{"id":9096,"date":"2026-04-17T20:25:46","date_gmt":"2026-04-17T18:25:46","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=9096"},"modified":"2026-04-17T20:28:09","modified_gmt":"2026-04-17T18:28:09","slug":"nein-zu-den-kuerzungen-im-therapiesektor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2026\/04\/17\/nein-zu-den-kuerzungen-im-therapiesektor\/","title":{"rendered":"Nein zu den K\u00fcrzungen im Therapiesektor!"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Der Sparwahn im Gesundheitswesen macht uns krank<\/strong><\/h2>\n<p><strong><em>Diese Woche gehen bundesweit tausende Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten auf die Stra\u00dfe. Sie protestieren gegen die Absenkung ihrer Honorare um 4,5 Prozent. Dies wird als ein Beitrag zur Stabilisierung des Gesundheitssystems verkauft. Das Gegenteil ist der Fall, meint <\/em>Anna Nickel<\/strong><\/p>\n<p>Mit Wirkung zum 1. April sind die Honorare f\u00fcr Psychotherapeutinnen und -therapeuten um 4,5 % gesenkt worden. Beschlossen wurde dies von den Krankenkassen. Sie geben damit vorauseilend den von der Bundesregierung ausge\u00fcbten Spardruck im Gesundheitssystem weiter.<\/p>\n<p>Die K\u00fcrzungen treffen einen Sektor, der seit Jahren unterversorgt ist. Jetzt schon m\u00fcssen Patientinnen und Patienten monatelang, zuweilen jahrelang auf einen Therapieplatz warten. Die neuen Ma\u00dfnahmen werden diesen Zustand versch\u00e4rfen, anstatt ihn zu verbessern.<\/p>\n<h6><strong>Sparpolitik im Dienste des Kapitals<\/strong><\/h6>\n<p>Die Politik der Bundesregierung folgt einer klar durchschaubaren Logik: im Gesundheits- und Sozialwesen wird gek\u00fcrzt, damit mehr Geld f\u00fcr Aufr\u00fcstung und Kapitalinteressen zur Verf\u00fcgung steht. Diese Sparpolitik trifft im gro\u00dfen Ma\u00dfe die Krankenkassen, deren Zusch\u00fcsse gesenkt werden sollen.<\/p>\n<p>2017 betrug dieser Bundeszuschuss zur gesetzlichen Krankenversicherung insgesamt 14,5 Milliarden Euro. Nachdem er zwischenzeitlich um zus\u00e4tzliche Zusch\u00fcsse von 3,5 Milliarden, 5 Milliarden und 14 Milliarden pro Jahr erh\u00f6ht worden war, soll er nun wieder auf das Niveau des Jahres 2017 zur\u00fcckgef\u00fchrt werden \u2013 als h\u00e4tte es ein Jahrzehnt der Inflation nicht gegeben.<\/p>\n<p><strong>Zum Vergleich: Die Haushaltsplanung der aktuellen Bundesregierung sieht vor, in der laufenden Legislaturperiode f\u00fcr Aufr\u00fcstung und milit\u00e4risch relevante Infrastruktur \u00fcber 850 Milliarden Euro an Schulden aufzunehmen. Das Geld ist da \u2013 aber eben nicht f\u00fcr Gesundheit und Soziales.<\/strong><\/p>\n<p>Dem Gesundheitssystem wird ungeachtet einer alternden Gesellschaft und zunehmendem Krankheitsrisiko Geld entzogen. Dies trifft auch die Psychotherapie, obgleich psychische Krisen l\u00e4ngst zu einem Massenproblem geworden sind.<\/p>\n<p>Die Behandlung psychischer Krankheiten und Belastungen ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Doch die Bundesregierung betrachtet Psychotherapie vorrangig als Kostenfaktor, der minimiert werden soll.<\/p>\n<h6><strong>Was befeuert psychische Krisen im Kapitalismus?<\/strong><\/h6>\n<p>Die Zahlen sind eindeutig: psychische Erkrankungen nehmen zu. Besonders w\u00e4hrend und nach der Corona-Krise der Jahre 2020 und 2021 wiesen die Statistiken deutlich mehr Angstst\u00f6rungen und Depressionen aus. Die Suizidrate steigt bereits seit 2012 konstant.<\/p>\n<p>Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis kapitalistischer Verh\u00e4ltnisse. Das System erzeugt unaufh\u00f6rlich Druck- und Krisensituationen, die psychische Erkrankungen massiv beg\u00fcnstigen.<\/p>\n<p>So wird Arbeit als Zwang erlebt, um Grundbed\u00fcrfnisse wie Wohnen und Nahrung zu erf\u00fcllen, nicht als selbstbestimmte T\u00e4tigkeit. Die Lohnabh\u00e4ngigen, die gro\u00dfe Mehrheit der Berufst\u00e4tigen, sind ihrer produktiven Lebens\u00e4u\u00dferung entfremdet. Es geht nicht um sie oder den Sinn der Arbeit, sondern um die Maximierung von Profiten anderer.