{"id":8439,"date":"2025-05-31T17:12:30","date_gmt":"2025-05-31T15:12:30","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=8439"},"modified":"2025-05-31T17:12:30","modified_gmt":"2025-05-31T15:12:30","slug":"wie-die-frauenunterdrueckung-entstanden-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2025\/05\/31\/wie-die-frauenunterdrueckung-entstanden-ist\/","title":{"rendered":"Wie die Frauenunterdr\u00fcckung entstanden ist"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Gleichstellung von Mann und Frau \u2013 wie kommen wir dahin? Das Problem beginnt bereits mit der Erkl\u00e4rung der Ungleichheit. Vor gut 140 Jahren hat Friedrich Engels mit seiner Schrift \u203aDer Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats\u2039 eine bahnbrechende, marxistische Erkl\u00e4rung geliefert. Sie hat zu Beginn der 1970er Jahre erst eine Renaissance erlebt, ehe sie mit dem Rechtsschwenk der damaligen Frauenbewegung massiver Kritik ausgesetzt war. Chris Harman gleicht Engels\u2019 Thesen mit dem heutigen Forschungsstand ab<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Nach Marx\u2019 Tod 1883 verbrachte Friedrich Engels seine Zeit mit leidenschaftlicher Arbeit. Er nahm sich die Schreibhefte vor, die Marx mit ethnographischen No\u00adtizen gef\u00fcllt hatte, und schrieb auf dieser Grund\u00adla\u00adge <em>Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats<\/em>, das 1884 zum ersten Mal erschienen ist. Das Buch ist eine der am meisten missbrauchten mar\u00adxistischen Grundlagentexte. Jeder, der in den ver\u00adgan\u00adgenen 60 Jahren Soziologie oder Anthropologie stu\u00addiert hat, wird sie als \u203averalteten Unsinn\u2039 und \u203aun\u00adse\u00adri\u00f6s\u2039 vorgestellt bekommen haben.<\/p>\n<p>Das Buch enth\u00e4lt Fehler. Wie Engels selbst schrieb, be\u00adruht es auf dem mageren ethnographischen Ma\u00adte\u00adri\u00adal, das 1884 zug\u00e4nglich war; inzwischen sind auf die\u00adsem Gebiet viele Studien ver\u00f6ffentlicht worden. Des\u00adhalb enthalten Engels\u2019 Schlussfolgerungen zwangs\u00adl\u00e4ufig Fehler. Mehr noch, er untersuchte Ge\u00adsell\u00adschaften der fr\u00fchen Geschichte, \u00fcber die wenig Wis\u00adsen vorhanden war, um R\u00fcckschl\u00fcsse auf Ge\u00adsell\u00adschaf\u00adten der Vorgeschichte zu ziehen, von denen \u00fcber\u00adhaupt keine Kenntnisse existierten.<\/p>\n<h6>Frauenunterdr\u00fcckung \u2013 ein \u00fcberwindbares \u00dcbel<\/h6>\n<p>Aber Engels\u2019 wirkliches \u203aVergehen\u2039 besteht darin, dass er drei Thesen von immenser Bedeutung ent\u00adwi\u00adckelt hat: <strong>a)<\/strong> Frauenunterdr\u00fcckung ist keine all\u00adge\u00admein\u00adg\u00fcltige Erscheinung der menschlichen Natur, son\u00addern hat ihre materiellen Wurzeln in der vor\u00adherr\u00adschen\u00adden Familienform. <strong>b)<\/strong> Die Familie selbst ist nicht unver\u00e4nderlich, und wir k\u00f6nnen zur\u00fcckblicken auf Gesellschaften, in denen die Familie, wie wir sie ken\u00adnen, gar nicht existiert hat, ebenso wenig die Frau\u00adenunterdr\u00fcckung. <strong>c)<\/strong> Die Entwicklung zur Fa\u00admi\u00adlie als Unterdr\u00fcckungseinheit fiel zusammen mit dem Entstehen der Klassengesellschaft.<\/p>\n<p>Der Inhalt dieser drei Behauptungen ist re\u00advo\u00adlu\u00adtio\u00adn\u00e4r. Aus ihnen folgt, dass Frauenunterdr\u00fcckung kein Re\u00adsultat von Biologie oder dem Verhalten einzelner M\u00e4n\u00adner ist, sondern eines der Klassengesellschaft. Die Befreiung der Frau wird so zur erreichbaren M\u00f6g\u00adlichkeit. Sie kann aber nicht durch die Reform des heutigen Systems oder die Isolation der Frauen von den M\u00e4nnern erreicht werden. Daf\u00fcr ist die Be\u00adsei\u00adtigung der Klassengesellschaft durch eine so\u00adzia\u00adlis\u00adti\u00adsche Revolution erforderlich.<\/p>\n<p>Wie stehen diese drei Behauptungen im Licht der heu\u00adtigen Erkenntnisse da? Wir verf\u00fcgen \u00fcber die Ar\u00adch\u00e4o\u00adlogie und die Anthropologie. Beide haben nur be\u00adgrenzten Wert f\u00fcr uns. Arch\u00e4ologische Zeugnisse be\u00adstehen aus den materiellen \u00dcberbleibseln von Ge\u00adsell\u00adschaften, die vor vielen tausend oder sogar Mil\u00adlio\u00adnen Jahren existiert haben. Sie k\u00f6nnen uns \u00fcber den K\u00f6r\u00ad\u00adperbau der ersten menschlichen Wesen Auskunft ge\u00ad\u00adben und \u00fcber einen Teil ihrer Nahrung. Aber \u00fcber be\u00adstimmte Schl\u00fcsselelemente ihres Lebens geben sie we\u00adnig Aufschluss, z. B. \u00fcber h\u00f6lzerne oder textile Werk\u00adzeuge und handwerklich erzeugte Gegenst\u00e4nde, \u00fcber pflanzliche Nahrung, \u00fcber ihre Sprache und My\u00adthologie.