{"id":8522,"date":"2025-07-24T13:40:41","date_gmt":"2025-07-24T11:40:41","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=8522"},"modified":"2025-07-25T16:53:11","modified_gmt":"2025-07-25T14:53:11","slug":"stellenabbau-und-lohnverlust-bei-thyssenkrupp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2025\/07\/24\/stellenabbau-und-lohnverlust-bei-thyssenkrupp\/","title":{"rendered":"Stellenabbau und Lohnverlust bei ThyssenKrupp"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Wie die Besch\u00e4ftigten im Traditionsunternehmen verarscht werden\u2026 und was dagegen getan werden kann<\/strong><\/h2>\n<p><strong><em>Die Bundesregierung hat ein Rekordverschuldungsprogramm in H\u00f6he von 850 Milliarden Euro f\u00fcr die Aufr\u00fcstung beschlossen. Doch bei der Zerst\u00f6rung von Zehntausenden Arbeitspl\u00e4tzen in der Industrie guckt sie tatenlos zu. Zuletzt bei <\/em><a href=\"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2024\/12\/22\/hohe-kampfbereitschaft-lausiger-deal-lehren-aus-dem-kampf-bei-vw\/\">VW<\/a><em>, nun beim Stahlgiganten ThyssenKrupp. Das Problem: Der Widerstandswille der Besch\u00e4ftigten wird von der IG Metall-B\u00fcrokratie ausgebremst. Ein Bericht von <\/em>Jens Feldmann.<\/strong><\/p>\n<p>Am 9. Juli standen 500 bis 600 Besch\u00e4ftigte in Dortmund vor dem Werkstor von ThyssenKrupp \u2013 knapp die H\u00e4lfte aller Besch\u00e4ftigten am Standort. Sie setzten ein Zeichen des Widerstands gegen eine vom Arbeitgeber vorgesetzte \u201eGiftliste\u201d mit Sparma\u00dfnahmen und Stellenstreichungen \u2026 und gaben den eigenen Verhandlungsf\u00fchrern von der IG Metall ein mutiges Signal, sich nicht abspeisen zu lassen. Und die hatten scheinbar die Botschaft verstanden. Unter einem Banner mit dem Schriftzug \u201eUns reichts! Die rote Linie ist l\u00e4ngst \u00fcberschritten\u201d wurde die Belegschaft mit k\u00e4mpferischen Reden auf eine l\u00e4ngere Auseinandersetzung eingeschworen.<\/p>\n<p><strong>Doch: Nur drei Tage sp\u00e4ter stand dann ein Ergebnis fest. Die IG Metall und ThyssenKrupp haben sich auf einen Sanierungsvertrag geeinigt &#8211; und dieser hat es in sich. Von den rund 27.000 Stellen in Deutschland sollen bis 2030 etwa 4.500 Stellen gestrichen werden. <\/strong><\/p>\n<p>Der Standort in Bochum wird geschlossen. Ein harter Schlag f\u00fcr das Ruhrgebiet, wo bereits vor der aktuellen Krise die Zahl der im produzierenden Gewerbe t\u00e4tigen Personen von rund 1 Million im Jahr 1980 auf etwa 400.000 im Jahr 2022 gefallen ist.<\/p>\n<p>Der \u201eErfolg\u201c der IG Metall in den Verhandlungen: Ein Abbau von 4500 Stellen sind deutlich weniger als die vom ThyssenKrupp-Management geforderten 11.000. Aber im Gegenzug m\u00fcssen die weiter Besch\u00e4ftigten heftige K\u00fcrzungen in Kauf nehmen.<\/p>\n<p><strong>Die Wochenarbeitszeit wird ohne Lohnausgleich von 34 auf 32,5 Stunden reduziert, die Zuschl\u00e4ge f\u00fcr Rufbereitschaft halbiert, das Urlaubsgeld entf\u00e4llt vollst\u00e4ndig, das Weihnachtsgeld wird gek\u00fcrzt und die Jubil\u00e4umszahlung von einem Monatsgehalt auf 1000 Euro gesenkt. <\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die meisten Besch\u00e4ftigten d\u00fcrfte dies auf Einbu\u00dfen in einem mittleren bis hohen vierstelligen Betrag im Jahr hinauslaufen, ein Einkommensverlust von 8 bis 10 %. F\u00fcr den Stellenabbau wurde ein \u201efreiwilliges Ausstiegsprogramm\u201d mit geringen Abfindungen (7.000 bis 12.000 Euro) eingerichtet.<\/p>\n<h6><strong>Sterben der Stahlindustrie ist politisch gewollt<\/strong><\/h6>\n<p>Hintergrund der harten Sparma\u00dfnahmen ist die Krise auf dem globalen Stahlmarkt. ThyssenKrupp kann aktuell nicht mehr mit dem billigen Stahl aus dem Ausland konkurrieren. In Verbindung mit den weiterhin hohen Energiepreisen hat dies eine mangelnde Auslastung der Produktion zur Folge.