Seitdem der amerikanische Technologiekonzern OpenAI Ende 2022 die Chat-GPT zum ersten Mal öffentlich zugänglich machte, ist „Künstliche Intelligenz“ (KI) überall. Windows-Computer haben jetzt einen „KI-Kopiloten“. Immer mehr Websites, Videos und Internet-Posts sind KI-generiert. Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder sagte letztes Jahr: „Mit KI und den Möglichkeiten wird unser Leben besser. Wir werden Dinge machen können, an die denken wir heute noch gar nicht.“ Was ist da dran? Jannis Wahoff gibt Antworten
„Künstliche Intelligenz“ oder kurz KI wird viel als die Zukunftstechnologie verkauft, die die Arbeitswelt revolutioniert und menschliche Arbeitskraft im breiten Maßstab ersetzen wird. Die Vermögenden wittern ihre Chance: An der Börse schießen die Kurse jener Werte durch die Decke, die mit KI in Verbindung stehen. Tatsächlich ist KI nur eine weitere technologische Innovation, die auf der Ausbeutung vergangener und gegenwärtiger menschlicher Arbeitskraft beruht.
Was ist KI?
Das, was heute als KI verkauft wird, sind „Large Language Models“ – zu deutsch: „Große Sprachmodelle“. Große Sprachmodelle funktionieren wie eine komplexere Variante der Textvorschläge von modernen Smartphones. KI-Anwendungen wie Chat-GPT haben dazu millionenfach digital verfügbare Dokumente durchkämmt – zum Beispiel Websites, Artikel, aber auch eingescannte Bücher oder Internetkommentare – verarbeitet. Auf Grundlage dieser Durchkämmungsaktionen geben sie auf Anfrage die statistisch wahrscheinlichste Antwort auf eine Frage wieder (oder das statistisch wahrscheinlichste Bild, die wahrscheinlichste Tonspur oder Video).
Mit anderen Worten: Chat-GPT des amerikanischen Unternehmens Open AI hat die Daten, die Milliarden von Menschen zuvor in das Netz eingegeben haben, abgeschöpft – da facto geklaut.
So wurde das Urheberrecht erst einmal außer Kraft gesetzt. Während normale Menschen für „illegales“ Herunterladen von Filmen oder anderen urheberrechtlich geschützten Quellen mit strafrechtlicher Verfolgung rechnen müssen, konnten die Technologiekonzerne bislang weitgehend folgenlos das Urheberrecht aller Verlage ignorieren.
Die eigentlichen Prozesse, wie ein Modell zu einer Antwort kommt, können wegen der unglaublichen Datenmengen nicht mehr durchschaut werden. Dennoch ist ein Großes Sprachmodell überhaupt keine Intelligenz wie die von Menschen, oder von Künstlicher Intelligenz in Film und Fernsehen. Im Prinzip könnte alles, was Chat-GPT macht, mit Millionen Rechenknechten und Milliarden Blättern Papier per Hand gerechnet werden.
Ressourcenverbrauch
Die Daten, auf denen die Modelle basieren, sind größtenteils relativ einfach. Es handelt sich um Texte und Bilder – Bücher und Zeitungen, Artikel und Kommentare, aus dem Internet automatisiert abgerufen; oder auch um eingescannte analoge Werke aus Datenbanken, die Konzerne wie Google für genau solche Zwecke in den 2010er Jahren hat erstellen lassen.
Aber damit diese Daten auch zur Erstellung von Großen Sprachmodellen genutzt werden konnten, mussten sie erstmal von Lohnabhängigen eingeordnet sein. Nur deshalb „weiß“ Chat-GPT, was der Unterschied zwischen einem Goethe-Gedicht und einem Hasskommentar ist. Viele tausende Arbeiter überall auf der Welt haben jahrzehntelang diese eintönige Arbeit mit Texten und Bildern gemacht – ihre vergangene, „tote“ Arbeit lässt ChatGPT nun lebend erscheinen, als sei es die intelligente Schöpfung einer Maschine.
Und: KI schöpft nicht nur vergangene Arbeit ab. Versteckt hinter dem schicken Interface von ChatGPT sind zwar keine Schreiberlinge, die einzeln Wortteile per Hand berechnen, aber dennoch Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter, die jeden Tag die physische und digitale Infrastruktur für die Großen Sprachmodelle ausbauen.