<\/p>\n<p>So m\u00fcssen wir auf der Basis dieser k\u00e4rglichen Zeug\u00adnis\u00adse Verallgemeinerungen zum Verh\u00e4ltnis dieser Men\u00adschen zur Natur und zueinander treffen. Trotz\u00addem gibt es einige Schl\u00fcsse, die wir mit einiger Si\u00adcher\u00adheit ziehen k\u00f6nnen. Der wichtigste betrifft die ma\u00adterielle Versorgungsweise dieser Menschen.<\/p>\n<h6>Gesellschaften ohne Frauenunterdr\u00fcckung<\/h6>\n<p>Bis vor etwa 10 000 Jahren beruhten alle mensch\u00adli\u00adche Gesellschaften auf dem Sammeln und Jagen. Werk\u00adzeuge wurden benutzt, um den t\u00e4glichen Bedarf an Nahrungsmitteln, Kleidung und Unterkunft zu be\u00adschaf\u00adfen. Die Quellen mussten in der unmittelbaren Um\u00adgebung aufgetrieben werden: N\u00fcsse, Wildfr\u00fcchte und Wurzeln auf der einen, wildlebende Tiere auf der an\u00adderen Seite. Weil die vorhandene Menge pflanz\u00adli\u00adcher und tierischer Nahrungsmittel an einem Ort be\u00adgrenzt war, war auch die Anzahl der Menschen be\u00adgrenzt, die als Gruppe zusammenleben konnten. Und weil die Nahrungsquellen nach einer bestimmten Frist ersch\u00f6pft waren, mussten die Gruppen in kur\u00adzen Abst\u00e4nden von einem Ort zum n\u00e4chsten ziehen. Un\u00adter solchen Bedingungen konnten sie nur kleine Men\u00adgen von Werkzeugen oder Vorr\u00e4ten anh\u00e4ufen.<\/p>\n<p>Das war die Periode der Vorgeschichte, die Engels nach Morgan und anderen Forschern des 19. Jahr\u00adhun\u00adderts die \u203aWildheit\u2039 nannte. Etwa 90 Prozent der Ent\u00adwicklungsgeschichte des Menschen m\u00fcssen zu die\u00adser Periode gerechnet werden (vielleicht sogar mehr als 99,5 Prozent, wenn man diejenigen unserer fr\u00fc\u00adhen Vorfahren mit einbezieht, deren Merkmale eher menschlich als affen\u00e4hnlich waren.<\/p>\n<p>Wenn es eine biologisch bestimmte \u203amenschliche Na\u00adtur\u2039 gibt, muss sie sich in dieser Periode aus\u00adge\u00adformt haben (weswegen die Formen des mensch\u00adli\u00adchen Zusammenlebens und die Ge\u00adschlech\u00adter\u00adver\u00adh\u00e4lt\u00adnis\u00adse in dieser Periode eine wichtige Grundlage f\u00fcr al\u00adle heutigen Diskussionen zum Thema \u203aNatur und Ge\u00adsellschaft\u2039 bilden).<\/p>\n<h6>\u00dcberg\u00e4nge<\/h6>\n<p>Vor ungef\u00e4hr 10 000 Jahren entdeckten dannn V\u00f6l\u00adker in einigen Teilen der Erde, dass sich regelm\u00e4\u00dfige Ern\u00adten einfahren lassen, wenn man die wilde Ve\u00adge\u00adta\u00adtion abbrennt, um dann Samenk\u00f6rner in den Boden zu stecken, der zuvor entweder mit einer Art Hacke auf\u00adgekratzt worden ist oder in den man mit einem Stock L\u00f6cher gebohrt hatte. So unvollkommen die ur\u00adspr\u00fcng\u00adlichen Techniken gewesen sein m\u00f6gen: Sie f\u00fchr\u00adten zu einer gewaltigen Steigerung der Pro\u00adduk\u00adti\u00advi\u00adt\u00e4t im jeweiligem Siedlungsgebiet.<\/p>\n<p>Die menschlichen Ansiedlungen mussten jetzt nur noch verlegt werden, wenn die Fruchtbarkeit des Bo\u00addens ersch\u00f6pft war \u2013 eher im Abstand von Jahren als dem von Monaten. Jetzt war es sinnvoll, viel Arbeit in die Herstellung von entwickelten Werkzeugen zu ste\u00adcken, auch wenn sie schwer zu tragen waren, da man sie nicht mehr so h\u00e4ufig transportieren musste. Von nun an steckten die Menschen viel Arbeit in die Her\u00adstellung von Tongef\u00e4\u00dfen. Das wiederum erlaubte ih\u00adnen, Nahrungsmittel in einem Ausma\u00df zu lagern, das vorher unerreichbar war.<\/p>\n<p>Die gesteigerte und zuverl\u00e4ssige Nah\u00adrungs\u00admit\u00adtel\u00adver\u00adsor\u00adgung versetzte sie in die Lage, vergleichsweise gro\u00ad\u00dfe Tiere in ihrer Umgebung zu halten und zu z\u00e4hmen (Scha\u00adfe, Ziegen, Schweine, Rinder usw.).<\/p>\n<p>Die Anzahl, in der Menschen im Schnitt zu\u00adsam\u00admen\u00adleb\u00adten, lag nun viel h\u00f6her: Sie war nicht mehr be\u00adgrenzt durch die wild wachsenden Nahrungsmittel, die man vorfand \u2013 im Gegenteil, eine gr\u00f6\u00dfere Be\u00adv\u00f6l\u00adke\u00adrung konnte das Land in gewissen Grenzen in\u00adten\u00adsi\u00adver bearbeiten und den Ernteertrag erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Die Arch\u00e4ologie liefert Zeugnisse \u00fcber eine andere wich\u00adtige Ver\u00e4nderung, die zum gleichen Zeitpunkt ein\u00adtritt. Zum ersten Mal gibt es Vorr\u00e4te an Waffen, die aus\u00addr\u00fccklich zum T\u00f6ten anderer Menschen be\u00adstimmt sind. Der Krieg, den eine Gruppe von Men\u00adschen gegen eine andere anf\u00e4ngt, verspricht ab jetzt ei\u00adne lohnende Beute: die Kontrolle \u00fcber das frucht\u00adbare Land der anderen und ihre Nahrungs- und Werk\u00ad\u00adzeugvorr\u00e4te.