{"id":9121,"date":"2026-05-12T17:29:41","date_gmt":"2026-05-12T15:29:41","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=9121"},"modified":"2026-05-12T20:19:38","modified_gmt":"2026-05-12T18:19:38","slug":"intersektionalitaetstheorie-oder-marxismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2026\/05\/12\/intersektionalitaetstheorie-oder-marxismus\/","title":{"rendered":"Intersektionalit\u00e4tstheorie oder Marxismus?"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Wie wir Diskriminierung bek\u00e4mpfen k\u00f6nnen<\/strong><\/h2>\n<p><strong><em>\u201e<\/em>My feminism will bei intersectional, or it will be bullshit<em>\u201c ist ein weitverbreiteter Spruch auf Demonstrationen und auf Social Media. Die Idee dahinter: Unterdr\u00fcckung m\u00fcssen wir \u201eintersektional\u201c verstehen, um sie zu bek\u00e4mpfen. Die zugrundeliegende Theorie ist popul\u00e4r in der Linken \u2013 aber dennoch als Kompass im Kampf gegen den Kapitalismus nicht zu gebrauchen, meint <\/em>Anna Nickel<\/strong><\/p>\n<p>Die sogenannte Intersektionalit\u00e4tstheorie hat ihren Ursprung an den geisteswissenschaftlichen Fakult\u00e4ten der Universit\u00e4ten. Sie beansprucht, Diskriminierung gesellschaftlicher Gruppen wie Frauen, Behinderte oder Migranten nicht isoliert, sondern in ihrem Zusammenwirken zu analysieren.<\/p>\n<p>Soziale Ungleichheiten treten laut Intersektionalit\u00e4tstheorie nicht isoliert auf, sondern \u00fcberschneiden und verst\u00e4rken sich gegenseitig. Dargestellt wird dies h\u00e4ufig mithilfe sich \u00fcberschneidender Kreise in Diagrammen, die Diskriminierungsverh\u00e4ltnisse sichtbar machen sollen, die sich aus dieser Verschr\u00e4nkung ergeben. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sollen helfen, gesellschaftliche Machtverh\u00e4ltnisse zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<h6><strong>Marxismus: Basis und \u00dcberbau <\/strong><\/h6>\n<p>Der Marxismus geht nicht von einem Nebeneinander verschiedener Unterdr\u00fcckungsformen aus, sondern von \u201eBasis und \u00dcberbau\u201c. Aus marxistischer Sicht wird Gesellschaft grundlegend dadurch gepr\u00e4gt, wie Menschen produzieren, arbeiten und ihre materiellen Lebensbedingungen schaffen. Die Basis stellt die \u00f6konomischen, materiellen Grundlagen einer Gesellschaft dar, auf die sich ein \u00dcberbau aus Institutionen und Ideen erhebt. Diskriminierungen sind Teil des ideologischen \u00dcberbaus, die der Herrschaft der \u00f6konomisch herrschenden Klasse dienen.<\/p>\n<p>Die Basis, die \u00f6konomische Struktur der Gesellschaft, umfasst die Produktivkr\u00e4fte, also Technologie, Wissen und Arbeitskraft sowie Werkzeuge und Maschinen (Produktionsmittel). Die Produktionsverh\u00e4ltnisse ergeben sich daraus, wie diese Arbeit gesellschaftlich organisiert ist.<\/p>\n<p>Im Kapitalismus bedeutet das konkret: Eine Klasse (Kapitalbesitzende) verf\u00fcgt \u00fcber Produktionsmittel, w\u00e4hrend eine andere (Lohnarbeitende) ihre Arbeitskraft verkaufen muss. Dieses Verh\u00e4ltnis bildet die Grundlage f\u00fcr Ausbeutung und Klassenstruktur.<\/p>\n<p>Der \u00dcberbau umfasst alle gesellschaftlichen Formen, die sich auf Grundlage dieser Basis entwickeln.