{"id":9129,"date":"2026-05-19T21:57:55","date_gmt":"2026-05-19T19:57:55","guid":{"rendered":"https:\/\/revolinks.de\/?p=9129"},"modified":"2026-05-19T21:57:55","modified_gmt":"2026-05-19T19:57:55","slug":"wie-laesst-sich-der-hoehenflug-der-afd-stoppen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolinks.de\/index.php\/2026\/05\/19\/wie-laesst-sich-der-hoehenflug-der-afd-stoppen\/","title":{"rendered":"Wie l\u00e4sst sich der H\u00f6henflug der AfD stoppen?"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Nazi-Spr\u00fcche oder Vetternwirtschaft: Keine Aussage, kein Skandal scheint den H\u00f6henflug der AfD bremsen zu k\u00f6nnen. In den bundesweiten Umfragen liegt die Partei mittlerweile an der Spitze bei rund 27 Prozent, in Sachsen-Anhalt bei \u00fcber 40 Prozent. Dort bereitet sie sich auf die \u00dcbernahme der Regierungsgewalt nach den Landtagswahlen im September vor. Was tun? <\/em>Karsten Schmitz<em> hat Antworten<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Der Aufstieg der AfD ist nicht unaufhaltsam. Zu Beginn war er noch abh\u00e4ngig von rechten Massenmobilisierungen auf der Stra\u00dfe. Im Herbst 2015 begannen Pegida in Dresden und andere rechte Kr\u00e4fte w\u00f6chentlich Zehntausende gegen Migration zu mobilisieren. 2018 kam es zu Hetzjagden gegen \u201eAusl\u00e4nder\u201c in Chemnitz. Die AfD stellte sich an die Spitze der rassistischen Kampagnen und profitierte in den Umfragen davon.<\/p>\n<h6><strong>Bundesregierung treibt der AfD Leute zu<\/strong><\/h6>\n<p>Doch seitdem muss die Partei praktisch gar nichts mehr tun. Denn die Entt\u00e4uschung \u00fcber die Politik der Bundesregierung ist so gro\u00df, die Hoffnung auf alle anderen Parteien so gering, dass der AfD derzeit selbst eklatante Inkompetenz oder offenkundige Selbstbedienungsmentalit\u00e4t nichts anhaben kann.<\/p>\n<p>Dies zeigt ein genauer Blick auf die Umfragewerte, zum Beispiel in Sachsen-Anhalt. Der urspr\u00fcngliche Durchbruch von rund 5 auf fast 20 Prozent gelang der AfD in dem Bundesland parallel zu den rassistischen Stra\u00dfenmobilisierungen der Pegida-Bewegung um die Jahreswende 2015\/16.<\/p>\n<p><strong>Bis ins Jahr 2022 hatte sich an dem Wert in den Umfragen nicht viel ver\u00e4ndert. Doch seitdem folgten zwei gro\u00dfe Spr\u00fcnge, jeweils gekoppelt an gro\u00dfe Frustrationen mit der Bundespolitik. <\/strong><\/p>\n<p>Der erste stand in Verbindung mit dem \u201eHeizungsgesetz\u201c der Ampelkoalition 2023, das \u00c4ngste vor unkontrollierten Kostenbelastungen durch den erzwungenen Einbau von W\u00e4rmepumpen hervorrief. Die AfD-Werte schossen in Sachsen-Anhalt bis zum Oktober 2023 auf 33 Prozent hoch.<\/p>\n<h6><strong>Extreme Unzufriedenheit<\/strong><\/h6>\n<p>Im Oktober 2025, nach Ank\u00fcndigung gro\u00dfer \u201eReformen\u201c \u2013 sprich: Sozialabbau \u2013 durch die Bundesregierung Merz, erreichte sie das erste Mal 40 Prozent.<\/p>\n<p>Der ARD-Deutschlandtrend vom April 2026 verdeutlicht, wie tief die Popularit\u00e4t der Koalition gesunken ist. Nur 15 Prozent der Bev\u00f6lkerung sind zufrieden mit der Bundesregierung; satte 84 Prozent sind \u201eweniger\u201c oder \u201egar nicht zufrieden\u201c. Selbst die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler der regierenden SPD sind zu 78 Prozent unzufrieden!