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Wie in Italien gegen Israel gestreikt worden ist

International / Palästina & Israel / 2. Januar 2026

Interview mit einem Hafenarbeiter aus Genua

Im Spätsommer 2025 machte sich eine Segelboot-Flottille mit Greta Thunberg und Hunderten anderen Aktiven auf den Weg über das Mittelmeer, um die Hungerblockade in Gaza zu durchbrechen. In Solidarität mit ihnen riefen Gewerkschafter in Italien zu einem landesweiten politischen Streik auf. Die Arbeitskampfaktionen am 22. September waren ein großer Erfolg  – und fanden am 28. November eine Wiederholung.

Lucia Pagano sprach darüber mit Josè Nivoi, einem Hafenarbeiter aus Genua.*

RevoLinks: Josè, du warst Teil der Vorbereitung für die Streiks im September und November in Italien gegen Israel. Was habt ihr mit den Aktionen bezweckt?

Josè: Was in Gaza passiert ist, war ein Völkermord. In den letzten zwei Jahren haben soziale Bewegungen auf der ganzen Welt dagegen mobilisiert und organisiert. Wir sahen, wie Studenten Universitätsgelände besetzte und Millionen auf den Straßen waren. Als Hafenarbeiter haben wir natürlich viel mehr Macht, den normalen Geschäftsbetrieb zu stören und den Warenfluss zu unterbrechen. Dadurch verfügen wir einen ungleich stärkeren Hebel, um Druck auf Israel auszuüben. Und auch auf die Staaten, die den Völkermord unterstützen, wie Deutschland, die USA und Italien – die drei größten Waffenexporteure.

RevoLinks: Ging es bei den Streiks um die Verhinderung von Waffenexporten?

Josè: Ja, wir wollten zumindest für einen Tag von unten das durchsetzen, wozu unsere Regierungen nicht bereit sind. Am ging es aber um den gesamten Güterverkehr nach Israel, auch Zement und andere Rohstoffe, die von der israelischen Armee verwendet werden. Auch um Treibstoff, mit dem Jets über Gaza fliegen.

RevoLinks: Wir hat sich die Idee zu einem politischen Streik entwickelt?

Josè: Hafenarbeiter in ganz Europa sind seit langem der Tatsache bewusst, dass zivile Häfen von Staaten und privaten Unternehmen genutzt werden, um militärische Ausrüstung für Kriege auf der ganzen Welt zu verschiffen. Es gab auch Beginn des Gazakriegs an Stimmen gegen den Völkermord und die Komplizenschaft der imperialistischen Staaten. Dann hat sich ein internationales Netzwerk von Hafenarbeitern im Mittelmeerraum gebildet mit dem Ziel, den Transport von Militärcontainern nach Israel zu blockieren. Beteiligt waren Häfen in Marokko, Spanien, Frankreich, Italien, Schweden, Griechenland, Zypern und anderen Ländern – auch außerhalb des Mittelmeerraums.

RevoLinks: Wann kam es zur ersten Aktion?

Josè: Blockadeaktionen gibt es schon seit 2019. Im Juli 2025 gelang es den Hafenarbeitern in Genua, drei Container auf ihrem Weg nach Israel zu blockieren. Sie verhinderten, dass im nahegelegenen Hafen von La Spezia die Container umgeschlagen wurden. Nach einigen Tagen des Chaos beschloss die Reederei, die Container zurück nach Singapur zu schicken, woher sie gekommen waren. Damals gab es Kritik innerhalb der EU am Völkermord in Gaza. Doch die Regierungen der imperialistischen Staaten und der EU schwankten und zögerten. Die Hafenarbeiter haben mit ihrer Aktion, wenn auch nur im kleinen Maßstab, mehr bewirkt als alle Reden der Politiker.

RevoLinks: Was ging dem Streik im September voraus?

Josè: Die Wirtschaft Genuas ist stark vom Hafen abhängig, wo die Arbeiter seit jeher sowohl in Gewerkschaften als auch autonom gut organisiert sind. Die Unione Sindacale di Base (USB), die ich vertrete, ist eine offen politische und internationalistische Gewerkschaft, die Hunderte von Hafenarbeitern in Genua vertritt. Daneben organisieren sich die Hafenarbeiter Genuas in einem „Autonomen Kollektiv der Hafenarbeiter“ (Collettivo Autonomo Lavoratori Portuali, CALP). Nach zwei Jahren voller Proteste, Aktionen und Streiks im Hafen rief die USB am 22. September zu einem landesweiten Streik auf – und lud andere Gewerkschaften zur Teilnahme ein, um gegen den Völkermord in Gaza und gegen die Mitschuld des italienischen Staates unter der Führung der rechtsextremen Ministerpräsidentin Meloni zu protestieren.

RevoLinks: Wir war die Reaktion?

