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Weder Washington, noch Kopenhagen: Grönland den Inuit!

International / 21. Januar 2026

Europäischer Imperialismus ist keine Alternative zu Trump

US-Präsident Donald Trump sagt, er wolle Grönland haben. Vorgeschobene Begründungen dafür liefert er kaum noch. Nun droht er Dänemark, Deutschland und anderen mit Strafzöllen, wenn sie nicht nachgeben. Dieser nackte, erpresserische Imperialismus empört viele, allen voran die dänische Regierung. Doch ihr geht es nicht um grönländische Bevölkerung, den Inuit, sondern nur über den eigenen Besitz. Es gibt auch andere dänische Stimmen, die den dänischen Kolonialismus über Grönland und die Heuchelei der eigenen Regierung angreifen.

Wir dokumentieren hier einen Artikel von Charlie Lywood der Gruppe Internationale Socialister aus Dänemark. Er bezeichnet darin Grönland als Nunarput. Das heißt „ihr Land“ (Nuna) in der Sprache der Inuit, in Abgrenzung zur sonst von der dänischen Kolonialmacht für Grönland verwandten Übersetzung „Kallait Nunaat“. *)

Nunarput (Grönland): Spielball zwischen den imperialistischen Mächten

Trotz der Verbrechen der dänischen Kolonialmacht müssen alle sozialistischen und antiimperialistischen Kräfte natürlich gegen Trumps Großmachtpläne zusammenstehen [A.d.Ü.: Wie am vergangenen Wochenende, wo mehrere Zehntausend in verschiedenen Städten Grönlands und Dänemarks demonstriert haben]. Egal, wie hart dies wird. Durch die sich ständig verschärfenden Entwicklungen und Gipfeltreffen wird dies kein einfacher Weg.

Der US-Angriff auf Venezuela, Maduros Entführung und die Gier nach venezolanischem Öl stellt eine Veränderung im imperialistischem Weltsystem dar. Imperialistische Kriege werden nicht länger mit Floskeln wie „humanitären Interventionen“ und der „Ausbreitung der Demokratie“ begründet.

Wir befinden uns jetzt in einer Periode intensiver Konkurrenz rivalisierender imperialistischer Mächte, wo China und die USA noch die größten Player sind; allerdings profilieren sich die EU, Russland, Israel und andere in zunehmendem Maße. Nunarput ist im Augenblick ein Spielball dieser Rivalitäten zwischen den imperialistischen Mächten.

Wenn Trump über „Sicherheit“ redet, meint er den Zugang zu seltenen unterirdischen Rohstoffen um mit China auf einem Gebiet zu konkurrieren, wo die USA momentan hintenan liegt.

Nunarput ist auch strategisch gut platziert, da der Klimawandel es jetzt möglich ist, die Behringstraße zu befahren [und damit die Nordwestpassage an Grönland über Kanada vorbei]; und das auch in den Wintermonaten. Deshalb wollen die USA Grönland einer anderen Kolonialmacht, nämlich Dänemark, rauben.

Die NATO und dänische Truppen

Sozialistinnen und Sozialisten sollten keine der beiden Seiten unterstützen. Wir sollten im Gegensatz zur Rechten und leider auch einiger „linker“ im Parlament vertretenen Parteien die EU und die NATO nicht dazu auffordern, dort als „Schutz“ einzumarschieren.

So hat Pelle Dragsted, der parlamentarische Geschäftsführer der Einheitsliste [die dänische Bruderpartei der deutschen Partei Die Linke], die militaristischen Gefühle angeheizt mit seiner Forderung nach dänischen Truppen in Nunarput. Gleichzeitig fordert er andere europäische Staaten auf, es Dänemark gleichzutun.

Dies entspricht der Haltung der Einheitsliste zum Krieg in der Ukraine. Hier gehört die Parteiführung zu den eifrigsten und kriegslüsternen Kräften mit ihren Rufen nach Sanktionen und militärischer Unterstützung. Sogar dergestalt, dass die Lieferung von F-16-Jets in die Ukraine begrüßt wurden.

