Krieg – das ganz große Geschäft
Die Bundeswehr wird massiv aufgerüstet, um sie „kriegstüchtig“ zu machen. Laut Forschungsinstitut SIPRI ist Deutschland im letzten Jahr zum Land mit dem viertgrößten Militärhaushalt weltweit aufgestiegen. Tendenz: weiter steigend. Dafür will die Bundesregierung Schulden in Rekordhöhe aufnehmen. Doch wo Schulden sind, profitieren andere. Wer sind diese Kriegsgewinnler? Antworten gibt Karl Naujoks
Keine Institution wird so gehegt und gepflegt wie die Bundeswehr. Die Koalition aus CDU/CSU und SPD setzte im Bündnis mit den Grünen im letzten Jahr eine Änderung der im Grundgesetz verankerten „Schuldenbremse“ durch. Nun ist die uneingeschränkte Aufnahme von Krediten zulässig – aber ausschließlich zum Zwecke der Aufrüstung und für kriegsrelevante Infrastruktur.
Der erste Haushalt der Bundesregierung unter Kanzler Merz aus dem Jahr 2025 sah bis 2029 für die Hochrüstung der Bundeswehr eine Kreditaufnahme von 851 Milliarden Euro vor. Der im April 2026 von Finanzminister Klingbeil ins Kabinett eingebrachte neue Haushaltentwurf erhöht diese Summe um weitere 50 Milliarden.
Rekordschulden? Rekordgewinne!
Damit steht der jetzigen Bundesregierung im Zeitraum von vier Jahren ungefähr das Geld von sechs Jahren zur Verfügung. Sie schwimmt im Geld. Doch das wird nur für einen Zweck ausgegeben: Um die Bundeswehr zur stärksten Streitmacht in Europa zu machen.
Dieses Ziel wird in den Medien nirgends in Frage gestellt. Es ist quasi gesetzt. Ebenso gesetzt ist der Umkehrschluss: Nun würde ein Riesenhaushaltsloch klaffen, das dringend durch „Reformen“ gestopft werden müsse.
Mit anderen Worten: Wir, die lohnabhängige Bevölkerung im Land, sollen durch Lohnverzicht und Sozialabbau für die Aufrüstung zahlen.
Tatsache ist: das Geld verschwindet nicht einfach. Einige Wenige machen das ganz große Geschäft. Da sind zum einen die Banken und „Anleger“. Bis 2030 werden sich nach jetzigem Stand die jährlichen Zinszahlungen des Staates auf 78,7 Milliarden Euro erhöhen – vor wenigen Jahren lagen sie im einstelligen Bereich.
Zum anderen sind da die Rüstungsunternehmen. Sie profitieren von staatlichen Aufgaben, staatlichen Aufträgen, staatlichen Geldern. Es handelt sich um wenige Firmen, die häufig eine Monopolstellung haben. Deshalb können sie auch Monopolgewinne machen. Diese „Übergewinne“, wie Finanzminister Klingbeil sie bezeichnet, sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel in der Rüstungsbranche.
Beispiel: Rheinmetall
Diese Monopolbildung ist gewünscht. Denn sie ermöglicht die Herausbildung deutscher Rüstungskonzerne, die auf Weltniveau mitspielen können. Ziel ist die Herauslösung des deutschen Imperialismus aus der strategischen Abhängigkeit von den USA, um einen Krieg gegen Russland als europäische Führungsmacht führen zu können.
So flossen von den 100 Milliarden Euro des ersten Bundeswehr-Sondervermögens allein 42 Milliarden an den Rüstungskonzern Rheinmetall. Seitdem wuchs das einst kriselnde Unternehmen zum größten deutschen Rüstungskonzern heran. Und generiert dabei satte Profite. Im vergangenen Jahr konnte Rheinmetall die operative Gewinnmarge auf einen Rekordwert von 18,5 Prozent steigern. Zugleich stieg der Umsatz um 29 Prozent auf rund 9,9 Milliarden Euro.
Da kann sich jeder ausrechnen, was an Gewinn herausspringt: 1,84 Milliarden Euro. Nach Steuern waren das 835 Millionen – Geld, das im Bundeshaushalt als Teil der „Haushaltslücke“ erscheint, und das nun durch Sozialkürzungen und Lohnverzicht im öffentlichen Dienst wieder hereingeholt werden soll.
Übrigens: Die Aktienbesitzer von Rheinmetall reagierten dem Vernehmen nach enttäuscht über das 29 Prozent-Plus im Jahr 2025. Im Jahr zuvor betrug das Umsatzwachstum nämlich noch 36 Prozent. Doch der Vorstandsvorsitzende Armin Pappberger beruhigte die Aktionäre: Das Unternehmen habe mittelfristig noch ambitioniertere Wachstumsziele. Bis 2030 soll der Konzernumsatz auf rund 50 Milliarden Euro steigen, eine Verfünffachung gegenüber dem aktuellen Niveau.
