{"id":8919,"date":"2026-02-02T14:28:57","date_gmt":"2026-02-02T13:28:57","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=8919"},"modified":"2026-02-11T15:12:41","modified_gmt":"2026-02-11T14:12:41","slug":"der-grosse-rentenklau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2026\/02\/02\/der-grosse-rentenklau\/","title":{"rendered":"Der gro\u00dfe Rentenklau"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Operation Altersarmut: Sie tarnen es als \u201eGenerationengerechtigkeit\u201c <\/strong><\/h2>\n<p><strong><em>Die Koalition aus CDU\/CSU und SPD hat eine Rentenkommission eingesetzt. Sie soll bis zum Sommer 2026 einen Plan zur grundlegenden Umw\u00e4lzung der Alterssicherung ausarbeiten.\u00a0<\/em><\/strong><strong><em>Angeblich geht es darum, die junge Generation vor den Kosten \u00fcberzogener Rentenauszahlungen an die Alten zu sch\u00fctzen. Doch was sie als Akt der Generationengerechtigkeit darstellen, ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein gigantischer Raubzug gegen die Einkommen der arbeitenden Klasse. <\/em>Karl Naujoks<em> erkl\u00e4rt die Hintergr\u00fcnde.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>5. Dezember 2025: Der Bundestag stimmt \u00fcber den \u201eEntwurf des Gesetzes zur Stabilisierung des Rentenniveaus\u201c ab. Dieser hatte eine Regierungskrise ausgel\u00f6st, die zwei Monate andauerte. 18 Abgeordnete der CDU\/CSU hatten angek\u00fcndigt, mit Nein zu stimmen. Dies h\u00e4tte ausgereicht, um das Gesetz zu blockieren \u2013 und wom\u00f6glich die gesamte Regierungskoalition mit der SPD zu sprengen.<\/p>\n<p>Kanzler Friedrich Merz rang um das politische \u00dcberleben. Noch drei Tage vor der Abstimmung im Bundestagsplenum drohte Merz auf der Sitzung seiner eigenen Fraktion, er sehe genau, \u201ewer klatscht und wer nicht\u201c. Am Ende verweigerten nur sieben Abgeordnete der Unionsfraktion ihre Zustimmung. Das reichte nicht, um das Gesetz zu Fall zu bringen. Merz konnte aufatmen, das \u201eRentenpaket 1\u201c ging mit der Mehrheit der Stimmen aus CDU\/CSU und SPD durch.<\/p>\n<p>Die Lohnabh\u00e4ngigen, die es betrifft, k\u00f6nnen hingegen nicht aufatmen: Die Abstimmung hat zwar f\u00fcr den Moment das sogenannte Rentenniveau stabilisiert, war aber zugleich an die Einsetzung einer Rentenkommission gekoppelt. Diese soll nun bis Mitte 2026 einen Vorschlag f\u00fcr einen umfassenden Angriff auf unsere Renten ausarbeiten, das \u201eRentenpaket 2\u201c.<\/p>\n<h6><strong>Worum es geht<\/strong><\/h6>\n<p>Mit dem Rentenpaket 1 wurde beschlossen, dass das aktuelle Rentenniveau von 48 Prozent noch bis 2031 erhalten bleibt. Nach dieser Atempause soll es in den Sinkflug gehen. Trotzdem wurde die Abstimmung von Sozialministerin B\u00e4rbel Bas (SPD) als gro\u00dfer Erfolg dargestellt, der der CDU\/CSU abgerungen worden sei.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich war die Verl\u00e4ngerung bis 2031 eine klare Verschlechterung gegen\u00fcber dem, was die Vorg\u00e4ngerregierung \u2013 die Ampelkoalition aus SPD, Gr\u00fcnen und FDP \u2013 bereits vereinbart hatte. Diese wollte das Rentenniveau nicht bis 2031, sondern bis zum Juni 2040 auf 48 Prozent halten. Die entsprechende Gesetzesvorlage kam 2024 in den Bundestag, erreichte aber aufgrund des vorzeitigen Endes der Ampelkoalition nicht mehr die finale Abstimmung.