{"id":9016,"date":"2026-03-09T20:26:37","date_gmt":"2026-03-09T19:26:37","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=9016"},"modified":"2026-03-09T20:26:37","modified_gmt":"2026-03-09T19:26:37","slug":"frankreich-buergerliche-nutzen-tod-eines-nazis-um-linke-zu-attackieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2026\/03\/09\/frankreich-buergerliche-nutzen-tod-eines-nazis-um-linke-zu-attackieren\/","title":{"rendered":"Frankreich: B\u00fcrgerliche nutzen Tod eines Nazis, um Linke zu attackieren"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Am 12. Februar verlor in Lyon der Faschist Quentin Deranque bei einer Auseinandersetzung sein Leben. Radikale Faschisten nutzen dies zur Mobilisierung. Anstatt gegen die Gefahr von rechts vorzugehen, greifen Medien und b\u00fcrgerliche Parteien die Linke an. Sie ebnen damit den Faschisten des Rassemblements National bei den bevorstehenden Kommunalwahlen den Weg.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Von Reuven Neumann<\/strong><\/p>\n<p>In Frankreich ist nach dem Tod des 23-j\u00e4hrigen Rechtsradikalen Quentin Derangue in Lyon eine hei\u00df erregte Debatte \u00fcber politische Gewalt von links entbrannt. Im Fadenkreuz der Angriffe steht vor allem die Partei <em>La France Insoumise<\/em> (LFI), sowie ihr zugeh\u00f6rigen bereits verbotenen antifaschistische Jugendorganisation<em>\u00a0Jeune <\/em><em>Garde Antifasciste <\/em>(&#8222;Junge antifaschistische Garde&#8220;).<\/p>\n<p>Ihr vor allem wird von den Medien wie auch von den rechtsb\u00fcrgerlichen Parteien eine unmittelbare Mitverantwortung f\u00fcr die Ereignisse unterstellt. In der Folge f\u00fchlen sich jetzt die Faschisten im Aufwind und mobilisieren zunehmend gegen die Linke in Frankreich.<\/p>\n<p>Die Ereignisse erinnern dabei durchaus an die letzten gewaltsamen Jahre der Weimarer Republik in den drei\u00dfiger Jahren in Deutschland. Im Januar 1930 wurde Horst Wessel, der Anf\u00fchrer einer der brutalsten SA-Banden, von einem Kommunisten erschossen. Die Beisetzung Wessels macht der NSDAP-Gauleiter von Berlin Joseph Goebbels zu einem propagandistischen Gro\u00dfereignis. Goebbels wurde unter Hitler drei Jahre sp\u00e4ter Propagandaminister und machte das \u201eHorst-Wessel-Lied\u201c zum Teil der deutschen Nationalhymne.<\/p>\n<h6><strong>Was war passiert?<\/strong><\/h6>\n<p>Am 12. Februar fand an der Universit\u00e4t in Lyon eine Veranstaltung mit Rima Hassan statt, die f\u00fcr die linke Partei <em>La France Insoumise<\/em> (LFI, \u201eUnbeugsames Frankreich\u201c) im Europaparlament sitzt. LFI ist jene Partei, die unter Jean-Luc M\u00e9lenchon am konsequentesten in der franz\u00f6sischen Nationalversammlung gegen die Sozialk\u00fcrzungen der konservativen Minderheitsregierung arbeitet. Hassan ist aufgrund ihrer Wurzeln immer wieder Angriffsziel der faschistischen Rassemblement National (RN) unter Marine Le Pen, sowie Nazi-Splittergruppen.