{"id":8548,"date":"2025-08-07T21:14:55","date_gmt":"2025-08-07T19:14:55","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=8548"},"modified":"2025-08-09T21:56:07","modified_gmt":"2025-08-09T19:56:07","slug":"hunger-als-waffe-israels-kill-zone-in-gaza","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2025\/08\/07\/hunger-als-waffe-israels-kill-zone-in-gaza\/","title":{"rendered":"Hunger als Waffe: Israels \u203aKilling Zone\u2039 in Gaza"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Die Netanjahu-Regierung verfolgt den Plan, einen m\u00f6glichst gro\u00dfen Teil der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung aus dem Gazastreifen loszuwerden mit barbarischer Logik. Nun hat sie beschlossen, den ganzen Gazastreifen milit\u00e4risch zu erobern \u2013 gegen erheblichen Widerstand aus dem Umfeld des israelischen Milit\u00e4rs und Geheimdienste. Das Aushungern der Bev\u00f6lkerung ist dabei eine Waffe, um die Ziele Israels durchzusetzen, analysiert <\/em>Reuven Neumann<em>.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Der Gazastreifen gleicht mittlerweile einer schier endlos grauen Tr\u00fcmmerw\u00fcste aus zerst\u00f6rten Geb\u00e4uden. Israel schneidet seit Monaten mit vollem Kalk\u00fcl \u00fcber zwei Millionen Bewohnerinnen und Bewohner vom Zugang zu Lebensmitteln und \u00e4rztlicher Versorgung ab.<\/p>\n<p>Die t\u00e4glichen Angriffe der israelischen Armee fordern jeden Tag neue Opfer und scheinen willk\u00fcrlich. Doch sie sind verbunden mit einem Ziel: Die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung wird durch immer neue Evakuierungsbefehle zum st\u00e4ndigen Umherziehen durch die Tr\u00fcmmerw\u00fcste gezwungen. Ziel ist es, gro\u00dfe Teile dieser Bev\u00f6lkerung irgendwie loszuwerden: durch Flucht oder Tod. Dann kann Trumps Idee umgesetzt werden und der Gazastreifen kommerziell durch israelische und amerikanische Gesch\u00e4ftsinteressen erschlossen werden.<\/p>\n<h6><strong>Bilanz des Grauens<\/strong><\/h6>\n<p>Seit Oktober 2023 sind im Gazastreifen mindestens 60 000 Menschen durch israelische Angriffe get\u00f6tet und mehr als 143 000 Menschen verletzt worden. Viele nicht geborgene Opfer werden unter den Tr\u00fcmmern vermutet.<\/p>\n<p>Von Beginn an war die Zerst\u00f6rung der Versorgung der Zivilbev\u00f6lkerung ein Ziel der israelischen Politik. Begonnen hatte dies mit den Angriffen auf die UNRWA (<em>United Nations Relief and Work Agency for Palestine<\/em>), die seit 1949 die Hilfe f\u00fcr pal\u00e4stinensische Gefl\u00fcchtete organisiert.<\/p>\n<p>Aufgrund der israelischen Blockade und Zerst\u00f6rungen gibt es so gut wie keine Gesundheitsversorgung mehr. Es existiert kein Krankenhaus mehr und von den 36 medizinischen Einrichtungen sind lediglich noch 17 teilweise in Betrieb. Aktuell ist jedes dritte Kind in Gaza unterern\u00e4hrt. Der Leiter des UN-Koordinierungsb\u00fcros f\u00fcr humanit\u00e4re Hilfe in den besetzten Gebieten Jonathan Whittall formulierte es so: \u00bbEs sind Bedingungen, die geschaffen wurden, um zu t\u00f6ten.