{"id":8637,"date":"2025-09-15T15:01:54","date_gmt":"2025-09-15T13:01:54","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=8637"},"modified":"2025-09-16T11:27:07","modified_gmt":"2025-09-16T09:27:07","slug":"die-flammen-der-revolte-in-nepal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2025\/09\/15\/die-flammen-der-revolte-in-nepal\/","title":{"rendered":"Die Flammen der Revolte in Nepal"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Nepal ist die Wut der Bev\u00f6lkerung explodiert. Die Kommunistischen Parteien, die jahrelang an der Regierung waren, vermochten keine Ver\u00e4nderungen durchzusetzen. Nun nehmen die Menschen ihre Interessen in die eigenen H\u00e4nde, meint <em>Yuri Prasad<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das Parlament steht in Flammen. Es ist umzingelt von w\u00fctenden, aber dennoch fr\u00f6hlichen jungen Menschen. Die prunkvollen H\u00e4user der politischen Elite wurden gepl\u00fcndert und liegen in Tr\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Das sind die Bilder, die uns dieser Tage aus Nepal erreichen. Aber in j\u00fcngster Zeit h\u00e4tten sie genauso gut von Aufst\u00e4nden in Indonesien, Bangladesch oder Sri Lanka stammen k\u00f6nnen. \u00dcberall versucht die herrschende Klasse, die \u00c4rmsten f\u00fcr ihre Krise zahlen zu lassen, durch K\u00fcrzungen und versch\u00e4rfte Ausbeutung.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass sich eine Welle der Revolte \u00fcber Asien und andere Teile des Globalen S\u00fcdens ausbreitet. In jedem Land sind die Ausl\u00f6ser spezifisch, aber dahinter steht \u00fcberall die Wut auf den Neoliberalismus.<\/p>\n<h6>Armes Land \u2013 protzende Herrschende<\/h6>\n<p>Nepal ist eines der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt. Seine 30 Millionen Einwohner leben eingezw\u00e4ngt zwischen den Bergen, die Indien von China trennen. In diesem Land der Himalaya-Region sind Fragen wie staatliche Brutalit\u00e4t, Korruption, Ungleichheit und mangelnde Demokratie in den Vordergrund ger\u00fcckt.<\/p>\n<p>Dennoch reduziert die Berichterstattung vieler Medien die Rebellion auf einen Protest der \u203aGeneration Z\u2039 &#8211; auf einen Aufschrei junger Menschen, die es satt haben, von den Alten regiert zu werden.<\/p>\n<p><strong>Tats\u00e4chlich reicht die Frustration der jungen Menschen viel tiefer.<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber 20 Prozent der unter 28-J\u00e4hrigen sind arbeitslos, fast doppelt so viele wie im Landesdurchschnitt. Hinter dieser erschreckenden Zahl verbergen sich viele weitere Tausende in Gelegenheitsjobs. Und jene, die rund sechs Millionen Nepalesen im Ausland arbeiten. Das ist jeder dritte zwischen 18 und 25.<\/p>\n<p>Die Millionen Menschen, die in abgelegenen, l\u00e4ndlichen Gebieten in Armut leben \u2013 die Mehrheit der Nepalesen \u2013 sind in den Statistiken ebenfalls unterrepr\u00e4sentiert. Hier k\u00e4mpfen viele Familien ums \u00dcberleben, ohne dass die arbeitslosen jungen Menschen dort in die Statistik eingehen.<\/p>\n<p><strong>Nicht jeder teilt dieses Schicksal. Es gibt eine Klasse von Neureichen in Nepal. Oft sind es die Kinder der politischen Elite des Landes, die sogenannten \u203aNepo Kids\u2039, die ein Leben in Luxus genie\u00dfen \u2013 und sich nicht scheuen, es auch zu zeigen. Ein Video, das w\u00e4hrend der Proteste der letzten Woche aufgenommen wurde und viral gegangen ist, zeigt die Kinder unterschiedlicher Politiker, die mit ihrem verschwenderischen Lebensstil, ihrem Designerschmuck und ihren palastartigen H\u00e4usern prahlen.