<\/p>\n<p>Es finden sich zu wenig Abnehmer f\u00fcr den teuren Stahl. Statt 11,5 Millionen Tonnen Stahl sollen daher zuk\u00fcnftig nur noch bis zu 9 Millionen Tonnen pro Jahr produziert werden. Durch die Sparma\u00dfnahmen sollen dabei etwa 200 bis 300 Millionen Euro eingespart werden.<\/p>\n<p>Weiteres Problem: der Stahl wird weiter klimasch\u00e4dlich, mit massiven Emissionen von Kohlendioxid produziert. Die Kosten f\u00fcr eine Umstellung auf \u201egr\u00fcnen\u201c Stahl, produziert mithilfe von erneuerbaren Energien und Wasserstoff, werden auf rund 6 Milliarden Euro gesch\u00e4tzt &#8211; verglichen mit den geplanten R\u00fcstungsausgaben ein verschwindend geringer Betrag.<\/p>\n<p>Doch die Priorit\u00e4ten der Regierung Merz liegen woanders. Statt die klimafreundliche Transformation der Stahlindustrie mit Mitteln aus dem Bundeshaushalt zu unterst\u00fctzen und zugleich die Besch\u00e4ftigung in der Industrie zu sichern, steckt sie lieber Milliarden in Panzer, Granaten und Mittelstreckenraketen.<\/p>\n<h6><strong>Wer nicht k\u00e4mpft, hat schon verloren<\/strong><\/h6>\n<p>W\u00e4hrend die Beteiligung an der Betriebsversammlung in Dortmund mit fast der H\u00e4lfte aller Besch\u00e4ftigten am Standort gut besucht war, war die Beteiligung an anderen Standorten leider eher schlecht. So waren am Warnstreik bei den H\u00fcttenwerken Krupp-Mannesmann in Duisburg nur ca. 10% aller Besch\u00e4ftigten beteiligt. Der Grund daf\u00fcr d\u00fcrfte die tiefe Spaltung in der Belegschaft sein &#8211; zu der vorgezogenen Betriebsratswahl traten insgesamt 9 konkurrierende Listen an.<\/p>\n<p>Wohlgemerkt: dabei handelt es sich um Listen verschiedener IG Metall-Mitglieder. Aus \u00c4rger \u00fcber die fr\u00fchere Politik bestimmter Spitzenfunktion\u00e4re ist es zum betriebspolitischen Auseinanderfallen der Gewerkschaft gekommen. Mit der Einheit ist auch die Mobilisierungsf\u00e4higkeit geschwunden.<\/p>\n<p>Dass es auch anders geht, zeigt die Vergangenheit. Als in 1987 in den Krupp-Werken in Duisburg-Rheinhausen ein Stellenabbau von 8.000 Arbeitspl\u00e4tzen angek\u00fcndigt wurde, begann ein 5-monatiger Arbeitskampf. Er riss die gesamte Bev\u00f6lkerung in Rheinhausen und dar\u00fcberhinaus mit und zog Besch\u00e4ftigte aus anderen Betrieben mit. Die Rheinbr\u00fccke wurde besetzt und in \u201cBr\u00fccke der Solidarit\u00e4t\u201d umbenannt \u2013 einen Namen, den sie bis heute tr\u00e4gt.<\/p>\n<p><strong>Bei der damaligen Betriebsversammlung am 30. November waren 10.000 anwesend, davon waren etwa 4.000 keine Werksangeh\u00f6rige. Den H\u00f6hepunkt fand die Auseinandersetzung am 10. Dezember 1987 mit einem Generalstreik, bei dem Stahlarbeiter verschiedener Werke zusammen mit Bergarbeitern Stra\u00dfensperren bauten. Bauern und Arbeiter blockierten zusammen mit Studierenden Br\u00fccken und legten den Stra\u00dfenverkehr lahm. <\/strong><\/p>\n<p>Ein Problem schon damals: die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie. Einer der damaligen Arbeiterf\u00fchrer, Helmut Laakmann, sagte im Nachhinein: \u201eObwohl es hier eine gro\u00dfe Bewegung und viel \u00d6ffentlichkeit gab, hat uns die IG Metall den R\u00fccken zugedreht; sie hat uns nicht unterst\u00fctzt.\u201d In Verhandlungen mit der Konzernf\u00fchrung hatten die Gewerkschaftsf\u00fchrer der IG Metall bereits im Juni 1987 die sogenannte \u201cFrankfurter Vereinbarung\u201d ausgehandelt und damit Fakten geschaffen. In dieser Vereinbarung waren zwar Ersatzarbeitspl\u00e4tze vorgesehen, aber vom Erhalt der Arbeitspl\u00e4tze oder gar Ideen wie Vergesellschaftung oder Wirtschaftsdemokratie war keine Rede mehr.