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Gewalt gegen Frauen: Ursachen und Antworten

Theorie & Geschichte / 22. Juni 2026

Ulmen, Fernandes und sexualisierte Gewalt im Internetzeitalter

Der Fall der Schauspielerin Collien Fernandes hat viel Aufmerksamkeit erregt und die Debatte um Gewalt gegen Frauen neu belebt. Fernandes wurde Opfer einer besonders perfiden Art sexualisierter Gewalt im Internet, die in Deutschland bislang immun vor juristischer Verfolgung war. Zehntausende gingen auf die Straße, um Solidarität mit Fernandes zu zeigen. Erst unter diesem Druck wurde die Bundesregierung aktiv. Das wirft Fragen auf: Warum besteht Gewalt gegen Frauen trotz der rechtlichen Gleichstellung der Geschlechter fort – und wie lässt sich Frauenunterdrückung wirklich bekämpfen? Timo König und Lisa Weigel liefern Argumente.

Auslöser der Debatte waren die Enthüllungen von Collien Fernandes über das Verhalten ihres ehemaligen Mannes Christian Ulmen, der hinter ihrem Rücken über Jahre ihre digitale Identität missbrauchte. Er hat Fake-Profile von Fernandes auf Dating-Plattformen erstellt, und über diese vorgegeben, als seine Frau mit anderen Männern erotische Textnachrichten auszutauschen. Zudem verschickte er pornografische Clips und tat so, als kämen sie von Fernandes. Ulmen gab gegenüber Fernandes zu, dies sei ein Fetisch von ihm.

Zudem warf sie ihm häusliche Gewalt vor. Ulmen soll Fernandes seit 2012 mehrmals körperlich angegriffen haben.

Vieles spricht für die Schuld von Christian Ulmen, der selbst schon in der Vergangenheit mit entmenschlichenden Reality-TV-Shows wie „Who wants to fuck my girlfriend?“ Ruhm erlangte und Identitätsklau als humoriges Fernsehformat erfolgreich vermarktete.

Das Ausmaß digitaler Gewalt

Der Fall steht exemplarisch für eine Entwicklung im digitalen Raum. So ergab eine Studie, dass Nutzer mit Elon Musks KI-Anwendung Grok innerhalb von elf Tagen über drei Millionen sexualisierte Deepfakes erstellten. Die übergroße Mehrheit der abgebildeten Personen sind Frauen. Deepfakes – also mithilfe künstlicher Intelligenz manipulierte Medien (Video, Bild oder Audio), die täuschend echt wirken – sind zum Massenphänomen geworden.

Trotzdem ist Fernandes‘ Fall ein besonderer. Denn beide sind unabhängig voneinander prominent geworden und es besteht kein finanzielles Abhängigkeitsverhältnis zwischen beiden. Damit liegt der Fall anders als die in den letzten Monaten diskutierten Fälle um den US-amerikanischen Superreichen Jeffrey Epstein, der junge Frauen und Mädchen ausgebeutet und missbraucht hat, die nicht über Macht oder viel Geld verfügen. Oder auch den Fall um den deutschen Rockstar Till Lindemann („Rammstein“), dem vorgeworfen wird, junge Fans sexuell ausgenutzt zu haben.

Durch ihren Zweitwohnsitz in Spanien konnte sich Fernandes aussuchen, in welchem Land sie den Prozess gegen Ulmen führen will. Sie hat sich für Spanien entschieden, wo das Strafrecht bezüglich digitaler Gewalt weiterentwickelt gewesen ist. Sie kann sich gute Anwälte leisten.

Es ist richtig, dass sie Gerechtigkeit einfordert für das, was ihr angetan wurde. Leider stehen der Mehrheit betroffener Frauen in Deutschland diese Möglichkeiten eben nicht im gleichen Ausmaß offen, da ihnen die finanziellen Mittel fehlen.