<\/strong><\/p>\n<p>Vikram Tripathi, einer von vielen, die das Video geteilt haben, schrieb schlicht: \u00bbDie Macht geh\u00f6rt dem Volk, nicht einigen wenigen privilegierten Politikern. Es ist an der Zeit, Politiker, die seit 30 Jahren die Macht und das Geld des Volkes genie\u00dfen, aus dem Amt zu jagen. #NepoKid\u00ab.<\/p>\n<h6>Internet-Zensur l\u00f6st die Proteste aus<\/h6>\n<p>Die Reichen in Nepal sind wie die Reichen \u00fcberall \u2013 widerw\u00e4rtig und verhasst. Doch leider haben die Koalitionsregierungen seit dem Ende der monarchistischen Diktatur im Jahr 2008 wenig unternommen, um die Lage zu verbessern.<\/p>\n<p>Was viele nicht wissen: In Nepal regieren &#8222;Kommunistische Parteien&#8220;. Doch die letzte Regierung unter F\u00fchrung der <em>Kommunistischen Partei Nepals \u2013 Vereinigte Marxisten-Leninisten<\/em> (CPN-UML) war selbst Teil des Problems.<\/p>\n<p><strong>Alle linken Parteien in Nepal bezeichnen sich selbst als &#8222;kommunistisch&#8220; oder &#8222;sozialistisch&#8220;. In der Praxis aber verhalten sie sich genauso wie die rechten Parteien. Und genau wie diese griffen auch die Kommunisten zu Repressionen, als sie mit Widerstand in der Bev\u00f6lkerung konfrontiert waren.<\/strong><\/p>\n<p>Als die Regierung Anfang dieses Monats den Zugang zum Internet einschr\u00e4nken wollte, entfachte sie damit jahrzehntelang aufgestaute Wut. Zwei Tage lang kam es zu w\u00fctenden Demonstrationen. Randalierer brannten Parlamentsgeb\u00e4ude und Villen der Elite nieder.<\/p>\n<p><strong>Die Polizeigewalt gegen die Proteste haben etwa 51 Menschen mit dem Leben bezahlt. Dennoch konnten die Proteste den 73-j\u00e4hrigen Premierminister Khadga Prasad Sharma Oli \u2013 bekannt als KP Oli \u2013 zum R\u00fccktritt zwingen. Auf den Stra\u00dfen herrschte Jubelstimmung, trotz der starken Pr\u00e4senz der Armee.<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbDie Menschen sind nach dieser Revolution nun voller Hoffnung\u00ab, sagt Rakesh Niraula, der im Osten Nepals lebt. \u00bbWir haben Hoffnung, dass nun besseer regiert wird. Wir glauben, dass die Politiker ihre Lektion erhalten haben und sich nun gezwungen sehen, es bessern zu machen, damit das Land einer guten Zukunft entgegensehen kann.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Doch die Art der Revolte und die Frage, wer davon profitiert, wirft Fragen auf.<\/strong><\/p>\n<p>Die Protestbewegung selbst entstand aus losen Zusammenschl\u00fcssen von Studierenden und anderen jungen Menschen . Viele der Teilnehmenden schlossen sich spontan an.\u00a0Die f\u00fchrenden Gruppen behaupten nun jedoch, ihre friedlichen Demonstrationen seien von \u203apolitischen\u2039 Kr\u00e4ften gekapert worden.<\/p>\n<p>Rechte Parteien, darunter Monarchisten, die die R\u00fcckkehr des K\u00f6nigs fordern, sind bestrebt, die Situation auszunutzen. Eine davon, die Partei <em>Rastriya Prajatantra<\/em>, ist von der rechtsextremen Partei BJP in Indien inspieriert. Sie will nun Teil der n\u00e4chsten Regierung werden.<\/p>\n<p>Auch andere Opportunisten verfolgen dieses Ziel. Dies droht Nepal zum Spielball imperialistischer Staaten zu machen.<\/p>\n<h6>Nepal \u2013 Spielball der Gro\u00dfm\u00e4chte<\/h6>\n<p>Die Vereinigten Staaten mischen sich seit langem in die Politik Nepals ein. Sie r\u00fcsteten beispielsweise w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs in den 1990er Jahren die Diktatur des K\u00f6nigs mit Waffen aus, als der sich im Kampf mit den Kommunisten befand.