<\/p>\n<p>Der Angriff gegen das Rentenpaket 1 kam von rechts. Der \u201eJungen Gruppe\u201c aus 18 Abgeordneten der Union reichten die Zugest\u00e4ndnisse der SPD nicht. In ihrem Positionspapier argumentierte sie, dass die Verabschiedung der bereits vereinbarten 48 Prozent eine \u201eVorleistung\u201c sei, ohne dass die von der SPD in Aussicht gestellte \u201eGegenleistung\u201c in Form einer nachhaltigen Absenkung des Rentenniveaus in den 2030er Jahren garantiert werde.<\/p>\n<p>Die Junge Gruppe bekam rasch Unterst\u00fctzung, etwa aus dem einflussreichen \u201eParlamentskreis Mittelstand\u201c in der CDU\/CSU. Schlie\u00dflich schlossen sich auch die neoliberalen \u00d6konomen des \u201eSachverst\u00e4ndigenrats Wirtschaft\u201c, die sogenannten \u201eWirtschaftsweisen\u201c, der Kritik an. Das l\u00f6ste ein Trommelfeuer aus: Die Medien st\u00fcrzten sich drauf und verkauften den Angriff auf das Rentenniveau als Generationenkonflikt.<\/p>\n<p>Das Argument: Wenn das Rentenniveau der Alten nicht umgehend abgesenkt werde, m\u00fcssten die Jungen immer mehr ins System einzahlen. Das unternehmensnahe <em>Handelsblatt<\/em> fasst es so zusammen: \u201eDeutschland steht am Kipppunkt: Die Babyboomer gehen in Rente, die Beitragszahler werden weniger, der Beitragssatz k\u00f6nnte explodieren.\u201c<\/p>\n<h6><strong>Junge Schn\u00f6sel attackieren junge Lohnabh\u00e4ngige<\/strong><\/h6>\n<p>Die Argumentation, die Senkung des Rentenniveaus sei im Interesse der jungen Generation, ist offenkundiger Unsinn. Das Rentenniveau bezeichnet das Verh\u00e4ltnis zwischen der Rente eines Durchschnittsverdieners, der 45 Jahre Beitr\u00e4ge in die Gesetzliche Rentenversicherung (RV) eingezahlt hat und dem Durchschnittslohn aller Besch\u00e4ftigten. Dies ergibt die sogenannte Standardrente eines hypothetischen \u201eEckrentners\u201c.<\/p>\n<p><strong>Wenn dieses Niveau jetzt abgesenkt w\u00fcrde, dann werden gerade die J\u00fcngeren darunter am meisten leiden, wenn sie sp\u00e4ter in Rente gehen. Ihre ausgezahlten Renten w\u00fcrden deutlich geringer ausfallen.<\/strong><\/p>\n<p>Genauer: Leiden w\u00fcrden die jungen Lohnabh\u00e4ngigen. Die Abgeordneten, die die Rebellion gegen die 48 Prozent angef\u00fchrt haben, verdienen pro Monat im Bundestag \u00fcber 11.800 Euro, wovon sie nicht einen Cent in das Rentensystem einzahlen m\u00fcssen. Zugleich bauen sie dabei einen monatlichen Rentenanspruch von 2,5 % des Einkommens auf. Daneben verf\u00fcgen die jungen Abgeordneten der CDU\/CSU \u00fcber teils eintr\u00e4gliche Nebeneinkommen und Verm\u00f6gen, die sie von ihren Eltern erben werden.<\/p>\n<p><strong>Der Angriff auf das Rentenniveau wurde von einer Gruppe junger Schn\u00f6sel gestartet. Sie repr\u00e4sentieren nicht die \u201ejunge Generation\u201c, sondern das Interesse der gesamten kapitalistischen Klasse, die ihren Beitrag zum Sozialsystem senken wollen. <\/strong><\/p>\n<p>Die Rentenanspr\u00fcche sind Teil des Lebenslohns eines Werkt\u00e4tigen; der Angriff auf das Rentenniveau ist nichts als der Versuch, diesen Lebenslohn zu schm\u00e4lern. Das Geld, das dabei eingespart wird, beh\u00e4lt der Staat, um Aufr\u00fcstungsprogramme und Steuererleichterungen f\u00fcr Unternehmen zu finanzieren. Nichts davon flie\u00dft in die Taschen derjenigen, die heute jung und lohnabh\u00e4ngig sind.<\/p>\n<h6><strong>Was entwickelt sich das Rentenniveau?