\u00ab<\/p>\n<h6><strong>Humanit\u00e4re Hilfe als Waffe f\u00fcr die Vertreibung <\/strong><\/h6>\n<p>Mit der <em>Gaza Humanitarian Foundation<\/em> (GHF) gr\u00fcndeten Israel und die USA schlie\u00dflich eine eigene private Hilfsorganisation, die anstelle der Vereinten Nationen die Versorgung der Menschen in Gaza \u00fcbernehmen soll. Klar ist, dass sie ausschlie\u00dflich von Israel und den USA finanziert wird. Ansonsten ist die GHF dubios: Sie verf\u00fcgt \u00fcber eine Postkastenadresse in der Schweiz, ohne dass sie dort \u00fcber ein Konto oder \u00fcber Angestellte verf\u00fcgen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die GHF ist Teil der israelischen Kriegsf\u00fchrung. Ihr offenkundiges Ziel ist es, die Bev\u00f6lkerung in den S\u00fcden von Gaza zu locken und so die Vertreibung der Pal\u00e4stinenser zu beg\u00fcnstigen.<\/p>\n<p>So gab es zuvor im Gazastreifen 400 Verteilpunkte f\u00fcr Nahrung. Die GHF unterh\u00e4lt nur noch vier, davon drei im \u00e4u\u00dfersten S\u00fcdwesten des Gazastreifens direkt an der Grenze zu \u00c4gypten.<\/p>\n<p>Die Verteilstellen wurden dort errichtet, wo die ans\u00e4ssige Bev\u00f6lkerung zuvor vertrieben wurde und wo das israelische Milit\u00e4r die vollst\u00e4ndige Kontrolle \u00fcbernommen hat. Sie sind mit Stacheldraht und Wacht\u00fcrmen umgeben und verf\u00fcgen nur \u00fcber einen kontrollierten Zugang f\u00fcr die Menschen.<\/p>\n<h6><strong>Schie\u00dfbefehl auf Hungernde<\/strong><\/h6>\n<p>Aitor Zabalgogeazkoa, ein Koordinator von <em>\u00c4rzte ohne Grenzen,<\/em> beschreibt die Situation an den Verteilstellen wie folgt: \u00bbWenn die Menschen zu fr\u00fch zu den Checkpoints kommen werden sie erschossen. Wenn sie p\u00fcnktlich kommen, aber es gibt einen zu hohen Andrang und Menschen \u00fcberqueren die Z\u00e4une, dann werden sie erschossen. Kommen sie zu sp\u00e4t, sollten sie nicht dort sein, denn es ist eine evakuierte Zone.\u00ab<\/p>\n<p>Israel beabsichtigt im S\u00fcden Gazas auf den Ruinen der Stadt Rafah ein riesiges Internierungslager f\u00fcr 600 000 Menschen zu schaffen. Es soll die zynische Bezeichnung \u00bbhumanit\u00e4re Stadt\u00ab tragen. Die Pal\u00e4stinenser w\u00fcrden nach einer umfassenden Sicherheitskontrolle Zugang erhalten und d\u00fcrfen das Lager dann nicht wieder verlassen.<\/p>\n<p>Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz \u00e4u\u00dferte, dass in diesen Einrichtungen letztlich sogar die gesamte Bev\u00f6lkerung Gazas untergebracht werden kann, um so, f\u00fcgte er hinzu, \u00bbden Auswanderungsplan umzusetzen\u00ab.<\/p>\n<h6><strong>Kritik an der israelischen Blockadepolitik<\/strong><\/h6>\n<p>Im Juli ver\u00f6ffentlichte die israelische Menschenrechtsorganisation <em>B&#8217;Tselem <\/em>einen umfassenden Bericht \u00fcber die Lage im Gazastreifen. Auf dem Titelbild prangen nur zwei Worte: \u00bbUnser V\u00f6lkermord\u00ab.<\/p>\n<p>Angesichts dieser Lage und den Bildern von ausgemergelten, hungernden Menschen nimmt der internationale Druck zu. Der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Macron k\u00fcndigte an, Frankreich wolle nun Pal\u00e4stina als eigenst\u00e4ndigen Staat anerkennen. Die britische Regierung erw\u00e4gt denselben Schritt, sofern Israel das Leid in Gaza nicht beenden w\u00fcrde. Im Gro\u00dfen und Ganzen sind dies symbolische Akte, die nichts an der Lage \u00e4ndern werden \u2013 und \u00fcberdies reichlich sp\u00e4t kommen.<\/p>\n<p>Die deutsche Bundesregierung hingegen tat bislang alles, um jegliche Verurteilung der Netanjahu-Regierung zu blockieren. Gemeinsam mit der jordanischen Regierung lie\u00df sie Lebensmittel aus der Luft abwerfen. Ralf S\u00fcdhoff, Direktor des <em>Centre for Humanitarian Action <\/em>und ehemaliger Mitarbeiter bei der WHO, sch\u00e4tzt diese \u203aLuftbr\u00fccke\u2039 als \u00bbsinnlos\u00ab ein. Sie \u00bbsch\u00e4dige\u00ab, da die eigentlich wirksamere Hilfe \u00fcber das Land erfolge k\u00f6nne, diese werde aber eben durch die israelische Regierung verweigert.