2019 ist der amerikanische Sexualstraftäter Jeffrey Epstein auf dubiose Weise in seiner Gefängniszelle ums Leben gekommen. Doch der Skandal um das von ihm aufgebaute Netzwerk erschüttert die US-Politik weiter. Einer der Gründe ist die einstige Nähe des US-Präsidenten Trump zu Epstein. Tatsächlich wirft der Skandal ein Schlaglicht auf die globalen Verbindungen und das Gesellschaftsleben der kapitalistischen Klasse insgesamt, meinen Jens Feldmann und Clara Petersen
Melania Trump, Gattin des US-Präsidenten, ging am 9. April überraschend mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit. Sie habe nie etwas mit Jeffrey Epstein zu tun gehabt. Wer etwas anderes behaupte, lüge.
Im gleichen Atemzug forderte sie die Frauen auf, die gegen Epstein ausgesagt haben, dies noch einmal in aller Öffentlichkeit im US-Kongress, dem amerikanischen Parlament zu tun. Melania Trump behauptet: „Dann, und nur dann, werden wir die Wahrheit erfahren.“
Der Trump-Clan will den Spieß umdrehen
Das Problem von Melania Trump: Die im Januar veröffentlichten Dokumente enthalten Fotos und Emails, die sehr wohl nahelegen, dass sie zusammen mit ihrem Mann im engen Kontakt zu Jeffrey Epstein und dessen Komplizin, der schwerreichen Ghislaine Maxwell stand.
Mehr noch: es gibt Aussagen von Opfern, die ihren Ehemann und jetzigen Präsidenten Donald Trump schwer belasten. So findet sich in den vorliegenden Dokumenten die detaillierte Aussage einer Frau, die gegenüber dem FBI darstellte, wie sie vom heutigen Präsidenten unter Anwendung von Gewalt zu Oralsex gezwungen wurde. Sie war damals zwischen 13 und 15 Jahre alt. Epstein hatte sie Trump zugeführt.
Melania Trump agiert nicht nur in eigener Sache. Sie will als Teil der Dynastie Trump, die ihren Reichtum durch die Eroberung der Macht immens gesteigert hat, den Ruf ihres Gatten verteidigen.
Die Taktik ist einfach: die Glaubwürdigkeit der Epstein-Opfer, die ausgesagt haben, sollen unter Druck gesetzt und ihre Glaubwürdigkeit infrage gestellt werden. Ihr Vorstoß ist Teil des Versuchs, den politischen Schaden der Affäre einzudämmen, indem sie gegen die Opfer Epsteins in die Offensive geht.
Marina Lacerda, die im Jahr 2002 im Alter von 14 Jahren Epstein kennenlernte und jahrelang sexuell missbraucht wurde, erklärte die Logik dahinter so: „Wir sollen vor dem Kongress unter Eid aussagen – Wozu? Wird das etwas ändern? Werden die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen? Wir haben erreicht, dass die [Epstein]-Akten freigegeben wurden.“
Doch: „Niemand hat etwas unternommen. Und nun wollen Sie uns erneut traumatisieren und fordern uns auf, vor den Kongress zu treten und ihnen unsere Geschichte zu erzählen, die wir einigen von ihnen bereits erzählt haben.“
Die Epstein-Akten: Netzwerk von Superreichen
Die übergroße Mehrheit der Bevölkerung, auch im Trump-Lager selbst, verabscheut die bekannt gewordenen sexuellen Straftaten gegen junge Frauen und Minderjährige. Trump hatte dies im Wahlkampf genutzt. Er geißelte die Verbindungen von US-Demokraten wie dem ehemaligen Präsidenten Bill Clinton mit Epstein, die alles zur Verschleierung der Verbrechen tun würden. Kaum im Amt, torpedierte er seinerseits die Veröffentlichung der Akten und diskreditierte Aussagen von Opfern.
Die Epstein-Ermittlungsakten umfassen rund drei Millionen Seiten mit Emailverkehr und Aussagen, mehr als 2.000 Videos und etwa 180.000 Bilder. Sie geben neue Einblicke in ein weitverzweigtes Netzwerk. Sichtbar wird ein Geflecht aus einflussreichen Politikerinnen und Politikern, Bankern, Mitgliedern königlicher Familien, Tech-Milliardären, Medienintellektuellen und Führungskräften internationaler Institutionen.
Epstein handelte mit der Vernetzung zwischen Superreichen und politisch Mächtigen. Der von Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell organisierte Sexhandel mit Minderjährigen war in diesem Kontext eine zusätzliche Dienstleistung für jene, die daran Interesse hatten.
