Es sind die einfachen Menschen im Südlibanon, die die volle Wucht der israelischen Angriffe zu spüren bekommen
Nicht nur der Iran, auch Libanon wird aktuell von der israelischen Armee angegriffen. In den Nachrichten in Deutschland hören wir immer nur, es handelten sich um „Gegenangriffe“ gegen die libanesische Miliz Hisbollah. Tatsächlich hielt sich die Hisbollah an einen am 27. November 2024 geschlossenen Waffenstillstand, obgleich die israelischen Streitkräfte diesen laut UN-Mission UNIFIL in den ersten zwölf Monaten, bis einschließlich November 2025, rund 10.000-mal gebrochen haben.
Die israelische Armee ermordete durch diese unmotivierten Angriffe insgesamt 330 Personen, darunter 127 Zivilistinnen und Zivilisten.
Erst seit dem 2. März 2026, infolge des israelisch-amerikanischen Kriegs gegen den Iran, schießt die Hisbollah mit Artillerie gegen Ziele im Norden Israels. Netanjahu antwortete mit einer Bodenoffensive. Die Zone südlich des Flusses Litani hat die israelische Armee mittlerweile zu einem Ort erklärt, in dem jeder Mensch ein „legitimes“ Ziel darstelle. Doch was heißt das praktisch?
Der Journalist Guy Smallman war im Kriegsgebiet unterwegs. Wir dokumentieren hier seinen Bericht, den er für die britische Zeitung Socialist Worker verfasste und der am 23. März 2026 veröffentlicht worden ist. Das Original ist hier zu finden: Eyewitness report from Israel’s war in southern Lebanon
Der Krieg im Libanon begann am 2. März. Die Region um die südlibanesische Stadt Tyros hat dabei die Hauptlast der israelischen Aggression zu tragen.
Israel greift gezielt Rettungskräfte an. Dadurch sind in den letzten Tagen zwei Feuerwehrleute ums Leben gekommen. Einsatzleiter Khalil Horshi von der zivilgesellschaftlichen Organisation Al-Risala erzählt mir: „Wir haben bereits sieben Tote zu beklagen, die Ziel solcher Angriffe wurden. Sie wurden getötet, während sie Verwundete zu retten versuchten oder Leichen der Verstorbenen aus den Trümmern bargen.“
Horshi weiter: „Wir verständigen uns bei den Rettungsaktionen mittlerweile mit verschiedenen anderen Organisationen wie dem Roten Kreuz und der libanesischen Volkshilfe. Es ist notwendig, dass wir angesichts dieser fürchterlichen Angriffe über alle Grenzen zusammenarbeiten.“
Wir befinden uns auf dem Hof eines großen Geländes am Rande der Stadt Tyros. Es herrscht reges Treiben, während die Helfer verzweifelt versuchen, die Herausforderungen der anhaltenden Flüchtlingskrise zu bewältigen.
In der Küche werden Hunderte von Mahlzeiten zubereitet. Kisten mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln zur Verteilung kommen auf einen Lastwagen.
Mortada Mohanna, Direktor des Hilfs- und Rettungskomitees der Provinz Tyros, erläutert uns die Vielzahl an Aufgaben, die anfallen. Er zeigt auf den Bildschirm seines Laptops, während immer wieder der Strom ausfällt.
„In diesem Bezirk leben rund 400.000 Einwohner sowie weitere 90.000 palästinensische und syrische Flüchtlinge“, sagt er.
„Etwa 90 Prozent sind geflohen, aber wir versorgen derzeit über 37.000 Menschen, die geblieben sind und bei uns als mittellos registriert sind.“
Die meisten der Zurückgebliebenen stammen aus ländlichen Gebieten und verfügen schlichtweg nicht über die Mittel, um während der Kämpfe weiterzufahren.
Mortada erklärt weiter, dass im Jahr 2024 rund 80 Prozent der landwirtschaftlichen Ernte durch Israel vernichtet worden sei. Dies dürfte sich nun in einem noch größeren Ausmaß wiederholen. Viele Bauern in der Region warten seit dem letzten Waffenstillstandsabkommen immer noch darauf, auf ihr besetztes Land entlang der Grenze zurückkehren zu können.