<\/p>\n<p>In j\u00fcngerer Zeit haben die USA mit Geld die Politik Nepals zu beeinflussen versucht. Hintergrund ist die Ver\u00e4rgerung der US-Regierung \u00fcber Nepals Ann\u00e4herung an den Erzfeind der USA, China. Nach dem j\u00fcngsten Treffen von KP-Oli mit dem chinesischen Pr\u00e4sidenten Xi Jinping sind die USA nun froh, Oli los zu sein.<\/p>\n<p>Auch China hat in Nepal wirtschaftliche Hebel angesetzt. Mit der \u203aInitiative Neue Seidenstra\u00dfe\u2039 (<em>belt and road initiative<\/em>) wurde die Regierung in Nepals Hauptstadt Kathmandu beeinflusst. Im Jahr 2024 unterzeichneten die L\u00e4nder ein umfangreiches Abkommen zum Aufbau neuer Infrastruktur und Handelsbeziehungen.<\/p>\n<p>Nach der Revolte suchen nun sowohl einheimische rechte Kr\u00e4fte, als auch ausl\u00e4ndische Imperialisten die Dominanz \u00fcber Nepal zu gewinnen. Das dies \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, zeigt das Versagen der kommunistischen Regierungen an, die nach dem Sturz der monarchistischen Diktatur an die Macht kamen.<\/p>\n<h6>Das Versagen der \u203aKommunisten\u2039<\/h6>\n<p>Heute ist die Linke, die die Regierungen in Nepal seit Jahren angef\u00fchrt hat, in Ungnade gefallen. Es h\u00e4tte nicht soweit kommen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Von 1990 bis 2006 f\u00fchrte die maoistische <em>Kommunistische Partei Nepals<\/em> (CPN-M) trotz ihren zahlenm\u00e4\u00dfig geringen Kr\u00e4ften einen letztlich erfolgreichen \u203aVolkskrieg\u2039 gegen die Diktatur. Die Partei regierte einen Gro\u00dfteil des Landes und wurde von Millionen von Bauern und Stadtbewohnern unterst\u00fctzt. Sie galt als wichtigster Verteidiger des Volkes. Aber schon damals barg die maoistische Zukunftsvision den Keim der Niederlage in sich.<\/p>\n<p>Wie die meisten Kommunisten im globalen S\u00fcden glaubten auch die Maoisten Nepals, ihr Land sei \u00bbnoch nicht bereit f\u00fcr den Sozialismus\u00ab. Stattdessen setzten sie sich das Ziel, das aufzubauen, was sie \u203aNaulo Janbad\u2039 (Neue Volksdemokratie) nannten. Die w\u00fcrde, so argumentierten sie, endlich den Feudalismus \u00fcberwinden und die b\u00fcrgerliche Revolution vollenden.<\/p>\n<p><strong>Mit anderen Worten: Die Maoisten waren der Meinung, dass sie Nepal auf den liberalen Kapitalismus vorbereiten sollten, da der eine notwendige Vorstufe zum Sozialismus darstelle. Dieser \u203aEtappen\u2039-Ansatz sei notwendig, weil die Arbeiterklasse zu klein sei, um den Sozialismus zu verwirklichen. Aber auch, weil Nepal zu unterentwickelt und zu stark von ausl\u00e4ndischen M\u00e4chten abh\u00e4ngig sei.<\/strong><\/p>\n<p>Der Sprecher der CPN-M, Krishna Bahadur Mahara, erkl\u00e4rte 2005 in einem Interview mit der Zeitung <em>Financial Times<\/em>: \u00bbWir stellen uns eine zweistufige Revolution vor. Zun\u00e4chst eine demokratische Mehrparteiendemokratie. Handelt es sich um eine echte Demokratie, werden wir uns f\u00fcr eine friedliche Transformation des Staates einsetzen.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Diese zweite Stufe der Transformation des Staates kam jedoch nie zustande.<\/strong><\/p>\n<p>Stattdessen war es die Politik der Maoisten, die Forderungen der b\u00e4uerlichen Mehrheit und der st\u00e4dtischen Armen zur\u00fcckzustellen. Und sie beschr\u00e4nkte sich auf Ma\u00dfnahmen, die von den rechten Kr\u00e4ften akzeptiert wurden. Das bedeutete, dass die Kommunisten in ihren \u00c4mtern lediglich die neoliberale Politik fortsetzten, die der Imperialismus dem Land seit den 1990er Jahren aufgezwungen hatte.