<\/strong><\/h6>\n<p>Tats\u00e4chlich f\u00e4llt das Rentenniveau seit Jahrzehnten. Laut der <em>Deutschen Rentenversicherung<\/em> entsprach die Standardrente 1977 fast 60 Prozent des durchschnittlichen Jahresarbeitsentgelts. Das war der h\u00f6chste Wert in der Geschichte der Bundesrepublik. In den folgenden zwanzig Jahren fiel dieses Niveau auf rund 54 Prozent. Der Niedergang beschleunigte sich infolge der Reformen der SPD-gef\u00fchrten Regierung unter Kanzler Gerhard Schr\u00f6der und seinem Sozialminister Walter Riester, die 1998 an die Macht kam. Bis 2010 fiel das Rentenniveau von einst 60 auf 51,6 Prozent, und bis 2015 auf unter 48 Prozent.<\/p>\n<p><strong>Der Kniff: Unter Riester wurden 2001 und 2004 Faktoren in die Rentenanpassungsformel eingef\u00fchrt, auf deren Grundlage die Rentensteigerungen j\u00e4hrlich berechnet werden. Effekt: die Kopplung an die Entwicklung der L\u00f6hne wurde begrenzt, das Rentenniveau fiel deutlich. <\/strong><\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus wurde das gesetzliche Renteneintrittsalter f\u00fcr M\u00e4nner wie Frauen schrittweise auf 67 Jahre erh\u00f6ht \u2013 in kaum einem anderen europ\u00e4ischen Land liegt es so hoch wie in Deutschland.<\/p>\n<h6><strong>Die Selbstinszenierung der B\u00e4rbel Bas<\/strong><\/h6>\n<p>Die mit Riester verbundene Rentenpolitik war und ist extrem unpopul\u00e4r. Sie ist das Trauma der SPD. Sie hat ma\u00dfgeblich zur Gr\u00fcndung einer vereinten Linkspartei 2007 und dem Niedergang der Sozialdemokratie beigetragen, der bis heute anh\u00e4lt. Um dieses Trauma zu \u00fcberwinden, wurde 2018 unter SPD-Kanzler Olaf Scholz und seinem Sozialminister Hubertus Heil gesetzlich eine Niveausicherungsklausel in die Rentenanpassungsformel eingef\u00fchrt, die das Rentenniveau auf mindestens 48 Prozent bis zum Jahr 2025 stabilisierte.<\/p>\n<p>Zugleich wurde die H\u00f6he des Beitragssatzes auf maximal 20 Prozent festgelegt. Die Einhaltung dieser Beitragsobergrenze, so sah es das Gesetz von 2018 vor, wird gegebenenfalls durch die Bereitstellung zus\u00e4tzlicher Bundesmittel abgesichert.<\/p>\n<p><strong>Das Auslaufen dieser \u201edoppelten Haltelinie\u201c war Ausl\u00f6ser des j\u00fcngsten Angriffs durch die CDU-Rechte. H\u00e4tten sie sich durchgesetzt, w\u00e4re das Rentenniveau bis 2031 um einen Prozentpunkt gesunken. Dies entspricht einem Betrag von durchschnittlich 420 Euro pro Jahr. <\/strong><\/p>\n<p>Die SPD konnte in ihrem Konflikt mit der Union \u00fcber das Rentenniveau auf die Linksfraktion st\u00fctzen, die sich am Ende der Stimme enthielt und so die Rebellion der jungen Unionsabgeordneten ins Leere laufen lie\u00df. Die nutzt dies, um die vor\u00fcbergehende Rettung der 48 %-Regel als Sieg gegen den sozialen Kahlschlag zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p><strong>Sozialministerin B\u00e4rbel Bas r\u00fchmte sich daf\u00fcr beim Bundeskongress der Jusos im November 2025, sie sei zuvor auf dem Arbeitgebertag f\u00fcr ihre Aussagen zur Rente ausgelacht worden: \u201eIch bin diejenige, die gerade voll im Feuer steht. Ich bin die gef\u00fchlte Transformationsfl\u00e4che, die diesen Sozialstaat noch hochh\u00e4lt.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Das ist nicht nur eine v\u00f6llige \u00dcberzeichnung dessen, was tats\u00e4chlich beschlossen worden ist. Es dient Bas und weiten Teilen der SPD nun als Alibi, um im neuen Jahr an dem grundlegenden Angriff gegen das Sozialsystem mitzuwirken. Noch am Abend der Abstimmung des 5. Dezember \u00fcber die Verl\u00e4ngerung der Haltelinie bis 2031 erkl\u00e4rte die Sozialministerin in den \u201eTagesthemen\u201c, es br\u00e4uchte ein ganz neues Rentensystem: \u201eEs wird nicht reichen, nur an zwei Schr\u00e4ubchen zu drehen\u201c, es m\u00fcsse eine \u201emutige Reform\u201c sein, so Bas. Konkret zeigte sie sich offen f\u00fcr eine Erh\u00f6hung des Renteneintrittsalters.