<\/p>\n<p>An diesem Tag kam es erneut zu einer St\u00f6raktion der Gruppe <em>\u201eN\u00e9m\u00e9sis\u201c<\/em> gegen Hassan. Dabei handelt es sich um eine Nazigruppe, die mit \u201efeministischen\u201c Parolen immer in linke Demonstrationen provozierend hineinmarschiert. Sie wollen die Linke einsch\u00fcchtern und spalten, indem sie Araber und Migranten pauschal als Vergewaltiger denunzieren.<\/p>\n<p>Deranque war f\u00fcr die Nazi-Aktion als Ordner eingeteilt und sollte die Demonstration gegen linke Gegenangriffe \u201eabsichern\u201c. Dabei kam es zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung mit Antifaschisten, in deren Verlauf er t\u00f6dlich verletzt wurde.<\/p>\n<h6><strong>B\u00fcrgerliche Medien<\/strong><\/h6>\n<p>Unmittelbar nach dem Tod von Quentin Deranque wurde die Auseinandersetzung zum Hauptnachrichtenpunkt im Fernsehen und der Printpresse. Die Medien ignorierten den Kontext und behaupteten, bei dem Ereignis handele es sich um einen feigen \u201eLynchmord\u201c. Von Deranque wurde das Bild eines friedlichen, politisch aktiven jungen Studenten gezeichnet. F\u00fcr seinen Tod wurde die politische Linke, insbesondere aber die Partei M\u00e9lenchons verantwortlich gemacht.<\/p>\n<p>Das einst linksliberale, heute konservative franz\u00f6sische Wochenmagazin <em>L&#8217;Express<\/em> brachte in einer Ausgabe auf der Vorderseite das Bild von M\u00e9l\u00e9nchon mit den Worten: \u201e\u00d6ffentliche Gefahr\u201c. Die Medien f\u00fcttern und heizen damit die Mobilisierung noch an.<\/p>\n<h6><strong>Deranque war ein faschistischer Aktivist<\/strong><\/h6>\n<p>Tats\u00e4chlich war Quentin Derangue ein in der faschistischen Szene in Lyon bekannter Aktivist. Er engagierte sich nacheinander in verschiedenen Nazi-Organisationen. So war er Mitbegr\u00fcnder der nationalrevolution\u00e4ren Bewegung <em>Allobroges Bourgoin<\/em>, die \u00c4ngste vor einer \u201eIslamisierung\u201c sch\u00fcrt, Deportationen bef\u00fcrwortet (\u201eRemigration\u201c) und von der Vorherrschaft einer \u201ewei\u00dfen Rasse\u201c fabuliert. Daneben war er in der <em>Action fran\u00e7aise<\/em>, ebenfalls ber\u00fcchtigt f\u00fcr ihren aggressiven Rassismus gegen Gefl\u00fcchtete.<\/p>\n<p>Belegt ist zudem seine Mitgliedschaft in der Organisation <em>Audace Lyon,<\/em> einer lokalen rechtsradikalen Gruppe, die \u201ewei\u00dfe Selbstverteidigung\u201c propagiert und hierf\u00fcr ein eigenes Boxtraining anbietet. Deranque aktiv stellte seine durchaus Gewaltbereitschaft praktisch unter Beweis.<\/p>\n<p>Lyon ist seit l\u00e4ngerem als eine Hochburg rechter Schl\u00e4gertruppen bekannt, in der vor allem Migrantinnen und Migranten, Linke und Aktivisten f\u00fcr die Rechte von Homo- und Transsexuellen terrorisiert werden. Diese rechte Gewalt forderte in den letzten vier Jahren in Frankreich sechs Menschenleben, ohne dass die Medien in irgendeinem vergleichbaren Ma\u00df dies zum Thema gemacht h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Deranque ist Opfer seiner eigenen Politik geworden, die Gewalt gegen Andersdenkende und S\u00fcndenb\u00f6cke sch\u00fcrt.<\/p>\n<h6><strong>Die Faschisten mobilisieren<\/strong><\/h6>\n<p>Die Rechte nutzt die allgemeine Emp\u00f6rung, um Deranque als einen M\u00e4rtyrer aus den eigenen Reihen aufzubauen. Zu einer landesweiten Gedenkdemonstration in Lyon kamen am 21. Februar mehr als 3000 Faschisten zusammen, skandierten rassistische Slogans und zeigten den Hitlergru\u00df.