Dies liegt auch ganz auf der Linie der herrschenden Klasse Dänemarks, die die „Verstärkung des Einsatzes“ will. Der dänische Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen wünscht eine NATO-Militärmission mehrerer europäischer Länder in Nunarput. Gleichzeitig hat er eine Vorhut beauftragt, eine stärkere dänische Präsenz dort vorzubereiten. All dies geschieht natürlich in enger Zusammenarbeit in der EU.

Es ist, realistisch gesehen, unwahrscheinlich, dass NATO oder EU die militärische Überlegenheit der USA ernsthaft herausfordern könnten. Aber sie wollen den Preis für Nunarput natürlich hochtreiben. Die Aufrüstung der Arktis kommt Trump jedoch auch entgegen.

Dies ist nichts, was die Inuit bis jetzt selbst gewünscht haben. Eine demilitarisierte Arktis war immer im Interesse der Handelsnation Nunarput. Dessen ungeachtet werden die Aufrüstungsbestrebungen fortsetzen.

Die Rolle Dänemarks in der imperialistischen Konkurrenz

Es ist wichtig zu verstehen, dass Dänemark ein untrennbarer Teil des innerimperialistischen Konkurrenzkampfs ist. Die Regierung will zusammen mit der EU gegen die USA Stärke beweisen. Deswegen behaupten sie, an der Seite von Nunarput zu stehen. Das tun sie nicht aus Sorge um die Inuit, sondern weil die fortgesetzte Kontrolle über das Land die Position Dänemarks stärkt.

Dies wurde in der letzten Woche deutlich. Die dänisch herrschende Klasse war schockiert, als die fünf Parteien im Inatsisartut (Parlament in Nunarput) beschlossen, dass das Land unverkäuflich ist und alle Drohungen abwiesen. Das an sich war nicht überraschend oder beunruhigend.

Der Schock bestand darin, dass Dänemark, welches das Land als sein Eigentum ansieht und Teil der sogenannten dänischen „Reichsgemeinschaft“ ist, nicht erwähnt wurde.

Das offizielle Dänemark überschlug sich vor Wut, und der Regierungschef von Nunarput, Jens-Frederik Nielsen wurde zusammen mit den Inuit als „undankbar“ attackiert. In den (sozialen) Medien fiel das Wort vom „Verräter“. Tenor: Nunarput solle doch selber sehen, wie es zurechtkommt.

Jens-Frederik Nielsen reagierte darauf mit der Aussage, Nunarput gehöre zusammen mit den Faröer-Inseln selbstverständlich zur Reichsgemeinschaft. Dies wurde auch auf einer gemeinsamen Pressekonferenz nochmal unterstrichen und die Unabhängigkeit auf einen unbestimmten Zeitpunkt „danach“ vertagt.

Ob Dänemark im Gegenzug irgendwelche Zugeständnisse gemacht hat, ist unbekannt. Ursache für die Panik ist, dass für die dänischen Herrschenden der Verlust ein massiver Schlag gegen deren Position in der NATO wäre. Sie gelten als das Land, das Nunarput für den Westen „im Griff hat“ und deren Rohstoffe und Mineralien für die europäischen Konzerne sichert.

Die Unabhängigkeit wird nicht mehr als eine Möglichkeit in der fernen Zukunft angesehen, und auch die nur unter der Kontrolle Dänemarks. Die Regierung wünscht die feste Bindung der Inuit an Dänemark und eine klare Parteinahme in eventuellen Verhandlungen mit den USA.

Der Kolonialismus und sein Erbe

Oberflächlich betrachtet, unterstützen alle [dänischen] Parteien außer der extremen Rechten die Unabhängigkeit. In Wirklichkeit ist dies jedoch nur warme Luft.

Wenn deren Wunsch nach Unabhängigkeit ernst genommen werden würde, wie er besonders in den letzten Wahlen zum Ausdruck gekommen ist, dann müsste die dänische Regierung dies unterstützen.

Stattdessen verkündet sie wolkig, dass „die Zukunft Grönlands von den Bewohnenden selbst entschieden wird“.

Nunarput erhält als administrativer Teil Dänemarks dieselben Sozialleistungen wie der Rest des Landes. Besonders im Gesundheits- und Bildungssektor ist dies wichtig. Wenn Nunarput unabhängig würde, würden die Subventionen von einem Tag auf den anderen wegfallen. Da das Land seit Jahrhunderten in allen Bereichen von Dänemark abhängig ist, bemüht sich das Parlament in Nuuk seit Jahren um die Aushandlung der Bedingungen für eine Unabhängigkeit.