Mortada Mohanna
Wir blicken die Straße hinab. Dort zeigt sich die ganze Brutalität der israelischen Luftangriffe. Zu Beginn des Krieges traf eine zwei Tonnen schwere Lenkbombe Al-Qard al-Hassan – ein Einkaufszentrum und zugleich Ort eines Finanzinstituts, das der Hisbollah angehört.
Die Bombe hat die Umgebung vollständig zerstört – einschließlich Wohnblocks, Werkstätten und ein weiteres Einkaufszentrum.
Dies hatte besondere Empörung ausgelöst, da der angegriffene Komplex nur 200 Meter vom Jabal-Amel-Krankenhaus entfernt liegt, das die umliegende Gegend versorgt. Das zerstörte Gebiet umfasst viele angegliederte Klinikeinrichtungen, sowie die Wohngebäude Hunderter Pflegekräfte und Mediziner.
Während wir die Schäden dokumentieren, erhält unser Fahrer die Nachricht, dass die Israelis die Hauptbrücke nach Tyros von Norden her bedrohen.
Wir schaffen es gerade noch, die Brücke zu überqueren, bevor die libanesische Armee eintrifft, um die Straße zu sperren. Als wir unser nächstes Ziel erreichen, war die Al-Qasmiyeh-Brücke bereits in die darunterliegende Schlucht hinabgestürzt.
Die Hauptverbindungen über den Litani-Fluss sind jetzt alle unterbrochen. Völlig unklar ist, wie die Menschen im Süden des Libanons nun den Evakuierungsbefehlen der israelischen Armee nachkommen sollen.
In der Hafenstadt Sidon sitzen Flüchtlinge unter Planen auf Grünflächen und inmitten Verkehrkreiseln. Viele von ihnen stammen aus dem Gebiet, das wir gerade verlassen hatten.
Ein älterer Mann erzählt uns, dass sein Grenzdorf Schauplatz einer heftigen Schlacht war, die für die Israelis schlecht lief. Er sagte, sie könnten sich im Südlibanon nicht bewegen, ohne getroffen zu werden.
Er sagte auch, dass der endlose Regen, der sein Elend noch verschlimmere, für die Invasoren weitaus schlimmer sei. Ihre gepanzerten Fahrzeuge würden in dem notorisch sumpfigen Gelände rund um die Grenze stecken bleiben und angegriffen werden.
Unser Fahrer stammte aus Sidon und nimmt uns auf eine Tour zu einem Ort des Schreckens mit. Das Haus der Familie Al-Tiryaqi im Stadtteil Haret Saida ist eine ausgebrannte Ruine. Beide Eltern und ihre zwei Kinder wurden bei einem Drohnenangriff getötet.
Ein Mann, von dem gemunkelt wurde, er sei Iraner, war bei einem ähnlichen Angriff im zehnten Stock des Bürogebäudes Al-Naqassed ums Leben gekommen. Ein weiterer Zivilist war gestorben, nachdem sein Auto von einer Drohne verfolgt worden war. Diese hatte vier Raketen abgefeuert und dabei nahegelegene Feuerwehrfahrzeuge der Zivilverteidigung auf dem historischen Al-Zaaatari-Platz beschädigt.
Doch es gab eine Gräueltat, die selbst die abgehärtetsten Zeugen der langen Kriegsgeschichte dieser Stadt schockiert.
Am Morgen des 13. März ruhten sich die Bewohner des Hauses 10 der Al-Hibah-Siedlung im Stadtteil Al-Fawwar aus. Sie hatten ihr tägliches Fasten begonnen. Es handelt sich um ein Arbeiterviertel, das hauptsächlich von schiitischen Libanesen und ansässigen palästinensischen Flüchtlingen bewohnt wird.
Gegen 8.40 Uhr morgens schlug eine gelenkte 500-Pfund-Bombe ohne Vorwarnung mitten in das Gebäude ein.