Die Debatte in Deutschland

Der Fall Ulmen/Fernandes hat eine breite Debatte über sexualisierte Gewalt, ihre Ursachen und ihre Verbreitung im digitalen Raum ausgelöst. Betroffene von Deepfakes fühlen Scham. Sie fragen sich, was passiert, wenn ihr Chef, ihre Familie oder Freunde diese im Netz sehen. Sie fürchten um ihre Jobs, ihre Einkommen. Die psychischen und körperlichen Folgen, der Stress, sind ähnlich wie bei anderen Gewalterfahrungen. Was ist also zu tun?

Konservative Politiker versuchten, abzulenken, das Problem herunterzuspielen oder gar den Fall rassistisch auszuschlachten. So erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz im Bundestag: „Und dann müssen wir auch ansprechen, dass ein beachtlicher Teil dieser Gewalt aus den Reihen der Zuwanderer in die Bundesrepublik Deutschland kommt.“ Es ist ein verlogenes Manöver – und mehr als dreist, schließlich ist Ulmen ein weißer deutscher Mann.

Ernstzunehmender ist die Diskussion in feministischen Kreisen. Hier sind die Argumente zwar nicht einheitlich, doch geprägt von bestimmten Mustern. Frauenunterdrückung insgesamt wird anhand persönlicher Beziehungen zwischen Mann und Frau erklärt und als Folge unverbesserlicher männlicher Dominanz gesehen. Der Feminismus geht davon aus, dass Männer in allen Gesellschaften auf vielfältige Weise von der Unterdrückung der Frau profitieren.

Richtig ist, dass es vorwiegend Männer sind, die sexualisierte Gewalt ausüben und eben diese Männer für die konkreten Fälle die Verantwortung tragen. Doch es wäre ein Fehler, sexualisierte Gewalt isoliert von dem System zu betrachten, das unser Leben in allen Bereichen prägt – dem Kapitalismus. Sexualisierte Gewalt ist Ausdruck einer kranken Gesellschaft. Nützen tut sie niemandem.

Feminismus für den starken Staat

Ausdruck gefunden hat die Debatte andererseits in Forderungen nach einer Verschärfung des Strafrechts. Ein strafrechtlicher Rahmen verschafft Opfern von Gewalttaten die Möglichkeit, sich überhaupt erst zu wehren. Es ist richtig, dass die Gesetzeslücke rund um digitale Gewalt nun teilweise geschlossen wurde.

Sinnvoll ist es auch, dass laut einer EU-Richtlinie KI-Anwendungen, die zum Erstellen sexualisierter Deepfakes missbraucht werden können, in der EU künftig verboten sein sollen. Tech-Konzerne dürfen nicht von Technologien profitieren, die es möglich machen, mit ein paar Klicks die sexuelle Selbstbestimmung eines Menschen zu verletzen.

Allerdings: Es ist eine Illusion, dass immer härtere Strafen so abschreckend wirken, dass sie Taten verhindern. Die Gesetzeslage wurde während der letzten Jahrzehnte kontinuierlich angepasst – aber die Verhältnisse, die die Gewalt hervorbrachten, wirken fort. Soziale Probleme können nur sozial gelöst werden, nicht durch mehr Strafmaßnahmen.

Kapitalismus und Unterdrückung

Frauenunterdrückung und damit auch bestimmte Formen sexualisierter Gewalt sind älter als der Kapitalismus. Diese Tatsachen dürfen aber nicht zu Annahme führen, dass sich die Formen der Unterdrückung nicht verändert hätten oder nicht zurückdrängen ließen (mehr dazu hier) .

Im Kapitalismus wird alles zur Ware: Die große Mehrheit der Menschen muss ihre Arbeitskraft als Ware verkaufen. Die meisten Menschen produzieren heute Produkte für ein Unternehmen, das diese Produkte dann verkauft oder bringen ihre Arbeitskraft als Dienstleistung in ein Unternehmen ein. Dieses Produkt, sowie die eigene in dieses Produkt investierte Arbeit, tritt dem Menschen als etwas ihm Fremdes gegenüber.

