-23T14:15:14","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=8422"},"modified":"2025-05-27T20:43:17","modified_gmt":"2025-05-27T18:43:17","slug":"wie-dieses-land-von-migrantinnen-und-migranten-aufgebaut-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2025\/05\/23\/wie-dieses-land-von-migrantinnen-und-migranten-aufgebaut-wurde\/","title":{"rendered":"Wie dieses Land von Migrantinnen und Migranten aufgebaut wurde"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Im letzten Bundestagswahlkampf haben sich mal wieder fast alle Parteien mit Vorschl\u00e4gen zur Begrenzung von Migration \u00fcberboten. Der CDU-Spitzenkandidat und neue Bundeskanzler Merz versuchte sogar ein Gesetz zusammen mit der faschistischen AfD durchzubringen, das den Familiennachzug massiv einschr\u00e4nkt. Systematisch wird der Eindruck gesch\u00fcrt, Migration sei ein Problem, eine Belastung oder gar eine Gefahr. Das Gegenteil ist der Fall, meint <\/em><\/strong><strong>Lukas Weber<em>.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Verfolgt man die Debatten \u00fcber Migration in den letzten Jahren, so entsteht schnell der Eindruck, ein unkontrollierter Zustrom von Menschen stelle den Staat und die Gesellschaft vor nahezu unl\u00f6sbare Probleme. Im Herbst 2023 erkl\u00e4rte der damalige Bundeskanzler Scholz, man m\u00fcsse jetzt \u201eendlich im gro\u00dfen Stil abschieben\u201c. Die neue Koalition will nun auf Druck von Kanzler Merz strengere Grenzkontrollen durchf\u00fchren und den Familiennachzug beschneiden.<\/p>\n<p>Alle scheinen sich einig zu sein: Migration muss dringend begrenzt werden \u2013 vor allem dadurch, dass man es den hier lebenden Migrantinnen und Migranten das Leben so schwer und unangenehm wie m\u00f6glich macht. Dies w\u00fcrde \u201eabschrecken\u201c.<\/p>\n<p><strong>Dabei zeigt ein Blick auf die wirtschaftliche und soziale Realit\u00e4t in Gegenwart und Vergangenheit: Migration ist kein Problem, sondern oft Motor f\u00fcr gesellschaftliche Entwicklung.<\/strong><\/p>\n<p>Auch Deutschland ist in seiner Geschichte immer wieder von Einwanderung und der Integration neuer Gruppen gepr\u00e4gt worden.<\/p>\n<p><strong>Migration als Teil der deutschen Wirtschaftsgeschichte<\/strong><\/p>\n<p>Die arbeitende Klasse hat Deutschland aufgebaut \u2013 darunter ganze Generationen von Einwanderern. Sie kommen seit Jahrhunderten in gro\u00dfer Zahl nach Deutschland, wurden integriert und selbst zu Einheimischen.<\/p>\n<p>So wanderten im 19. Jahrhundert hunderttausende Polen und Italiener ins Deutsche Kaiserreich ein. Im Ruhrgebiet allein lebten etwa 300.000 so genannte \u201eRuhrpolen\u201c, wie sie damals genannt wurden. Diese Eingewanderten assimilierten sich rasch und wurden bald ununterscheidbarer Teil der deutschen Arbeiterklasse. Bei Namen wie \u201eKowalski\u201c oder \u201eNowak\u201c denken heute die wenigsten an \u201eAusl\u00e4nder\u201c. Ohne sie w\u00e4re der Aufstieg des modernen Kapitalismus in Deutschland kaum denkbar gewesen.<\/p>\n<p><strong>Wirtschaftswunder und Vertragsarbeiter<\/strong><\/p>\n<p>Auch das sogenannte \u201eWirtschaftswunder\u201c im Westdeutschland der 1950er und 1960er Jahre h\u00e4tte es ohne migrantische Arbeit nicht gegeben. Die deutsche Wirtschaft brauchte nach den Zerst\u00f6rungen des Zweiten Weltkriegs dringend Arbeitskr\u00e4fte, um den Wiederaufbau zu meistern und die Industrieproduktion zu steigern. Die L\u00f6sung war die Anwerbung von sogenannten \u201eGastarbeitern\u201c aus S\u00fcd- und S\u00fcdosteuropa, insbesondere aus der T\u00fcrkei, Italien, Griechenland und Jugoslawien.