{"id":8981,"date":"2026-02-23T15:48:51","date_gmt":"2026-02-23T14:48:51","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=8981"},"modified":"2026-02-23T16:10:36","modified_gmt":"2026-02-23T15:10:36","slug":"arbeitskampf-im-oeffentlichen-dienst-wie-ist-der-abschluss-beim-tv-l-zu-bewerten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2026\/02\/23\/arbeitskampf-im-oeffentlichen-dienst-wie-ist-der-abschluss-beim-tv-l-zu-bewerten\/","title":{"rendered":"Arbeitskampf im \u00f6ffentlichen Dienst: Wie ist der Abschluss beim TV-L zu bewerten?"},"content":{"rendered":"<h3>\u201eDas ist jetzt unsere Aufgabe: die Kolleginnen und Kollegen zu \u00fcberzeugen, das Ergebnis abzulehnen und parallel einen Erzwingungsstreik vorzubereiten\u201c<\/h3>\n<h6>Interview mit einer Pflegekraft<\/h6>\n<p><strong>Im Dezember begann der Arbeitskampf im \u00f6ffentlichen Dienst der L\u00e4nder. Kernforderung der Gewerkschaften Verdi und GEW war eine Lohnerh\u00f6hung von 7 Prozent. Zahlreiche Warnstreiks haben die Wut der Besch\u00e4ftigen zum Ausdruck gebracht. Mit der \u201cTarifgemeinschaft der L\u00e4nder\u201d vereinbarten die Gewerkschaften am 14. Februar ein Ergebnis, \u00fcber das ihre Mitglieder nun abstimmen m\u00fcssen. Wie ist das Ergebnis zu bewerten? Das haben wir <em>Claudia Cham<\/em> gefragt, die als Pflegekraft am Universit\u00e4tsklinikum in M\u00fcnster arbeitet und mitgestreikt hat.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong><em>RevoLinks<\/em><\/strong><strong>: Claudia, Du warst an der Uniklinik in M\u00fcnster einige Wochen im Arbeitskampf. Ihr hattet 7 Prozent, mindestens aber 300 Euro mehr gefordert. Seit Abschluss der dritten Verhandlungsrunde liegt nun das Ergebnis vor&#8230;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Claudia:<\/strong> Ja genau, die L\u00f6hne im Tarifvertrag TV-L werden um 5,8 Prozent angehoben, mindestens aber 100 Euro im Monat; f\u00fcr die Auszubildenden gibt es ein Plus von 150 Euro. Erh\u00f6ht werden auch die Zulagen f\u00fcr Wechsel- und Schichtarbeit. Ebenfalls verankert ist die Ost-West-Angleichung, was K\u00fcndigungsschutz und Arbeitszeit betrifft.<\/p>\n<p><strong><em>RevoLinks<\/em><\/strong><strong>: Nicht so schlecht, oder\u2026?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Claudia:<\/strong> Auf den ersten Blick k\u00f6nnte man das meinen. Wirft man jedoch einen zweiten Blick darauf und rechnet man ein Bisschen nach, kommt schnell die Ern\u00fcchterung.<\/p>\n<p>Der Tarifvertrag hat eine Laufzeit von 27 Monaten und erstreckt sich \u00fcber drei Haushaltsjahre. Der Arbeitgeber wollte Planungssicherheit in Krisenzeiten und hat sich hier voll durchgesetzt.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns aber bedeutet es letztlich weiterhin Reallohnverlust. Denn wir bekommen im ersten Schritt 2,8 Prozent ab April 2026, dann weitere 2 Prozent ab M\u00e4rz 2027 und l\u00e4cherliche 1 Prozent ab 2028. Das sind unter dem Strich rund 2 Prozent pro Jahr, entspricht also in etwa der aktuellen Inflationsrate \u2013 wobei v\u00f6llig unklar ist, wie sich die Inflation im Laufe des kommenden Jahres entwickeln wird.<\/p>\n<p>Obendrein gibt es schon wieder 5 \u201eNullmonate\u201c am Anfang \u2013 der Vertrag lief n\u00e4mlich schon im November aus. Das hatten wir schon bei den letzten beiden Abschl\u00fcssen im TV-L, also dass wir die ersten Monate nach Auslaufen des Tarifvertrages ohne jede Lohnerh\u00f6hung gearbeitet haben. Das summiert sich nun seit 2020 auf rund zwei ganze Jahre, die gar nicht ber\u00fccksichtigt worden sind.<\/p>\n<p><strong><em>RevoLinks<\/em><\/strong><strong>: Gilt das auch f\u00fcr die Azubis?