<\/p>\n<p>Diese Gesellschaften (den heutigen Anthropologen als \u203aGartenbaugesellschaften\u2039 bekannt und denen, die sich an den Begrifflichkeiten von Morgan und En\u00adgels orientieren, als \u203aUnterstufe der Barbarei\u2039) durch\u00adlie\u00adfen ihrerseits an manchen Orten eine weitere Ent\u00adwick\u00adlung. Die Menschen entdeckten, wie sie die Mus\u00adkelkraft bestimmter domestizierter Tiere mit ei\u00adnem verbesserten h\u00f6lzernen Werkzeug zur Bo\u00adden\u00adbe\u00adar\u00adbeitung verbinden konnten, dem Pflug. Das Er\u00adgeb\u00adnis war eine weitere erhebliche Steigerung der land\u00adwirt\u00adschaftlichen Produktivit\u00e4t. Mit der Bereitstellung aus\u00adreichender Nahrungsmittel konnten noch gr\u00f6\u00dfere mensch\u00adliche Siedlungen entstehen und noch gr\u00f6\u00dfere Tier\u00adherden unterhalten werden, w\u00e4hrend viel mehr mensch\u00adliche Arbeitskraft f\u00fcr die Herstellung von Werk\u00adzeugen und handwerklichen Gegenst\u00e4nden frei wurde.<\/p>\n<p>Dieses Stadium der systematischen Landwirtschaft (oder nach Morgan und Engels: der \u203aOberstufe der Bar\u00adbarei\u2039) bildete die materielle Grundlage f\u00fcr die He\u00adrausbildung von St\u00e4dten, nicht-land\u00adwirt\u00adschaft\u00adli\u00adchen Berufen, der ersten Schriftformen, \u203ahaupt\u00adbe\u00adruf\u00adli\u00adchen\u2039 Soldaten und Priestern \u2013 kurz, die Epoche der Zi\u00advilisation.<\/p>\n<p>Die \u00dcberg\u00e4nge vom Sammeln und Jagen zum Gar\u00adten\u00adbau, vom Gartenbau zur eigentlichen Land\u00adwirt\u00adschaft und von ihr zur Zivilisation ereigneten sich nicht \u00fcberall. Tats\u00e4chlich lebte ein gro\u00dfer Teil der Men\u00adschen auf der Erde unter materiellen Be\u00addin\u00adgun\u00adgen, die sich kaum von den Vorl\u00e4ufern der Zi\u00advi\u00adli\u00adsa\u00adtion unterschieden, bis der Kapitalismus ausgehend von Westeuropa seine Fangarme nach allen bis dahin exis\u00adtierenden Gesellschaften ausstreckte.<\/p>\n<p>Die Ethnologie (die vergleichende V\u00f6lkerkunde) ist der Versuch, eine Wissenschaftschaft zu entwickeln, die auf der Beobachtung dieser sogenannten \u203apri\u00admi\u00adti\u00adven\u2039 Gesellschaften beruht, um aus ihr allgemeine theo\u00adretische Schl\u00fcsse zu ziehen. Diese Beo\u00adbach\u00adtun\u00adgen und Schlussfolgerungen wurden genutzt, um Aus\u00adsagen \u00fcber den Charakter vorgeschichtlicher Ge\u00adsell\u00adschaften zu treffen.<\/p>\n<p>Der amerikanische Ethnologe Morgan und der von ihm beeinflusste Engels waren zwar die ersten, die die\u00adse Herangehensweise nutzten, aber die meisten Leu\u00adte, die im letzten halben Jahrhundert denselben Weg beschritten, haben behauptet, Engels Auf\u00adfas\u00adsun\u00adgen zu Frauenunterdr\u00fcckung und Familie seien durch Tatsachen widerlegt.<\/p>\n<p>So vertritt der US-amerikanische Anthropologe Lin\u00adton die Ansicht, die Familie sei eine unver\u00e4nderliche Er\u00adscheinung aller Gesellschaften, die sogar bei den h\u00f6\u00adher entwickelten Affen vorkomme. Die sehr ein\u00adfluss\u00adreichen britischen Anthropologen Bronis\u0142aw Ma\u00adlinowski und Evans Pritchard versuchen, dasselbe zu belegen. Pritchard besteht darauf, dass \u00bbM\u00e4nner un\u00adgeachtet der Formen sozialer Strukturen [Frauen] im\u00admer \u00fcberlegen sind\u00ab.<\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Anthropologe Levi-Strauss beharrt auf der Allgemeing\u00fcltigkeit der m\u00e4nnlichen Vor\u00adherr\u00adschaft. Das begr\u00fcndet er mit dem in vielen vor\u00adzi\u00advi\u00adli\u00adsier\u00adten Gesellschaften geltenden Inzesttabu, dessen Re\u00adgeln er als \u00bbRegeln f\u00fcr den Frauentausch durch M\u00e4n\u00adner\u00ab versteht.<\/p>\n<p>Einige \u203amarxistische\u2039 Anthropologenen haben diese Be\u00adhauptungen zum Anlass genommen, Engels zu \u203awi\u00adderlegen\u2039. Maurice Godelier argumentiert so: \u00bbWir k\u00f6n\u00adnen annehmen, dass die Arbeit von M\u00e4nnern in je\u00adder Gesellschaft h\u00f6her bewertet wird als die von Frauen\u00ab, und der Ethnologe Maurice Bloch bestreitet die Existenz von Gesellschaften, in denen \u00bbFrauen M\u00e4n\u00adnern gleichgestellt oder keine Klassen vor\u00adhan\u00adden waren\u00ab.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich haben separatistische Ra\u00addi\u00adkal\u00adfe\u00admi\u00adnis\u00adtin\u00adnen wie Firestone, Ortner und Rosaldo dasselbe Grund\u00adargument \u00fcbernommen, nach dem M\u00e4nner im\u00admer die Herrschaft ausge\u00fcbt h\u00e4tten und es immer tun w\u00fcrden, solange sich die Frauen nicht von ihnen trenn\u00adten.