<\/p>\n<p><strong>Der Kapitalismus forciert die Individualisierung. Er basiert auf Konkurrenz- und Leistungsdenken. Solidarische Beziehungen zwischen Menschen bestehen nicht wegen, sondern trotz und gegen die Logik kapitalistischer Verwertungsmechanismen. <\/strong><\/p>\n<p>Folge: Die Gesellschaftsordnung f\u00fchrt direkt in Vereinzelung und Einsamkeit. Die immer intensivere Nutzung von Social Media befeuert noch diesen Prozess. Soziale Kontakte erscheinen heute trotz der digitalen Vernetzung als fl\u00fcchtiger und instabiler denn je.<\/p>\n<h6><strong>Verallgemeinerte der Krisen, Individualisierung der Verantwortung<\/strong><\/h6>\n<p>Das kapitalistische System befindet sich in einer Dauerkrise: Kriege, Inflation, Klima, unsichere Jobs und Zukunfts\u00e4ngste sind pr\u00e4gend f\u00fcr Milliarden weltweit. Diese Krisen treffen uns alle. Doch Verantwortung f\u00fcr Erfolg und Misserfolg im Leben wird individualisiert.<\/p>\n<p>Wir leben in einer Gesellschaft, in der von jedem erwartet wird, selbst sein Gl\u00fcck zu finden. So f\u00fchlen sich Menschen auch selbst verantwortlich, wenn sie in psychische Krisen geraten. Das System produziert kontinuierlich psychisches Leid, spart aber gleichzeitig aus wirtschaftlichen Erw\u00e4gungen an der Versorgung mit Hilfsangeboten.<\/p>\n<h6><strong>Teure Ausbildung<\/strong><\/h6>\n<p>Um Psychotherapeut zu werden reicht es nicht, Psychologie zu studieren. Psychologinnen und Psychologen m\u00fcssen nach dem erfolgreichen Studium eine teure Zusatzausbildung absolvieren. Die Kosten daf\u00fcr schwanken zwischen 10.000 und 27.000 Euro bei einer Ausbildungsdauer von drei Jahren.<\/p>\n<p>Dieser Aussiebungsmechanismus sorgt daf\u00fcr, dass nur ein kleiner Teil derjenigen, die anderen Menschen mit psychischen Erkrankungen helfen wollen, \u00fcberhaupt zu Therapeutinnen und Therapeuten werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dadurch entsteht eine fl\u00e4chendeckende Unterversorgung. Die Wartezeit auf einen Therapieplatz betr\u00e4gt aktuell meist zwischen vier und sechs Monaten. Die K\u00fcrzungen der Honorare machen diesen Berufsweg noch unattraktiver. Dies wird in der Zukunft das Angebot an Therapiepl\u00e4tzen weiter verringern.<\/p>\n<h6><strong>Sparpolitik: Mehr Kranke, weniger Heilung<\/strong><\/h6>\n<p>Am Ende muss sich jede psychisch kranke Person fragen: Kann ich es mir leisten, mich krankschreiben zu lassen und meine Krankheit behandeln zu lassen, wenn ich ewig auf einen Therapieplatz warten muss? Die Gefahr besteht, dass psychische Erkrankungen so lange verschleppt werden, dass sie suizidal werden oder in Gewalt eskalieren.<\/p>\n<p>Viele Menschen sind durch Depressionen monatelang arbeitsunf\u00e4hig. Das Unternehmen \u00fcbernimmt die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall f\u00fcr die ersten sechs Wochen, danach greift das von den Krankenkassen gezahlte Krankengeld. Auch das ist der Bundesregierung zu viel. Aktuell wird diskutiert, das Krankengeld und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zu k\u00fcrzen.<\/p>\n<h6><strong>Wie k\u00e4mpfen wir dagegen?<\/strong><\/h6>\n<p>Die K\u00fcrzungen im Therapiebereich betreffen vor allem niedergelassene Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, also eine \u00fcberwiegend selbstst\u00e4ndige Schicht mit eigener Praxis und Angestellten.<\/p>\n<p>Deshalb nimmt der Protest einen widerspr\u00fcchlichen Charakter an: Einerseits verteidigen sie ihre \u00f6konomische Existenz als Selbstst\u00e4ndige. Andererseits hat die Entwicklung direkte Folgen f\u00fcr die gesamte Bev\u00f6lkerung: Unter finanziellem Druck behandeln Therapierende sehr wahrscheinlich in Zukunft verst\u00e4rkt bevorzugt Privatpatienten, sodass noch weniger freie Pl\u00e4tze f\u00fcr gesetzlich Versicherte zur Verf\u00fcgung stehen. Die Wartezeiten werden sich weiter verl\u00e4ngern, vor allem f\u00fcr jene mit normalem oder geringem Einkommen.<\/p>\n<p>Die unmittelbaren Forderungen der Bewegung zielen auf den Erhalt der Selbst\u00e4ndigkeit der niedergelassenen Psychotherapeuten. Sie sind \u201eKleinb\u00fcrger\u201c im klassischen Sinne \u2013 die selbst arbeiten m\u00fcssen wie Lohnabh\u00e4ngige, aber Kapital besitzen wie Unternehmen. Entsprechend werden sie als Gutverdienende dargestellt, die die K\u00fcrzungen wegstecken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Entscheidend aber ist, dass die Folgen der K\u00fcrzungen die gesamte lohnabh\u00e4ngige Bev\u00f6lkerung mit einer deutlichen Verschlechterung der Versorgung mit psychosozialen Hilfsangeboten treffen wird.