Radwan Lalhib stammt ursprünglich aus Palästina. Als ich ihn treffe, war er gerade dabei, den immensen Trümmerberg Stück für Stück abzutragen. „Ich hatte mein Haus zehn Minuten vor dem Einschlag verlassen. Als ich zurückkam, schrien alle“, sagte er.
Sein Haus lag direkt neben dem angegriffenen Wohnblock. „Ich habe meinen Sohn unter den Trümmern gefunden“, sagte Radwan. „Gott sei Dank hat er überlebt, obwohl er verschüttet war. Er ist erst 18 Jahre alt.“
„Das Dach unseres Hauses lag auf Bodenhöhe. Es hatte meinen Sohn und meine anderen Kinder unter sich begraben. Meine Tochter Alaa lag neben ihm auf einer anderen Matratze. Ich danke Gott, dass sie das überlebt haben. Womit haben wir das verdient? Wir haben nichts getan. Wir sind alle Zivilisten.“

Eine Freiwillige in der Sozialeinrichtung für Kriegsbedürftige
Radwan zeigt auf einen anderen Teil des beschädigten Gebäudekomplexes.
„Das ist das Haus meiner Eltern. Das ist das Zimmer meiner Mutter und das meiner behinderten Schwester“, erklärte er.
„Sie wurden verletzt, aber Gott sei Dank leben sie noch. Jetzt arbeite ich mit meinen Freunden daran, das wiederaufzubauen, was ich verloren habe. Wir haben noch keinen Besuch von einem Ausschuss, Regierungsbeamten, einer Partei oder einer NGO erhalten, die sich nach den entstandenen Schäden erkundigt hätten.“
„Sie haben nur die Armee geschickt, um nach Sprengstoff zu suchen, während wir vom Gebäude ferngehalten wurden. Sie sagen uns, wir sollen uns online melden und den Schaden melden. Aber wir haben Angst, unsere persönlichen Daten preiszugeben.“
Seine Angst teilen auch andere Anwohner. Khodor, ein Libanese, sagt: „Nur drei der Opfer waren Männer. Alle stammten aus verschiedenen Wohneinheiten. Der Rest waren Frauen und Kinder. Das war definitiv ein Luftangriff. Er hat ein vierstöckiges Gebäude in zwei Hälften geteilt.“
Alle, mit denen ich sprach, betonten, dass niemand in dem Gebäude in irgendeiner Weise politisch aktiv gewesen sei. Doch elf Menschen waren tot – ein Überlebender zeigt mir ihre Gesichter auf dem Bildschirmschoner seines Handys.

Die Getöteten auf einem Handy zum Gedenken
Inmitten des Blutbads gibt es auch eine wundersame Geschichte vom Überleben in Trümmern. Im obersten Stockwerk über uns hängt ein Bett gefährlich instabil am Rand einer offenen Wohnung, die ansonsten größtenteils weggebombt worden ist.
Ein jüngerer Mann, der herübergerufen worden war, um mit uns zu sprechen, berichtet von seinen Erlebnissen in jener Nacht. „Ich war hier, weil die israelische Armee für das Viertel, in dem ich wohne, eine Evakuierungsanordnung erlassen hatte“, erinnert er sich.
„Nach der Explosion rannte ich an der Seite des Gebäudes entlang. Ich fand die Menschen aus dem obersten Stockwerk hier liegend vor. Sie waren durch die Explosion zusammen mit ihren Möbeln über den Hof geschleudert worden.
Als ich in den Trümmern suchte, sah ich mehrere Leichen. Doch ein Körper war noch am Leben und atmete.
Es war ein kleines Mädchen, das noch immer in den Armen seiner Mutter lag. Ich hob sie auf und dankte Gott, dass sie am Leben war. Ihr Name ist Amar.“
Amar bedeutet im libanesischen Arabisch „Mond“.
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(Fotos: Guy Smallman; das Beitragsbild zeigt das zerbombte Einkaufszentrum Al-Qard al-Hassan in Tyros)
Schlagwörter: Hisbollah, Israel, Krieg, Libanon
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