Der Wettlauf um die Seltenen Erden erreicht die Arktis
Donald Trump hat sein nächstes Ziel ausgewählt—Grönland. Bisher wurde sein Gerede über eine Annexion Grönlands in den Medien mehr als bizarrer Witz abgetan. Aber nach der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro und der Ankündigung, in Venezuela nun „mitzuregieren“, erscheint die Annexion Grönlands plötzlich nicht mehr so irreal.
Mehr zu den Hintergründen von Frankie Murden und Tomáš Tengely-Evans. *)
Das Weiße Haus ließ verlauten: „Präsident Trump hat sehr deutlich gemacht, dass die Aneignung Grönlands eine Priorität für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten sind. Es ist lebenswichtig, unsere Gegner in der arktischen Region abzuschrecken.“
Trump ist allerdings nicht der erste Präsident, der versucht hat, das arktische Territorium einzunehmen. Die USA war dort militärisch aktiv, als Grönlands Kolonialmacht Dänemark von Nazi-Deutschland besetzt worden ist.
Nach dem Krieg wurde die Insel wieder unter dänische Kontrolle gestellt, aber die USA haben nie ihre Präsenz auf der Insel aufgegeben.
Hotspot im Kalten Krieg
Im Kalten Krieg wurde Grönland zu einem Hotspot der Rivalität zwischen den USA und der russisch dominierten Sowjetunion. Der damalige US-Präsident, der Demokrat Harry Truman, versuchte die Insel 1946 zu einem Preis von 100 Millionen US-Dollar zu kaufen. Ein Angebot, das erst nach dem Ende des Kalten Krieges bekannt wurde.
Dänemark lehnte den Deal ab, aber erlaubte den USA im Jahr 1953 im Nordwesten der Insel die Pituffik Air Base aufzubauen.
Trump behauptet nun, Grönland habe „Priorität für die nationale Sicherheit” der USA und würde „vollständig von russischen und chinesischen Schiffen umzingelt.” Das ist Unsinn. Aber in der Aussage spiegelt sich die wachsende Konkurrenz zwischen den imperialistischen Mächten auf der Welt wider.
Trumps Nationale Sicherheitsstrategie, die im Dezember veröffentlicht wurde, markierte dabei eine Verschiebung in der US-Strategie. Sie legt den Fokus wieder auf die Beherrschung der sogenannten westlichen Hemisphäre – also Nord-, Mittel- und Südamerika, sowie Grönland – in Konkurrenz zu China und anderen Mächten. Darin heißt es: „Wir wollen eine Hemisphäre, in der feindliche ausländische Kräfte weder eingreifen, noch über Schlüsselressourcen verfügen.”
Rohstofflager und Transportrouten
Grönland ist in diesem Wettlauf um Ressourcen zu einer Zielregion geworden. Die Insel verfügt über Vorkommen von 43 verschiedener mineralischer Rohstoffe, darunter viele sogenannte „Seltene Erden“ (mehr dazu unten). Die Insel liegt auf dem amerikanischen Kontinentalsockel, der einige der größten Öl- und Gasvorkommen in der Arktis birgt.
Imperialistische Mächte konkurrieren außerdem um die Kontrolle der arktischen Schifffahrtsrouten. Die Nordwestpassage, die an Grönland und Kanada vorbeiführt, ist inzwischen während bestimmter Zeiten des Jahres eisfrei. Sie bietet eine alternative Route zwischen Atlantik und Pazifik zum überlasteten Panamakanal – über den Trump ebenfalls die Kontrolle haben will.
Es ist auffällig: Viele westliche Politiker, die sich einer Verurteilung der US-Angriffe auf Venezuela enthielten, legen nun bei Grönland andere Maßstäbe an.
So erklärten sechs europäische Staats- und Regierungschefs am Mittwoch, darunter Friedrich Merz: „Grönland gehört seinem Volk. Es ist ausschließlich Sache Dänemarks und Grönlands, über die Angelegenheiten zu entscheiden, die Dänemark und Grönland betreffen.“ Der britische Premierminister Keir Starmer forderte: „Hände weg von Grönland.“
Der Grund für die Entschlossenheit: Grönland ist eine autonome Region innerhalb des Königreichs Dänemarks – einem Mitglied des kriegstreiberischen NATO-Bündnisses.
Grönland erhielt 1979 die Autonomie und genießt seit 2009 vom Prinzip her das Recht, unter Voraussetzung einer Volksabstimmung in Grönland und gleichzeitiger Zustimmung durch eine Mehrheit im dänischen Parlament die vollständige Unabhängigkeit zu erklären.
Diese Mehrheit gibt es aber nicht. Daher kontrolliert Dänemark weiterhin die Insel. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen forderte die US-Regierung nun „nachdrücklich auf, die Drohungen einzustellen“.
Uneinigkeit unter US-Republikanern
Innerhalb des Weißen Hauses sowie unter den US-Republikanern gibt es Uneinigkeit in der Frage Grönlands. Dies drückt die Spaltung in der herrschenden Klasse der USA aus, wie sie am besten ihre Ziele erreichen kann.