<\/p>\n<p>Aber dieser Umgang mit den Erkenntnissen ist aus zwei Gr\u00fcnden unzul\u00e4ssig. Zun\u00e4chst k\u00f6nnen die \u203apri\u00admi\u00adtiven\u2039 Gesellschaften, die heute noch bestehen, nicht einfach mit den vor 5000 \u2013 10 000 Jahren exis\u00adtie\u00adren\u00adden Gesellschaften gleichgesetzt werden. Sie ha\u00adben sich seitdem immer wieder ver\u00e4ndert. Einige der Wild\u00adbeutergesellschaften, die es heute noch (etwa im Ama\u00adzonas-Gebiet) gibt, waren einst Gar\u00adten\u00adbau\u00adge\u00adsell\u00adschaften, die in ihrer Entwicklung zur\u00fcckgefallen sind. Einige V\u00f6lker, die in landwirtschaftlichen Ge\u00adsell\u00adschaften leben, sind die Nachfahren un\u00adter\u00adge\u00adgan\u00adge\u00adner Zivilisationen.<\/p>\n<p>Das gleichzeitige Bestehen von Gesellschaften, die auf einer entwickelteren Produktionsweise beruhen, hat zwangsweise alle benachbarten \u203aprimitiven\u2039 Ge\u00adsell\u00adschaften beeinflusst. Angesichts des Drucks von Gar\u00adtenbau-, landwirtschaftlichen und \u203azivilisierten\u2039 Ge\u00adsellschaften haben sich Wildbeutergesellschaften f\u00fcr gew\u00f6hnlich nur in extremen Randgebieten (der Ark\u00adtis, der Kalahari- und der australischen W\u00fcste und den tropischen Regenw\u00e4ldern) halten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt sind alle drei Formen der vor\u00adzi\u00advi\u00adli\u00adsier\u00adten Gesellschaften mehr oder weniger in den Welt\u00admarkt integriert worden: J\u00e4ger verkaufen Tierfelle an ka\u00ad\u00adpitalistische H\u00e4ndler, Gartenbauer produzieren Saat\u00ad\u00adgut oder Fasern f\u00fcr westliche Konzerne, Bauern sind Teil der gr\u00f6\u00dften Wirtschaftsbranche auf der Welt.<\/p>\n<p>Mit dem kapitalistischen Markt sind der b\u00fcrgerliche Staat und die b\u00fcrgerliche Religion gekommen, die sich nachdr\u00fccklich bem\u00fcht haben, die vor\u00adge\u00adfun\u00adde\u00adnen Verhaltensnormen ihren eigenen Mo\u00adral-vor\u00adstel\u00adlun\u00adgen anzupassen. Deshalb w\u00e4re es kaum ver\u00adwun\u00adder\u00ad\u00adlich, in diesen Gesellschaften heute auf Formen m\u00e4nn\u00ad\u00adlicher Vorherrschaft zu treffen, die in der Ver\u00adgan\u00adgenheit nicht vorhanden gewesen sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das zweite Problem bildet die Erwartungshaltung der Mehrheit anthropologischer Beobachter, die auf das Vorfinden bestimmter Erscheinungen gebaut ha\u00adben. Bei all ihrem wissenschaftlichen Anspruch sind auch sie nur Individuen aus entwickelten b\u00fcr\u00adger\u00adli\u00adchen Gesellschaften, die ausgezogen sind, um \u203apri\u00admi\u00adti\u00adve\u2039 Gesellschaften von au\u00dfen zu beobachten. Oft spra\u00adchen sie nicht einmal deren Sprache und brach\u00adten alle Vorurteile der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft mit.<\/p>\n<p>Sie waren in der Erwartung aufgebrochen, genau auf die Ph\u00e4nomene zu sto\u00dfen, die der Kapitalismus die\u00adsen Gesellschaften aufgedr\u00fcckt hat. Dann benutzten sie ihre Beobachtungen, um den Schluss zu ziehen, die\u00adse Erscheinungen h\u00e4tten seit je her existiert und w\u00fcr\u00adden es auch immer tun.<\/p>\n<p>Erst in den j\u00fcngsten Jahren wurden die Fehler in die\u00adsen Schlussfolgerungen aufgedeckt, als einige vom Mar\u00ad\u00adxismus inspirierte Feministinnen diese Arbeiten noch einmal unter die Lupe nahmen. Der An\u00adthro\u00adpo\u00adlo\u00adge Malinowski konnte z. B. behaupten, Frauen k\u00e4\u00adme in der Trobriander-Gesellschaft, die er beo\u00adbach\u00adtet hat, eine geringere wirtschaftliche Bedeutung zu, weil er deren Rolle beim Sammeln von Ba\u00adna\u00adnen\u00adbl\u00e4t\u00adtern v\u00f6llig ignoriert hat \u2013 obwohl er selbst vor einem Sto\u00df Bananenbl\u00e4tter fotografiert worden ist.<\/p>\n<p>Andere Anthropologen haben behauptet, Frauen w\u00fcr\u00adden in bestimmten Ritualen der australischen Ur\u00adbe\u00adv\u00f6lkerung bedeutungslos sein, weil sie einen wich\u00adti\u00adgen Moment in der Zeremonie gar nicht beachtet hat\u00adten, in dem die M\u00e4nner sich (vermutlich mitsamt der Anthropologen) abwenden, damit die Frauen wich\u00adtige rituelle Gesten vollziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Benutzen wir also die Beobachtungen von An\u00adthro\u00adpo\u00adlogen f\u00fcr unser Verst\u00e4ndnis der Entwicklung der mensch\u00adlichen Gesellschaft, sollten wir das vorsichtig und kritisch tun.