Er organisierte mit Maxwell für befreundete und strategisch wichtige Personen minderjährige weibliche Körper – und verschaffte sich so Zugang und Einfluss zu den höchsten Kreisen der internationalen Bourgeoisie.
Missbrauch als Norm
Systematisch wurden Teenagerinnen angeworben, unter falschen Versprechungen zu Partys auf Epsteins Privatgrundstücken gelockt und dort missbraucht. Sexueller Missbrauch war keine Ausnahme, sondern die Regel.
Bisher sind über 1.200 Opfer bekannt. Epsteins enger Kontakt zu politischen und wirtschaftlichen Führungskräften in zahlreichen Ländern der Welt zeigt, wie eng verflochten diese Kreise finanziell und politisch agieren. Epstein war kein isolierter Außenseiter.
Er war nicht nur Bestandteil eines internationalen Netzwerks von Eliten; er war einer derjenigen, die solche Netzwerke schufen. Er war Teil der internationalen herrschenden Klasse.
Es ranken sich bereits einige Verschwörungstheorien um den Fall Epstein – für die einen war er ein Agent des Mossads, für die anderen ein Agent des Putin-Regimes. Die herrschende Klasse verschwört sich tatsächlich, aber es handelt sich dabei nicht um geheime Kreise zwielichtiger Typen.
Epstein war bekannt und organisierte glamouröse Events. Wer Geschäfte machen wollte, gerade wenn es um Zugang zu anderen Ländern ging, der konnte dort Geschäftspartner finden.
Wer war Epstein?
Epstein kam aus einer Arbeiterfamilie in Coney Island, New York. Er begann seine Karriere als Mathematiklehrer an einer Schule, wo er ohne Diplom unterrichtete.
Kontakte verhalfen ihm zu einem Job bei der Investmentbank Bear Stearns, wodurch er erste Einblicke in die Wall Street gewann und dort Kontakte knüpfte.
Ende der 1980er Jahre stellte Steven Hoffenberg, der damalige Vorstandsvorsitzende (CEO) der Towers Financial Corporation, Epstein ein. Hoffenberg sagte später aus, dass Epstein den Handel mit gefälschten Vermögenswerten und manipulierten Aktienkursen übernahm.
1993 wurde dieser illegale Handel entdeckt: Während Hoffenberg sich schuldig bekannte und zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde, kam Epstein ohne jegliche Strafe davon.
Kurzum: Epstein kam von ganz unten und erlangte Zugang zu den Reichen über kriminelle Aktivitäten. Er wurde am Ende selbst steinreich und verfügte noch als verurteilter Sexualstraftäter im Gefängnis über ein Vermögen von über 500 Millionen US-Dollar.
Solche Karrieren sind typisch für den Aufstieg vieler Vermögender. Für die USA hat der Journalist Gustavus Myers in den 20er Jahren in seinem Buch „Das große Geld“ beschrieben, wie fast alle bekannten Magnaten wie die Öl- oder Strahlbarone als „erfolgreiche Erpresser, Bestecher und Betrüger“ anfingen, bevor sie in den Geldadel aufstiegen.
Bernt Engelmann hat ähnliche Werdegänge für viele bekannte deutsche Vermögen nachgezeichnet. Epstein zeigt an, dass ein Jahrhundert später immer noch dieselben Mechanismen wirken, aber dabei immer astronomischere Ausmaße annehmen. Und dass die Netzwerke heute global agieren.
Eintritt in die Welt der Vermögenden
Anfang der 1980er gründete Epstein eine Vermögensverwaltung J. Epstein & Co., die auf Geldanlagen für Milliardäre spezialisiert sein sollte. Mitte der 80er lernte er Leslie Wexner kennen, dem u. a. die Firma Victoria’s Secret gehörte. Epstein erhielt Zugriff auf die Finanzen des Milliardärs.
Ein kürzlich veröffentlichter Bericht besagt, dass Epstein mehrere hundert Millionen Dollar von Wexner stahl. Daneben zahlte er sich aus dessen Vermögen sehr hohe Gehälter an sich selbst aus.
Er erwarb zudem einen Privatjet von Wexner zu einem sehr geringen Preis, sowie ein Stadthaus in New York City.
2007 trennten sich die Wege der beiden und Wexner entdeckte zu dieser Zeit, dass Epstein ihn betrogen hatte. Epstein erreichte aber eine außergerichtliche Einigung, so dass Wexner nie eine Anklage gegen ihn erhob.
Wexner war die Eintrittskarte für Epstein. Er hatte sich nicht nur ein Vermögen ergaunert, sondern zugleich Glaubwürdigkeit bei anderen Millionären und Milliardären, sowie Politikern.