Das wird dann auch das Einkommen von Rheinmetall-Chef Pappberger erhöhen. 2025 lag sein Jahresgehalt bei 10,2 Millionen Euro, oder rund 850.000 Euro pro Monat. Was er neben seinem Einkommen zusätzlich aus Kapitalerträgen zusammenrafft, ist unbekannt.
Krieg ist gut für das Geschäft
Für einen ungeplanten Wachstumsschub hatte Papperger zufolge der Irankrieg gesorgt, den Trump und Netanjahu Ende Februar 2026 vom Zaum brachen. Dieser war keine zwei Wochen alt, da hätten Flugabwehrsysteme von Rheinmetall bereits rund 100 iranische Drohnen vom Typ Shahed abgeschossen.
Danach klingelten die Telefone bei Rheinmetall unentwegt: „Wir bekommen von Kunden aus dem Mittleren Osten Nachfragen nach neuen Systemen und nach Munition für die Luftverteidigung“, erklärte Pappberger rückblickend im April.
Die Rüstungsschmiede KNDS baut unterdessen wieder Panzer in Serie. Noch bevor der Auftrag der Bundeswehr über rund 3000 Radpanzer vom Typ Boxer vorlag, stellte KNDS schon die Pläne für die Erweiterung des Produktionsstandortes in München-Allach vor.
Nun will das Unternehmen an die Börse gehen. Da kam eine andere Meldung gerade Recht: Mitte April habe ein ukrainischer Leopard 2 auf 5,5 Kilometer Entfernung einen russischen T72 getroffen. Noch nie habe ein Panzer aus einer solchen Distanz einen anderen zerstört.
Der Leopard 2 wird von KNDS in Kooperation mit Rheinmetall gebaut. Vor dem geplanten KNDS-Börsengang notiert die Plattform „Trading-Treff“ zufrieden: „Die Ausgangslage ist solide. Ende April meldete KNDS einen Auftragsbestand von 23,5 Milliarden Euro — ein Rekordwert. Im Geschäftsjahr 2024 erzielte das Unternehmen rund 3,8 Milliarden Euro Umsatz.“
Mit dem Verkauf von Unternehmensanteilen sollen Milliarden mobilisiert werden, um die Entwicklung neuer Kampfsysteme zu beschleunigen — bemannte wie unbemannte.
Doch der Krieg füllt nicht nur die Auftragsbücher. Jene Firmen, die durch Geschäfte mit Kriegsparteien ihr Material an der Front ausprobieren lassen und Rückmeldungen erhalten, verfügen über einen Konkurrenzvorteil.
So erklärte KNDS-Chef Florian Hohenwarter dem Handelsblatt:
„Zu Beginn des [Ukraine-]Krieges hat KNDS das Gepard-System geliefert. Die Bundeswehr hat im Rahmen des Ringtausches den Leopard 2 und auch die Panzerhaubitze PzH 2000 aus ihren Beständen geliefert. Mittlerweile hat KNDS direkt mit der Ukraine Verträge geschlossen. Das betrifft unter anderem das Artilleriesystem RCH 155 und den Radschützenpanzer RCT 30. Das Feedback über unsere Fahrzeuge im Einsatz liefert uns wichtige Erkenntnisse.“
Je erfolgreicher ihre Haubitzen und Geschütze russische Soldaten im Ukrainekrieg töten, um so bessere Verkaufsargumente hat KNDS auch auf den anderen Rüstungsmärkten der Welt.
Rüstungskonversion pervers
Nach dem Ende des Kalten Krieges hatten Kräfte wie die Linkspartei stets für Rüstungskonversion argumentiert: Also die Transformation von Rüstungsbetrieben in zivile Produktion. Das Problem war stets die real existierende Marktwirtschaft. Wie kann ein Rüstungsunternehmen erfolgreich vom Panzer- zum Traktorenhersteller werden, wenn der Markt für landwirtschaftliche Fahrzeuge längst von etablierten Firmen dominiert wird?
Für entsprechende Konversionsprogramme hätte der Staat mit Abnahmegarantien einspringen oder ganze Branchen teilverstaatlichen müssen. Dazu war keine der Regierungsparteien bereit, ganz gleich ob sie CDU/CSU, SPD, FDP oder Grüne hießen.
Doch umgekehrt ist heute alles möglich. Die massive Verschuldung des Staates schafft auf Jahre einen wachsenden Kuchen, von dem alle Kapitalisten profitieren wollen.
Folge ist eine pervertierte Konversion: Immer mehr zivile Unternehmen suchen ihr Heil im Einstieg in die Rüstungsmärkte. Daneben erwerben bestehende Rüstungsunternehmen Betriebsteile aus zivilen Branchen oder saugen deren Arbeitskräfte ab.
Bekanntestes Beispiel ist die drohende Umwandlung des VW-Werks in Osnabrück in ein Rüstungsunternehmen. Unter anderem prüft ein israelischer Kampfdrohnenhersteller die Übernahme. Ein anderes Beispiel ist die Umwandlung eines Werks des Zugherstellers Alstom in Görlitz. Dort lässt KNDS nun Panzerwannen produzieren. Ganze Belegschaften werden häufig mit übernommen. Das spart Investitionskosten – und erhöht so die Profite.