<\/p>\n<p>Die RN unter Marine Le Pen, die in Umfragen landesweit vorne liegt, hielt sich weitgehend von dem Marsch fern. Doch gleichzeitig gab es im Land weitere rechte Aufm\u00e4rsche in Solidarit\u00e4t mit Deranque, an denen auch Mitglieder der RN und anderer rechter Parteien teilnahmen.<\/p>\n<p>In der Folge der Ereignisse von Lyon wurden in Frankreich 20 Angriffe auf Parteib\u00fcros der LFI verzeichnet, zum Beispiel in Toulouse, Lille und Paris. Die Pariser Zentrale musste \u00fcberdies wegen einer Bombendrohung ger\u00e4umt werden.<\/p>\n<p>Selbst in Deutschland wittern die rechten Schl\u00e4ger das Potenzial, dass der Fall hergibt. So versammelten sich 200 Nazis in Dresden in Solidarit\u00e4t mit Deranque.<\/p>\n<h6><strong>Das b\u00fcrgerliche Lager schielt nach rechts<\/strong><\/h6>\n<p>Die b\u00fcrgerlichen Politiker nutzen die Lage, um gegen die LFI zu schie\u00dfen. Sie wollen so quasi seitenverkehrt die Bereitschaft testen, ob eine \u00d6ffnung zum RN und eine m\u00f6gliche Koalitionsregierung mit den RN-Faschisten eine Option f\u00fcr das b\u00fcrgerlich-konservative Lager ist.<\/p>\n<p>Politiker wie Bruno Retailleau, vormals Innenminister und der designierte Kandidat der b\u00fcrgerlichen Partei <em>Les R\u00e9publicains<\/em> (LR) wirft der LFI vor, ihre verbale Gewalt \u00f6ffne den Raum f\u00fcr physische Gewalt auf der Stra\u00dfe. Premierminister S\u00e9bastien Lecornou nutzte die Gunst der Stunde und forderte die LFI auf, jetzt \u201ein ihren Reihen aufzur\u00e4umen\u201c. Andere b\u00fcrgerliche Politiker gehen weiter und fordern einen sogenannten <em>\u201ecordon sanitaire\u201c<\/em>, also eine \u00c4chtung und Brandmauer gegen die LFI. Nicht zuletzt gab es zudem ernsthaft Forderungen nach einer Aufl\u00f6sung der LFI.<\/p>\n<p>Die RN f\u00fchlt sich gest\u00e4rkt und schl\u00e4gt in dieselbe Kerbe. Parteichef Jordan Bardella forderte von den b\u00fcrgerlichen Parteien, jegliche Zusammenarbeit mit den Linken einzustellen und l\u00e4dt die B\u00fcrgerlichen stattdessen zu einer \u201egemeinsamen Front\u201c mit der RN gegen die Linke ein. Dies st\u00f6\u00dft auf eine Offenheit. Laurent Wauquiez, Fraktionsvorsitzender der konservativen LR, signalisierte seine Bereitschaft, k\u00fcnftig Absprachen zu Parlamentswahlen mit allen rechten Parteien zu treffen, also einschlie\u00dflich der RN. Der ehemalige Pr\u00e4sident Nicolas Sarkozy sagte im letzten Dezember, er habe Le Pen versprochen, \u201enicht mehr gegen den RN mobilzumachen\u201c.<\/p>\n<h6><strong>Testfall Kommunalwahlen<\/strong><\/h6>\n<p>Am 15. und 22. M\u00e4rz 2026 finden in Frankreich die Kommunalwahlen statt, bei denen in 34.476 St\u00e4dten und Gemeinden \u00fcber 500.000 Volksvertreter f\u00fcr die Wahlperiode 2026 \u2013 2032 gew\u00e4hlt werden. Dies k\u00f6nnte zum Testfall f\u00fcr die Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2027 werden.