\u00a0Ganz konkret sind das der Staat und seine Institutionen. Dazu geh\u00f6rt das Recht, z. B. Eigentumsrechte, Arbeitsrecht.<\/p>\n<p><strong>Teil des \u00dcberbaus bildet aber auch die vorherrschende Ideologie. Individualismus, Leistungsdenken, Moralvorstellungen oder Unterdr\u00fcckungsformen wie z. B. Rassismus sind alles Ideologien zur Rechtfertigung der Herrschaft der \u00f6konomisch dominierenden Klasse. Diese Ideologien werden durch Wissenschaft, Bildung, Kultur und Medien vermittelt und verbreitet.<\/strong><\/p>\n<p>Die Elemente des \u00dcberbaus sind nicht neutral, sondern stabilisieren und verfestigen die bestehende \u00f6konomische Ordnung; oft, ohne dass dies unmittelbar sichtbar ist.<\/p>\n<p>Dieses Verh\u00e4ltnis ist aber nicht mechanisch. Der \u00dcberbau ist kein passiver Spiegel der Basis. Stattdessen gilt: Die Basis pr\u00e4gt die grundlegenden M\u00f6glichkeiten und Grenzen gesellschaftlicher Entwicklung. Der \u00dcberbau hat eine relative Eigenst\u00e4ndigkeit und kann auf die Basis zur\u00fcckwirken, z. B. durch ideologische oder politische Auseinandersetzungen. Die Ergebnisse von Klassenk\u00e4mpfen spiegeln sich in der Rechtsprechung, in Sozialreformen und der verbreiteteten Ideologie wider.<\/p>\n<p>Es gibt ein sich st\u00e4ndig ver\u00e4nderndes Gleichgewicht der Kr\u00e4fte in der ideologischen Auseinandersetzung. Wenn es einen globalen Aufschwung von Klassenk\u00e4mpfen gibt, wie in den Jahren nach 1968 oder 1999, dann driftet ein Teil der Ideologieproduzenten an den Universit\u00e4ten, in den Medien etc. nach links. Wenn das Niveau der Klassenk\u00e4mpfe absinkt, wie in den 80er Jahren, driftet das Spektrum der Meinungsmacher nach rechts.<\/p>\n<h6><strong>Ideologie und Recht stabilisieren das System<\/strong><\/h6>\n<p>Die herrschende Ideologie muss die Interessen einer Minderheit als Interessen der Mehrheit darstellen. Dies f\u00fchrt zu Widerspr\u00fcchen in der Ideologie. Ein Beispiel: Das b\u00fcrgerliche Recht garantiert formale Gleichheit. Demnach sind alle vor dem Gesetz gleich. Gleichzeitig bleibt die materielle, soziale Ungleichheit bestehen, weil die Produktionsverh\u00e4ltnisse unangetastet bleiben. Die Kapitalisten verf\u00fcgen \u00fcber die Produktionsmittel und k\u00f6nnen somit den Alltag der arbeitenden Klasse diktieren. Das Rechtssystem \u00e4ndert nichts an der sozialen Ungleichheit, sondern zementiert sie.<\/p>\n<p>Anders als dem Marxismus h\u00e4ufig vorgeworfen wird, betrachtet er Basis und \u00dcberbau nicht als in einem mechanischen Verh\u00e4ltnis zueinanderstehend. Ein Beispiel daf\u00fcr ist Rassismus. Er entstand als Ideologie, die den transatlantischen Sklavenhandel vom 16. bis 19. Jahrhundert rechtfertigte. Seine \u00f6konomische Basis bestand in der Sklaverei auf den Baumwoll- und Zuckerplantagen Amerikas.<\/p>\n<p><strong>Diese Form des Sklavenhandels und der Sklaverei existiert heute nicht mehr, dennoch bleibt der Rassismus in anderer Form bestehen. Denn die herrschende Klasse hat in einer neuen Form Verwendung f\u00fcr ihn gefunden.