Da aber die menschliche Natur eben in seiner Kreativität und Schaffenskraft besteht sowie in der Form, wie er durch die Arbeit mithilfe seiner Vorstellungskraft seine Umgebung verändert, erscheint dem Menschen so sein eigenes Wesen und auch das anderer Menschen als entfremdet. Diese Entfremdung führt zu einem Gefühl der Machtlosigkeit.

Diese Entfremdung spiegelt sich in unseren Beziehungen wider. Der Wunsch nach Gemeinschaft, Auswegen aus der Einsamkeit, die Sehnsucht nach einer Seelenverwandten in einer kalten Welt ist groß. Wir suchen in der Familie, in der Ehe und anderen Formen der Partnerschaft einen Hafen in einer herzlosen Welt. Doch diese Beziehungen können dem Druck, der von außen auf sie einwirkt, häufig nicht standhalten.

Nicht nur die Entfremdung spielt eine Rolle. Im Kapitalismus wird alles zur Ware gemacht, auch das Menschliche. Sexualität ist ein intimer Bereich, aber er unterliegt derselben Logik. Waren können erworben oder gestohlen werden. Vergewaltigung ist der gewalttätige Raub der Sexualität anderer. Gewalt gegen Frauen ist also Ausdruck der Entfremdung, die im Kapitalismus die menschlichen Beziehungen prägt.

Ein solcher Ansatz zielt darauf ab, sexualisierte Gewalt zu erklären, nicht sie zu entschuldigen. Schließlich erlebt die überwiegende Mehrheit der Menschen im Kapitalismus Entfremdung, ohne deshalb zu Tätern sexualisierter Gewalt zu werden (mehr dazu hier) .

Ökonomische Wurzeln der Ungleichheit

In der klassischen Arbeiterfamilie im Kapitalismus blieb die Frau zu Hause, um sich um Kinder und Haushalt zu kümmern, während der Mann arbeitet, um mit dem Lohn das gemeinsame Leben zu finanzieren.

In den allermeisten Familien gestaltet sich das Zusammenleben auch aus wirtschaftlicher Notwendigkeit heute anders. Doch eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung besteht fort. In den meisten Fällen trägt der Mann den größeren Teil zum Familieneinkommen bei. Frauen arbeiten sehr viel häufiger in Teilzeit.

Das liegt zum einen daran, dass Männer tendenziell mehr Geld verdienen. Der durchschnittliche Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen mit vergleichbaren Ausbildungen in vergleichbaren Berufen liegt bei 6 Prozent, während er ohne Berücksichtigung dieser Faktoren bei 16 Prozent liegt. So ist es in den meisten Fällen schlichtweg ökonomisch für Familien lohnenswerter, wenn Frauen weniger Lohnarbeit leisten, damit sie sich um Familie und Haushalt kümmern können. Zudem sind die Karrierechancen von Frauen in vielen Unternehmen bereits durch die Möglichkeiten eines Ausfalles durch Schwangerschaft begrenzt.

Das bedeutet nicht, dass die meisten Frauen nur zuhause bleiben und sich um die Kinder kümmern. So arbeiteten im Jahr 2024 72,9 Prozent der Mütter mit Kindern unter drei Jahren in Teilzeit, während Männer im gleichen Spektrum nur zu 8,9 Prozent in Teilzeit arbeiteten.

Die Familie, Pflege oder Kindererziehung sind zwar die Ursache dieser Aufteilung, sie überträgt sich jedoch auch auf Lebensentwürfe im Allgemeinen: So arbeiten  39,6 Prozent der Frauen ohne Kinder in Teilzeit, während es bei den Männern nur 10,9 Prozent waren (2022).

Diese Zahlen spiegeln deutlich wider, dass die „reine“ bürgerliche Familie mit einem Mann als Ernährer und der Frau als Hausfrau nicht mehr der Realität entspricht. Trotzdem besteht durch systembedingte Einschränkungen und Rollenbilder eine klare geschlechtliche Arbeitsteilung in Beziehungen und ein deutliches Ungleichgewicht in Beziehungsdynamiken.

