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Wie die Nazis früher erfolgreich gestoppt wurden

Faschismus & Antifaschismus / 24. November 2025

In Umfragen steht die AfD bundesweit gleichauf mit der CDU/CSU. In Sachsen-Anhalt sogar bei 40 Prozent. Angesichts dieser Werte rufen manche verzweifelt nach dem Staat, er möge die AfD verbieten. Das ist eine Sackgasse, die in die Passivität führt. Der einzige Weg gegen die AfD bietet die massenhafte und entschlossene Mobilisierung von unten. Tatsächlich wurden im Nachkriegsdeutschland mehrere Versuche der Nazis gestoppt, sich neu aufzubauen. Davon gilt es heute zu lernen. In der Woche vor der Schlacht gegen die Neugründung des AfD-Jugendverbandes in Gießen dokumentieren wir mehrere dieser Positivbeispiele.

Von Karl Naujoks

Erfolgreiche antifaschistische Kämpfe, Teil 1:

1968 und der Kampf gegen die NPD

Die Nationaldemokratische Partei Deutschland (NPD) ist eine gescheiterte Nazipartei. Heute heißt sie Die Heimat und fristet ein Dasein am Rande der Wahrnehmung. Sie gilt als Nachfolgeorganisation der NSDAP Adolf Hitlers und ist daher völlig diskreditiert.

Doch das war nicht immer so. Bis ins Jahr 1968 schien die NPD unaufhaltsam aufzusteigen, ähnlich wie die AfD heute. Zwei Jahre nach ihrer Gründung im Jahr 1964 erzielte sie bei den Kommunalwahlen in Hameln einen Durchbruch mit 8,4 Prozent. Danach eilte sie auch bei Landtagswahlen von Erfolg zu Erfolg. 1968 war sie bereits in sieben von elf Bundesländern vertreten. Im April 1968 gewann sie 9,8 Prozent in Baden-Württemberg. Der bayerische Landesverband allein hatte 5000 Mitglieder.

Nachfolgepartei der NSDAP verharmlost

Im ersten Bundesvorstand waren 14 alte Nazis aus Hitlers NSDAP. Doch wie die AfD heute, legte die NPD viel Wert darauf, ihren wahren, faschistischen Charakter hinter der Maske der Respektabilität zu verbergen. Ihr erster Vorsitzender Fritz Thielen war direkt nach dem Krieg in die CDU eingetreten und wechselte 1959 in die Deutsche Partei (DP). Die CDU ging in einigen Bundesländern mit der DP Koalitionsregierungen ein, bevor diese sich 1965 in die NPD auflöste.

Thielen allerdings verließ mit seinem rechtskonservativen Anhang die NPD 1967 wieder, nachdem unter Adolf von Thaddens Führung immer mehr ehemalige Nazis in die Partei strömten und den Apparat praktisch übernahmen. Das änderte nichts daran, dass die bürgerlichen Medien und Parteien die NPD konsequent verharmlosten.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung beruhigte nach den ersten Erfolgen bei den Landtagswahlen 1966: »Dass es einen Rest gibt, der lange nicht hat gären können, dass er irgendwann auftauchen würde, sollte niemand den Atem verschlagen. Es ist ein Rest und kein Anfang.«

Als dieser vermeintliche Rest dann immer mehr Erfolge erzielte und neue Anhänger gewann, wurde der Charakter der NPD relativiert. Die Zeit schrieb 1968: »Wer Auschwitz verschleiert, Militärgerichte verlangt, für die Todesstrafe eintritt, ist noch kein Spätfaschist. … Jene, die Nationaldemokraten sind oder Nationaldemokraten wählen, können nicht länger als Neo-Nazis verketzert werden.«

CDU blinkt nach rechts

Die CDU ging in Niedersachsen und Baden-Württemberg bei Kommunalwahlen mit der NPD sogar zahlreiche Listenvereinbarungen ein. Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU) erklärte, bei der NPD handele es sich um ehrbare Leute, die einfach nur Ordnung schaffen wollten.

Und die SPD? Sie ging zur Taktik des „Totschweigens“ über. Einige Stimmen aus dem Umfeld der Gewerkschaften forderten das Verbot der NPD. Beide Taktiken führten die eigenen Mitglieder in die Passivität gegenüber der wachsenden Gefahr von rechts.

Diese wuchs noch, als die SPD 1966 als Juniorpartner in eine Große Koalition mit der CDU/CSU einstieg. Plötzlich stand die NPD als einzig ‚wirkliche Opposition‘ dar – der Einzug in den Bundestag bei den 1969 bevorstehenden Wahlen schien nur noch eine Formsache zu sein.

Globale Revolte entflammt Antifaschismus

Doch es kam etwas dazwischen: die weltweite Rebellion im Jahr 1968. Auch in Westdeutschland begehrte Massen, insbesondere junge Menschen auf.