<\/p>\n<h6><strong>Der Arbeitsauftrag der Rentenkommission<\/strong><\/h6>\n<p>Was uns tats\u00e4chlich erwartet, zeigt der Beschluss des Koalitionsausschusses vom 28. November 2025, der die Marschrichtung f\u00fcr die Rentenkommission festlegte. Der Auftrag an die Kommission umfasst insbesondere die Pr\u00fcfung folgender Fragestellungen:<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Verl\u00e4ngerung der Lebensarbeitszeit<\/strong> (z. B. \u00fcber die Erh\u00f6hung des regul\u00e4ren Renteneintrittsalter oder die Mindesteinzahlzeiten), h\u00f6here Abschl\u00e4ge bei vorzeitiger Verrentung;<\/li>\n<li><strong> Senkung des Rentenniveaus<\/strong>: Einf\u00fchrung eines \u201eNachholfaktors\u201c zum Abbau des Ausgleichsbedarfs infolge der Haltelinie nach 2031;<\/li>\n<li><strong> \u201eBessere Nutzung der Vorteile des Kapitalmarktes\u201c<\/strong> f\u00fcr die Altersvorsorge.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Was den letzten Punkt angeht, liegt seit dem 17. Dezember bereits ein Kabinettsbeschluss vor. Er sieht unter anderem ein renditeorientiertes Depot vor, gest\u00fctzt auf Fonds oder Anleihen. Zugelassen werden soll erstmals auch eine Variante ohne Beitragsgarantie bei der Auszahlung! Mit anderen Worten: Die Rente kann an der B\u00f6rse auch komplett verzockt werden. M\u00f6glich sollen aber auch \u201eProdukte mit einer Garantie von 80 Prozent beziehungsweise 100 Prozent\u201c sein.<\/p>\n<p><strong>Die SPD-Spitze ist sehr vorsichtig, sich zu offen mit derlei \u201eReformen\u201c in Verbindung zu bringen. Ihre Ministerinnen und Minister werden sich hinter der Kommission verschanzen und die Empfehlungen dann als vermeintlich wissenschaftliches, neutrales Ergebnis aus Expertenrunden darstellen. <\/strong><\/p>\n<p>Klar ist: diese Kommission hat den Auftrag, lediglich L\u00f6sungen im Interesse des Kapitals zu finden, die die Regierung dann mit ein paar steuerfinanzierten Trostpflastern an die Masse des Volks verkaufen wird. Der Erfolg des Rentenpakets 1 \u2013 die 48 Prozent bis 2031 \u2013 erweisen sich nicht mehr als eine Atempause beim steten Versuch, die gesetzliche Rentenversicherung zu entkernen. Das sogenannte Solidarprinzip, also die h\u00e4lftige Beteiligung des Kapitals an deren Kosten, soll immer weiter ausgehebelt werden.<\/p>\n<p>Bezahlen wird das die vor allem \u2026 die <em>j\u00fcngere<\/em> Generation der arbeitenden Klasse: Durch \u201eprivate\u201c Zusatzbeitr\u00e4ge, durch eine l\u00e4ngere Lebensarbeitszeit, aber auch durch sinkende Rentenbez\u00fcge in der Zukunft.<\/p>\n<h6><strong>Renten \u2013 viel niedriger, als die \u00d6konomen vorrechnen<\/strong><\/h6>\n<p>Zwei Dinge muss man sich klarmachen: Wenn das Rentenniveau seit 1977 von 60 auf 48 Prozent gefallen ist, dann entspricht das 12 von 60. Der reale Abstieg betr\u00e4gt also nicht 12, sondern 20 Prozent. Zum anderen ist das Rentenniveau nicht gleichbedeutend mit den tats\u00e4chlich ausgezahlten Renten.<\/p>\n<p>Der \u201eEckrentner\u201c im Modell zur Berechnung des Rentenniveaus hat 45 Jahre lang gearbeitet und dabei jedes Jahr den Durchschnittslohn aller Versicherten verdient. Doch in der Realit\u00e4t haben aber die Wenigsten eine bruchlose Erwerbsbiografie.