<\/p>\n<p>Und genau in diesem Moment diskutiert die Regierung die Umsetzung von \u201eReformen\u201c, die niemand will. Beispiel Mehrwertsteuerh\u00f6hung: 91 Prozent sagen laut der ARD-Umfrage, eine solche Ma\u00dfnahme ginge \u201ein die falsche Richtung\u201c. Mehr Zuzahlungen f\u00fcr Medikamente lehnen 76 Prozent ab, die Abschaffung der kostenlosen Mitversicherung f\u00fcr Familienangeh\u00f6rige 64 Prozent.<\/p>\n<h6><strong>Projektionsfl\u00e4chen der Angst<\/strong><\/h6>\n<p>\u00dcber den Sozialabbau hinaus kommen nun \u00c4ngste vor Arbeitsplatzverlusten hinzu, gerade in der verarbeitenden Industrie. Das Problem: Der Widerstand entspricht nicht den Angriffen. Zahlreiche Tarifk\u00e4mpfe wurden von Gewerkschaften halbherzig gef\u00fchrt und vorzeitig abgebrochen.<\/p>\n<p>Symptomatisch ist der Streik bei VW Ende 2025. Arbeiter kamen aus den Werken mit Bannern wie \u201eIhr wollt Krieg \u2013 wir sind bereit!\u201c Doch kaum war der Streik in Gang, brach die IG Metall-F\u00fchrung ihn ab. Ergebnis ist der widerstandslose Abbau von 30.000 Arbeitspl\u00e4tzen binnen f\u00fcnf Jahren.<\/p>\n<p><strong>Nat\u00fcrlich gibt es auch erfolgreiche Abwehrk\u00e4mpfe. Doch die betreffen einzelne, h\u00e4ufig kleinere Betriebe. Insgesamt ist das Niveau der Klassenk\u00e4mpfe zu niedrig, als dass die verbreitete Unzufriedenheit in Hoffnung auf eine bessere Zukunft umschlagen w\u00fcrde.<\/strong><\/p>\n<p>Deshalb gelingt es der AfD die bestehenden \u00c4ngste und den ganzen Groll in der Bev\u00f6lkerung gegen S\u00fcndenb\u00f6cke zu kanalisieren. Ablesbar ist diese Strategie an der Flut der Reden und parlamentarischen Initiativen im Bundestag. Um willk\u00fcrlich ein paar Beispiele aus nur einer Woche zu nennen: Eine Anfrage der AfD impliziert, \u201eAusl\u00e4nder\u201c w\u00fcrden die Pflegeversicherung beschei\u00dfen (30. M\u00e4rz); eine andere, sie nutzten die soziale Grundsicherung aus (23. M\u00e4rz). \u201eAsylanten\u201c werden mit Terroristen gleichgesetzt (26. M\u00e4rz), \u201eIslamische Jugendliche mobben Gleichaltrige\u201c (24. M\u00e4rz) usw. usf.<\/p>\n<h6><strong>AfD: B\u00fcttel des Kapitals<\/strong><\/h6>\n<p>Die AfD wird von unzufriedenen Lohnabh\u00e4ngigen gew\u00e4hlt. Aber sie ist keine Arbeiterpartei. Auch das zeigen Beispiele aus Sachsen-Anhalt. Jan Wenzel Schmidt war dort jahrelang Landesvorsitzender der AfD-Jugendorganisation <em>Junge Alternative<\/em>, als er 2021 in den Bundestag gew\u00e4hlt wurde. Bis dahin betrieb er Lotto-Annahmestellen. Sp\u00e4ter gr\u00fcndete er eine E-Zigarettenfirma.<\/p>\n<p>Wenzel lie\u00df den Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer, den Prokuristen und eine Vertriebsmitarbeiterin \u00fcber sein Abgeordnetenbudget bezahlen, ohne dass sie im Bundestag real f\u00fcr ihn gearbeitet h\u00e4tten.