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Claudia:<\/strong> Ja, bei den Auszubildenden verh\u00e4lt es sich genauso. Auch ihre Erh\u00f6hung erstreckt sich \u00fcber 27 Monate und viele der am Streik Beteiligten werden gar nicht mehr davon profitieren, da ihre Ausbildung schon vorher abgeschlossen sein wird.<\/p>\n<p><strong><em>RevoLinks<\/em><\/strong><strong>: Aber bei den Schichtzulagen konnten die Angestellten den Arbeitgebern Zugest\u00e4ndnisse abtrotzen\u2026<\/strong><\/p>\n<p><strong>Claudia:<\/strong> Jein. Das Plus bei der Wechselschichtzulage f\u00fcr die Unikliniken fiel mit 250 Euro \u00fcberraschend hoch aus. Allerdings muss man anmerken, dass in den wenigsten Bereichen auch Wechselschicht \u2013 also fr\u00fch, sp\u00e4t, fr\u00fch, sp\u00e4t \u2013 gearbeitet wird.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re besser gewesen, die Arbeitszeit in ung\u00fcnstigen Zeiten generell h\u00f6her zu honorieren, also f\u00fcr alle Nacht- oder Wochenendschichten. Das h\u00e4tte die breite Masse der Besch\u00e4ftigten der Unikliniken betroffen.<\/p>\n<p>Die Wechselschichtzulage betrifft haupts\u00e4chlich die Pflege auf den Stationen, und werden \u00fcber die Krankenkassen refinanziert. Das hat alles so sein Geschm\u00e4ckle.<\/p>\n<p><strong><em>RevoLinks<\/em><\/strong><strong>: Ihr habt f\u00fcr den TV-L gek\u00e4mpft. H\u00e4ufig h\u00f6rte man von Streikenden, das eine Angleichung an den TV\u00d6D her muss. Kannst Du das erl\u00e4utern?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Claudia: <\/strong>Fr\u00fcher gab es nur einen Tarif im \u00f6ffentlichen Dienst, das war der BAT. In den 90ern hat sich denn Verdi fatalerweise auf den TV\u00d6D eingelassen, der schon eine deutliche Abwertung im Gehaltsniveau mit sich brachte, vor allem f\u00fcr langj\u00e4hrig Besch\u00e4ftigte. Dann kamen die Regierungen der Bundesl\u00e4nder auf die Idee, dass sie ihren Angestellten weniger zahlen wollen, als die Angestellten beim Bund oder den Kommunen erhalten. Deshalb gr\u00fcndeten sie die Tarifgemeinschaft der L\u00e4nder, TDL. Seitdem haben wir zwei Tarifrunden, eine f\u00fcr TV\u00d6D und eine f\u00fcr TVL, wobei die Angestellten bei den L\u00e4ndern tendenziell immer noch weniger bekommen. Es geht also um \u201eTeile-und-Herrsche\u201c.<\/p>\n<p><strong><em>RevoLinks<\/em><\/strong><strong>: Und wie war das Ergebnis beim TV-L nun im Verh\u00e4ltnis zum TV\u00d6D-Ergebnis?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Claudia:<\/strong> Mal wieder schlechter. Bei der letzten TV\u00d6D-Runde gab es ebenfalls einen Vertrag \u00fcber 27 Monate, nur lag da die Erh\u00f6hung bei 2,8 % in der ersten und dann 3 % in der n\u00e4chsten Stufe. Schlimmer aber noch ist, dass die Gewerkschaftsf\u00fchrung die Spaltung der Tarife insgesamt irgendwie geschluckt hat. Wir sollten daf\u00fcr k\u00e4mpfen, dass alle Angestellten im \u00f6ffentlichen Dienst wieder in einem Tarifvertrag sind. Das w\u00e4re gerechter und w\u00fcrde unsere Kampfkraft st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Stattdessen wurden einzig die Zulagen f\u00fcr Wechsel- und Schichtdienste denen des TV\u00d6Ds angeglichen.<\/p>\n<p><strong><em>RevoLinks<\/em><\/strong><strong>: A propos Spaltung, in den Medien wurde hervorgehoben, dass die Angestellten in Ost- und West-L\u00e4ndern nun gleich bezahlt werden w\u00fcrden\u2026<\/strong><\/p>\n<p><strong>Claudia:<\/strong> Ost und West wurden angeglichen, hie\u00df es. Aber: Die ostdeutschen Kolleginnen und Kollegen werden die 38,5 Stundenwoche erst 2029 erreichen. Ich frage mich, warum eigentlich? Seit \u00fcber 35 Jahren wird der Tag der deutschen Einheit in einem der Hauptst\u00e4dte der Bundesl\u00e4nder gefeiert. Aber wenn es um die Arbeitszeit geht, da lassen sich die Landesregierungen nur qu\u00e4lend langsam eine Angleichung abtrotzen, obwohl wir genau die gleiche Arbeit machen. Und dann stellen sie das auch noch als ihren Erfolg dar. Ich finde das vollkommen verheuchelt.