<\/p>\n<h6><strong>Was tun?<\/strong><\/h6>\n<p>Der \u201eSanierungstarifvertrag\u201d, den die IG Metall dieses Jahr bei ThyssenKrupp ausgehandelt hat, ist schmerzhaft. Es ist aber keine endg\u00fcltige Niederlage. Es kommt darauf an, die Lehren zu ziehen. Das maue Ergebnis zeigt erneut, dass die Art des ritualisierten Arbeitskampfes mit \u201eVerhandlung &#8211; Warnstreik &#8211; Verhandlung mit Ergebnis\u201d, wie ihn die IG Metall nun seit Jahrzehnten f\u00fchrt, in Zeiten der globalen Krise direkt in die Niederlage f\u00fchrt. Angesichts niedriger Profitraten, wirtschaftlicher Unsicherheit und sich zuspitzenden Krisen ist die Kapitalseite nicht mehr bereit, Zugest\u00e4ndnisse durch blo\u00dfe Verhandlungen am gr\u00fcnen Tisch zu machen.<\/p>\n<p><strong>Sicherlich gibt es viele Kolleginnen und Kollegen an der gewerkschaftlichen Basis, die \u00fcber die zuletzt erzielten Abschl\u00fcsse ver\u00e4rgert und entt\u00e4uscht sind und sich fragen, warum nicht ernsthaft gek\u00e4mpft wurde. Die Gewerkschaftsf\u00fchrung wird mit Sachzw\u00e4ngen und einer schwierigen Lage argumentieren. Tats\u00e4chlich traut sie sich nicht, sich aus der Komfortzone der Sozialpartnerschaft zu bewegen.<\/strong><\/p>\n<p>Gleichzeitig ist es notwendig, den \u00f6konomischen Kampf mit dem Politischen zu verbinden. Angesichts der Realit\u00e4ten auf dem Weltmarkt k\u00f6nnen Arbeitspl\u00e4tze ohne Einbu\u00dfen nur durch staatliche Intervention gerettet werden. Dass die Bundesregierung eingreifen kann, wenn sie will, hat sich in der j\u00fcngsten Vergangenheit immer wieder gezeigt: So wurden zahlreiche Banken durch staatlichen Einstieg nach der Finanzkrise 2008 gerettet. Noch heute ist der deutsche Staat Anteilseigner der Commerzbank und entscheidend in der Abwehrschlacht gegen den \u00dcbernahmeversuch der italienischen Unicredit. Auch wurde j\u00fcngst die nieders\u00e4chsische Meyer-Werft durch das Eingreifen von Land und Bund gerettet.<\/p>\n<p><strong>Im Falle der Stahlarbeitspl\u00e4tze ist f\u00fcr ein solches staatliches Einsteigen aber harter Widerstand in den Betrieben die Voraussetzung; unterhalb der Schwelle geeinter Erzwingungsstreiks bis hin zu Betriebsbesetzungen sind keine Erfolge mehr zu erwarten. Nur wenn die Besch\u00e4ftigten die Anlagen der Firmen als Faustpfand in die Hand nehmen und gewillt sind, die Produktion lahmzulegen, k\u00f6nnen Staat und Management gezwungen werden, ernsthafte Zugest\u00e4ndnisse zu machen. <\/strong><\/p>\n<p>Ein Einstieg des Staates w\u00e4re zugleich die Voraussetzung des Umstiegs auf gr\u00fcnen Wasserstoff und eine klimafreundliche Produktion \u2013 der durch flankierende Emissionsgesetzgebung zugleich die relative Rentabilit\u00e4t der Unternehmen verbessern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr braucht es Organisierung von unten innerhalb der Gewerkschaft \u2013 und Argumente. Es liegt auf der Hand, dass der Kampf um die Arbeitspl\u00e4tze der Stahlindustrie nur gewinnen kann, wenn er mit dem Kampf gegen die Aufr\u00fcstung und Militarisierung verbunden wird. Motto: Wer 850 Milliarden f\u00fcr Krieg hat, der hat auch ein paar Milliarden f\u00fcr umweltfreundliche Arbeitspl\u00e4tze im Stahlbereich \u00fcbrig \u2013 entscheidend ist allein der politische Wille.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie die Besch\u00e4ftigten im Traditionsunternehmen verarscht werden\u2026 und was dagegen getan werden kann Die Bundesregierung hat ein Rekordverschuldungsprogramm in H\u00f6he von 850 Milliarden Euro f\u00fcr die Aufr\u00fcstung beschlossen. Doch bei der Zerst\u00f6rung von Zehntausenden Arbeitspl\u00e4tzen in der Industrie guckt sie tatenlos zu. 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