<\/p>\n<p><strong>Im Jahr 2023 bekam der hypothetische \u201eEckrentner\u201c pro Monat 1604 Euro. Tats\u00e4chlich lag die real ausgezahlte Durchschnittsrente in Deutschland monatlich bei nur etwa 1100 Euro. <\/strong><\/p>\n<p>Die Rentenh\u00f6he f\u00fcr Frauen war dabei im Durchschnitt mit 908 Euro noch einmal deutlich niedriger als jene f\u00fcr M\u00e4nner (1348 Euro). Im \u00dcbrigen verbergen diese Zahlen erheblich unterschiedliche Rentenauszahlungsbetr\u00e4ge, je nach dem ausge\u00fcbten Beruf.<\/p>\n<p>Auch wenn das Rentenniveau nichts \u00fcber die tats\u00e4chliche Rente aussagt, so spielt es doch eine erhebliche Rolle f\u00fcr die Entwicklung der der ausgezahlten Renten. Denn das Rentenniveau ist Teil der sogenannten Rentenanpassungsformel \u2013 also jener Formel, aus der sich die j\u00e4hrliche Steigerung der Renten ergibt. Wer daran die Axt anlegt, organisiert noch mehr Altersarmut, als heute schon existiert.<\/p>\n<h6><strong>Angriffsziel: Bundeszuschuss<\/strong><\/h6>\n<p>Angeblich ist die Absenkung des Rentenniveaus deshalb notwendig, weil die Kosten sonst aus dem Ruder laufen. Der in der SPD einflussreiche \u201eSeeheimer Kreis\u201c bringt in einem Positionspapier daf\u00fcr das Standardargument: \u201eDie deutsche Bev\u00f6lkerung altert. W\u00e4hrend 1962 noch sechs Erwerbst\u00e4tige auf einen Rentner kamen, sind es heute weniger als zwei.\u201c<\/p>\n<p>Prognosen zufolge w\u00fcrde der Anteil der Menschen, die 67 Jahre und \u00e4lter sind, bis 2060 von heute 20 % auf 27 % steigen. Das sei nicht finanzierbar. Das Umlagesystem der RV m\u00fcsse mit immer mehr Geld aus Steuermitteln bezuschusst werden.<\/p>\n<p>Dieses Argument ist in Wirklichkeit durch und durch l\u00f6chrig. Zun\u00e4chst einmal: Nach der Berechnung des Seeheimer Kreises hat sich das Verh\u00e4ltnis von Erwerbspersonen zu Rentenbeziehern in den letzten 63 Jahren von 6:1 auf unter 2:1 verringert. Doch das Rentensystem ist trotzdem nicht unbezahlbar geworden. Es wird auch nicht zusammenbrechen, wenn sich diese Relation noch etwas weiter verschieben sollte. In den kommenden 35 Jahren wird es sich vergleichsweise wenig ver\u00e4ndern, vielleicht auf 1,75 : 1. Danach wird der relative Anteil der Erwerbst\u00e4tigen pro Rentenempf\u00e4nger wieder steigen.<\/p>\n<p><strong>Es ist auch keineswegs so, dass im Laufe der Jahre der Bundeszuschuss aus Haushaltsmitteln im weiter erh\u00f6ht werden musste. Im Gegenteil. In der ersten Zeit nach der gro\u00dfen Rentenreform von 1957 war der Anteil des Bundeszuschusses an den Einnahmen der staatlichen Rentenversicherung deutlich h\u00f6her als heute. Bis in die 1990er Jahre verharrte der Anteil dann relativ stabil bei rund 20 Prozent. <\/strong><\/p>\n<p>Es waren politische Entscheidungen wie die Finanzierung ausgeweiteter Kindererziehungszeiten aus der RV, die den Bundeszuschuss auf das Niveau wie in 1960er Jahren hievten \u2013 bevor er bis heute wieder auf rund 23 Prozent abfiel, historisch gesehen im mittleren Bereich.<\/p>\n<p>Der Bundeszuschuss zur RV hat f\u00fcr sich nichts Problematisches. Er senkt die Beitr\u00e4ge, die in die RV vom Lohn abgef\u00fchrt m\u00fcssen. Im \u00dcbrigen hat er mehrere konkrete Funktionen. \u00dcber Bundeszusch\u00fcsse werden Leistungen finanziert, die nicht durch Beitragszahlungen ins Umlagesystem gedeckt sind.<\/p>\n<p>Darunter fallen Zeiten, die bei der Berechnung der Rente ber\u00fccksichtigt werden, wie Mutterschaft, Arbeitslosigkeit oder schulische Ausbildung. Auch wird die H\u00f6herwertung der Ost-Entgelte oder Waisenrenten aus Steuermitteln bezuschusst. Hei\u00dft: Hinter den Attacken auf den Bundeszuschuss steckt ein Angriff vorrangig auf soziale Leistungen, die M\u00fctter, Arbeitslose und Kranke beziehen.