Für diese Verhältnisse tragen nicht individuelle Männer die Schuld. Sie profitieren auch nicht davon. Sie sind vielmehr politisch gewollt und nützlich für die kapitalistische Klasse, da so ein relevanter Teil der Kosten für die Kindererziehung ins Private ausgelagert wird. Es wäre hilfreich für alle Familienmitglieder, wenn mehr Geld in der Familienkasse wäre und die Entscheidung darüber, wer welchen Anteil der Erwerbs- und Hausarbeit übernimmt, nicht von außen mitreguliert wird.

Zusätzlicher Druck lastet auf viele Paaren durch die Wohnsituation. Besonders in Großstädten bedeutet eine Trennung meist eine langwierige und teure Suche nach einer bezahlbaren Wohnung – mit unsicherem Ausgang.

Sexualisierte Gewalt ist meist häusliche Gewalt

Die Familie erscheint als sicherer Hafen, genau hier findet jedoch die Gewalt überproportional statt. 2023 ergab eine Untersuchung der Dunkelziffer (also der nicht in der polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Fälle von sexualisierter Gewalt), dass ungefähr 71 Prozent der Vorfälle schwerer sexualisierter Gewalt (Vergewaltigung und Nötigung) in privaten Räumen stattfand und alle Untersuchungen gehen davon aus, dass die Mehrheit der Betroffenen den Täter kannte.

Taten, die im engen sozialen Umfeld passieren, werden also deutlich seltener angezeigt. Diese Erkenntnis ist wichtig, weil im öffentlichen Diskurs das Bild vorherrscht, dass Vergewaltigung etwas ist, das nachts im Park durch Fremde passiert.

Erst seit ungefähr 30 Jahren wird Vergewaltigung in der Ehe überhaupt als Straftat behandelt. Friedrich Merz, der heute migrantische Männer zu Sündenböcken für sexualisierte Gewalt machen will und das Klischeebild des auflauernden Gewalttäters verbreitet, stimmte damals gegen das Gesetz, das Vergewaltigung dort, wo sie überwiegend passiert, unter Strafe stellen sollte.

Auch nicht-sexualisierte Gewalterfahrungen greifen im partnerschaftlichen Rahmen um sich. So gab es im Jahr 2023 256.276 registrierte Fälle von häuslicher Gewalt, 180.715 der Betroffenen waren Frauen. Partnerschaftliche Gewalt passiert in genau dem Rahmen regelmäßig, wo Frauen nicht die ökonomischen Möglichkeiten und das Selbstbewusstsein haben, die Partnerschaft zu verlassen.

Das zeigt auch eine Studie der Universität Bremen, die fast 2.000 Frauen nach einer Trennung über 14 Jahre begleitete. Unter Frauen, die im Jahr vor einer Trennung erwerbstätig waren, berichtete etwa jede neunte (11 von 100) von Gewalt. Bei Frauen, die in dieser Zeit arbeitslos waren, war es fast jede fünfte (20 von 100). Mit anderen Worten: Arbeitslosigkeit und Abhängigkeit macht Gewalt in Beziehungen fast doppelt so wahrscheinlich. Männer stellen die Mehrzahl individueller Gewalttäter dar, aber nur eine Minderheit aller Männer schlägt oder vergewaltigt die eigene Ehefrau.

Die hier dargestellten Verhältnisse und Zahlen weisen nach, dass sexualisierte und häusliche Gewalt dort einen Nährboden vorfinden, wo Druck am Arbeitsplatz, Überlastung durch Kindererziehung und Pflegeaufgaben, Sorgen und Unzufriedenheit existieren. Armut, Schulden und damit einhergehende Probleme wie Alkoholismus können Bedingungen erzeugen, die die Familie oder Partnerschaft zu einem Ort machen, der nichts mehr mit den Träumen zu Beginn der Beziehung gemein hat.