Josè: Obwohl sich die Arbeitnehmer landesweit in großem Umfang an dem Streik und der Mobilisierung beteiligten, schlossen sich nicht alle Gewerkschaften an. In Italien ist es legal, dass Arbeitnehmer aus politischen Gründen streiken – beispielsweise gegen den Völkermord in Gaza – und sie müssen auch nicht Mitglied einer Gewerkschaft sein. Dennoch reagierte eine der größten Gewerkschaften Italiens, die CGIL, unsolidarisch und rief zum 19. September zu einem eigenen Streik auf. Der dauerte dann nur vier Stunden. Dies führte zu Enttäuschung unter den organisierten Arbeitern in der CGIL. Allein an diesen Tagen sind etwa tausend enttäuschte Mitglieder von der CGIL zur USB gewechselt – darunter Hafenarbeiter aus Genua, La Spezia, Livorno, Civitevecchia und mehreren anderen Städten.

RevoLinks: Welche Rolle spielte die Flottille von Thunberg und anderen?

Josè: Bereits die Arbeitskampfaktion im September war auch eine Aktion zur Unterstützung der Flottille in Richtung Gaza. Für die USB war ich mit an Bord. Als die Zionisten unser Boot enterten, riefen wir unsere Genossen an Land erneut zu einem Streik am 3. Oktober auf. Sie hielten sich an das Versprechen, „alles lahmzulegen, sollten sie einen von uns anrühren“. Während des Streiks am 3. Oktober legten 600 Arbeiter im Hafen von Genua die Hafenaktivitäten lahm, und eine nächtliche Demonstration von 50.000 Menschen hinderte ein israelisches Schiff daran, Fracht zu laden. 20.000 Menschen marschierten zum Hafen von Marghera bei Venedig. Waffenlieferungen wurden von Hafenarbeitern und Studenten in Ravenna, Taranto und Livorno blockiert. Beide Streiks zielten darauf ab, Häfen, Bahnhöfe, Straßen, Autobahnen und Flughäfen zu blockieren – und damit deutlich zu machen, wie Italien den Völkermord durch den Austausch von Waren entlang der Transportketten unterstützt.

RevoLinks: Worum ging es im November?

Josè: Während im September und Oktober die unmittelbare Beendung des Krieges und des Völkermords im Mittelpunkt stand, gingen im November die Forderungen in gewisser Weise weiter. Neben der Unterbindung des Exports von Waffen nach Israel ging es nun auch um soziale Forderungen. Der Slogan am 28. November lautete: „Löhne erhöhen, Waffen senken”. Hintergrund ist die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage. Zwischen 2019 und 2024 gingen die Löhne in Italien um 4,4 % zurück. Sie lagen damit unter dem Niveau der Zeit vor COVID. Es sind nach der Tschechischen Republik die niedrigsten in Europa. Zusätzlich zu den niedrigeren Löhnen und steigenden Lebenshaltungskosten erreicht die Armut neue Rekordwerte. Im Jahr 2024 lebten in Italien 5,7 Millionen Menschen in Armut, verteilt auf 2,2 Millionen Kernfamilien – das sind 9,8 % der Bevölkerung. Konkret gelten 19,3 % der Bevölkerung in Süditalien und 17 % der Bevölkerung auf den Inseln als arm.

RevoLinks: Wie hat die italienische Regierung reagiert?

Josè: Arrogant. Die Regierung Meloni hat zunächst das Streikrecht in Frage gestellt. Außerdem die Entscheidung der Gewerkschaften, an einem Freitag zu streiken. Sie bezeichnete dies als bloßen Vorwand, damit die Arbeitnehmer sich mehr Freizeit gönnen. Meloni meinte, „Wochenende und Revolution passen nicht zusammen“.

RevoLinks: Eure Aktion hat auch andere in Europa inspiriert…

Josè: Ja, das stimmt. Die Streiks in Italien haben ähnliche Aktionen in Spanien, Frankreich und Belgien inspiriert. In Deutschland jedoch noch nicht. Ich vermute, die deutschen Gewerkschaften werden erst dann mobilisieren, wenn sie von ihren Mitgliedern ausreichend unter Druck gesetzt werden … In Italien haben die Streiks der Hafenarbeiter, geführt von einer stark politisierten Gewerkschaft, diese effektiv an die Spitze der Bewegung gegen den Völkermord gebracht. Das hilft uns natürlich auch im Kampf um die Verteidigung unserer sozialen Interessen. Der nächste Vollstreik für den Erhalt unserer Lebensstandards ist nur eine Frage der Zeit.

RevoLinks: Lieber Josè, vielen Dank für das Interview und noch viel Erfolg für eure nächsten Arbeitskampfaktionen!

 

*) Josè Nivoi ist Sprecher der  Gewerkschaft Unione Sindacale di Base (USB) und von der Aktionsgruppe Collettivo Autonomo Lavoratori Portuali (CALP)


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