<\/strong><\/p>\n<p>Formal gilt zwar Gleichheit vor dem Gesetz: Rassismus ist verboten. Faktisch bleibt er aber bestehen. Studien zeigen, dass Menschen mit vermeintlich \u201enicht-deutsch\u201c klingendem Namen bei gleicher Qualifikation deutlich seltener zu Vorstellungsgespr\u00e4chen eingeladen werden.<\/p>\n<p>Rassismus erf\u00fcllt im kapitalistischen System heute eine Funktion. Er tr\u00e4gt zur Spaltung des Widerstands gegen die Politik der Herrschenden bei. Beispiele gibt es reichlich \u2013 mal offener, mal subtiler. So sah sich der damalige Finanzminister Christian Lindner im Januar 2024 mit w\u00fctenden Bauern konfrontiert. Auf der B\u00fchne vor Protestierenden versuchte Lindner in Berlin die Wut umzukanalisieren und wies darauf hin, auch bei Asylbewerbern werde gek\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Die gleiche Leier spielte j\u00fcngst Kanzler Merz, als er in einer Bundestagsdebatte \u00fcber sexualisierte Gewalt gegen Frauen auf das \u201eProblem\u201c mit der Gewalt durch Migrantinnen und Migranten zu sprechen kam. Das Rechtssystem verbietet Diskriminierung abstrakt. Aber es \u00e4ndert nichts an der Klassenspaltung. Die Herrschenden greifen wie eh und je auf das Prinzip des \u201eTeile-und-Herrsche\u201c zur\u00fcck.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine marxistische Analyse ist entscheidend: Gesellschaftliche Ph\u00e4nomene (Diskriminierung, Normen, Identit\u00e4ten etc.) werden nicht isoliert betrachtet, sondern in Beziehung zu den Produktionsverh\u00e4ltnissen gesetzt. Die zentrale Frage muss stets lauten: Welche Funktion hat dieses Ph\u00e4nomen im bestehenden kapitalistischen System?<\/p>\n<h6><strong>Kritik an der Intersektionalit\u00e4tstheorie<\/strong><\/h6>\n<p>Das zentrale Problem der gegenw\u00e4rtigen Intersektionalit\u00e4tstheorie liegt darin, dass sie die Unterdr\u00fcckung unterschiedlicher Gruppen einfach nebeneinanderstellt und als jeweils eigene \u201eSysteme\u201c betrachtet. Diskriminierungsformen haben keine \u00f6konomische Funktion, sondern werden als erkenntnistheoretische oder diskursive Ph\u00e4nomene behandelt: Als eine Frage der Moral und der Einstellung von Individuen.<\/p>\n<p>Sie fokussiert auf akademische Diskurse und \u00dcberbauph\u00e4nomene. Dies spiegelt ihren Entstehungsort wider: die Intersektionalit\u00e4tstheorie \u00fcberh\u00f6ht die Rolle der Ideologieproduzenten.<\/p>\n<h6><strong>Sprechorttheorie: Kompetenzvermutung qua Geburt<\/strong><\/h6>\n<p>Die Sprechort- und Privilegientheorien sind die logische Konsequenz intersektionaler Analyse.<\/p>\n<p>In der Sprechorttheorie wird argumentiert, dass Aussagen \u00fcber Diskriminierung nur von jenen getroffen werden k\u00f6nnen, die selbst der jeweiligen diskriminierten Gruppe angeh\u00f6ren. Konkret bedeutet das, dass beispielsweise einer schwarzen Frau eine h\u00f6here Kompetenz zugesprochen wird, sich \u00fcber Rassismus und Sexismus, bzw. deren Verschr\u00e4nkung zu \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<p><strong>Betroffenen zuzuh\u00f6ren ist grunds\u00e4tzlich wichtig. Doch Betroffenheit an und f\u00fcr sich ist kein Argument. Die Sprechorttheorie ignoriert, dass unter den Betroffenen einer bestimmten Gruppe ein politischer Kampf besteht, der nicht zuletzt die Klassenspaltung innerhalb dieser Gruppe reflektiert.