Darunter befanden sich u.a. Microsoft-CEO Bill Gates und der damalige Immobilienhändler Donald Trump.
Epsteins Geschäftsmodell
Epstein nutzte gezielt junge Frauen als Ware, um sich soziale Beziehungen zu kaufen. Es handelte sich nicht um ein Pädophilennetzwerk im engen Sinne. Sondern um ein Netzwerk reicher Eliten, für die Menschen der Arbeiterklasse in erster Linie nur Waren und Mittel zum Zweck sind.
Epstein und Maxwell handelten nicht nur mit minderjährigen Mädchen und jungen Frauen. Dies war funktional eingebettet in den Handel mit Informationen und Beziehungen. Ihr dadurch geschaffenes Netzwerk reichte von Nordamerika über Europa bis nach Afrika.
So war beispielsweise eine ihrer Komplizinnen die Nichte des Präsidenten der Elfenbeinküste (Côte d’Ivoire), Nina Keita. Diese hat aktuell zudem den Posten der Vizedirektorin eines ivorischen Erdölunternehmens inne.
Aus den veröffentlichten E-Mails geht hervor, dass Keita Epstein mehrere junge Frauen zugeführt hat. Im Gegenzug stellte Epstein der Familie des ivorischen Präsidenten den ehemaligen israelischen Premierminister Ehud Barak vor, um über gemeinsame militärische Geschäfte zu sprechen.
Privatinsel als Basis
Eines der perfidesten Elemente von Epsteins Geschäftsmodell waren seine Aktivitäten auf Little St. James. Es handelt sich dabei um eine der US-amerikanischen Jungferninseln, die er als Privatbesitz erwarb und nutzte.
Bereits in den 1980er-Jahren benannte er seine Vermögensverwaltung um und verlegte ihren Hauptsitz auf diese Insel. Das Territorium der Jungferninseln verfügt über ein eigenes Steuerrecht und bot Epstein erhebliche Steuervorteile.
Gleichzeitig wurde St. Little James zu einem zentralen Schauplatz von Verbrechen. Auf der abgeschiedenen Insel, auf der ein Teil seines Vermögens angesiedelt war, fanden zahlreiche Übergriffe an Minderjährigen und jungen Frauen statt. Die Opfer, die dorthin gebracht wurden, waren der Gewalt Epsteins und seines Umfelds komplett ausgeliefert.
Teil dieses Systems war die umfassende Kontrolle über seine Bekannten. Sowohl die Insel, als auch sein Stadthaus waren komplett videoüberwacht. Es wird davon ausgegangen, dass Epstein dieses Material nutzte, um einflussreiche Bekannte unter Druck zu setzen und Loyalität zu sichern. Epstein selbst missbrauchte routinemäßig Frauen und Mädchen, die auf der Insel praktisch eingesperrt waren.
Klassengefälle
Die Täter waren alle reich. Die Opfer waren junge Mädchen und Frauen aus überwiegend schwachen wirtschaftlichen Verhältnissen.
Epstein und Maxwell lockten sie mit Versprechungen von sozialem Aufstieg, Reisen oder Unterstützung bei Ausbildung und Studium. Einige der Mädchen wurden dazu gebracht, weitere minderjährige Freundinnen anzuwerben, wofür sie extra Geld erhielten.
Viele der Betroffenen verfügen über kein stabiles soziales Netzwerk oder Bezugspersonen, die sie hätten schützen können. Dieses Machtgefälle und die gezielte Auswahl vulnerabler Opfer waren ein zentraler Bestandteil des Systems.
Auch viele der Opfer kamen aus dem Ausland: Epstein gelangte an diese jungen Mädchen vor allem über die Modelbranche, wobei der französische Modelagent Jean-Luc Brunel eng mit ihm zusammenarbeitete. Junge Frauen und angehende Models wurden rekrutiert, mit Versprechen von Karrierechancen angeworben und anschließend in die USA gebracht.
Vermögen macht (fast) straffrei
Epsteins Geschichte zeigt: Nicht alle Menschen sind vor dem Gesetz im bürgerlichen Rechtstaat gleich. Seine ersten bekannt gewordenen Verbrechen datieren aus den 1990er Jahren. Dennoch dauerte es Jahrzehnte, bis ernsthafte Konsequenzen eingetreten sind. Reichtum verschaffte ihm Schutz – gesellschaftlich wie juristisch.
1996 wurden seine Sexualdelikte erstmals polizeibekannt. Dennoch dauerte es drei Jahrzehnte, bis das Ausmaß der Handlung Epsteins und seines Netzwerkes öffentlich wurde.