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz k\u00f6nnen wir einige Schl\u00fcsse ziehen. Noch existierende Wildbeutergesellschaften leben in Grup\u00adpen von 20 bis 30 Menschen zusammen. For\u00adma\u00adle Autorit\u00e4tsstrukturen und eine Aufteilung in Klas\u00adsen sind kaum vorhanden. Die Mitglieder sto\u00dfen frei\u00adwillig zur Gruppe und wenn es Streit gibt, zieht die eine Partei einfach zu einer anderen Gruppe.<\/p>\n<p>Frauen und M\u00e4nner leben in Paaren innerhalb die\u00adser Gruppen und es gibt eine geschlechtsspezifische Ar\u00adbeitsteilung. Die Frauen sammeln haupts\u00e4chlich, die M\u00e4nner jagen (wobei auch Frauen sich an der Jagd beteiligen). Das lie\u00df viele Autoren zur Ansicht ge\u00adlangen, die M\u00e4nner beherrschten die Frauen in ei\u00adner Art Fr\u00fchform der patriarchalischen Familie. Aber tat\u00ads\u00e4chlich verh\u00e4lt es sich anders. In den meisten (wenn auch nicht allen) heute noch existierenden Wild\u00adbeutergesellschaften sind Frauen und M\u00e4nner glei\u00ad\u00adcherma\u00dfen an Entscheidungen beteiligt und k\u00f6n\u00adnen Beziehungen beenden, wenn sie es wollen.<\/p>\n<p>Die Ansicht, M\u00e4nner \u00fcbten eine Art Herrschaft aus, fu\u00dft \u00fcblicherweise auf dem Mythos vom \u203aMann als J\u00e4\u00adger\u2039 \u2013 das\u00a0 Sammeln von Knollen, Beeren und N\u00fcs\u00adsen wurde als unbedeutender betrachtet als die Jagd. Tat\u00ads\u00e4chlich lieferte das Sammeln einen viel gr\u00f6\u00dferen Teil der Nahrung als die Jagd. Fleisch machte kaum mehr als 30 Prozent der Nahrung aus und bildete ei\u00adne viel unzuverl\u00e4ssigere Nahrungsquelle.<\/p>\n<p>Die geschlechtsgebundene Arbeitsteilung in diesen V\u00f6l\u00adkern wurde den Frauen keineswegs von den M\u00e4n\u00adnern auferlegt, sondern entspricht den Bed\u00fcrfnissen der Gruppe. Sie kann nur \u00fcberleben, wenn eine Min\u00addest\u00adzahl von Kindern geboren und gro\u00dfgezogen wird, was das Stillen im S\u00e4uglingsalter mit ein\u00adschlie\u00dft. Auf der Suche nach Nahrungsquellen ist die Grup\u00adpe stets in Bewegung und eine Mutter muss ihr Kind mit sich herumtragen, bis es etwa vier Jahre alt ist. Unter die\u00adsen Umst\u00e4nden kann sie nicht \u00f6fter ge\u00adb\u00e4\u00adren als alle vier Jahre; und weil ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte al\u00adler Kinder im S\u00e4uglingsalter stirbt, muss die durch\u00adschnitt\u00adliche Frau entweder schwanger sein oder Kin\u00adder gro\u00df\u00adzie\u00adhen, soll die Gruppe \u00fcberleben.<\/p>\n<p>F\u00fcr Kinder tragen Frauen allein die Verantwortung. Ab einem Alter von vier Jahren spielen M\u00e4nner eine gr\u00f6\u00ad\u00dfere Rolle. Aber dieses Verh\u00e4ltnis erschwert den Frau\u00aden die Teilnahme an der Jagd: Das Jagen gr\u00f6\u00ad\u00dfe\u00adrer Tiere erfordert schnelle Bewegungen, die sich nicht vollf\u00fchren lassen, wenn man ein Kind tr\u00e4gt. Mehr noch, es ist eine unsichere und riskante Ak\u00adti\u00advi\u00adt\u00e4t. Ein paar M\u00e4nner zu verlieren kann sich eine Grup\u00adpe leisten, aber nicht diejenigen ihrer Mit\u00adglie\u00adder, die allein Kinder geb\u00e4ren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Entscheidend aber ist, dass die Arbeitsteilung (auch wenn sie den biologischen Unterschieden entspringt) nicht automatisch zur Beherrschung des einen Ge\u00adschlechts durch das andere f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die amerikanische Anthropologin Ernestine Friedl stellt fest, dass M\u00e4nner ein h\u00f6heres Ansehen ge\u00adnie\u00ad\u00dfen und mehr Macht in J\u00e4ger-und-Sammler-V\u00f6lkern ha\u00adben, in denen die Jagd gr\u00f6\u00dfere Bedeutung f\u00fcr die Ver\u00adsorgung hat (wie etwa in der Arktis oder der aus\u00adtra\u00adlischen W\u00fcste). Aber auch sie besteht darauf, dass die\u00adse Sachlage nichts mit der systematischen Un\u00adter\u00addr\u00fc\u00adckung von Frauen in Klassengesellschaften zu tun hat.<\/p>\n<p>Weiter gehen Eleanor Leacock und Karen Sachs. Sie sa\u00adgen, in allen J\u00e4ger-und-Sammler-V\u00f6lkern sto\u00dfe man auf eine ann\u00e4hernde Gleichberechtigung von M\u00e4n\u00adnern und Frauen, wenn man die vorhandenen Kennt\u00adnisse kritisch w\u00fcrdigt. Jedenfalls sind wir weit ent\u00adfernt von einer \u203agenerell vorherrschenden Do\u00admi\u00adnanz von M\u00e4nnern\u2039, die vielfach unterstellt wird. Gibt es eine \u203amenschliche Natur\u2039, dann muss sie in der ge\u00adwal\u00adtigen Zeitspanne entstanden sein, in der unsere Vor\u00adfahren in den beschriebenen Gesellschaftsformen zu\u00adsammengelebt haben. Und die haben keine An\u00adhalts\u00adpunkte f\u00fcr die Annahme hinterlassen, eine solche Natur beinhalte eine Neigung von M\u00e4nnern, Frauen zu unterdr\u00fccken, oder eine von Frauen, diese Unterdr\u00fcckung zu akzeptieren.