Wenn die herrschende Klasse die Unabhängigkeit wirklich unterstützen würde, müsste sie Schadenersatz für das Leid, was den Inuit jahrhundertelang durch den dänischen Kolonialismus angetan wurde, zahlen und die Unabhängigkeit finanzieren. Dies will diese natürlich nicht.

Eine kurze Geschichte des dänischen Kolonialismus

Missionar Egede

Im Jahre 1721 wurde eine Expedition, geleitet durch den dänisch- norwegischen evangelikalen Priester Hans Egede nach Nunarput gesandt, wo er eine Inuit-Bevölkerung (Thulekultur) vorfand, die die Insel seit Jahrhunderten bevölkerte. Nichtsdestotrotz gründete Egede eine dänische Kolonie. Die bestand zunächst aus einem Handelsposten und einer Mission. Gottesglaube und imperialer Handel gingen Hand in Hand. Von nun an befand sich Nunarput unter dänischer Konialherrschaft.

1917 einigte sich Dänemark mit den USA auf einen Tausch der Inseln im damaligen Dänisch-Westindien (die heutigen Virgin Islands im Pazifik), welche Dänemark damals zur sechstgrößten Sklavenhalternation machten, gegen die Herrschaft auf den Faröern und der Arktis. Die Inuitbevölkerung wurde weder beachtet, noch gefragt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sah sich Dänemark mit einem anderen Problem konfrontiert. Die UN beabsichtigte, die Rechte der kolonisierten Völker zu sichern und diese strebten nach Unabhängigkeit – wenn nötig, auch mit Waffen.

Die dänische Regierung versuchte, dies administrativ zu lösen. Sie überredete die damalige Inuit-Führung, Nunarput den Status etwa eines Landkreises oder einer Kommune zu geben. Im Gegenzug bekamen die Inuit die dänische Staatsbürgerschaft.

Damit ging jedoch auch eine brutale Politik der kulturellen Assimilation einher. So wurde Dänisch zur einzig zugelassenen Amtssprache erklärt. Junge Inuit mussten für das Abitur ins 3500 Kilometer entfernte Dänemark fliegen.

In der Zeit zwischen 1966 und 1975 wurden 4500 Mädchen Spiralen eingesetzt, was der Hälfte der gebärfähigen Frauen entsprach. Viele der Mütter waren Teenager. Ein großer Teil wurde im Unwissen über die Geschehnisse gehalten. Viele wurden gezwungen und manipuliert und erfuhren erst Jahrzehnte später davon. [A.d.Ü.: Auch wurden viele zwangsadoptiert und nach Dänemark verbracht. Vor kurzer Zeit sollte ein kritischer Film über den lokalen Rohstoffabbau für dänische Konzerne verhindert werden.]

Dänemark stellt sich selber, wie andere Kolonialmächte in der Vergangenheit, als gutmütige und wohlmeinende Mutter dar, das auf „seine Kinder aufpasst“. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Die Verbrechen an der Natur und der Bevölkerung sind zahlreich.

Die sozialistische Antwort

Sozialistinnen und Sozialisten sollten keinen imperialistischen Staat oder Machtblock unterstützen, sondern sich stattdessen mit anderen Kräften verbünden. Wir setzen auf die Arbeiterklasse in den USA, in Europa und bauen auf die eigene Stärke der Inuit und unterstützen den Widerstand. Wir setzen auf die arbeitenden Menschen, welche Opfer von Großmächten sind. Wir setzen auf ihre Solidarität. Hafenbeschäftige haben die Macht, Schiffe am Auslaufen zu hindern. Die Beschäftigen in der Waffenindustrie können streiken. Lohnabhängige in Uniform können sich gegen ihre Offiziere wenden. Die dänische Arbeiterklasse kann und soll handeln, d.h. das Recht der Inuit auf Selbstbestimmung und deren Kampf für Unabhängigkeit unterstützen.

*) Hier geht es zum Originalartikel: Nunarput, Det ny center for imperialistisk rivalisering

Übersetzung von Stefan Godau


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