<\/p>\n<p><strong><em>RevoLinks<\/em><\/strong><strong>: Es ging bei euch auch noch um die studentischen Besch\u00e4ftigten, oder?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Claudia:<\/strong> Ja, die studentischen Besch\u00e4ftigten wollten endlich eine Absicherung \u00fcber die Einf\u00fchrung eines eigenen Tarifvertrags, dem TV-Stud. Den haben sie aber wieder nicht bekommen. Sie werden weiterhin unter prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen mit Kurzzeitvertr\u00e4gen und Kettenbefristungen arbeiten, ohne Sicherheit und Planbarkeit.<\/p>\n<p><strong><em>RevoLinks<\/em><\/strong><strong>: Wie bewertest Du das Ergebnis unter dem Strich?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Claudia:<\/strong> Ich finde, dass ein Ergebnis, bei dem der Reallohn hinter der Inflation zur\u00fcckbleibt, den Namen \u201eEntgelterh\u00f6hung\u201c nicht verdient hat. Das Verhandlungsergebnis hinterl\u00e4sst bei mir erneut das bittere Gef\u00fchl, dass wir nur noch k\u00e4mpfen, um noch gr\u00f6\u00dfere Einkommensverluste zu verhindern.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich haben wir infolge des Preisauftriebs w\u00e4hrend der Corona-Jahre und danach bereits reichlich an Kaufkraft eingeb\u00fc\u00dft. Das ist nie wieder herausgeholt worden.<\/p>\n<p>Die Einmalpr\u00e4mie, die beim letzten Mal als \u201eInflationsausgleich\u201c gezahlt worden war, hat eben genau diese Wirkung nicht erreicht. Die Inflationsrate stieg und die Pr\u00e4mie wurde ausgegeben, ohne dass die Lohnh\u00f6he dauerhaft dem Preisanstieg angepasst worden w\u00e4re. Das war Augenwischerei, die sich nun bemerkbar macht.<\/p>\n<p>Unser derzeitiges Einkommen liegt inflationsbereinigt immer noch unter dem Niveau von 2019, obwohl die Arbeitsverdichtung weiter gestiegen ist. Wir haben also mehr Arbeit f\u00fcr weniger Geld. So ein Ergebnis k\u00f6nnen wir nicht akzeptieren.<\/p>\n<p><strong><em>RevoLinks<\/em><\/strong><strong>: Verdi sagt, dass nicht mehr drin gewesen sei\u2026<\/strong><\/p>\n<p><strong>Claudia:<\/strong> Nat\u00fcrlich, das ist der Standardspruch der Gewerkschaft nach jedem sozialpartnerschaftlichen Abschluss. Der Verdi-Apparat zeigte w\u00e4hrend der gesamten Tarifrunde null Interesse, das Todschlagargument der Arbeitgeber von den angeblich leeren Kassen aufzugreifen und zu widerlegen.<\/p>\n<div id=\"attachment_8982\" style=\"width: 145px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8982\" class=\"wp-image-8982 size-medium\" src=\"https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/26_02_20-Bilder-aus-Streik-TV-L-6-135x300.jpg\" alt=\"\" width=\"135\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/26_02_20-Bilder-aus-Streik-TV-L-6-135x300.jpg 135w, https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/26_02_20-Bilder-aus-Streik-TV-L-6-461x1024.jpg 461w, https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/26_02_20-Bilder-aus-Streik-TV-L-6.jpg 576w\" sizes=\"auto, (max-width: 135px) 100vw, 135px\" \/><p id=\"caption-attachment-8982\" class=\"wp-caption-text\">Streiken macht gute Laune&#8230;<\/p><\/div>\n<p>Verbale Spr\u00fcche wie \u201egerechter Lohn f\u00fcr gute Arbeit\u201c sind einfach zu wenig um zu \u00fcberzeugen, weder die breitere \u00d6ffentlichkeit noch uns Streikende auf der Stra\u00dfe vor den Betriebstoren.