<\/p>\n<p><strong>Es gab keine nennenswerte Landreform, keine Ma\u00dfnahmen zur Umgestaltung der Landwirtschaft, keine Bem\u00fchungen, die Macht der Gro\u00dfgrundbesitzer zu brechen oder den \u00f6ffentlichen Sektor auszuweiten.<\/strong><\/p>\n<p>Nicht, dass die Linke versucht h\u00e4tte, radikale Reformen durchzusetzen, und dabei gescheitert w\u00e4re \u2013 nein, sie hatte eine marktfeindliche Politik von vornherein ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Und da die Kommunisten wie die anderen Parteien auch eine neoliberale Politik verfolgten, warum sollten sie nicht ihrem Beispiel folgen und sich ebenfalls selbst bereichern? Der nepalesische linke Wissenschaftler Khagendra Prasai stellte 2023 fest, dass dieser Prozess bereits in vollem Gange war: \u00bbDie Parteien der Linken und ihre Kandidaten geben enorme Summen f\u00fcr Wahlen aus, die undurchsichtig und heimlich von den Reichen finanziert wurden &#8211; sofern ihre Kandidaten nicht selbst schon reich geworden sind\u00ab.<\/p>\n<h6>Ein anderer Weg<\/h6>\n<p>Trotz der massiven Armut und der Macht der nepalesischen Klasse der Landbesitzer h\u00e4tte es f\u00fcr die Linke immer einen anderen Weg gegeben. Als der Volkskrieg der Herrschaft des K\u00f6nigs ein Ende setzte, h\u00e4tten die Maoisten ihr enormes Ansehen nutzen k\u00f6nnen, um mehr zu erreichen.<\/p>\n<p><strong>Sie h\u00e4tten etwa die sofortige Aufteilung der L\u00e4ndereien der Gro\u00dfgrundbesitzer und deren Umverteilung fordern k\u00f6nnen. Statt bei einer b\u00fcrgerlichen Revolution stehenzubleiben, h\u00e4tten sie einen viel tiefgreifenderen sozialen Wandel in Gang setzen k\u00f6nnen. Stattdessen hat ihr \u00bbetappenweises\u00ab Vorgehen eine Arbeiterrevolution verhindert.<\/strong><\/p>\n<p>Nun ist die Wut, die einst die Maoisten gegen die Monarchie antrieb, verflogen. Aber die schiere Energie und Fantasie der Stra\u00dfenproteste der letzten Woche zeigen die Kraft, die die Linke h\u00e4tte nutzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auch die neue Bewegung muss nicht mit dem Sturz der Regierung enden \u2013 sie kann weitermachen und das System ins Visier nehmen, das die Armut des Landes verursacht hat. W\u00e4hrend die Proteste in Nepal weiter toben, ist die alte Linke tot. Wir hoffen, dass die letzte Woche die Geburt einer neuen Linke in Nepal markiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/socialistworker.co.uk\/international\/the-flames-of-revolt-in-nepal\/\"><strong>Hier<\/strong><\/a> findest du den Originalartikel unserer britischen Schwesterorganisation <em>Socialist Workers Party<\/em>:<\/p>\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"OZFjR3Lw0G\"><p><a href=\"https:\/\/socialistworker.co.uk\/international\/the-flames-of-revolt-in-nepal\/\">The flames of revolt in Nepal<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; visibility: hidden;\" title=\"&#8220;The flames of revolt in Nepal&#8221; &#8212; Socialist Worker\" src=\"https:\/\/socialistworker.co.uk\/international\/the-flames-of-revolt-in-nepal\/embed\/#?secret=5yS81Ifaaq#?secret=OZFjR3Lw0G\" data-secret=\"OZFjR3Lw0G\" width=\"500\" height=\"282\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Nepal ist die Wut der Bev\u00f6lkerung explodiert. 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