<\/strong><\/p>\n<p>AfD-Bundesvorsitzende Alice Weidel ist eine Frau, lesbisch und lebt mit einer aus Asien stammenden Frau in der Schweiz. F\u00fchrt das zu kompetenteren Aussagen \u00fcber diese diskriminierten Gruppen? Tats\u00e4chlich ist Weidels Bewusstsein vor allem das einer wohlhabenden Verm\u00f6gensberaterin an der Speerspitze einer faschistischen Partei in Deutschland.<\/p>\n<h6><strong>Privilegientheorie: Individualisierung politischer Fragen<\/strong><\/h6>\n<p>Nicht besser als die \u201eSprechorttheorie\u201c ist die Privilegientheorie. Sie fordert einzelne Individuen dazu auf, die nicht einer diskriminierten Gruppe angeh\u00f6ren, dies als ein vermeintliches \u201ePrivileg\u201c zu reflektieren.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft nichts anderes, als dass Grundrechte zu \u201ePrivilegien\u201c \u2013 also \u201eVorrechten\u201c \u2013 umdefiniert werden. Diskriminierung wird so zur Normalit\u00e4t erkl\u00e4rt. Dies nutzt jenen, die tats\u00e4chlich privilegiert sind, den Reichen und Superreichen.<\/p>\n<p>Politische Praxis reduziert sich in diesem Zusammenhang ansonsten auf reine Selbstreflexion: Wer spricht? Wer ist betroffen? Wer profitiert? Ziel dabei ist es, selbst ein \u201ebesserer Mensch\u201c zu werden, der die eigenen Privilegien wie eine Erbs\u00fcnde bereut.<\/p>\n<p><strong>Anstatt das System als Ganzes zu bek\u00e4mpfen, sollen durchschnittlicher Lohnabh\u00e4ngige mit einem schlechten Gewissen herumlaufen. Die Intellektuellen, die diesen Unsinn ausgeheckt haben, erheben sich bei der Gelegenheit als Aufgekl\u00e4rte und Achtsame \u00fcber die dumpfe Masse.<\/strong><\/p>\n<p>Die zugrundeliegenden materiellen Bedingungen geraten dabei vollst\u00e4ndig aus dem Blick. Die Privilegientheorie reduziert stattdessen alles auf eine Frage individueller Haltung und Sensibilit\u00e4t. Zu Ende gedacht erkl\u00e4rt die Privilegientheorie den gemeinsamen Kampf gegen Diskriminierung und Unterdr\u00fcckung f\u00fcr unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>In der realen Welt stellt Diskriminierung ein Hindernis im Klassenkampf dar, denn sie entfremdet die Angestellten eines Betriebs voneinander. Sie kann zugleich in der Realit\u00e4t durch die Erfahrung von Solidarit\u00e4t im Klassenkampf \u00fcberwunden werden.<\/p>\n<h6><strong>Beschreibung von Symptomen statt gemeinsamer Kampf<\/strong><\/h6>\n<p>Die Betonung von Vielfalt, Komplexit\u00e4t und Mehrdimensionalit\u00e4t f\u00fchrt zudem zu einer Zersplitterung sozialer Analyse: Wenn Ungleichheit als ein Geflecht unz\u00e4hliger, sich \u00fcberlagernder Achsen erscheint, wird es zunehmend schwieriger, eine zugrundeliegende Ursache zu benennen. An die Stelle eines klar bestimmbaren gesellschaftlichen Gegners tritt eine Vielzahl von Differenzlinien, die sich schwer fassen und nicht gemeinsam bek\u00e4mpfen lassen.