Am Anfang stand der Protest gegen den Vietnamkrieg der USA. Aber dabei blieb es nicht. Es entwickelte sich eine antifaschistische Massenbewegung, die die NPD als Nachfolgepartei der NSDAP attackierte, wo immer sie auftrat. Als die NPD ihre Anhänger in die Bonner Beethovenhalle lud, wurde Thaddens Rede mit ironischen »Sieg-Heil«-Rufen der Antifaschistinnen und Antifaschisten übertönt.

Und es blieb nicht bei Worten und Parolen. Volkhard Mosler beschrieb die Stimmung damals so: „In Niedersachsen bewarfen NPD-Gegner deren Bundesvorsitzenden Adolf von Thadden mit Eiern, Tomaten, Gummibällen und Apfelstummeln und störten praktisch alle Veranstaltungen.“

Obgleich die Partei in Niedersachen noch im Vorjahr mit 7 Prozent in den Landtag gezogen war, reichte dieser Druck aus, um den NPD-Vorstand zum Rückzug zu bewegen. Nach Thaddens Fiasko-Auftritt in Niedersachsen reagierte er mit der Absage aller öffentlichen Großveranstaltungen. Die jungen NPD-Aktivisten verstanden das als Kapitulation und machten Druck dagegen.

Vorstand schwankt, Basis schlägt

Der NPD-Parteivorstand schwankte und willigte wieder in die Durchführung von Wahlkampfveranstaltungen ein. Doch dies mobilisierte nur noch mehr Widerstand. Die NPD begann, ihre ›Ordnertrupps‹ einzusetzen und produzierte dadurch jene Bilder, die das Schlägergesicht der Partei offenlegten.

Mosler erinnert sich: »Die behelmten Knüppelgarden in weißen Hemden prägten zunehmend das öffentliche Bild der NPD-Auftritte. Die Ordner-Dienste gerieten mitunter auch in Konflikt mit der Polizei. Übergriffe und Überreaktionen dieser SA-ähnlichen Trupps waren auf der Tagesordnung. So zum Beispiel, als im Frühjahr 1969 die NPD in Frankfurt zu einer Versammlung im Kantate-Saal aufgerufen hatte. Um Störer und Gegendemonstranten vor der Tür abzufangen, traten die Saalschützer schon außerhalb der Gebäude in Aktion und knüppelten auf alle ein, die auch nur verdächtig waren, Antifaschisten zu sein. Es gab zahlreiche Verletzte, die Bilder gingen durch die nationale und internationale Presse.«

Die demokratische Fassade der NPD bröckelte zunehmend, und zugleich beendete die SPD ihr Schweigen. Der Widerstand gewann so über studentische Milieus hinaus an Breite. Folge: in der zweiten Jahreshälfte 1968 sanken die Zustimmungswerte für die NPD. Im September 1969 erhielt sie nur noch 4,3 % bei den Bundestagswahlen.

Niedergang

Mit dem Scheitern des schon sicher geglaubten Einzugs in den Bundestag setzte der Niedergang der Partei ein. Der NPD-Bundesparteitag in Saarbrücken konnte nicht wie geplant Ende 1969 durchgeführt werden, der Gegendruck war zu stark. Der „Führer“ Von Thadden sah zunehmend schwach aus und konnte die Partei nicht mehr zusammenhalten. Von den 28.000 Mitgliedern im Jahr 1969 blieben zehn Jahre später nur noch rund 8.000 übrig.

Die linkssozialdemokratische Zeitschrift Express international zog 1969 ein Fazit, das noch heute sehr lehrreich ist:

»Die Niederlage der NPD ist nicht etwa auf die Stillhaltepolitik der CDU oder das Rechtsüberholen der CSU zurückzuführen, sondern auf die kämpferische Auseinandersetzung der militanten Linken mit den Neonazis, denn diese Herausforderung hat die NPD gezwungen, ihr eigentliches Schlägergesicht zu zeigen.«

Es war diese Militanz, aber zugleich auch die massenhafte, breite Mobilisierung, die den Vormarsch der NPD gestoppt hat. Es war dieser Druck, der dazu führte, dass die Übergänge zwischen rechtskonservativ und faschistisch scharf hervortraten. Denn nur noch überzeugte Nazis blieben unter diesem Druck bei der NPD, während Mitläufer und andere schwankende Elemente das Weite suchten.

***

Doch die NPD war damit nicht endgültig geschlagen. In der nächsten Folge beschreiben wir, wie ihre Versuche, in den 70er Jahren in Frankfurt am Main zurückzukommen, am Widerstand des Bündnisses „Rock gegen Rechts“ scheiterten.

 

 

 


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