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Hunger als Waffe: Israels ›Killing Zone‹ in Gaza

Palästina & Israel / 7. August 2025

Die Netanjahu-Regierung verfolgt den Plan, einen möglichst großen Teil der palästinensischen Bevölkerung aus dem Gazastreifen loszuwerden mit barbarischer Logik. Nun hat sie beschlossen, den ganzen Gazastreifen militärisch zu erobern – gegen erheblichen Widerstand aus dem Umfeld des israelischen Militärs und Geheimdienste. Das Aushungern der Bevölkerung ist dabei eine Waffe, um die Ziele Israels durchzusetzen, analysiert Reuven Neumann.

Der Gazastreifen gleicht mittlerweile einer schier endlos grauen Trümmerwüste aus zerstörten Gebäuden. Israel schneidet seit Monaten mit vollem Kalkül über zwei Millionen Bewohnerinnen und Bewohner vom Zugang zu Lebensmitteln und ärztlicher Versorgung ab.

Die täglichen Angriffe der israelischen Armee fordern jeden Tag neue Opfer und scheinen willkürlich. Doch sie sind verbunden mit einem Ziel: Die palästinensische Bevölkerung wird durch immer neue Evakuierungsbefehle zum ständigen Umherziehen durch die Trümmerwüste gezwungen. Ziel ist es, große Teile dieser Bevölkerung irgendwie loszuwerden: durch Flucht oder Tod. Dann kann Trumps Idee umgesetzt werden und der Gazastreifen kommerziell durch israelische und amerikanische Geschäftsinteressen erschlossen werden.

Bilanz des Grauens

Seit Oktober 2023 sind im Gazastreifen mindestens 60 000 Menschen durch israelische Angriffe getötet und mehr als 143 000 Menschen verletzt worden. Viele nicht geborgene Opfer werden unter den Trümmern vermutet.

Von Beginn an war die Zerstörung der Versorgung der Zivilbevölkerung ein Ziel der israelischen Politik. Begonnen hatte dies mit den Angriffen auf die UNRWA (United Nations Relief and Work Agency for Palestine), die seit 1949 die Hilfe für palästinensische Geflüchtete organisiert.

Aufgrund der israelischen Blockade und Zerstörungen gibt es so gut wie keine Gesundheitsversorgung mehr. Es existiert kein Krankenhaus mehr und von den 36 medizinischen Einrichtungen sind lediglich noch 17 teilweise in Betrieb. Aktuell ist jedes dritte Kind in Gaza unterernährt. Der Leiter des UN-Koordinierungsbüros für humanitäre Hilfe in den besetzten Gebieten Jonathan Whittall formulierte es so: »Es sind Bedingungen, die geschaffen wurden, um zu töten.«

Humanitäre Hilfe als Waffe für die Vertreibung

Mit der Gaza Humanitarian Foundation (GHF) gründeten Israel und die USA schließlich eine eigene private Hilfsorganisation, die anstelle der Vereinten Nationen die Versorgung der Menschen in Gaza übernehmen soll. Klar ist, dass sie ausschließlich von Israel und den USA finanziert wird. Ansonsten ist die GHF dubios: Sie verfügt über eine Postkastenadresse in der Schweiz, ohne dass sie dort über ein Konto oder über Angestellte verfügen würde.

Die GHF ist Teil der israelischen Kriegsführung. Ihr offenkundiges Ziel ist es, die Bevölkerung in den Süden von Gaza zu locken und so die Vertreibung der Palästinenser zu begünstigen.

So gab es zuvor im Gazastreifen 400 Verteilpunkte für Nahrung. Die GHF unterhält nur noch vier, davon drei im äußersten Südwesten des Gazastreifens direkt an der Grenze zu Ägypten.

Die Verteilstellen wurden dort errichtet, wo die ansässige Bevölkerung zuvor vertrieben wurde und wo das israelische Militär die vollständige Kontrolle übernommen hat. Sie sind mit Stacheldraht und Wachtürmen umgeben und verfügen nur über einen kontrollierten Zugang für die Menschen.

Schießbefehl auf Hungernde

Aitor Zabalgogeazkoa, ein Koordinator von Ärzte ohne Grenzen, beschreibt die Situation an den Verteilstellen wie folgt: »Wenn die Menschen zu früh zu den Checkpoints kommen werden sie erschossen. Wenn sie pünktlich kommen, aber es gibt einen zu hohen Andrang und Menschen überqueren die Zäune, dann werden sie erschossen. Kommen sie zu spät, sollten sie nicht dort sein, denn es ist eine evakuierte Zone.«

Israel beabsichtigt im Süden Gazas auf den Ruinen der Stadt Rafah ein riesiges Internierungslager für 600 000 Menschen zu schaffen. Es soll die zynische Bezeichnung »humanitäre Stadt« tragen. Die Palästinenser würden nach einer umfassenden Sicherheitskontrolle Zugang erhalten und dürfen das Lager dann nicht wieder verlassen.

Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz äußerte, dass in diesen Einrichtungen letztlich sogar die gesamte Bevölkerung Gazas untergebracht werden kann, um so, fügte er hinzu, »den Auswanderungsplan umzusetzen«.

Kritik an der israelischen Blockadepolitik

Im Juli veröffentlichte die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem einen umfassenden Bericht über die Lage im Gazastreifen. Auf dem Titelbild prangen nur zwei Worte: »Unser Völkermord«.

Angesichts dieser Lage und den Bildern von ausgemergelten, hungernden Menschen nimmt der internationale Druck zu. Der französische Präsident Macron kündigte an, Frankreich wolle nun Palästina als eigenständigen Staat anerkennen. Die britische Regierung erwägt denselben Schritt, sofern Israel das Leid in Gaza nicht beenden würde. Im Großen und Ganzen sind dies symbolische Akte, die nichts an der Lage ändern werden – und überdies reichlich spät kommen.

Die deutsche Bundesregierung hingegen tat bislang alles, um jegliche Verurteilung der Netanjahu-Regierung zu blockieren. Gemeinsam mit der jordanischen Regierung ließ sie Lebensmittel aus der Luft abwerfen. Ralf Südhoff, Direktor des Centre for Humanitarian Action und ehemaliger Mitarbeiter bei der WHO, schätzt diese ›Luftbrücke‹ als »sinnlos« ein. Sie »schädige«, da die eigentlich wirksamere Hilfe über das Land erfolge könne, diese werde aber eben durch die israelische Regierung verweigert.

Abwägung der Interessen

Die Regierungen Frankreichs, Großbritannien und Deutschland haben allesamt den israelischen Krieg in Gaza, ebenso wie die israelischen Angriffe gegen den Iran, gegen Syrien oder Libanon unterstützt. Nachdem immer offensichtlicher wird, dass das Ziel des Krieges in Gaza auf Massenvertreibung und Massenmord an der wehrlosen Zivilbevölkerung hinausläuft, versuchen die Regierungen sich irgendwie aus der Mitverantwortung zu ziehen.

Die Bundesregierung ist dabei am langsamsten, weil sie anders als die Regierungen in Paris und London am engsten mit der israelischen Seite militärisch kooperiert. Sie wägt derzeit ab, ob die offene Unterstützung Israels angesichts der Hunger- und Vertreibungspolitik den sonstigen Einfluss im Nahen und Mittleren Osten nicht über alle Gebühr schwächt.

Israel dagegen sieht die historische Gelegenheit gekommen, die Pläne einer „ethnischen Säuberung“ des Gazastreifens umzusetzen, und kündigte bei der Gelegenheit auch gleich die Annektion des Westjordanlandes an. Nachdem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, macht ein zweites, großes Vertreibungsunterfangen auch nichts aus.

Hunger als Waffe im Krieg gegen die Bevölkerung

Die Netanjahu-Regierung kann sich dabei der Rückendeckung durch die USA sicher sein. Es war US-Präsident Trump, der im März 2025 die Wiederaufnahme des Kriegs durch Israel auslöste, als er beim Besuch Netanjahus in Washington die Aussiedlung die Palästinenser nach Jordanien und Ägypten empfahl, um aus dem Gebiet eine „Riviera“ des Nahen Ostens zu machen.

Ermutigt befahl Netanjahu dann den erneuten Einmarsch in den Gazastreifen und die immer weitere Zusammenpferchung der Bevölkerung auf ein immer kleineres Gebiet. Heute stehen 88 Prozent der Fläche des Gazastreifens entweder unter direkter militärischer Kontrolle oder unterliegen einem Evakuierungsbefehl.

Die Verknappung von Lebensmitteln und Wasser in Gaza ist daher kein zufälliges Nebenprodukt des israelischen Krieges, sondern vielmehr Teil einer bewussten Politik. Durch Elend und Hunger sollen die Palästinenser aus Gaza getrieben werden.

Dies fügt sich in die Geschichte seit der Staatsgründung Israels ein. Bereits der Teilungsplan vom November 1947, mit dem die Vereinten Nationen die Bildung von zwei Staaten vorsahen, beruhte auf der durch Terror, Gewalt und Angst erzeugten Flucht von Hunderttausenden. In Gaza findet das heute seine Fortsetzung.


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