KI verbraucht neben der Arbeit von Lohnabhängigen auch natürliche Ressourcen, insbesondere Strom zum Betreiben und Wasser zum Kühlen der Rechenzentren, als auch seltene Erden zur Produktion technisch unerlässlicher, hochmoderner Grafikchips. Allerdings: Auch die Gewinnung dieser Ressourcen repräsentiert am Ende eine ungeheure enorme Menge menschlicher Arbeit – sei es von jenen, die Kraftwerke bauen, installieren, betreiben oder warten, seien es die Bergleute in irgendwelchen Minen.
Von Piraten und Entwicklern
Die Kapitalisten der mächtigen Länder und ihre Regierungen erhoffen sich aus KI den Weg der Krise. Selbst das digital im Vergleich zu den USA und China zurückgebliebene Deutschland baut die Bundesnetzagentur mit Stellen für KI aus. Deshalb wird massiv investiert und alles erlaubt.
Beim Urheberrecht gibt es die skurrile Situation, dass Bücher und Artikel, die für die Entwicklung großer Sprachmodelle eingescannt wurden, aus verbotenen „Schattenbibliotheken“ wie Library Genesis oder Anna’s Archive stammen, die urheberrechtlich geschützte Werke frei zugänglich machen – und daher von Strafverfolgung betroffen sind.
Der Erfolg von KI-Giganten wie OpenAI oder dessen Rivalen Anthropic basiert auf der Arbeit von Internetpiraten wie der Stiftung „Common Crawl Foundation“. Letztere greift kostenlos Daten ab, in dem sie zum Beispiel die Bezahlbarriere von onlinegestützten Zeitungen überwindet, und gibt sie weiter. OpenAI und Anthropic erweisen sich dankbar und haben in den letzten zwei Jahren jeweils 250.000 US-Dollar an „Spenden“ gezahlt.
In vielen Ländern laufen noch Gerichtsprozesse zwischen Tech-Konzernen und Verlagshäusern. In Deutschland hat nun die GEMA, die für Musikschaffende Geld von Medienmachern einkassiert, den ersten Prozess gegen OpenAI gewonnen – ein Rechtstreit, der an den Urheberrechtstreit zwischen der Autorenvertretung VG Wort gegen Google aus dem Jahr 2009 erinnert. Damals gab es eine Vereinbarung, die ein paar Krumen aus dem Internetkuchen für Publizistinnen und Publizisten von wissenschaftlichen Texten abwirft; es ändert nichts daran, dass hier große Kapitalunternehmen entstehen, die sich massenhaft an der vergangenen und gegenwärtigen Arbeit anderer bereichern.
Vom Boom zur Krise
Der Kapitalismus durchläuft seit seinem Bestehen immer wieder Überproduktionskrisen. Rasantes Wachstum führt zu immer fieberhafter Produktion. Neue Produktionsverfahren, effizientere Maschinen helfen bei der Ausbeutung von Arbeit. Die ersten Unternehmen, die sie einführen, machen Extraprofite. Doch irgendwann gibt es mehr Waren, als verkauft werden können.
KI macht da keine Ausnahme. Mit KI sollen Produktionskosten gesenkt und günstiger produziert werden, um Konkurrenz auszustechen und neue Angebote für Kunden zu schaffen. Natürlich ist diese Hoffnung naiv, da viele Unternehmen das gleiche ausprobieren. Deshalb wird versucht, die Entwicklung von KI in konkurrierenden Unternehmen und Ländern auszubremsen.
Die US-Regierung versucht, chinesische Unternehmen zu schwächen, und verhängte Exportverbote von Grafikchips. Das hat nicht funktioniert. In China wurde das Große Sprachmodell „DeepSeek“ entwickelt, das effizienter als ChatGPT ist und überdies als Open-Source-Software frei zugänglich ist. OpenAI ist demgegenüber vollkommen abhängig von der Kooperation mit Microsoft und dessen Systemen.
Es ist auch nicht klar, wie groß die Effizienzgewinne durch Große Sprachmodelle wirklich sein werden. Es gibt die Hoffnung, dass mit KI ganze Industriezweige revolutioniert würden. Viel ist davon noch nicht umgesetzt. KI hat bislang Potenzial vor allem bei Verwaltungsaufgaben: dröges und sich wiederholendes Schreiben, kann ChatGPT vereinfachen und schneller machen. Auch in der Medienproduktion und bei der Erleichterung von Übersetzungen haben Große Sprachmodelle ein gewisses Potential.
