Nazi-Sprüche oder Vetternwirtschaft: Keine Aussage, kein Skandal scheint den Höhenflug der AfD bremsen zu können. In den bundesweiten Umfragen liegt die Partei mittlerweile an der Spitze bei rund 27 Prozent, in Sachsen-Anhalt bei über 40 Prozent. Dort bereitet sie sich auf die Übernahme der Regierungsgewalt nach den Landtagswahlen im September vor. Was tun? Karsten Schmitz hat Antworten
Der Aufstieg der AfD ist nicht unaufhaltsam. Zu Beginn war er noch abhängig von rechten Massenmobilisierungen auf der Straße. Im Herbst 2015 begannen Pegida in Dresden und andere rechte Kräfte wöchentlich Zehntausende gegen Migration zu mobilisieren. 2018 kam es zu Hetzjagden gegen „Ausländer“ in Chemnitz. Die AfD stellte sich an die Spitze der rassistischen Kampagnen und profitierte in den Umfragen davon.
Bundesregierung treibt der AfD Leute zu
Doch seitdem muss die Partei praktisch gar nichts mehr tun. Denn die Enttäuschung über die Politik der Bundesregierung ist so groß, die Hoffnung auf alle anderen Parteien so gering, dass der AfD derzeit selbst eklatante Inkompetenz oder offenkundige Selbstbedienungsmentalität nichts anhaben kann.
Dies zeigt ein genauer Blick auf die Umfragewerte, zum Beispiel in Sachsen-Anhalt. Der ursprüngliche Durchbruch von rund 5 auf fast 20 Prozent gelang der AfD in dem Bundesland parallel zu den rassistischen Straßenmobilisierungen der Pegida-Bewegung um die Jahreswende 2015/16.
Bis ins Jahr 2022 hatte sich an dem Wert in den Umfragen nicht viel verändert. Doch seitdem folgten zwei große Sprünge, jeweils gekoppelt an große Frustrationen mit der Bundespolitik.
Der erste stand in Verbindung mit dem „Heizungsgesetz“ der Ampelkoalition 2023, das Ängste vor unkontrollierten Kostenbelastungen durch den erzwungenen Einbau von Wärmepumpen hervorrief. Die AfD-Werte schossen in Sachsen-Anhalt bis zum Oktober 2023 auf 33 Prozent hoch.
Extreme Unzufriedenheit
Im Oktober 2025, nach Ankündigung großer „Reformen“ – sprich: Sozialabbau – durch die Bundesregierung Merz, erreichte sie das erste Mal 40 Prozent.
Der ARD-Deutschlandtrend vom April 2026 verdeutlicht, wie tief die Popularität der Koalition gesunken ist. Nur 15 Prozent der Bevölkerung sind zufrieden mit der Bundesregierung; satte 84 Prozent sind „weniger“ oder „gar nicht zufrieden“. Selbst die Wählerinnen und Wähler der regierenden SPD sind zu 78 Prozent unzufrieden!
Und genau in diesem Moment diskutiert die Regierung die Umsetzung von „Reformen“, die niemand will. Beispiel Mehrwertsteuerhöhung: 91 Prozent sagen laut der ARD-Umfrage, eine solche Maßnahme ginge „in die falsche Richtung“. Mehr Zuzahlungen für Medikamente lehnen 76 Prozent ab, die Abschaffung der kostenlosen Mitversicherung für Familienangehörige 64 Prozent.
Projektionsflächen der Angst
Über den Sozialabbau hinaus kommen nun Ängste vor Arbeitsplatzverlusten hinzu, gerade in der verarbeitenden Industrie. Das Problem: Der Widerstand entspricht nicht den Angriffen. Zahlreiche Tarifkämpfe wurden von Gewerkschaften halbherzig geführt und vorzeitig abgebrochen.
Symptomatisch ist der Streik bei VW Ende 2025. Arbeiter kamen aus den Werken mit Bannern wie „Ihr wollt Krieg – wir sind bereit!“ Doch kaum war der Streik in Gang, brach die IG Metall-Führung ihn ab. Ergebnis ist der widerstandslose Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen binnen fünf Jahren.
Natürlich gibt es auch erfolgreiche Abwehrkämpfe. Doch die betreffen einzelne, häufig kleinere Betriebe. Insgesamt ist das Niveau der Klassenkämpfe zu niedrig, als dass die verbreitete Unzufriedenheit in Hoffnung auf eine bessere Zukunft umschlagen würde.