<\/p>\n<p>Uns im Betrieb wird dann gesagt, es fehle an Organisations- und Streikst\u00e4rke. Somit seien der Gewerkschaft in den Verhandlungen die H\u00e4nde gebunden. Dabei ist es oft der Gewerkschaftsapparat, der uns K\u00e4mpfenden an der Basis im Weg steht.<\/p>\n<p><strong><em>RevoLinks<\/em><\/strong><strong>: Was meinst Du damit konkret?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Claudia<\/strong>: Ich meine damit zum Beispiel die seltsame Art bei der Forderungsfindung. Die Frage wurde in einem Anschreiben so suggestiv gestellt, dass die 7 Prozent als Forderung schon praktisch gesetzt war. Auch war die Streiktaktik von oben diktiert und lie\u00df kaum ein Gef\u00fchl der kollektiven St\u00e4rke zu.<\/p>\n<p>Dabei sind es gerade die Kampferfahrungen am Streikposten und auf der Stra\u00dfe, die einen gewerkschaftlichen Aufbau erleichtert.<\/p>\n<p>Zumal wir an den Unikliniken nur im Rahmen einer Notdienstvereinbarungen unsere Arbeit niederlegen k\u00f6nnen und somit viele auch im Streik ihren Dienst verrichten mussten.<\/p>\n<p><strong><em>RevoLinks<\/em><\/strong><strong>: Wir haben auf <a href=\"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2026\/02\/10\/streikende-im-oeffentlichen-dienst-an-die-arbeitgeber-ohne-uns-seid-ihr-alle-nix\/\">RevoLinks<\/a> einige Interviews und auch Bilder von Streikaktionen geteilt. Die <\/strong><strong>B<\/strong><strong>esch\u00e4ftigten wirkten sehr w\u00fctend, aber auch k\u00e4mpferisch. Stimmt der Eindruck?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Claudia:<\/strong> Ach, am Streikposten herrscht immer eine wunderbare Atmosph\u00e4re, gepr\u00e4gt von Kampfeslust und manchmal auch Wut und Frust, von Hoffnung, Erwartungen, aber auch Sorgen und Verunsicherung.<\/p>\n<div id=\"attachment_8983\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8983\" class=\"wp-image-8983 size-medium\" src=\"https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/26_02_20-Bilder-aus-Streik-TV-L-300x135.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"135\" srcset=\"https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/26_02_20-Bilder-aus-Streik-TV-L-300x135.jpg 300w, https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/26_02_20-Bilder-aus-Streik-TV-L-1024x461.jpg 1024w, https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/26_02_20-Bilder-aus-Streik-TV-L-768x346.jpg 768w, https:\/\/revolinks.de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/26_02_20-Bilder-aus-Streik-TV-L.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-8983\" class=\"wp-caption-text\">Streikposten am Uniklinikum M\u00fcnster<\/p><\/div>\n<p>Vor allem ist es die Gelegenheit mit den streikenden Kolleginnen und Kollegen aus den vielen Bereichen des Betriebs in den Austausch zu gehen und sich zu vernetzen.<\/p>\n<p>Viele Streikende hatten zum ersten Mal die Arbeit niedergelegt und konnten erste Erfahrungen sammeln.<\/p>\n<p>Es ist einfach gro\u00dfartig, fr\u00fch morgens am Streikposten als erstes die Besch\u00e4ftigten der B\u00e4ckerei zu begr\u00fc\u00dfen, dann folgt Pflege, Service, Technik, W\u00e4scherei, OP, Therapie, Botendienst, Patiententransport, K\u00fcche, Kita und viele weitere Bereiche, die den Betrieb einer Uniklinik am Laufen halten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>RevoLinks<\/em><\/strong><strong>: Da ist bestimmt viel im Hintergrund zu tun?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Claudia:<\/strong> Ja klar, unsere Mobilisation und unser Kampf beginnt ja schon weit im Vorfeld der einzelnen Streiktage.