<\/p>\n<p>Es geht hierbei um mehr als Wahlarithmetik. Der Widerstand gegen die Sozialk\u00fcrzungen ist enorm. J\u00fcngst musste die Regierung Lecornu sogar die Rentenreform aussetzen, die schon beschlossen war und die Erh\u00f6hung des Renteneintrittsalters vorsah. Die <a href=\"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2025\/10\/14\/frankreichs-herrschende-klasse-weiss-nicht-mehr-weiter\/\">b\u00fcrgerliche Klasse ist zunehmend ratlos<\/a> angesichts der enormen Klassenpolarisierung im Lande. In dieser Situation w\u00e4chst die Bereitschaft, eine L\u00f6sung mit den radikalen Kr\u00e4ften am rechten Rand zu probieren.<\/p>\n<p>Die Gefahr ist riesig, dass der RN so an die Schalthebel der Macht und den Besitz der notwendigen Waffen, Positionen und Gelder kommt. Auch Hitlers Machtergreifung ging die Bildung einer Koalitionsregierung mit den Konservativen im Januar 1933 voraus.<\/p>\n<h6><strong>Was macht die Linke?<\/strong><\/h6>\n<p>Im Herbst des vergangenen Jahres konnten Linke und Gewerkschaften in ganz Frankreich durch einen Generalstreik und w\u00fctende Massenproteste von hunderttausenden Menschen der <em>\u201eBloquons tout!\u201c-<\/em>Bewegung (Wir blockieren alles!) die geplanten K\u00fcrzungen der b\u00fcrgerlichen Regierung unter Premierminister S\u00e9bastien Lecornu noch weitestgehend verhindern.<\/p>\n<p>Gleichzeitig aber ist das linke Parteienb\u00fcndnis <em>Nouveau Front Populaire<\/em> (Neue Volksfront), an dem die LFI, die Sozialistische Partei, die Gr\u00fcnen sowie die Kommunisten beteiligt waren, auseinandergebrochen. Insbesondere die Sozialisten haben sich durch Zugest\u00e4ndnisse der Regierung in der Rentenfrage aus dem Linksb\u00fcndnis verabschiedet.<\/p>\n<p>Die Lecornu-Regierung sieht nun infolge des Todes von Deranque eine Gelegenheit, die politische Krise der letzten beiden Jahre und den monatelangen Stillstand in den Haushaltsverhandlungen durch die Schw\u00e4chung der Linken, bzw. das B\u00fcndnis mit der RN zu \u00fcberwinden. Es geht um Haushaltseinsparungen zu Lasten der kleinen Leute in H\u00f6he von 44 Milliarden Euro.<\/p>\n<p><strong>Entscheidend wird sein, wie sich die Linke in den n\u00e4chsten Wochen aufstellt. M\u00e9lenchon hat sich gegen den Versuch der franz\u00f6sischen Beh\u00f6rden gestellt, die <em>Jeune Garde<\/em> aufzul\u00f6sen. Ebenso unterst\u00fctzt er offensiv die von der Staatsmacht angegriffene pal\u00e4stinasolidarische Gruppe <em>Urgence Palestine<\/em>.<\/strong><\/p>\n<p>Dies ist ein wichtiges Signal des Widerstands. Am Ende wird entscheidend sein, ob dieser Geist in der Linken eine breite Mehrheit findet \u2013 und in Aktionen auf betrieblicher Ebene gegen die gro\u00dfen sozialen Angriffe eine Forstsetzung findet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 12. Februar verlor in Lyon der Faschist Quentin Deranque bei einer Auseinandersetzung sein Leben. Radikale Faschisten nutzen dies zur Mobilisierung. Anstatt gegen die Gefahr von rechts vorzugehen, greifen Medien und b\u00fcrgerliche Parteien die Linke an. Sie ebnen damit den Faschisten des Rassemblements National bei den bevorstehenden Kommunalwahlen den Weg. 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