<\/p>\n<p>Eine Strategie zur gesellschaftlichen Ver\u00e4nderung setzt voraus, zugrundeliegende Interessen und Herrschaftsstrategien zu erkennen. Diese Erkenntnis ist dann ein Kompass im Kampf. Die Intersektionalit\u00e4tstheorie begn\u00fcgt sich demgegen\u00fcber auf eine Symptombeschreibung und ignoriert dabei die wirtschaftlichen Interessen.<\/p>\n<h6><strong>Blinde Flecken: Kapitalismus und materielle Grundlagen<\/strong><\/h6>\n<p>Was immer wieder ins Auge f\u00e4llt, ist das weitgehende Fehlen einer expliziten Analyse von Kapitalismus, Eigentumsverh\u00e4ltnissen und Ausbeutung. Ungleichheiten werden detailreich beschrieben, ohne systematisch zu kl\u00e4ren, warum sie entstehen und welche Funktion sie im \u00f6konomischen Gef\u00fcge erf\u00fcllen. Diskriminierung erscheint so als eigenst\u00e4ndiges Ph\u00e4nomen; nicht als Ausdruck oder Bestandteil materieller Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr ist die Analyse von Frauenunterdr\u00fcckung. Intersektionale Ans\u00e4tze beschreiben differenziert, wie Frauen je nach Herkunft, Klasse oder Sexualit\u00e4t unterschiedlich von Diskriminierung betroffen sind. Was dabei unterbelichtet bleibt, ist die \u00f6konomische Funktion dieser Unterdr\u00fcckung.<\/p>\n<p>Reproduktionsarbeit wie Kinderbetreuung, Pflege oder \u00a0Hausarbeit, die \u00fcberwiegend von Frauen geleistet wird, ist schlecht oder gar nicht bezahlt. So spart das Kapital Geld und Ressourcen auf dem R\u00fccken der arbeitenden Klasse. Frauenunterdr\u00fcckung ist damit nicht nur ein kulturelles oder ideologisches Ph\u00e4nomen, sondern in die Produktionsverh\u00e4ltnisse eingebettet.<\/p>\n<h6><strong>Wissenschaft als Teil des \u00dcberbaus<\/strong><\/h6>\n<p>Auch die Rolle von Wissenschaft bleibt unzureichend reflektiert. Zwar werden Begriffe und Methoden kritisch hinterfragt. Die Abh\u00e4ngigkeit wissenschaftlicher Praxis von gesellschaftlichen Macht- und Produktionsverh\u00e4ltnissen wird aber ignoriert, wenn nicht sogar verschleiert. Wissenschaft ist aber selbst Teil des \u00dcberbaus und damit in ideologische und institutionelle Strukturen eingebunden.<\/p>\n<p>So werden staatliche Universit\u00e4ten vom b\u00fcrgerlichen Staat errichtet und finanziert und sind von finanziellen Zuwendungen kapitalistischer Unternehmen abh\u00e4ngig. Staat und Unternehmen bestimmen dabei, wer forschen darf und was beforscht wird. Durch reine Ideologiekritik \u00e4ndert sich daran gar nichts.<\/p>\n<p>Intersektionalit\u00e4tstheorien sind letztlich harmlos. Sie bilden einen theoretischen Rahmen, in dem Kritik an bestehenden Diskriminierungs- und Unterdr\u00fcckungsformen ge\u00fcbt wird, ohne die grundlegende kapitalistische Ordnung infrage zu stellen. Sie sind Teil des akademischen Diskurs an b\u00fcrgerlichen Universit\u00e4ten, die Illusionen \u00fcber die Machbarkeit einer gerechteren kapitalistischen Ordnung streuen.<\/p>\n<h6><strong>\u201eKlassismus\u201c als eine Kategorie unter vielen<\/strong><\/h6>\n<p>Die Intersektionalit\u00e4tstheorie ignoriert nicht die Existenz von Arm und Reich. Sie spricht sogar von \u201eKlassen\u201c und \u201eKlassismus\u201c.