<\/p>\n<p>Wollen die Besch\u00e4ftigten die Arbeit niederlegen, m\u00fcssen sie sich am eigenen Arbeitsplatz organisieren. Dabei geht es im Kern um die Schlie\u00dfung von Betten oder ganzen Stationen oder auch der OP-S\u00e4le, eine Grundvoraussetzung f\u00fcr viele anh\u00e4ngende Berufsgruppen, damit diese \u00fcberhaupt im Anschluss ihre Arbeit niederlegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dies geschieht bevor die Verhandlung um die Notdienstvereinbarung aufgenommen wird, da die Unikliniken ja ihren Versorgungsauftrag zu erf\u00fcllen haben.<\/p>\n<p>Wir sa\u00dfen an zwei langen und z\u00e4hen Tagen der Klinikleitung gegen\u00fcber und mussten um die Schlie\u00dfung jedes Bettes, jeder Station, jedes OP-Saals oder Behandlungsplatzes feilschen, um \u00fcberhaupt k\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen. Ohne Notdienstvereinbarung gibt es keinen Streik.<\/p>\n<p>An den Unikliniken in Rostock und Greifswald ist der Arbeitgeber sogar f\u00fcr ein Streikverbot vor das Arbeitsgericht gezogen, letztendlich aber gescheitert.<\/p>\n<p>Wenn wir uns also am Streikposten einfinden, haben wir schon so manche Schlacht gewonnen \u2026 oder auch verloren.<\/p>\n<p>Das spiegelt sich nat\u00fcrlich auch in der aufgeheizten Stimmung am Streikposten wider, zumal die aktuellen Arbeitsbedingungen und die Sorge vor Reallohnverlusten Hauptthemen waren \u2013 und nat\u00fcrlich der Frust \u00fcber die Politik der aktuellen Regierung.<\/p>\n<p><strong><em>RevoLinks<\/em><\/strong><strong>: Wir hatten zusammen mit dir ein vierseitiges <a href=\"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2025\/12\/19\/tarifrunde-der-laender-die-luege-von-den-knappen-kassen\/\"><em>RevoLinks-Extra<\/em> <\/a>zum Streik herausgebracht und argumentiert: die Arbeitgeber verbreiten M\u00e4rchen, wenn sie \u00fcber knappe Kassen jammern. Wie haben Kolleginnen von dir auf die Argumente von uns bzw. der Arbeitgeber reagiert?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Claudia: <\/strong>Das Extra war eine wertvolle und fundierte Diskussionsvorlage am Streikposten. Es war leicht, damit in tiefere Diskussionen \u00fcber die Finanzierbarkeit unserer L\u00f6hne einzusteigen und auf gute Argumente zur\u00fcckzugreifen.<\/p>\n<p>Es geht um die Verteilung des Reichtums zwischen Oben und Unten. Aufr\u00fcstung und Kriegsert\u00fcchtigung der zivilen Infrastruktur wird auf dem R\u00fccken von uns Besch\u00e4ftigten finanziert. Das war f\u00fcr viele ein willkommenes Argument. Nat\u00fcrlich erreicht man nicht jeden in der Belegschaft, aber die positiven R\u00fcckmeldungen \u00f6ffnen kleine Fenster, die wir als k\u00e4mpferische Gewerkschaftsbasis mit revolution\u00e4ren Ideen nutzen m\u00fcssen. Vielen wurde bewusst, wie wichtig es ist, den Kampf um den TV-L zu politisieren.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind die Kassen nicht leer, der Staat schwimmt in Geld. Das war ein Dauerthema im Streik. Als der Verdi-Bundesvorsitzende Frank Werneke in D\u00fcsseldorf auf dem Landesstreiktag NRW dann die derzeitige Politik der Bundesregierung als \u201eKlassenkampf von Oben\u201c beschrieb, h\u00e4tten wir ihn gerne beim Wort genommen. Der Streik h\u00e4tte ganz klar mit den K\u00e4mpfen gegen Aufr\u00fcstung und Wehrpflicht verbunden werden sollen und der Gewerkschaftsapparat h\u00e4tte klare Kante gegen die Regierungspolitik zeigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong><em>RevoLinks<\/em><\/strong><strong>:<\/strong> <strong>Mal ganz ehrlich, eigentlich war doch schon im Dezember klar, dass der hauptamtliche Apparat von Verdi kein Interesse an einem Vollstreik hatte, oder?