Deshalb gelingt es der AfD die bestehenden Ängste und den ganzen Groll in der Bevölkerung gegen Sündenböcke zu kanalisieren. Ablesbar ist diese Strategie an der Flut der Reden und parlamentarischen Initiativen im Bundestag. Um willkürlich ein paar Beispiele aus nur einer Woche zu nennen: Eine Anfrage der AfD impliziert, „Ausländer“ würden die Pflegeversicherung bescheißen (30. März); eine andere, sie nutzten die soziale Grundsicherung aus (23. März). „Asylanten“ werden mit Terroristen gleichgesetzt (26. März), „Islamische Jugendliche mobben Gleichaltrige“ (24. März) usw. usf.
AfD: Büttel des Kapitals
Die AfD wird von unzufriedenen Lohnabhängigen gewählt. Aber sie ist keine Arbeiterpartei. Auch das zeigen Beispiele aus Sachsen-Anhalt. Jan Wenzel Schmidt war dort jahrelang Landesvorsitzender der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative, als er 2021 in den Bundestag gewählt wurde. Bis dahin betrieb er Lotto-Annahmestellen. Später gründete er eine E-Zigarettenfirma.
Wenzel ließ den Geschäftsführer, den Prokuristen und eine Vertriebsmitarbeiterin über sein Abgeordnetenbudget bezahlen, ohne dass sie im Bundestag real für ihn gearbeitet hätten.
Wie Wenzel sind zahlreiche prominente AfD-Politikerinnen und -Politiker Kleinbürger im klassischen Sinne, also Besitzer kleiner Firmen und Selbständige. Häufig solche mit einem Bruch in der Karriere, überdurchschnittlich viele verurteilte Betrüger und Gauner wie Wenzel.
Sie appellieren an die Unzufriedenheit in der arbeitenden Klasse und können so Wählerstimmen gewinnen. Doch die Politik der AfD ist zutiefst gegen deren Interessen ausgerichtet. So stellt sich die AfD gegen eine Steuer auf Monopolgewinne für Energieunternehmen, fordert eine Absenkung des Mindestlohns und schlägt in der Rentendebatte ein rein aktiengestütztes Modell vor. Die AfD stimmte auch gegen die Verlängerung des Paketbotenschutzgesetzes, das illegale Beschäftigungsverhältnisse und Überausbeutung von Billiglöhnern über Subunternehmen erschwert.
Was Hoffnung macht
Die widersprüchliche Klassenbasis der AfD bietet einen Ansatzpunkt für Widerstand. Denn so schnell sie Wählerstimmen einsammeln kann, so anfällig ist ihre brüchige und widersprüchliche Klassenbasis für Druck von außen. Der russische Revolutionär Leo Trotzki beschrieb die soziale Basis der Nazis als „menschlichen Staub“, ohne Halt und durch Gegenwind schnell auseinanderzutreiben.
Die AfD kann nur gewinnen, wenn Millionen frustriert sind ohne zu kämpfen. Massenwiderstand gegen soziale Kürzungen oder entschlossen geführte Massenstreiks gegen Arbeitsplatzabbau können ein Klima der Hoffnung erzeugen, das der AfD den sozialen Boden entzieht.
Doch das fällt nicht vom Himmel. Es reicht nicht, auf die Kämpfe der Zukunft zu warten. Entscheidend ist, ihren Aufbau schon jetzt zu stören, durch massenhafte und entschlossene Mobilisierungen gegen die öffentlichen Auftritte und Sammlungsversuche der Partei.
Deshalb ist die bundesweite Mobilisierung gegen den AfD-Bundesparteitag so wichtig, der am 4. Juli 2026 in Erfurt stattfinden soll. Was wir brauchen, ist ein breites Bündnis unter Einschluss aller Gewerkschaften. Und zugleich die Entschlossenheit radikaler Kräfte, aus dieser Massenbewegung heraus den Veranstaltungsort direkt zu blockieren.
Eine erfolgreiche Massenaktion gegen die AfD in Erfurt wird nicht von einem Wochenende zum nächsten ihren Höhenflug stoppen. Doch sie kann ein Fanal auf der Straße setzen, der die Moral und den Widerstandswillen von Millionen beflügelt.
Am Ende muss sich zum politischen Widerstand gegen die neuen Nazis der soziale Widerstand gegen die Kahlschlagpolitik der Bundesregierung gesellen. In einem solchen Klima würden innerhalb der AfD Risse entstehen, Verunsicherung geschürt und unweigerlich die Aufwärtsbewegung gestoppt.
Schlagwörter: AfD, Antifaschismus, Bundesregierung, Gewerkschaften
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