Aber das die sogenannte künstliche Intelligenz einen Effekt vergleichbar mit vorherigen Technologiesprüngen haben wird, scheint unwahrscheinlich. Aktuell scheint einer der beliebtesten Anwendungsbereiche für Große Sprachmodelle die Erledigung von Hausaufgaben zu sein: die Nutzerzahlen von ChatGPT explodieren wenn das Schuljahr anfängt – und kollabieren in den Ferien.
Wann platzt die Blase?
Mittlerweile ist auch klar, dass der KI-Hype eine Blase ist, ähnlich wie die „Dotcom-Bubble“ der frühen 2000er Jahre. Damals wurde sehr viel Geld in alle möglichen Website-Ideen gesteckt. So verkaufte die Website pets.com, bei der man Tiernahrung bestellen sollen könnte, Aktien im Wert von 82 Millionen Dollar – ohne ein Logistiksystem oder Lagerhäuser voll Tiernahrung, aber mit der Internetadresse pets.com. Auch die KI-Unternehmen haben heute viele Zeichen einer spekulativen Blase, die ein vielfaches größer als die Dotcom-Bubble sein soll, und aktuellen Berechnungen zufolge viermal so groß wie die Immobilien-Spekulationsblase vor der großen Finanzkrise 2008.
Im Herbst 2025 steht die Bewertung von OpenAI kurz davor, auf 500 Milliarden Dollar zu steigen. Vor wenigen Jahren noch ein „Start-up“, würde es so zum teuersten nicht börsennotierten Unternehmen der Welt.
Doch es zeigen sich deutliche Risse. Die Vorstellung des lang ersehnten Modells GPT-5 enttäuschte. Die enge Partnerschaft mit dem Tech-Giganten Microsoft, einst Katalysator des Aufstiegs von OpenAI, leidet zunehmend unter Zielkonflikten.
Seit 2019 investierte Microsoft mehr als 13 Milliarden US-Dollar in OpenAI, vor allem in Form von Rechenzeit in seinen Azure-Serverzentren. Bis heute wird ChatGPT exklusiv auf Azure-Hardware betrieben, Microsoft baut OpenAIs Modelle in immer mehr Produkte ein. Doch während OpenAI aufgrund vertraglicher Vereinbarungen seine Modelle nicht über andere Cloud-Anbieter vertreiben darf, kann Microsoft problemlos Modelle verschiedener Anbieter in sein Ökosystem integrieren.
Letztlich seien die Modelle, die im Hintergrund der Betriebssysteme werkelten, austauschbar, so Ray Smith, „Leiter KI-Agenten“ bei Microsoft gegenüber dem „Handelsblatt“. Dies führt dazu, dass der Markt für KI-Angebote immer größer und unübersichtlicher wird. Damit wird der Kostendruck steigen, während die Investitionen, zum Beispiel in immer neue Rechenzentren, weiter immens hoch sind.
Tatsache ist: Laut OpenAI hat ChatGPT mehr als 700 Millionen aktive Nutzer pro Woche, doch bislang war das Programm ChatGPT nie profitabel. Rund 75% nutzen das Angebot, ohne zu zahlen. Die verbliebenen Premium-Nutzer nutzen es so reichlich, dass der Betrieb teurer ist, als das Abo einspielt. Für 2024 verbuchte OpenAI laut eigenen Berechnungen einen Verlust in Höhe von etwa fünf Milliarden Dollar – bei einem Umsatz von lediglich 3,7 Milliarden Dollar.
KI hat somit das Zeug, eine gigantische Spekulationsblase zu erzeugen. Solche Blasen sind das logische Produkt des Kapitalismus: Profite steigen, doch die notwendigen Investitionen steigen mehr. Folge: die Profitraten fallen tendenziell. Anders ausgedrückt: Kapitalisten haben Unmengen an Geld, wofür sie aber nicht ausreichend profitable Anlagemöglichkeiten finden.
In KI wird, wie in viele Zukunftstechnologien, alle Hoffnung hineinprojiziert, dass es dieses Mal anders sein könnte und man am Beginn eines langanhaltenden Booms stehen würde. Doch Blasen haben die Eigenschaft, dass sie am Ende platzen, wenn sie zu stark aufgebläht werden.