<\/p>\n<p><strong>Wie Wenzel sind zahlreiche prominente AfD-Politikerinnen und -Politiker Kleinb\u00fcrger im klassischen Sinne, also Besitzer kleiner Firmen und Selbst\u00e4ndige. H\u00e4ufig solche mit einem Bruch in der Karriere, \u00fcberdurchschnittlich viele verurteilte Betr\u00fcger und Gauner wie Wenzel. <\/strong><\/p>\n<p>Sie appellieren an die Unzufriedenheit in der arbeitenden Klasse und k\u00f6nnen so W\u00e4hlerstimmen gewinnen. Doch die Politik der AfD ist zutiefst gegen deren Interessen ausgerichtet. So stellt sich die AfD gegen eine Steuer auf Monopolgewinne f\u00fcr Energieunternehmen, fordert eine Absenkung des Mindestlohns und schl\u00e4gt in der Rentendebatte ein rein aktiengest\u00fctztes Modell vor. Die AfD stimmte auch gegen die Verl\u00e4ngerung des Paketbotenschutzgesetzes, das illegale Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse und \u00dcberausbeutung von Billigl\u00f6hnern \u00fcber Subunternehmen erschwert.<\/p>\n<h6><strong>Was Hoffnung macht<\/strong><\/h6>\n<p>Die widerspr\u00fcchliche Klassenbasis der AfD bietet einen Ansatzpunkt f\u00fcr Widerstand. Denn so schnell sie W\u00e4hlerstimmen einsammeln kann, so anf\u00e4llig ist ihre br\u00fcchige und widerspr\u00fcchliche Klassenbasis f\u00fcr Druck von au\u00dfen. Der russische Revolution\u00e4r Leo Trotzki beschrieb die soziale Basis der Nazis als \u201emenschlichen Staub\u201c, ohne Halt und durch Gegenwind schnell auseinanderzutreiben.<\/p>\n<p>Die AfD kann nur gewinnen, wenn Millionen frustriert sind ohne zu k\u00e4mpfen. Massenwiderstand gegen soziale K\u00fcrzungen oder entschlossen gef\u00fchrte Massenstreiks gegen Arbeitsplatzabbau k\u00f6nnen ein Klima der Hoffnung erzeugen, das der AfD den sozialen Boden entzieht.<\/p>\n<p><strong>Doch das f\u00e4llt nicht vom Himmel. Es reicht nicht, auf die K\u00e4mpfe der Zukunft zu warten. Entscheidend ist, ihren Aufbau schon jetzt zu st\u00f6ren, durch massenhafte und entschlossene Mobilisierungen gegen die \u00f6ffentlichen Auftritte und Sammlungsversuche der Partei.<\/strong><\/p>\n<p>Deshalb ist die bundesweite Mobilisierung gegen den AfD-Bundesparteitag so wichtig, der am 4. Juli 2026 in Erfurt stattfinden soll. Was wir brauchen, ist ein breites B\u00fcndnis unter Einschluss aller Gewerkschaften. Und zugleich die Entschlossenheit radikaler Kr\u00e4fte, aus dieser Massenbewegung heraus den Veranstaltungsort direkt zu blockieren.<\/p>\n<p>Eine erfolgreiche Massenaktion gegen die AfD in Erfurt wird nicht von einem Wochenende zum n\u00e4chsten ihren H\u00f6henflug stoppen. Doch sie kann ein Fanal auf der Stra\u00dfe setzen, der die Moral und den Widerstandswillen von Millionen befl\u00fcgelt.<\/p>\n<p><strong>Am Ende muss sich zum politischen Widerstand gegen die neuen Nazis der soziale Widerstand gegen die Kahlschlagpolitik der Bundesregierung gesellen. In einem solchen Klima w\u00fcrden innerhalb der AfD Risse entstehen, Verunsicherung gesch\u00fcrt und unweigerlich die Aufw\u00e4rtsbewegung gestoppt.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nazi-Spr\u00fcche oder Vetternwirtschaft: Keine Aussage, kein Skandal scheint den H\u00f6henflug der AfD bremsen zu k\u00f6nnen. 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