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Claudia:<\/strong> Als aktive Gewerkschafterin im Betrieb war mit Einl\u00e4uten des Prozesses der Forderungsfindung von Verdi ganz klar, dass kein demokratisches Mitwirken der Basis an Streik- und Verhandlungstaktik gew\u00fcnscht ist. Sie wollten ihre Verhandlungsroutine und einen sozialpartnerschaftlichen, also kapitalfreundlichen Abschluss im anvisierten Zeitplan, fernab von Vollstreiks oder Eskalation. Diese Orientierung erkl\u00e4rt das magere Ergebnis.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die organisierte Gewerkschaftsbasis schon im Vorfeld mehr Druck, l\u00e4ngere Streiks und echte Durchsetzung ihrer Forderungen wollten, setzte der Gewerkschaftsapparat auf das bekannte Muster:<\/p>\n<p>Warnstreiks und punktuelle Wirkungsstreiks, zeitlich und geographisch begrenzt, gut planbar.<\/p>\n<p>Die von oben orchestrierte Streiktaktik sah in der Realit\u00e4t wie ein Flickenteppich aus, der dann den Streikenden bundesweit nicht wirklich das Gef\u00fchl von kollektiver St\u00e4rke vermittelte.<\/p>\n<p>Diese Streikform ist f\u00fcr den Arbeitgeber kalkulierbar. Er wei\u00df, dass der Betrieb nach ein oder zwei Tagen wieder l\u00e4uft und kein wirklicher \u00f6konomischer Schaden entsteht.<\/p>\n<p>Handzahm wurde wie in der Vergangenheit auch diesmal sozialpartnerschaftliche Kompromisse mit den Arbeitgebern ausgehandelt und tats\u00e4chliches Kampfpotenzial links liegen gelassen.<\/p>\n<p>Die Bundestarifkommissionen wollen dann vor den Verhandlungst\u00fcren dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen und durch viele Worte den Eindruck basisdemokratischer Mitbestimmung erzeugen.<\/p>\n<p><strong><em>RevoLinks<\/em><\/strong><strong>: Warum ist Verdi eigentlich so unglaublich tr\u00e4ge?<\/strong><\/p>\n<p>Gewerkschaften sind notwendig und gleichzeitig sind sie widerspr\u00fcchliche Organisationen. Sie sind historische Errungenschaften der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Ohne sie g\u00e4be es keine kollektive Gegenmacht, keine Tarifvertr\u00e4ge, keine Streikrechte. In den Arbeitsk\u00e4mpfen haben ihre Mitglieder zumindest die M\u00f6glichkeit zur Entwicklung von Klassenbewusstsein.<\/p>\n<p>Zugleich sind sie aber von einer B\u00fcrokratie gepr\u00e4gt, die notwendig ist, um den Apparat in sozialen Friedenszeiten aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p>Diese B\u00fcrokratie hat eine vermittelnde Funktion. Sie will Konflikte regulieren, nicht zuspitzen und setzt auf Sozialpartnerschaft, auf Verl\u00e4sslichkeit, auf Verhandlungserfolge statt auf Mobilisierung.<\/p>\n<p>Zudem tendieren die Gewerkschaftsfunktion\u00e4re dazu, Tarifkonflikte nicht als zu gewinnende K\u00e4mpfe, sondern als zu l\u00f6sende Probleme zu betrachten.<\/p>\n<p>Ihr eigenes materielles Interesse besteht darin, das Gleichgewicht zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufrechtzuerhalten, denn ihr eigenes Einkommen und ihre Daseinsberechtigung sind vom Fortbestand der Gewerkschaft und ihren Mitgliedern abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p><strong><em>RevoLinks<\/em><\/strong><strong>: Das hei\u00dft, die Gewerkschaften werden immer ausverkaufen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Claudia:<\/strong> Nein, unter dem Druck der Besch\u00e4ftigten k\u00f6nnen sie sich verbal und auch in Aktionen nach links orientieren.<\/p>\n<p>Aber unter dem Druck der Arbeitgeber oder der Medien, der Regierung usw. oder auch aus Angst vor Kontrollverlust der Basis schwenken sie nach rechts.<\/p>\n<p>Das bedeutet aber nicht, dass das am Charakter oder der politischen \u00dcberzeugung einzelner Funktion\u00e4re liegt, sondern es ist ihre Rolle im System, die sie dazu bringt, K\u00e4mpfe einzud\u00e4mmen und Kampfwillige zu demotivieren.