Das heißt nicht, das Große Sprachmodelle keine nützliche Technologie sein können. Ungeachtet der Dotcom-Spekulationsblase in den 2000er Jahren ist das Internet heute extrem wichtig. Selbst Technologien wie die Eisenbahn wurden zuerst in Spekulationsblasen überbewertet. Aber das Aufbauen von „Überinvestitionen“ in neue Technologien ist ein Teil des Kapitalismus, die sich immer wiederholt und am Ende zyklisch Krisen hervorruft – in denen es die Lohnabhängigen sind, die dafür zahlen sollen.
Widerstand von Unten
Die Einführung von KI soll Arbeitskraft ersetzen. Das erzeugt Widerstand. So zum Beispiel bei der Kurzvideo-Plattform TikTok. Der Konzern hat am Standort in Berlin die dort ansässigen Teams für die Moderation von Beiträgen, Kommunikation mit Nutzern und Kontrolle der Bewertung von „viralen“, also besonders populären Inhalten durch KI ersetzt. Automatisierte Systeme (und günstige Dienstleister im Ausland) sollen die Arbeit der „Content-Moderation“, die Inhalte auf TikTok prüfen, und ein Teil der sogenannten Live-Abteilung, die im Kontakt mit Content-Produzentinnen und – Produzenten stehen.

Dagegen traten die Beschäftigten in Berlin im Juli an zwei Tagen in den Streik – laut Dienstleistungsgewerkschaft Verdi der erste Arbeitskampf dieser Art bei einer Social-Media-Plattform in Deutschland. Sie kämpfen gegen ihre Kündigung – der Konflikt geht aktuell weiter.
Ähnlich ist es in Hollywood. In immer mehr Filmproduktionen der amerikanischen „Traumfabrik“ kamen in den letzten 10 Jahren Computereffekte vor. Ein Grund dafür: die Computeranimateure haben keine starke gewerkschaftliche Organisierung – anders als fast alle anderen Berufsgruppen in Hollywood. Mit KI würden die Studios gerne die Gewerkschaften schwächen, um so am Ende weniger zahlen zu müssen und die Profite zu steigern.
So wäre es technisch möglich, das Aussehen berühmter wie unbekannter Schauspieler basierend auf Material aus alten Filmen auf Doubles zu „projizieren“. Auch Stimmen könnten einfach digital nachgeahmt werden. Das wäre der erste Schritt für die Studios, die mächtige Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA zu besiegen, und gleichzeitig weiter Filme mit den bekannten Gesichtern von Starschauspielern zu machen.
Das bleibt jetzt wohl ein Traum von Filmchefs: Nach vier Monaten Schauspielerstreik haben die Hollywood-Studios 2023 einem Tarifvertrag zugestimmt, bei dem Schauspieler immer der Nutzung von Kopien ihrer Stimmen und ihres digitalen Ebenbildes zustimmen müssen. Einen ähnlichen Tarifabschluss gab es auch in Deutschland zwischen einem deutschen Industrieverband und den Gewerkschaften ver.di und BFFS.
Kein Naturgesetz
Kapitalisten und Regierungen stellen die Einführung neuer Technologien wie Große Sprachmodelle als eine Art Naturgesetz dar. Sie kommen unaufhaltsam, und damit müssen wir uns alle abfinden. Die Gewerkschaften aus der Filmindustrie zeigen: das muss nicht stimmen.
Wenn wir kollektiv organisiert sind, können wir uns wehren und mitbestimmen, wo und wie die neue Technologie eingeführt wird. Sie haben auch gezeigt, dass die vermeintlich Künstliche Intelligenz gar nicht, wie zuweilen behauptet, menschliche Arbeit überflüssig macht: denn dann würde ja auch kein Streik dagegen funktionieren.
Allerdings: Am Ende bleibt die Technologie, und damit unser aller Leben, unsere Zukunft in der Hand weniger Kapitalisten. Sie konnten entscheiden, dass in den letzten zwanzig Jahren unglaubliche Mengen an Arbeitskraft und Rohstoffen in die Entwicklung dieser Technologien geflossen sind. Jetzt wollen sie von ihren Investitionen profitieren, und alle Industrien damit revolutionieren. Sie wollen Große Sprachmodelle nach Maßgabe von Einsparmöglichkeiten anwenden.
Statt der Elon Musks und Bill Gates‘ sollten wir alle, als lohnabhängig Beschäftige in den Betrieben, kollektiv darüber die Entscheidungen treffen. Dass die KI unser Leben besser macht, wie Markus Söder behauptet, müssen wir erst noch erkämpfen!
Schlagwörter: KI, Lohnarbeit, Microsoft, Streik
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