<\/p>\n<p>Durch sogenannte Anwerbeabkommen kamen bis 1973 rund 14 Millionen Menschen zum Arbeiten nach Westdeutschland, etwas mehr als elf Millionen von ihnen gingen wieder in ihre Heimat zur\u00fcck. Die Zahl der ausl\u00e4ndischen Besch\u00e4ftigten in der Bundesrepublik verneunfachte sich von 1960 bis 1973 \u2013 von gut 280.000 auf rund 2,6 Millionen.<\/p>\n<p>In Ostdeutschland gab es das gleiche Ph\u00e4nomen. Es kamen Hunderttausende sogenannter Vertragsarbeiter aus Angola, Mosambik, Vietnam oder Algerien.<\/p>\n<p><strong>Diese Arbeitskr\u00e4fte \u00fcbernahmen oft die schwersten und am schlechtesten bezahlten Arbeiten, die einheimische Arbeiter nicht mehr erledigen wollten. Sie zahlten Steuern, leisteten Sozialabgaben und trugen entscheidend zum Wachstum des gesellschaftlichen Wohlstands bei.<\/strong><\/p>\n<p>Doch anstelle von Anerkennung ernteten sie h\u00e4ufig Undank. Als 1973 in Westdeutschland die erste tiefe Wirtschaftskrise einbrach, und sp\u00e4ter 1989 die DDR zusammenbrach, machten rechte Kr\u00e4fte und Medien wie die BILD-Zeitung die \u201eGast- bzw. Vertragsarbeiter\u201c zu S\u00fcndenb\u00f6cken f\u00fcr die Krisenerscheinungen. Viele wurden aus Deutschland herausgedr\u00e4ngt.<\/p>\n<p><strong>Milliardenbeitr\u00e4ge f\u00fcr das Sozialsystem<\/strong><\/p>\n<p>Heute ist der Bedarf nach ausl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4ften auf einem H\u00f6chststand. Unternehmen suchen h\u00e4nderingend nach Fachkr\u00e4ften. Die geburtenstarken Jahrg\u00e4nge von 1955 bis 1970 scheiden nach und nach aus dem Erwerbsleben aus. Dadurch werden laut eines Berichts des Instituts f\u00fcr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) allein bis 2035 voraussichtlich 7,2 Millionen Menschen weniger dem Arbeitsmarkt zur Verf\u00fcgung stehen. Der Bericht geht davon aus, dass j\u00e4hrlich 400.000 Migrantinnen und Migranten <strong><em>zus\u00e4tzlich<\/em><\/strong> in den deutschen Arbeitsmarkt integriert werden m\u00fcssten, um die Lage zu stabilisieren.<\/p>\n<p>Auch die Bundesregierung best\u00e4tigt dies. Sie konstatiert, dass im letzten Jahrzehnt der Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Jobs haupts\u00e4chlich auf Zugewanderte zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. So gingen 60 % des Besch\u00e4ftigungswachstums von 2013 bis Ende 2023 auf \u201eAusl\u00e4nder\u201c zur\u00fcck; im Zeitraum von 2018 bis 2023 sogar 89 %.<\/p>\n<p>Ohne die Arbeitsmigration w\u00e4ren die Sozialsysteme bedroht. Je 10.000 einwandernder Arbeitskr\u00e4fte geht die Bundesregierung von Mehreinnahmen der Sozialversicherung in H\u00f6he von insgesamt 164 Millionen Euro aus.<\/p>\n<p><strong>Absurde Abschiebedebatten<\/strong><\/p>\n<p>Diese Fakten sind unbestritten. Und doch h\u00f6ren wir aus dem Lager der Bundesregierung fast immer nur von Abschiebungen. Die ganze Absurdit\u00e4t wurde deutlich, als Jens Spahn (CDU) am ersten Tag nach dem Fall des Assad-Regimes in Syrien die Ausweisung syrischer Fl\u00fcchtlinge forderte.<\/p>\n<p><strong>Spahns Vorsto\u00df war nicht nur menschenverachtend. Er ging auch v\u00f6llig an der wirtschaftlichen Realit\u00e4t vorbei. Obgleich viele Syrerinnen und Syrer erst recht kurz in Deutschland sind, haben heute bereits rund 222.000 von ihnen in Deutschland einen sozialversicherungspflichtigen Job.<\/strong><\/p>\n<p>Das entspricht einer Besch\u00e4ftigungsquote, die sich der normalen Quote ann\u00e4hert. Fast die H\u00e4lfte arbeitet als Fachkr\u00e4fte. Gut jeder Zehnte ist ein qualifizierter Spezialist, z. B. Arzt. Gerade im Gesundheitssektor sind syrische Arbeitskr\u00e4fte mittlerweile unverzichtbar.