<\/p>\n<h6><strong>Der gesellschaftliche Reichtum w\u00e4chst<\/strong><\/h6>\n<p>In der Rentenkommission sitzen \u00d6konomen des \u201eSachverst\u00e4ndigenrates Wirtschaft\u201c, die eine banale Tatsache wohlfeil \u00fcbersehen. Die blo\u00dfe Anzahl der Beitragszahler spielt weder die alleinige, noch die entscheidende Rolle f\u00fcr die Stabilit\u00e4t eines Alterssicherungssystems. Viel wichtiger ist die Entwicklung umfassender \u00f6konomischer Rahmendaten wie der Masse aller Erwerbst\u00e4tigen und die Masse des erwirtschafteten Mehrprodukts in der Gesellschaft.<\/p>\n<p><strong>Ablesbar ist das an der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Und das wuchs ungleich st\u00e4rker als die Zahl der Rentenempf\u00e4nger: Von umgerechnet 184,46 Milliarden Euro (1962) auf 4328,97 Milliarden Euro (2024). Das hei\u00dft, die Zahl der Rentnerinnen und Rentner wuchs seit 1962 relativ gesehen um das 3-fache, das BIP hingegen um das 23,5-fache. <\/strong><\/p>\n<p>Hintergrund daf\u00fcr ist die fortschreitende industrielle Revolution, die den Wert der Waren, die eine einzelne Arbeitskraft erzeugt, immer weiter steigen l\u00e4sst. Hinzu kommt, dass die Zahl der Erwerbst\u00e4tigen durch Zuwanderung und die Einbeziehung von immer mehr Frauen in die Produktion enorm angewachsen ist, auf einen Rekordwert von heute rund 46 Millionen Personen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir auch die Steigerung der ausgezahlten Bez\u00fcge selbst ber\u00fccksichtigen. Von 1960 bis 2018 haben sich die individuellen Rentenbez\u00fcge inflationsbereinigt mehr als verdreifacht. Das enorme Wachstum des verf\u00fcgbaren Reichtums in der Gesellschaft von 2350 % in demselben Zeitraum konnte das aber nicht aufzehren.<\/p>\n<h6><strong>Mythos Kostenexplosion<\/strong><\/h6>\n<p>Die Daten des Bundesministeriums f\u00fcr Arbeit und Soziales zeigen dies: Die Sozialleistungen sind im internationalen Vergleich generell nicht au\u00dfergew\u00f6hnlich hoch und haben auch im Zeitverlauf nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig zugenommen. Bei der Rentenversicherung waren die Ausgaben im Vergleich zur Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr sogar niedriger als noch 2010.<\/p>\n<p><strong>Die Ausgabenquote der Rentenversicherung liegt aktuell mit 9,4 Prozent des BIP einen ganzen Prozentpunkt unter der Quote von 2004 (10,4 Prozent) \u2013 trotz einer steigenden Zahl von Rentenempf\u00e4ngern.<\/strong><\/p>\n<p>Und: Obgleich die Zusch\u00fcsse aus dem steuerfinanzierten Staatshauhalt nicht angestiegen sind, blieb der Beitragssatz mit 18,6 Prozent deutlich unter der 2018 fixierten Haltelinie von 20 Prozent. Das hei\u00dft, das umlagefinanzierte Rentensystem ist sehr wohl stabil und kann es auch weiter bleiben. Und sollte es notwendig sein, aus Steuermitteln zuzulegen, dann ist das ohne Weiteres machbar \u2013 erst recht, wenn die Priorit\u00e4ten weg von der Aufr\u00fcstung hin zu Sozialem gelegt werden w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>Im \u00dcbrigen gibt es zahlreiche Berufsgruppen, die nicht in dieses System einzahlen. Dazu z\u00e4hlen auch die jungen Abgeordneten der CDU\/CSU wie alle Bundestagsabgeordneten, die den jungen Lohnabh\u00e4ngigen ihre sp\u00e4tere Rente vermiesen wollen. <\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-8967 