<\/p>\n<h6>Frauenunterdr\u00fcckung und der Aufstieg der Klassengesellschaft<\/h6>\n<p>W\u00e4hrend sich \u00fcber den jeweiligen Beitrag von M\u00e4n\u00adnern und Frauen zum materiellen Unterhalt der Ge\u00adsell\u00adschaft trefflich streiten l\u00e4sst, l\u00e4sst die n\u00e4chste Ent\u00adwick\u00adlungsstufe, die Gartenbaugesellschaft, kaum Raum f\u00fcr Zweifel.<\/p>\n<p>Die Bodenbearbeitung mit Hacke und Grabstock ent\u00adwickelte sich aus dem Sammeln pflanzlicher Nah\u00adrung und ist fast \u00fcberall eine Arbeit f\u00fcr Frauen (wo\u00adbei M\u00e4nner f\u00fcr die Landrodung verantwortlich ge\u00adwe\u00adsen sein k\u00f6nnen). In diesen Gesellschaften sind Frau\u00aden in erster Linie Beschafferinnen von Nahrung und Klei\u00addung \u2013 und ihr sozialer Rang ist entsprechend hoch.<\/p>\n<p>Die Teilung der Gesellschaft in Klassen wird zwangs\u00adl\u00e4ufig begleitet vom Aufstieg des Staats \u2013 einer Ein\u00adheit bewaffneter M\u00e4nner, die vom Rest der Ge\u00adsell\u00adschaft abgeschnitten ist. Die neue Ausbeuterklasse braucht diese Einrichtung, um ihre eigene Stellung zu sch\u00fctzen und durch Eroberung und Sklaverei aus\u00adzu\u00adbauen.<\/p>\n<p>Die Ver\u00e4nderungen, die mit der Entstehung von Land\u00adwirtschaft, Klassengesellschaft und Staat ein\u00adher\u00adgin\u00adgen, hatten betr\u00e4chtliche Folgen f\u00fcr die Stellung der Frauen. Der Ackerbau mit dem Pflug und die Hal\u00adtung von Viehherden erfordern eine Arbeitsweise, die lang\u00adfristig nicht mit dem Geb\u00e4ren und Stillen von Kin\u00addern vereinbar ist. In dieser Hinsicht un\u00adter\u00adschei\u00addet sich die Arbeit in der eigentlichen Landwirtschaft von der vorangegangenen im Gartenbau.<\/p>\n<p>In Gartenbaugesellschaft beteiligten Frauen sich an der Ernennung von Kriegsh\u00e4uptlingen, an Ent\u00adschei\u00addun\u00adgen, wer mit wem verheiratet wird, und sie be\u00adstimm\u00adten \u00fcber das Foltern von Gefangenen.<\/p>\n<p>In all diesen Gesellschaften bildete die Ab\u00adstam\u00admungs\u00adlinie das Schl\u00fcsselelment der ge\u00adsell\u00adschaft\u00adli\u00adchen Organisation \u2013 in vaterrechtlichen Ge\u00adsell\u00adschaf\u00adten die Verwandtschaft zum Vater, zu den Ge\u00adschwis\u00adtern, Onkeln und Tanten der v\u00e4terlichen Seite, in mut\u00adterechtlichen die zur Mutter, ihren Geschwistern usw.). Geheiratet wird stets au\u00dferhalb dieser Linie, aber die Bindungen zur Sippe bleiben f\u00fcr das Indi\u00advi\u00addu\u00adum entscheidend \u2013 sie sind in vielf\u00e4ltiger Hinsicht be\u00addeutsamer als die Bindung zum Ehemann.<\/p>\n<p>Eine Hochzeit stellt nicht nur eine individuelle Ver\u00adbin\u00addung her, sondern ein Verh\u00e4ltnis zwischen den Verwandtschaftslinien, das durch Individuen ver\u00admit\u00adtelt wird. Auch wenn die Frau eine \u203aEhefrau\u2039 ist, ist sie vor allem eine Schwester \u2013 und jede Unterdr\u00fcckung, die sie durch ihren Mann erfahren w\u00fcrde, w\u00fcrde schnell zum Einschreiten ihrer Verwandtschaft f\u00fch\u00adren. Innerhalb der Sippe werden die Entscheidungen kei\u00adneswegs allein von M\u00e4nnern getroffen, sondern auch von den \u00e4lteren Frauen (siehe dazu: Karen Sachs, <em>Sisters and Wifes<\/em>).<\/p>\n<p>Eine dieser Gesellschaften, die der Irokesen im US-ame\u00adrikanischen Bundesstaat New York, war es, die Mor\u00adgan untersuchte. Aufgrund seiner Forschungen kam Engels zur Feststellung, in der menschlichen Ge\u00adschichte habe es eine Etappe des Mutterrechts ge\u00adge\u00adben. Die Irokesen geh\u00f6ren zu einer Reihe von Ge\u00adsell\u00adschaften, die sich durch die Bezugnahme auf die Mut\u00adter auszeichnet. F\u00fcr die Abstammung ist dort die weib\u00adliche Linie entscheidend. Erwachsene M\u00e4nner zie\u00adhen in das Haus ihrer Schwiegermutter. Die Stel\u00adlung der Frau ist in diesen Gesellschaften besonders hoch: Der Mann ist zun\u00e4chst ein \u203aFremdk\u00f6rper\u2039 in dem Haus, in dem er zusammen mit seiner Frau, ih\u00adrer Mutter, ihren Schwestern und den M\u00e4nnern, mit de\u00adnen sie verheiratet sind, lebt.<\/p>\n<p>Aber es w\u00e4re falsch, diese Gesellschaften als \u203aMa\u00adtri\u00adar\u00adchat\u2039 zu bezeichnen. Diese Bezeichnung w\u00fcrde be\u00adin\u00adhalten, dass Frauen die M\u00e4nner dort in ver\u00adgleich\u00adba\u00adrer Weise beherrscht h\u00e4tten, wie sie in der Klas\u00adsen\u00adge\u00adsellschaft beherrscht werden. Aber eine derartige Un\u00adterwerfung einer gesellschaftlichen Gruppe durch ei\u00adne andere konnte erst mit der Klassengesellschaft ent\u00adstehen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus sind die meisten Gar\u00adten\u00adbau\u00adge\u00adsell\u00adschaf\u00adten gar nicht mutterechtlich organisiert. F\u00fcr die Ab\u00adstammung ist oft die m\u00e4nnliche Linie ent\u00adschei\u00addend und den Wohnsitz bildet f\u00fcr gew\u00f6hnlich das Haus des Mannes.