Der Leiter der NATO-Beobachtergruppe im US-Senat, Thom Tillis, ist republikanischer Senator aus North Carolina. Er sagte: „Wenn Dänemark und Grönland klarstellen, dass Grönland nicht zum Verkauf steht, müssen die Vereinigten Staaten ihre vertraglichen Verpflichtungen einhalten und die Souveränität sowie die territoriale Integrität des Königreichs Dänemark respektieren.“
Tillis befürchtet, der Preis für eine Annexion gegen den Willen der europäischen NATO-Länder – das faktische Ende der NATO – wäre zu hoch. Doch der US-Imperialismus verliert im Verhältnis zu China relativ an Macht. Die Drohungen Trumps sind ein düsteres Vorzeichen dafür, wie weit der US-Imperialismus geht, um die Nummer 1 in der Welt zu bleiben.
Warum sind seltene Erden so wichtig?
Unter Grönlands Boden liegen 43 der 50 „kritischen Rohstoffe” der Welt. Darauf haben die USA ein Auge geworfen. Darunter befinden sich Seltene Erden, die eine Schlüsselressource für die Fertigung von High-Tech-Produkten wie Elektroautos, Windturbinen und vielen anderen sind. Dazu zählt auch tödliche militärische Spitzentechnologie wie F35-Kampfflugzeuge, Tomahawk-Raketen und Predator-Kampfdrohnen.
Künstliche Intelligenz (KI) ist ebenfalls von Seltenen Erden abhängig. Die Denkfabrik American Security Project erläutert:
„Diese Materialien sind immens bedeutsam für die komplexen Computersysteme, die den Wettlauf um die Militärtechnologie entscheiden. Die Kluft zwischen den technischen Möglichkeiten der USA und Chinas schrumpft, die globale Spannungen nehmen zu. Seltene Erden und die Technologien, die auf sie aufbauen, können den Ausschlag im Kampf um die Spitzenposition geben. Um den ‚Neuen Kalten Krieg’ gegen China zu gewinnen, müssen die Vereinigten Staaten in die Sicherung und die Erweiterung des Zugangs zu Seltenen Erden investieren.“
Viele im Weißen Haus unter Trump sehen die Kontrolle über Grönland als einen Schlüssel zur Erreichung dieses Ziels an.
Annexion würde US-Konzernen nützen
US-Konzerne verfügen jetzt schon über Abbaulizenzen auf der Insel. So verfügt das Tanbreez-Projekt über potenzielle Vorkommen von Gallium, das für KI-Chips von zentraler Bedeutung sind. Die Trump-Regierung erwog eine direkte staatliche Beteiligung an Critical Metal Corps, dem Privatunternehmen, das für das Projekt verantwortlich ist.
Das Problem ist der potenzielle Widerstand, auf den diese Firmen stoßen, solange sie vom Willen der grönländischen Autonomiebehörde abhängig sind. Eine Übernahme Grönlands würde es den USA ermöglichen, die Rechte der indigenen Bevölkerung zu übergehen, die sich bislang erfolgreich dagegen gewehrt hat, Grönland in ein riesiges Bergbaugebiet zu verwandeln.
Bislang kontrolliert der chinesische Staat die Versorgung des globalen Markts mit Seltenen Erden. Über 60 Prozent der weltweiten Förderung Seltener Erden findet in China statt, und mehr als 90 Prozent werden dort weiterverarbeitet. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer langfristigen Strategie, die gezielt auf die Förderung seltener Erden gesetzt hat.
Chinas Strategie
1992 besuchte der damalige Vorsitzende der Chinesischen Kommunistischen Partei, Deng Xiaoping, der Architekt von Chinas marktwirtschaftlicher Reformen, die Region Innere Mongolei, die über enorme Vorkommen Seltener Erden verfügt. Er erklärte: „Der Nahe Osten hat Öl – China hat Seltene Erden.“
Bis in die 1980er Jahre waren die USA der größte Produzent Seltener Erden, wurden jedoch von chinesischen Unternehmen preislich unterboten. Heute verschafft Chinas Position dem Land erheblichen Einfluss gegenüber seinen Rivalen: Zwischen 2020 und 2023 waren die USA bei 70 Prozent ihrer Importe Seltener Erden von China abhängig.
Die USA verfügen derzeit nur über eine aktive Mine für Seltene Erden. Zudem fehlt ihnen die Kapazität, sogenannte „schwere seltene Erden“ zu verarbeiten, die für militärische Technologien unverzichtbar sind. Das bedeutet, dass die in den USA geförderten Erze zur Weiterverarbeitung nach China geschickt werden müssen.
Diese Verwundbarkeit wurde deutlich, als China im vergangenen Jahr die Exportbeschränkungen für Seltene Erden verschärfte.
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*) Der Artikel erschien im Original auf der Website von Socialist Worker und ist hier zu finden:
Explainer: What’s behind Trump’s Greenland threats
Schlagwörter: China, Grönland, Imperialismus, Seltene Erden, Trump
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