Alles, was ein Sozialstaat leistet, um zum Beispiel die Betreuung der Kinder auf mehr Schultern zu verteilen, also die Einrichtung funktionierender und gut ausgestatteter Kindergärten etc., verringert diesen Druck und ist zu begrüßen.

Doch der Fall Ulmen / Fernandes zeigt: zwischenmenschliche Gewalt und übergriffiges Verhalten sind nicht nur Ergebnis von Armut und Perspektivlosigkeit. Sie sind auch Ausdruck der im Kapitalismus bestehenden Entfremdung und bestehender Abhängigkeitsverhältnisse, die von Vorgesetzten oder Geldgebern ausgenutzt werden können.

Dort, wo das Machtgefälle und Abhängigkeiten besonders ausgeprägt ist, wie zum Beispiel zwischen Produzenten und Jungschauspielerinnen, kommt es auch besonders häufig Formen sexualisierter Übergriffe. Die zugrundeliegenden Verhältnisse dafür werden weder von individuellen Männern oder einem parallel bestehenden System männlicher Vorherrschaft („Patriarchat“) geschaffen, sondern, wie hier gezeigt werden sollte, von der Klassengesellschaft geprägt.

Der Mensch und seine Sexualität ein digitales Konsumgut

Eben jene vergiftete Mischung setzt sich im digitalen Raum fort. Mehr noch: Diese Zustände können auf die Spitze getrieben werden, da die Menschlichkeit und die intime Sexualität des anderen im Schatten des distanzierten Konsums über Smartphones und Bildschirme wenig erfahrbar ist. Bildschirme dienen umso mehr als Projektionsflächen für eigene, unerfüllte Wünsche.

Hinzu kommt, dass heute jeder leicht Pornografie konsumieren kann. Das Durchschnittsalter, in dem Kinder zum ersten Mal auf Pornografie zugreifen, liegt bei 11 Jahren. Viele Kinder und Teenager erlernen heute einsam, verstört und abgestumpft hinter einem Handybildschirm, was Sexualität vermeintlich bedeutet – mittels einer Porno-Industrie, die, wie andere kapitalistische Branchen auch, von Wettbewerb angetrieben wird. Anstelle zwischenmenschlicher Beziehungen und an Gegenseitigkeit orientierten Erfahrung von Sexualität tritt Vereinzelung und häufig auch Verrohung.

Pornografie wie auch KI-generierte sexuelle Inhalte spiegeln bestehende Unterdrückung wider, allerdings in einer extremeren Form. Es existiert eine Flut an Apps, die Gesichter digital auf Bilder nackter Körper montieren oder versprechen, Frauen auf Fotos „auszuziehen“. Viele Frauen haben ungefragt „Dickpics“ zugeschickt bekommen (ungefragt zugesandte Fotos der Genitalien).

Apps, soziale Medien und künstliche Intelligenz in der Hand von skrupellosen Multimilliardären kennen keine Moral, nur Profit. Das zeigt auch der Boom eines neuen Trends: Der Markt für KI-Freundinnen (AI Girlfriends) ist ein extrem schnell wachsendes Segment. Immer mehr Männer nutzen täglich kostenpflichtige Apps, in der eine KI vorgibt, eine attraktive und geduldige Partnerin zu sein. Nicht alle dieser Apps haben übrigens eine erotische Komponente. Die Einsamkeit, die der Kapitalismus fortlaufend hervorbringt, ist eine sehr lukrative Ware.

Feminismus auf Irrwegen

Angetrieben durch Collien Fernandes‘ Fall formierte sich nicht nur eine Debatte, sondern auch eine Bewegung. Der Fall konnte für einen Moment eine Massenbewegung auslösen: Überall in Deutschland traten Zehntausende Frauen heraus auf die Straße und machten ihrem Ärger über sexualisierte Gewalt sowie der Untätigkeit der Bundesregierung Luft. Allein in Hamburg waren 23.000 Menschen auf der Straße.