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich wird \u201eKlasse\u201c in der Intersektionalit\u00e4tstheorie nur als eine von vielen Kategorien aufgef\u00fchrt. Der Begriff verliert dabei aber seinen besonderen Gehalt zur Bezeichnung von Menschen im Produktionsprozess. Sie reduziert ihn auf eine Art sozialen Status oder subjektiv empfundene kulturelle Lage.<\/p>\n<p>Dies geht einher mit der Theorie des Soziologen Pierre Bourdieu, der das Kapital \u00e4hnlich vage begriffen und willk\u00fcrlich zerlegt hat. Er unterschied zwischen \u201esozialem\u201c, \u201ekulturellem\u201c, \u201esymbolischem\u201c und \u201e\u00f6konomischem\u201c Kapital. Bourdieu meint, dass jemand \u00fcber \u201ekulturelles\u201c Kapital verf\u00fcgen kann, ohne real Kapital zu besitzen.<\/p>\n<p>Das verwischt real bestehende Klassenunterschiede. Das eigene kulturelle Empfinden kann man durch individuelles Reflektieren \u00e4ndern, seine Stellung im Produktionsprozess nicht.<\/p>\n<h6><strong>Wie k\u00e4mpfen wir gegen Diskriminierung und Unterdr\u00fcckung?<\/strong><\/h6>\n<p>Wenn es gr\u00f6\u00dfere Klassenk\u00e4mpfe gibt, zum Beispiel in Form von Generalstreiks, dann ist die Intersektionalit\u00e4tstheorie hilflos, weil sich die Beteiligten auf Grundlage ihrer wirtschaftlichen Macht basierend auf ihrer realen Stellung im Produktionsprozess als Arbeiter zusammenschlie\u00dfen, und nicht wegen sich \u00fcberschneidender subjektiver Erfahrungen als Diskriminierte.<\/p>\n<p>In Zeiten, in denen es wenige gr\u00f6\u00dfere Klassenk\u00e4mpfe, aber einzelene politische Bewegungen gibt, kann ein solcher Ansatz verlockend erscheinen. Aufkommende Protestbewegungen wie z. B. die Klimabewegung, <em>Black Lives Matter<\/em> oder die Pal\u00e4stinabewegung mobilisieren auf der Grundlage bestimmter politischer Einzelanliegen. Vertreterinnen und Vertreter der Intersektionalit\u00e4tstheorie argumentieren f\u00fcr B\u00fcndnisse verschiedener unterdr\u00fcckter Gruppen auf der Basis von gemeinsamer subjektiver Diskriminierungserfahrungen.<\/p>\n<p><strong>In der Praxis bleibt dies aber fast immer auf Appelle beschr\u00e4nkt. Der Grund daf\u00fcr ist, dass sich nur \u00fcber \u00f6konomische Interessen oder gegen einzelne Herrscher gerichtet \u00fcbergreifende Zielsetzungen formulieren lassen.<\/strong><\/p>\n<p>Unterdr\u00fcckte Gruppen sind in sich nach Klassenlagen gespalten und k\u00f6nnen daher auch keine dauerhafte Einheit herstellen. Es kann noch nicht einmal eine Einheit aller Frauen oder aller Behinderten geben, denn es gibt reiche und arme Behinderte, es gibt Kapitalistinnen und Arbeiterinnen. M\u00f6glich ist es allerdings, erfolgreich in Klassenk\u00e4mpfen wie Streiks gegen die Spaltung der arbeitenden Klasse zu argumentieren.<\/p>\n<h6><strong>Grenzen intersektionaler Praxis in verschiedenen Bewegungsphasen<\/strong><\/h6>\n<p>Die Intersektionalit\u00e4tstheorie addiert Diskriminierungsformen auf. Sobald es einen R\u00fcckgang an Stra\u00dfenbewegungen gibt, muss sie sich darin ersch\u00f6pfen, Leute zur individuellen Selbstreflexion \u00fcber Unterdr\u00fcckung, von der sie betroffen oder nicht betroffen sind, aufzurufen. Dieser Ansatz f\u00fchrt dann in die Selbstbesch\u00e4ftigung.