<\/p>\n<p>Die Realit\u00e4t ist: Sollten wirklich massive Abschiebewellen durchgef\u00fchrt werden oder sogar die sogenannte \u201eRemigration\u201c von Millionen Menschen, von der die AfD tr\u00e4umt, dann w\u00fcrde die deutsche Wirtschaft v\u00f6llig zusammenbrechen. Das wissen auch die Herrschenden in Politik und Wirtschaft. Aber ihre Haltung zu Migranten ist widerspr\u00fcchlich.<\/p>\n<p><strong>Heuchelei: Anwerben und Ausgrenzen<\/strong><\/p>\n<p>Die zwiesp\u00e4ltige Herangehensweise der Herrschenden an Migration zeigt sich in den sogenannten \u201eMigrationsabkommen\u201c, die die Bundesregierung seit einigen Jahren mit Staaten vor allem im globalen S\u00fcden abschlie\u00dft. Daf\u00fcr wurde 2023 eigens das Amt des Sonderbevollm\u00e4chtigten f\u00fcr Migrationsabkommen im Bundesinnenministerium eingerichtet. Die Abkommen dienen einerseits der schnelleren und vereinfachten Anwerbung von Fachkr\u00e4ften aus den Partnerl\u00e4ndern und beinhalten andererseits Klauseln zur Wiederaufnahme von Migranten, die Deutschland abschieben m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Ein besonderes Ma\u00df an Heuchelei zeigt sich bei den gro\u00dfen etablierten Parteien wie CDU, SPD und B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen. W\u00e4hrend sie einerseits gezielt Anwerbeabkommen mit L\u00e4ndern des globalen S\u00fcdens schlie\u00dfen, um dringend ben\u00f6tigte Fachkr\u00e4fte ins Land zu holen \u2013 sei es f\u00fcr Krankenh\u00e4user, Pflegeeinrichtungen oder die Bauwirtschaft \u2013 beteiligen sie sich zugleich aktiv an einer migrationsfeindlichen Rhetorik. Sie fordern mehr Abschiebungen, versch\u00e4rfte Grenzkontrollen und schrecken nicht davor zur\u00fcck, Migranten pauschal als kriminell und gef\u00e4hrlich darzustellen.<\/p>\n<p><strong>Diese Doppelstrategie dient allein der Absicherung kapitalistischer Interessen: Fachkr\u00e4fte werden selektiv als \u00f6konomisch verwertbare Ressourcen betrachtet, w\u00e4hrend andere Migrantinnen als S\u00fcndenb\u00f6cke f\u00fcr gesellschaftliche Missst\u00e4nde herhalten m\u00fcssen. <\/strong><\/p>\n<p>Die Kapitalisten wollen zwar die migrantischen Arbeitskr\u00e4fte hier haben, aber sie wollen Solidarit\u00e4t zwischen einheimischen und eingewanderten Arbeitern durch rassistische Spaltung verhindern. Es ist eine klassische \u201eTeile und Herrsche\u201c-Taktik, die Solidarit\u00e4t unter den Lohnabh\u00e4ngigen untergr\u00e4bt \u2013 zum Vorteil der herrschenden Klasse, die so den Widerstand gegen schlechte Arbeitsbedingungen oder niedrige L\u00f6hne schw\u00e4cht.<\/p>\n<p><strong>Arbeiterklasse: Nur gemeinsam stark<\/strong><\/p>\n<p>Wer gegen Migration argumentiert, verteidigt nicht die Interessen der arbeitenden Klasse in Deutschland, wie Sahra Wagenknecht meint, sondern die der Kapitalbesitzer. Denn nur diese profitieren von der Spaltung der Gesellschaft. Die Geschichte zeigt immer wieder, dass die Lohnabh\u00e4ngigen nur gewinnen k\u00f6nnen, wenn sie sich nicht spalten lassen und gemeinsam f\u00fcr h\u00f6here L\u00f6hne oder bessere Arbeitsbedingungen k\u00e4mpfen \u2013 unabh\u00e4ngig von Herkunft oder Nationalit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Daher begr\u00fc\u00dfen wir alle Zugewanderten als Kolleginnen und Kollegen im Klassenkampf. Denn wir sind eine Klasse und nur gemeinsam stark.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im letzten Bundestagswahlkampf haben sich mal wieder fast alle Parteien mit Vorschl\u00e4gen zur Begrenzung von Migration \u00fcberboten. Der CDU-Spitzenkandidat und neue Bundeskanzler Merz versuchte sogar ein Gesetz zusammen mit der faschistischen AfD durchzubringen, das den Familiennachzug massiv einschr\u00e4nkt. Systematisch wird der Eindruck gesch\u00fcrt, Migration sei ein Problem, eine Belastung oder gar eine Gefahr. 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