Vorherrschend war hier jedoch – wie auch in der gesamtgesellschaftlichen Linken – die vage Idee, dass der Kampf gegen sexualisierte Gewalt eine Auseinandersetzung Frauen gegen Männer bedeuten müsse. Und die Vorstellung, dass die Unterdrückung von Frauen auf falsche Ideen und Verhaltensweisen von Männern runtergebrochen werden könnte.

Ausdruck fand die Bewegung in einem offenen Brief. 250 Frauen aus Politik, Kultur und Wirtschaft forderten hier eine Verschärfung des deutschen Strafrechtes bezüglich sexualisierter Gewalt. Die von ihnen aufgestellten zehn Forderungen sind teilweise unterstützenswert, wie zum Beispiel die Strafbarmachung von Erstellung und Verbreitung sexualisierter Deepfakes, die Regulierungspflicht für Online-Plattformen und die Strafbarkeit voyeuristischer Aufnahmen.

Andere Forderungen wie nach Treffen der selbsternannten Vertreterinnen der Frauen mit der Bundesregierung verstärken die Illusion, dass genau die Institutionen, die die Frauenunterdrückung aufrechterhalten, diese auch wegregieren könnten, wenn man nur die eigene moralische Empörung laut und vehement genug artikuliert.

Soziale Frage und sexualisierte Gewalt

Die Gesetzeslücken bezüglich vor allem digitaler sexualisierter Gewalt sind schwerwiegend und müssen geschlossen werden. Dabei darf der Kampf gegen Frauenunterdrückung und Gewalt jedoch nicht stehen bleiben.

Dass unter den Unterzeichnerinnen auch Bundessozialministerin Bärbel Bas war, verdeutlicht: Mittels der Empörung über Ulmen und Gewalttäter im Allgemeinen kann man von den eigentlichen Ursachen des Problems trefflich ablenken. Mit ihrem Frontalangriff auf das Sozialsystem schafft die Bundesregierung aktuell Bedingungen, die Gewalt gegen Frauen wahrscheinlicher macht.

Es ist in dem Zusammenhang auch kein Zufall, dass im Forderungskatalog der überwiegend aus der deutschen Oberschicht rekrutierten Frauenvertreterinnen jede soziale Forderung fehlt, sogar die Forderung nach besserer Finanzierung von Frauenhäusern.

Für wohlsituierte Frauen aus der oberen Mittelschicht und der kapitalistischen Klasse bedeutet Sozialabbau nicht zwangsläufig die unmittelbare Gefahr von Abstieg, Gewalt, Abhängigkeit. Für lohnabhängige Frauen aber eben schon.

Fakt ist: Eine Verschärfung des Strafrechts hilft Frauen wie Collien Fernandes, die sich wehren können. Für viele Frauen, die für einen langwierigen, demütigenden und häufig auch teuren Rechtsstreit keine Ressourcen haben oder die auf ihren Partner finanziell angewiesen sind, ändert sich wenig.

„Patriarchat“ als System neben dem System?

Frauen sind, wie Männer auch, gespalten in Klassen. Dies prägt ihre Erfahrungen und macht eine „Solidarität aller Frauen“ unmöglich. Die Sozialistin Clara Zetkin schrieb dazu 1896: „Deshalb kann der Befreiungskampf der proletarischen Frau nicht ein Kampf sein wie der der bürgerlichen Frau gegen den Mann ihrer Klasse; umgekehrt, es ist der Kampf mit dem Mann ihrer Klasse gegen die Kapitalistenklasse.

Demgegenüber geht der bürgerliche Feminismus davon aus, dass sexualisierte Gewalt Auswirkungen eines Unterdrückungsapparats ist, der parallel und unabhängig vom Kapitalismus von Männern aufrechterhalten wird. Dies ist die Idee, dass es eine Art Nebensystem, ein „Patriarchat“ gäbe. Der Gegner ist demnach nicht das kapitalistische System, oder der Staat, sondern „die“ Männer, individuell und als Gruppe.