<\/strong><\/p>\n<p>Deshalb sollten sich alle hinter die Bewegung gegen die K\u00fcrzungspolitik stellen. Und zugleich argumentieren, dass die Proteste nur als Teil einer \u00fcbergreifenden Bewegung gegen die gesamte K\u00fcrzungspolitik von Bundesgesundheitsministerin Warken Erfolg haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eine berufsst\u00e4ndische Verengung der Proteste hilft jenen, die \u00fcberall k\u00fcrzen wollen. Tatsache ist: die Psychotherapie wird von Selbst\u00e4ndigen ausge\u00fcbt, die selbst aber zu einem gro\u00dfen Teil von den Leistungen quasi-staatlicher Krankenkassen abh\u00e4ngen.<\/p>\n<h6><strong>Eine bessere Versorgung ist m\u00f6glich<\/strong><\/h6>\n<p>Dieses hybride System, wo die \u00f6ffentliche Daseinsvorsorge privatisiert wird, aber weiter von Zuwendungen der \u00f6ffentlichen Haushalte abh\u00e4ngig ist, kennzeichnet seit den 80er und 90er Jahren immer mehr Branchen. Es hat in vielen Bereichen zu einer immer gr\u00f6\u00dferen Arbeitsverdichtung bei tendenziell fallenden Geh\u00e4ltern gef\u00fchrt. Eklatante Beispiele daf\u00fcr sind die Kinderg\u00e4rten, die Pflegebranche oder die Kinder- und Jugendhilfe.<\/p>\n<p>Die existierende Struktur der psychotherapeutischen Versorgung ist selbst Teil des Problems. Es ist eine Absurdit\u00e4t, dass ein zentraler Bestandteil der Gesundheitsversorgung \u00fcber tausende Einzelpraxen organisiert ist, statt \u00fcber ein fl\u00e4chendeckendes \u00f6ffentliches System.<\/p>\n<p><strong>Es muss daher um mehr gehen, als den Status Quo zu verteidigen.<\/strong><\/p>\n<p>Wir brauchen:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Einen Ausbau staatlicher psychosozialer Dienste<\/strong><\/li>\n<li><strong>Kostenfreie und niedrigschwellige Therapieangebote f\u00fcr alle, sowie fl\u00e4chendeckende schnell erreichbare Anlaufstellen bei psychischen Krisen<\/strong><\/li>\n<li><strong>Eine Integration psychischer Gesundheit in ein \u00f6ffentlich organisiertes Gesundheitssystem<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Die K\u00fcrzungen im Therapiesektor sind kein politischer Fehler, sondern logische Folge eines Systems, das Profit \u00fcber Bed\u00fcrfnisse stellt. Solange Gesundheitsversorgung eine Kostenfrage bleibt, wird dort gek\u00fcrzt werden. Solange psychisches Leid als individuelles Problem behandelt wird, bleibt seine gesellschaftliche Ursache unangetastet. Wir brauchen eine Gesellschaft, in der Gesundheit, Solidarit\u00e4t und kollektive Versorgung im Mittelpunkt stehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sparwahn im Gesundheitswesen macht uns krank Diese Woche gehen bundesweit tausende Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten auf die Stra\u00dfe. Sie protestieren gegen die Absenkung ihrer Honorare um 4,5 Prozent. Dies wird als ein Beitrag zur Stabilisierung des Gesundheitssystems verkauft. Das Gegenteil ist der Fall, meint Anna Nickel Mit Wirkung zum 1. April sind die Honorare f\u00fcr [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":9097,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[71],"tags":[240,238,239],"class_list":["post-9096","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-deutschland","tag-gesundheitssystem","tag-psychotherapie","tag-sozialkuerzungen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9096","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9096"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9096\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9099,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9096\/revisions\/9099"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9097"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9096"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9096"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9096"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}