KNDS-Chef Hohenwarter erläutert es so: „Ich nehme einen bestehenden industriellen Mechanismus mit großen Hallen, komplexer Industrie und gut ausgebildeten Leuten und transformiere ihn. Ende des Jahres [2026] werden wir doppelt so viele Produktionshallen in unserem Produktionsverbund haben wie vor der Zeitenwende. Etwa die Hälfte der Erweiterung kommt […] von Non-Defense-Playern.“
Totale Militarisierung fördert Monopolisierung
Rüstungsfirmen profitieren dabei von Sondergesetzen. So gilt für sie nicht die von der SPD in der Koalition durchgesetzte Tarifbindung bei öffentlichen Aufträgen. Das heißt: Militärtransporter können auch von Billiglöhnern montiert werden – zivile Fahrzeuge nicht.
Das kann für die Hersteller militärischer Fahrzeuge, Zulieferer oder Munitionsfabriken interessant sein. Doch die Aufrüstung beschränkt sich keineswegs auf solche „traditionellen“ Branchen mit Fließbandproduktion. Um im modernen Krieg gegnerische, auch zivile Infrastruktur weit hinter der Linie anzugreifen, entwickelt die Bundeswehr unter Hochdruck und in Zusammenarbeit mit der Ukraine neue, automatisierte Mordapparate.
Gezielt werden dafür deutsche Unternehmen aufgebaut. Eben noch ein „Start-Up“, wird ein Drohnenbauer wie Helsing heute bereits mit zwölf Milliarden Euro bewertet. Der Erstflug seines autonomen Kampfflugzeugs CA-1 ist für 2027 geplant. Operativ einsatzfähig soll es 2029 sein.
Doch Drohnen sind nichts wert, wenn die Zielerfassung von unzuverlässigen Verbündeten wie den USA jederzeit abgestellt werden kann. Deshalb will die Bundesregierung Deutschland auch noch zur Militärmacht im Weltraum machen. Dafür hat sie die Entwicklung der Satellitenkonstellation „SatcomBW4“ ausgeschrieben. Auftragswert: zwischen 8 und 10 Milliarden Euro.
Mindestens 100 deutsche Militärsatelliten sollen Panzer, Schiffe oder Soldaten miteinander vernetzen. Das Projekt ähnelt in technischen Details dem Satellitennetzwerk Starlink, das von Elon Musks Weltraumfirma SpaceX betrieben wird.
Damit das gigantische Projekt bis 2029 realisiert werden kann, verbünden sich Unternehmen, die eigentlich Konkurrenten sind: der Satellitenhersteller OHB sowie die Rüstungskonzerne Rheinmetall und Airbus Defence. Dieses Kartell hat eine Monopolstellung und wird dies nutzen, um die Kosten für das Vorhaben massiv in die Höhe zu treiben.
Die Chefs kleinerer Firmen sind sauer – und machtlos. Auf der Fachkonferenz Munich Space Summit beklagte ein Branchenexperte, es entstehe mit diesem Kartell ein „neues Monster“. Es wird umsatzschwächere Wettbewerber aus dem Verteidigungssektor an den Rand drücken. Ein betroffener Unternehmer sprach von einer „Sauerei“.
Rüstungsspirale
Die monströse Aufrüstung wird von praktisch keinem Meinungsmacher in den Medien infrage gestellt. Alle Parteien von AfD über die Koalition bis hin zu den Grünen stehen vorbehaltlos dahinter. Ebenso hinter dem Ziel, die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Streitmacht in Europa zu machen.
Die zugrundeliegende Botschaft lautet, das sei in unser aller Interesse. Das ist eine doppelte Lüge. Erstens werden wir zur Kasse gebeten, während sich die Aktionäre der Rüstungsfirmen und ihr Management eine goldene Nase verdienen.
Zweitens heizt die Bundesregierung durch die hemmungslose Aufrüstung der Bundeswehr die internationale Rüstungsspirale weiter an. Was in Deutschland als defensiv gerechtfertigt wird, kann der russische Präsident Putin seiner Bevölkerung als Bedrohung präsentieren. Zumal die Bundeswehr offen die Entwicklung von „Deep Strike“-Fähigkeiten forciert, also die Entwicklung von eigenen Waffen zum Angriff gegen Infrastruktur und zivile Ziele weit im Hinterland des erklärten Feindes.
Der Kampf gegen Lohnraub und Sozialabbau und der Widerstand gegen Aufrüstung gehören zusammen. Deshalb dürfen die Gewerkschaften nicht schweigen, wenn die Bundesregierung Milliarden in die Aufrüstung steckt.
Dies würde auch ein kraftvolles Signal an die Putin-Gegner in Russland senden und sie zum Widerstand gegen ihren Herrscher ermutigen. Internationale Klassensolidarität ist das einzige Gegengift gegen Nationalismus und Rüstungswettlauf.
Schlagwörter: +Aufrüstung, Bundeswehr, Haushalt, Krieg, Sozialabbau
Share On Facebook
Tweet It