<\/p>\n<p>Die entscheidende Frontlinie verl\u00e4uft innerhalb der Gewerkschaft: zwischen Basis und Apparat. Wer das ignoriert, idealisiert die Gewerkschaft.<\/p>\n<p>Und die Alternative ist auch nicht, die Gewerkschaft zu verlassen oder zu verteufeln. Die Alternative ist, in der Gewerkschaft f\u00fcr eine Alternative zu arbeiten. Politisch, organisatorisch, strategisch.<\/p>\n<p><strong><em>RevoLinks<\/em><\/strong><strong>: Nun steht das Verhandlungsergebnis zur Abstimmung. Was empfiehlst Du den Kolleginnen und Kollegen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Claudia:<\/strong> Das Verhandlungsergebnis wird von der B\u00fcrokratie sch\u00f6ngeredet und sch\u00f6ngerechnet &#8230; und der Basis als alternativlos verkauft.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir dagegen angehen und das Ergebnis sowie die Streiktaktik in den Betrieben schonungslos, realistisch und offen debattieren. Das ist jetzt unsere Aufgabe als Betriebsgruppe oder in der Funktion als Vertrauensleute, diese Debatte zu f\u00fchren und die Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz davon zu \u00fcberzeugen, das Ergebnis abzulehnen und parallel einen Erzwingungsstreik vorzubereiten.<\/p>\n<p>Das Ergebnis ist in der Urabstimmung abzulehnen, da waren wir uns auch in Vernetzungssitzungen mit allen Unikliniken in NRW einig.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft also nicht, aus der Gewerkschaft austreten und pauschal \u201edie Funktion\u00e4re\u201c zu beschimpfen. Sondern Druck von unten zu organisieren, demokratische Entscheidungen einzufordern.<\/p>\n<p>Gewerkschaften sind Kampfinstrumente \u2013 aber nur so k\u00e4mpferisch wie ihre Basis ist.<\/p>\n<p>Es geht jetzt darum, am eigenen Arbeitsplatz aktiv zu werden, sich im Betrieb zu vernetzen, aktive Betriebsgruppen und Vertrauensleutestrukturen weiter aufzubauen zu gr\u00fcnden, um die Kontrolle \u00fcber Forderungsfindung und Streiktaktik der n\u00e4chsten Tarifrunde zu bekommen.<\/p>\n<p>Entt\u00e4uschende Abschl\u00fcsse sind kein Grund, K\u00e4mpfe als vergebliche Unterfangen abzutun. Wir m\u00fcssen die richtige Frage stellen: wer wird beim n\u00e4chsten Mal den Streik kontrollieren? Das sollten wir sein, die Besch\u00e4ftigten, die den Betrieb kennen und jeden einzelnen Tag am Laufen halten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDas ist jetzt unsere Aufgabe: die Kolleginnen und Kollegen zu \u00fcberzeugen, das Ergebnis abzulehnen und parallel einen Erzwingungsstreik vorzubereiten\u201c Interview mit einer Pflegekraft Im Dezember begann der Arbeitskampf im \u00f6ffentlichen Dienst der L\u00e4nder. Kernforderung der Gewerkschaften Verdi und GEW war eine Lohnerh\u00f6hung von 7 Prozent. Zahlreiche Warnstreiks haben die Wut der Besch\u00e4ftigen zum Ausdruck gebracht. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":8985,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[69],"tags":[152,177],"class_list":["post-8981","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-arbeitskaempfe-gewerkschaft","tag-gewerkschaftsbuerokratie","tag-verdi-arbeitskampf-oeffentlicher-dienst"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8981","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8981"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8981\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8989,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8981\/revisions\/8989"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8985"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8981"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8981"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8981"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}