Frauen sollten gemäß dieser Theorie den Kampf gegen Männer aufnehmen, um zu bewirken, dass diese „sich selbst reflektieren“; durch diese Selbstreflexionsprozesse ließe sich das Patriarchat dann überwinden. Oder wahlweise: Die Zustände lassen sich gar nicht überwinden, weil alle Männer von der Unterdrückung von Frauen profitieren und deswegen gar kein Interesse an einer Veränderung hätten.

Diese Logik führt dann auch dazu, dass die Bewegung dem Vorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamten applaudierte, der – gefragt, was er Frauen raten würde – antwortete: „Wenn man nach der statistischen Anzahl geht, besser keine Beziehung mit einem Mann eingehen. Da ist das Risiko erheblich höher, Opfer von psychischer oder physischer Gewalt zu werden.“

Doch wenn Frauen schon immer und für immer von Männern unterdrückt wurden, stellt sich die Frage: Warum? Wenn sich die Unterdrückung nicht durch eine Klassenanalyse (wie weiter oben in diesem Artikel) erklären lässt, wie dann? Sind dann alle Männer aufgrund ihrer Biologie Gewalttäter und alle Frauen schwach?

Die Patriarchatstheorie vermag diese Fragen nicht zu beantworten. Daher ist sie auch nicht geeignet, die Unterdrückung von Frauen zu erklären. Sie ist vollkommen nutzlos, wenn es darum geht, sie zu überwinden. Die Patriarchatstheorie ist am Ende keine Theorie der Frauenbefreiung, sondern eine Sichtweise, die jede wirkliche Befreiung ausschließt.

Wie denn dann?

Der Kampf gegen sexualisierte Gewalt und Frauenunterdrückung ist für Sozialistinnen und Sozialisten kein Geschlechterkampf. Er ist ein Auswuchs des kapitalistischen Systems, das auf Gewalt, Konkurrenz und Vereinzelung beruht. Gegen dieses System hilft nur Klassenkampf.

Auf alle Lohnabhängigen, die in dieser Welt leben, wirken die Zwänge des Kapitalismus mitsamt seinen Unterdrückungsmechanismen ein. Im gemeinsamen Abwehrkampf gegen diese Zwänge erleben wir eine Solidarität, die auf zwischenmenschlichen Respekt und einem Zusammengehörigkeitsgefühl beruht. Moralgebote und Gesetze sind nicht in der Lage, so etwas zu schaffen.

Aus der Erkenntnis, dass Frauenunterdrückung und Gewalt kein in Stein gemeißeltes Resultat der unverbesserlichen männlichen Biologie oder von Männerbünden, sondern eines der Klassengesellschaft ist, folgt: Befreiung ist erreichbar und möglich.

Dieser Kampf kann gewonnen werden, ebenso wie die unmittelbar notwendigen Auseinandersetzungen um Fragen wie Anpassung der Gesetzgebung im Sinne der Opfer digitaler Gewalt, bezahlbare Versorgung durch Frauenhäuser, faire Mieten, die vollständige Legalisierung von Abtreibungen oder bessere Löhne in frauendominierten Berufen. Die Durchsetzung dieser Forderungen erfordert zwangsläufig einen gemeinsamen Kampf, angeführt von einer solidarischen Arbeiterklasse.

In der Patriarchatstheorie sind alle Männer Täter oder potenzielle Täter. Dies macht alle Frauen umgekehrt zu hilfsbedürftigen Opfern, ewig abhängig von der Güte des Staats und dessen Polizei.

Tatsächlich haben lohnabhängige Frauen wie Männer die Macht, die Welt, in der sie leben zu verändern. Mit dieser Veränderung ändern sie sich auch selbst. Und: Mehr Frauen als jemals zuvor sind heute Teil der arbeitenden Klasse und damit Teil der sozialen Kraft, die in der Lage ist, an den Pfeilern des Systems zu rütteln, das ihre eigene Unterdrückung produziert.


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