<\/p>\n<p>Trotzdem haben wir es hier immer noch mit Ge\u00adsell\u00adschaf\u00adten zu tun, in denen Frauen eine hohe Stellung ein\u00adnehmen. Der Grund daf\u00fcr liegt, wie Engels be\u00admerkt, in der Schl\u00fcsselrolle, die sie in der Sippe ge\u00adspielt haben \u2013 von Engels \u00bbGens\u00ab oder \u00bbClan\u00ab ge\u00adnannt.<\/p>\n<p>Die systematische Ausbeutung eines Be\u00adv\u00f6l\u00adke\u00adrungs\u00adteils durch einen anderen ist in J\u00e4ger-und-Sammler- wie in Gartenbaugesellschaften nicht m\u00f6glich. Die Pro\u00adduktivit\u00e4t der menschlichen Arbeit ist einfach zu ge\u00adring, um einen \u00dcberschuss an Nahrung und Klei\u00addung zu erzeugen, der ausreichen w\u00fcrde, um einer Min\u00adderheit die Konzentration auf nicht-produktive T\u00e4\u00adtigkeiten oder gar den M\u00fc\u00dfiggang zu erm\u00f6glichen. In diesen Gesellschaften existiert kein nennenswertes Mehr\u00adprodukt.<\/p>\n<h6>Mit dem Pflug kam die Knechtschaft ins Haus<\/h6>\n<p>Das wird erst durch den gewaltigen Pro\u00adduk\u00adti\u00advi\u00adt\u00e4ts\u00adfort\u00adschritt erm\u00f6glicht, der aus dem \u00dcbergang vom Gar\u00adtenbau zur Landwirtschaft erw\u00e4chst. Diese Ver\u00ad\u00e4n\u00adderung wiederum erm\u00f6glicht die Entstehung von Keim\u00adformen der Klassenteilung,<\/p>\n<p>Eine Schicht von Herrschern, Priestern oder H\u00e4nd\u00adlern beginnt sich zu entwickeln, die nicht an die re\u00adgel\u00adm\u00e4\u00dfige Landarbeit gebunden ist. Der Ge\u00admein\u00adschaft insgesamt verschafft das bestimmte Vorteile: Die Angeh\u00f6rigen dieser Schicht k\u00f6nnen einen Teil ih\u00adrer Zeit der Erforschung von Methoden zur weiteren Stei\u00adgerung der Produktivit\u00e4t widmen, dem Ausbau des Handels mit den Nachbargemeinschaften oder dem Aufbau von Streitkr\u00e4ften zur Verteidigung oder f\u00fcr \u00dcberf\u00e4lle auf die Nachbarn. Die Vorteile jedoch eig\u00adnete sich die herrschende Klasse an (denn w\u00e4h\u00adrend der durchschnittliche Arbeitstag in den Wild\u00adbeu\u00adtergesellschaften durchschnittlich etwa vier Stun\u00adden betrug, war er in den Land\u00adwirt\u00adschafts\u00adge\u00adsell\u00adschaf\u00adten viel l\u00e4nger).<\/p>\n<p>So hat auch Gordon Childe festgestellt:<\/p>\n<p>\u00bbDer Pflug verwandelte den Ackerbau von der Be\u00adstel\u00adlung eines kleinen Grundst\u00fccks in den land\u00adwirt\u00adschaft\u00adli\u00adchen Feldanbau und schuf eine unl\u00f6sbare Verbindung von Ackerbau und Viehzucht. Er befreite die Frauen von der h\u00e4rtesten Plackerei, aber er entzog ihnen das Mo\u00adnopol \u00fcber die Getreideernten und den ge\u00adsell\u00adschaft\u00adlichen Status, der mit ihm verbunden war. Unter den \u203aBarbaren\u2039 sind es die M\u00e4nner, die die Felder pfl\u00fc\u00adgen, obwohl die Frauen noch die G\u00e4rten bestellt hatten. Und sogar in den \u00e4ltesten sumerischen und \u00e4gyp\u00adti\u00adschen Quellen sind die Pfl\u00fcger tats\u00e4chlich m\u00e4nnlich.\u00ab (<em>What Happened in History<\/em>, S. 72)<\/p>\n<p>Frauen verrichteten weiterhin produktive wie auch re\u00adproduktive Aufgaben. Aber die Erzeugung des ma\u00df\u00adgeblichen Lebensunterhalts \u2013 und die Quelle des neu\u00aden, wachsenden \u00dcberschusses \u2013 war in den H\u00e4n\u00adden der M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Zwei weitere Faktoren vergr\u00f6\u00dferten ebenfalls den Ein\u00adfluss der M\u00e4nner auf Kosten der Frauen. Der Han\u00addel mit \u00dcbersch\u00fcssen unter verschiedenen Ge\u00admein\u00adschaf\u00adten brachte lange und anstrengende Reisen mit sich, die f\u00fcr Frauen, die mit kleinen Kindern belastet sind, kaum durchf\u00fchrbar waren; dieser Handel wur\u00adde meistens (wenn auch nicht ausnahmslos) zur Do\u00adm\u00e4\u00adne der M\u00e4nner. Und das Gro\u00dfziehen der Kinder mach\u00adte die neuen Berufsarmeen zu m\u00e4nnlichen Ins\u00adti\u00adtutionen (zwar gibt es auch Zeugnisse von einigen Ge\u00adsellschaften mit weiblichen Soldaten, aber sie kom\u00admen \u00e4u\u00dferst selten vor und liegen weit aus\u00adein\u00adan\u00adder). Die Menschen, die die Kontrolle \u00fcber den neu gewonnenen \u00dcberschuss aus\u00fcbten, waren in der Re\u00adgel M\u00e4nner. F\u00fcr sie war die m\u00e4nnliche Vor\u00adherr\u00adschaft nur ein Aspekt ihrer Herrschaft \u00fcber den Rest der Gesellschaft. Frauen wurden f\u00fcr sie zu Spielzeug, Zier\u00adde oder einem Mittel, sich Verbindungen zu an\u00adde\u00adren Herrschern zu verschaffen \u2013 sie wurden in keins\u00adter Weise mehr als Wesen angesehen, die den M\u00e4n\u00adnern gleichgestellt w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Mehr noch, die Klassenteilung untergrub das Ver\u00adwandt\u00adschaftsgef\u00fcge. Als Klasse und Staat an die Stelle von Clan oder Gens traten, verloren die Frauen die letz\u00adten Bastionen des Schutzes vor den M\u00e4nnern im Haus.