<\/p>\n<h6><strong>Abw\u00e4gung der Interessen<\/strong><\/h6>\n<p>Die Regierungen Frankreichs, Gro\u00dfbritannien und Deutschland haben allesamt den israelischen Krieg in Gaza, ebenso wie die israelischen Angriffe gegen den Iran, gegen Syrien oder Libanon unterst\u00fctzt. Nachdem immer offensichtlicher wird, dass das Ziel des Krieges in Gaza auf Massenvertreibung und Massenmord an der wehrlosen Zivilbev\u00f6lkerung hinausl\u00e4uft, versuchen die Regierungen sich irgendwie aus der Mitverantwortung zu ziehen.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung ist dabei am langsamsten, weil sie anders als die Regierungen in Paris und London am engsten mit der israelischen Seite milit\u00e4risch kooperiert. Sie w\u00e4gt derzeit ab, ob die offene Unterst\u00fctzung Israels angesichts der Hunger- und Vertreibungspolitik den sonstigen Einfluss im Nahen und Mittleren Osten nicht \u00fcber alle Geb\u00fchr schw\u00e4cht.<\/p>\n<p>Israel dagegen sieht die historische Gelegenheit gekommen, die Pl\u00e4ne einer \u201eethnischen S\u00e4uberung\u201c des Gazastreifens umzusetzen, und k\u00fcndigte bei der Gelegenheit auch gleich die Annektion des Westjordanlandes an. Nachdem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, macht ein zweites, gro\u00dfes Vertreibungsunterfangen auch nichts aus.<\/p>\n<h6><strong>Hunger als Waffe im Krieg gegen die Bev\u00f6lkerung<\/strong><\/h6>\n<p>Die Netanjahu-Regierung kann sich dabei der R\u00fcckendeckung durch die USA sicher sein. Es war US-Pr\u00e4sident Trump, der im M\u00e4rz 2025 die Wiederaufnahme des Kriegs durch Israel ausl\u00f6ste, als er beim Besuch Netanjahus in Washington die Aussiedlung die Pal\u00e4stinenser nach Jordanien und \u00c4gypten empfahl, um aus dem Gebiet eine \u201eRiviera\u201c des Nahen Ostens zu machen.<\/p>\n<p>Ermutigt befahl Netanjahu dann den erneuten Einmarsch in den Gazastreifen und die immer weitere Zusammenpferchung der Bev\u00f6lkerung auf ein immer kleineres Gebiet. Heute stehen 88 Prozent der Fl\u00e4che des Gazastreifens entweder unter direkter milit\u00e4rischer Kontrolle oder unterliegen einem Evakuierungsbefehl.<\/p>\n<p>Die Verknappung von Lebensmitteln und Wasser in Gaza ist daher kein zuf\u00e4lliges Nebenprodukt des israelischen Krieges, sondern vielmehr Teil einer bewussten Politik. Durch Elend und Hunger sollen die Pal\u00e4stinenser aus Gaza getrieben werden.<\/p>\n<p>Dies f\u00fcgt sich in die Geschichte seit der Staatsgr\u00fcndung Israels ein. Bereits der Teilungsplan vom November 1947, mit dem die Vereinten Nationen die Bildung von zwei Staaten vorsahen, beruhte auf der durch Terror, Gewalt und Angst erzeugten Flucht von Hunderttausenden. In Gaza findet das heute seine Fortsetzung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Netanjahu-Regierung verfolgt den Plan, einen m\u00f6glichst gro\u00dfen Teil der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung aus dem Gazastreifen loszuwerden mit barbarischer Logik. Nun hat sie beschlossen, den ganzen Gazastreifen milit\u00e4risch zu erobern \u2013 gegen erheblichen Widerstand aus dem Umfeld des israelischen Milit\u00e4rs und Geheimdienste. 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