<\/p>\n<p>Gesellschaftliche Ver\u00e4nderung wird nicht durch individuelle Reflexion erreicht. Weder das Bewusstsein \u00fcber vermeintliche Privilegien noch die blo\u00dfe Anerkennung von erlebter Diskriminierung reicht aus, um die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse grundlegend zu ver\u00e4ndern. Ebenso wenig garantiert pers\u00f6nliche Betroffenheit automatisch eine zutreffende Analyse gesellschaftlicher Zusammenh\u00e4nge.<\/p>\n<h6><strong>Klassenkampf und Einheit: eine marxistische Perspektive<\/strong><\/h6>\n<p>Die gro\u00dfe Mehrheit derjenigen, die von Rassismus, Queerfeindlichkeit, Frauenunterdr\u00fcckung oder anderen Unterdr\u00fcckungsformen betroffen sind, sind Teil dieser Arbeiterklasse. Gleichzeitig ist ihre Unterdr\u00fcckung oder Diskriminierung im Kapitalismus angelegt. Eine marxistische Analyse betont deshalb den Kampf gegen Unterdr\u00fcckung auf Grundlage der gemeinsamen Klassenzugeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p>Das bedeutet nicht, dass K\u00e4mpfe gegen Unterdr\u00fcckung zur\u00fcckgestellt werden sollen, sondern dass der Kampf gegen Unterdr\u00fcckung und Diskriminierung integraler Bestandteil des Klassenkampfes ist.<\/p>\n<h6><strong>K\u00e4mpfe vom Klassenstandpunkt aus verbinden<\/strong><\/h6>\n<p>Wie eine solche Einheit im Kampf aussehen kann, konnte man in Nordrhein-Westfalen im Krankenhausstreik 2022 beobachten. Innerhalb der Belegschaften gab es mehrere Spaltungslinien. So blickte zum Beispiel ein Teil der Pflegekr\u00e4fte auf die Besch\u00e4ftigten im Servicebereich herab, da diese weniger komplexe Aufgaben \u00fcbernahmen und schlechter ausgebildet und bezahlt waren.<\/p>\n<p>Doch im Streik zeigte sich klar, dass beide Teil derselben Klasse sind und ein gemeinsamer Kampf notwendig ist, um Verbesserungen zu erreichen. Daf\u00fcr war es notwendig, die Vorurteile auf Grundlage von Berufsstand und Einkommen bei den Pflegekr\u00e4ften zu bek\u00e4mpfen, um den Service f\u00fcr den Streik zu gewinnen.<\/p>\n<p>Zudem waren an einigen Kliniken zahlreiche philippinische Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter besch\u00e4ftigt. W\u00e4ren rassistische Vorurteile innerhalb der wei\u00dfen Belegschaft geduldet worden, h\u00e4tte dies den gemeinsamen Kampf erheblich erschwert oder sogar verhindert.<\/p>\n<p><strong>Schon ein gew\u00f6hnlicher Arbeitskampf setzt also voraus, dass sowohl Standesd\u00fcnkel von Facharbeiterinnen und Facharbeitern als auch rassistische Spaltungslinien aktiv bek\u00e4mpft werden m\u00fcssen, wenn er erfolgreich sein soll.<\/strong><\/p>\n<p>Das hei\u00dft, dass diese K\u00e4mpfe von einem Klassenstandpunkt aus gef\u00fchrt werden m\u00fcssen. Denn nur eine \u00fcber alle Spaltungslinien vereinte Arbeiterklasse kann Verbesserungen erk\u00e4mpfen und den Kapitalismus st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie wir Diskriminierung bek\u00e4mpfen k\u00f6nnen \u201eMy feminism will bei intersectional, or it will be bullshit\u201c ist ein weitverbreiteter Spruch auf Demonstrationen und auf Social Media. Die Idee dahinter: Unterdr\u00fcckung m\u00fcssen wir \u201eintersektional\u201c verstehen, um sie zu bek\u00e4mpfen. 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