alignright\" src=\"https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/26_01_29-Rentenniveau-160x300.png\" alt=\"\" width=\"190\" height=\"356\" srcset=\"https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/26_01_29-Rentenniveau-160x300.png 160w, https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/26_01_29-Rentenniveau-547x1024.png 547w, https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/26_01_29-Rentenniveau.png 664w\" sizes=\"auto, (max-width: 190px) 100vw, 190px\" \/>Tats\u00e4chlich sind die Renten in Deutschland vergleichsweise niedrig, jedenfalls f\u00fcr die Masse der Lohnabh\u00e4ngigen. So betr\u00e4gt die Durchschnittsrente im Verh\u00e4ltnis zum Durchschnittsverdienst laut Zahlen der <em>Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung<\/em> (OECD) bei deutschen Normalverdienern lediglich 42 Prozent. Im OECD-Mittel der 34 reichsten Industriestaaten der Welt erreichen vergleichbare Versicherte hingegen gut 57 Prozent. Beim Alterssicherungsniveau von Geringverdienern rangiert Deutschland unter den 34 OECD-Mitgliedern sogar an letzter Stelle.<\/p>\n<h6><strong>Klassenkampf von oben<\/strong><\/h6>\n<p>W\u00e4re der politische Wille da, k\u00f6nnte die RV ohne jede weitere Reform stabil fortbestehen. Doch die Herrschenden wollen etwas anderes. Deshalb reden sie das gesetzliche Rentensystem schlecht, bezeichnen es als \u201eunbezahlbar\u201c, als \u201eungerecht\u201c und so weiter.<\/p>\n<p>Dahinter steckt ein banaler Grund: Es geht um viele Milliarden Euro, die aus Sicht des Kapitals, ihrer \u00d6konomen und der Bundesregierung umverteilt werden sollen. Der Bundesrechnungshof hat vorgerechnet, dass die von der Ampelkoalition 2024 beschlossene, aber nicht umgesetzte Fortsetzung der doppelten Haltelinie bis 2040 zus\u00e4tzliche Steuermittel in H\u00f6he von 67 Milliarden Euro erfordert h\u00e4tte.<\/p>\n<p><strong>Umgerechnet auf die einzelnen Haushaltsjahre w\u00e4re dies ein einstelliger Milliardenbetrag \u2013 was sich bescheiden ausnimmt, angesichts der zwischenzeitlich von CDU\/CSU und SPD beschlossenen j\u00e4hrlichen Neuverschuldung von 200 Milliarden f\u00fcr Aufr\u00fcstung und milit\u00e4risch nutzbarer Infrastruktur. Doch jede Milliarde, die dem System und damit dem kombinierten Lebenslohn der arbeitenden Klasse entzogen wird, kann zur Senkung der Zinsen genutzt werden, die das kreditfinanzierte Aufr\u00fcstungsprogramm den Staat kostet. <\/strong><\/p>\n<p>Die Kosten der RV wird nach dem geltenden Umlageverfahren anteilig vom Kapital bezahlt. Diesen Anteil zu senken, darum geht es in der aktuellen Rentendebatte. Dies ist aber nur m\u00f6glich, wenn die Masse der Versicherten, also die Lohnabh\u00e4ngigen, selbst mehr einzahlen, l\u00e4nger arbeiten \u2013 oder einfach weniger bekommen.<\/p>\n<p><strong>Das hat mit Generationengerechtigkeit nichts zu tun. Das, was sie Rentenreform nennen, ist nichts weiter als Klassenkampf: der Versuch einer gigantischen Umverteilung von Verm\u00f6gen von unten nach oben. <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Operation Altersarmut: Sie tarnen es als \u201eGenerationengerechtigkeit\u201c Die Koalition aus CDU\/CSU und SPD hat eine Rentenkommission eingesetzt. Sie soll bis zum Sommer 2026 einen Plan zur grundlegenden Umw\u00e4lzung der Alterssicherung ausarbeiten.\u00a0Angeblich geht es darum, die junge Generation vor den Kosten \u00fcberzogener Rentenauszahlungen an die Alten zu sch\u00fctzen. 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