Das Netzwerk war groß genug – und die gegenseitige Absicherung stark genug –, um ihn und seine Mitglieder zu schützen. Selbst nach seiner Anklage und ersten Verurteilung im Jahr 2008 wegen Sexualdelikten und der darauffolgenden Haftstrafe wandten sich noch viele Menschen an ihn, um Rat zu erhalten oder Gedanken mit ihm auszutauschen. Dazu gehörten auch bekannte Größen wie Bill Clinton und Noam Chomsky.
Die Verurteilung führte zu keinem Bruch mit seinen sozialen Beziehungen. Bis zu seinem Tod blieb Epstein vollständig integriert in die Kreise der herrschenden Klasse. Während die arbeitende Klasse widerspruchslos den Gesetzen des Staates unterworfen ist, folgt die Bourgeoisie anderen Regeln.
Die Epstein-Akten zeigen, dass „der Staat der mächtigsten, ökonomisch herrschenden Klasse“ dient und dass Reichtum seine Macht „indirekt, aber umso sicherer“ ausübt, so formulierte es einst Friedrich Engels. Der bürgerliche Staat ist nicht neutral, sondern ein Klassenstaat.
Dass die Verbrechen um Epsteins Netzwerk überhaupt ans Licht gekommen sind, ist ein absoluter Ausnahmefall. Dennoch sind die Enthüllungen bis heute für die Täter außer Epstein und Maxwell ohne juristische Konsequenzen geblieben.
Der prominenteste Name in den E-Mails ist der des heutigen US-Präsidenten Donald Trump. Nach der vierten Aussage einer Frau gegenüber dem FBI, die Trump Misshandlungen vorwarf, gab sie auf. Ermittlungen gab es keine.
Symptom eines kranken Systems
Der Missbrauch und Handel von jungen Mädchen und die Straffreiheit der unzähligen Täter ist kein Einzelfall, sondern Teil des kapitalistischen Systems, das von Beginn an Reichtum mit Einfluss und Ausbeutung verbunden hat. Damit der Kapitalismus sich etablieren konnte, musste er zunächst die Grundvoraussetzungen schaffen. Unter anderem mussten ausreichend Arbeitskraft, Land und Ressourcen zur Verfügung stehen. Dieser Prozess war gewaltvoll und von Vertreibungen, Enteignungen, Kolonialismus und Sklavenhandel geprägt.
Karl Marx bemerkte im Kapital sarkastisch: „In der wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle. In der sanften politischen Ökonomie [Volkswirtschaftslehre] herrschte von jeher die Idylle.”
In diesem Prozess wurde menschliche Arbeitskraft zur Ware. Menschen waren fortan gezwungen, das Einzige, was ihnen geblieben war, auf dem Markt zu verkaufen.
Die Warenform dringt im Kapitalismus in sämtliche Lebensbereiche ein. Egal ob in der Pflege, der Erziehung oder der Kunst, überall werden die Produkte menschlicher Arbeit und Kreativität zur Ware.
Selbst intimste Bereiche des Lebens wie soziale Beziehungen oder Sexualität bleiben nicht verschont. Sie können wie alle Waren geraubt werden. Menschenhandel und Prostitution sind Ausdruck dieser Entfremdung.
Dass so viele Angehörige der herrschenden Klasse – Banker, Politiker, Mitglieder königlicher Familien – bereit waren, sich am System Epstein zu beteiligen, ist kein Zufall und kein individuelles moralisches Versagen.
Es zeigt den Charakter der gesamten herrschenden Klasse: Wer über genügend Kapital verfügt, kann sich fast alles kaufen und ist nahezu unangreifbar – nicht nur gegenüber dem Gesetz, sondern gegenüber jeder gesellschaftlichen Rechenschaftspflicht. Das ist keine Anomalie im System, sondern seine Funktionsweise.
Der Spiegel machte in einem Artikel vom 26. Februar groß auf unter der Überschrift: „Der Epstein in uns allen“. Darin klagen die Autoren: „Jeder, der das System der Mächtigen anklagt, sollte sich selbst fragen: Wie viel Macht habe ich über Frauen?”
Dies ist die völlig falsche Antwort. Jeffrey Epstein steht nicht für „die“ Männer, genauso wenig wie Ghislaine Maxwell für „die“ Frauen steht. Beide stehen für die Reichen und Superreichen, die sich alles kaufen oder rauben können, was ihnen gefällt. Epstein ist das Symptom einer kranken, entfremdeten Welt, in der einige Wenige Macht über alle Anderen ausüben.
Schlagwörter: Epstein, Gewalt gegen Frauen, Trump
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