<\/p>\n<p>Dieser Wandel wirkte sich auch auf das Zu\u00adsam\u00admen\u00adle\u00adben der ausgebeuteten Bauern (und das der we\u00adni\u00adgen Handwerker) aus wie auf die neue herrschende Klas\u00adse. Die ausgebeuteten Klassen lebten nun nicht mehr in verwandtschaftlich strukturierten Gruppen, son\u00addern in Haushalten, in denen ein Mann die Kon\u00adtrol\u00adle \u00fcber die wichtigsten produktiven T\u00e4tigkeiten be\u00adkam und die meisten M\u00e4nner (seine S\u00f6hne und Die\u00adner oder Sklaven) sowie alle Frauen eine un\u00adter\u00adge\u00adord\u00adnete Rolle spielten.<\/p>\n<p>Das Aufkommen der Klassengesellschaft und die Auf\u00adl\u00f6sung des alten Verwandtschaftsgef\u00fcges brachte die patriarchale Familie und die Frau\u00aden\u00adunter\u00addr\u00fc\u00adckung hervor.<\/p>\n<h6>Die Befreiung der Frau<\/h6>\n<p>Diese kurze Darstellung zeigt uns, wie wichtig der zen\u00adtrale revolution\u00e4re Kern der Argumentationslinie von Engels bleibt. Seine Erkl\u00e4rung ist nicht ohne Feh\u00adler. Aber er hat Recht, wenn er die Frau\u00aden\u00adun\u00adter\u00addr\u00fc\u00adckung nicht auf die \u203amenschliche Natur\u2039 zur\u00fcckf\u00fchrt, son\u00addern auf eine bestimmte Familienform, wenn er die Familienform in ihrer Abh\u00e4ngigkeit von der ma\u00adte\u00adri\u00adellen Produktion der Gesellschaft betrachtet und wenn er die Verbindung der Frauenunterdr\u00fcckung mit der Entstehung von Klassengesellschaft und Staat un\u00adterstreicht.<\/p>\n<p>Diese Schlussfolgerungen sind auch heute noch re\u00advo\u00adlution\u00e4r. W\u00e4hrend der \u00fcberw\u00e4ltigend gro\u00dfen Zeit\u00adspan\u00adne des menschlichen Lebens auf der Erde haben bio\u00adlogische Unterschied zwischen den Geschlechtern die Frauen nicht zu ihrer Unterdr\u00fcckung verdammt, auch wenn es eine gewisse geschlechtsspezifische Ar\u00adbeits\u00adteilung gegeben hat. Erst mit dem j\u00fcngsten Ab\u00adschnitt der menschlichen Geschichte \u2013 mit dem Ent\u00adste\u00adhen der Klassengesellschaft \u2013 wurden Biologie und Un\u00adterdr\u00fcckung miteinander verbunden.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich hat die j\u00fcngste Epoche der Klas\u00adsen\u00adge\u00adsell\u00adschaft \u2013 der Kapitalismus \u2013 die Produktionsmittel so weit entwickelt, dass ein materieller Grund f\u00fcr den Aus\u00adschluss von Frauen aus den meisten Pro\u00adduk\u00adtions\u00adpro\u00adzessen nicht mehr existiert. Ihre heute noch be\u00adste\u00adhende Unterdr\u00fcckung ist weder das Resultat der mensch\u00adlichen Natur noch das der Biologie. Sie ist das Pro\u00addukt der Klassengesellschaft, die gest\u00fcrzt werden muss, wenn die Menschheit nicht eine noch schlim\u00adme\u00adre Alternative als die R\u00fcckkehr zur Barbarei er\u00adfah\u00adren will.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gleichstellung von Mann und Frau \u2013 wie kommen wir dahin? Das Problem beginnt bereits mit der Erkl\u00e4rung der Ungleichheit. Vor gut 140 Jahren hat Friedrich Engels mit seiner Schrift \u203aDer Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats\u2039 eine bahnbrechende, marxistische Erkl\u00e4rung geliefert. Sie hat zu Beginn der 1970er Jahre erst eine Renaissance erlebt, ehe [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":8440,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-8439","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8439","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8439"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8439\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8442,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8439\/revisions\/8442"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8440"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8439"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8439"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8439"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}